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SARCATOR – The Ones we follow (2026)

(10.521) Olaf (9,7/10) Blackened Country & Western Thrash Metal


Label: Reigning Phoenix Music
VÖ: 30.10.2026
Stil: Blackened Country & Western Thrash Metal





Ein Banjo auf einer SARCATOR-Platte hatte ich nun wirklich nicht auf meinem persönlichen Weltuntergangszettel. Die 2018 im schwedischen Trollhättan gegründete Mannschaft gehörte schließlich zu jenem hoffnungsvollen Nachwuchs, der dem angeschwärzten Thrash Metal mit jugendlicher Unverschämtheit die Gelenke nachschmierte. Auf das selbstbetitelte Debüt von 2020 folgten das deutlich verschlungenere Alkahest und zuletzt Swarming Angels & Flies. Eine Entwicklung war also durchaus vorhanden. Was die immer noch blutjungen Schweden auf The Ones We Follow veranstalten, sprengt allerdings jede vernünftige Erwartungshaltung. Mit den Vorgängern scheint diese Platte auf den ersten Blick tatsächlich nur noch den Bandnamen gemeinsam zu haben. Ich bin darüber ausgesprochen glücklich.

Denn während sich manche Altvorderen ihre angebliche Neuerfindung bei jeder Veröffentlichung erneut bescheinigen lassen, legen SARCATOR hier ein Album hin, das mein Verständnis von Heavy Metal gehörig durcheinanderwirbelt. Man stelle sich den erdigen Hüftschwung von AC/DC, die finstere Verwahrlosung von DARKTHRONE, die Angriffslust von KREATOR, die staubige Lässigkeit von D:A:D und einen Schuss VOIVOD vor. Dazu kommen Country und Western, Gothic, räudiger Garage Rock und besagtes Banjo. Schon beim Aufschreiben dieser Zutatenliste müsste eigentlich jemand vom musikalischen Gesundheitsamt klingeln. Tatsächlich wächst daraus eine der aufregendsten und eigenständigsten Metalplatten der letzten Jahre. So klingt musikalischer Größenwahn, wenn jemand die passenden Songs dazu hat.

Genau dort liegt das Geheimnis dieses herrlich unberechenbaren Unternehmens. SARCATOR besitzen ein verblüffendes Gespür dafür, welche Idee ein Stück weiterbringt und wann ein Richtungswechsel seinen Reiz entfaltet. Die Einflüsse greifen ineinander, die Melodien bleiben hängen, und selbst die abseitigeren Einfälle haben innerhalb der Kompositionen ihren selbstverständlichen Platz. Das Banjo darf hier ganz ungeniert zur musikalischen Alltagssprache gehören. Ebenso die Western-Anleihen, deren Weite und unterschwellige Bedrohung hervorragend mit der düsteren Herkunft der Band harmonieren. Bei aller Abenteuerlust behalten die Schweden den Spannungsbogen fest im Griff. Zehn Stücke, rund fünfzig Minuten und erstaunlich wenige Gelegenheiten, zwischendurch gedanklich den Einkaufszettel zu sortieren.

Der kompakte Titeltrack steckt das Gelände mit einer unmittelbaren, punkigen Energie ab, die wunderbar zu seiner textlichen Aufbruchsstimmung passt. „The ones we follow will not take us back!“ lässt sich dabei durchaus als Ansage an jene verstehen, die diese Band gern auf ihrem bisherigen Platz festnageln würden. Wer loszieht, muss damit rechnen, dass die alte Heimat irgendwann die Tür verriegelt. SARCATOR scheinen den Schlüssel ohnehin schon weggeworfen zu haben. Die finstere Straßenromantik von The Underground Streets erweitert dieses Bild um eine ausgesprochen reizvolle Gothic-Atmosphäre. Zwischen Unterwelt, Blut und schwindendem Licht entwickelt sich eine Anziehungskraft, die dem Album eine ganz andere Form von Dunkelheit erschließt.

Besonders beeindruckt mich, wie selbstverständlich diese Musiker mit Eingängigkeit umgehen. In Search of Oblivion gönnt sich die großen Gesten einer Powerballade, trägt dabei aber genügend Schatten mit sich herum, um auch bei weit geöffneten Armen gefährlich zu bleiben. Sehnsucht, Selbstbehauptung und der Wunsch, die eigene Vergangenheit niederzubrennen, geben der Nummer ihr emotionales Gewicht. Dazu passt Mateo Tervonens Stimme, deren raue Herkunft den melodischeren Ausrichtungen eine eigentümliche Spannung verleiht. Wenn Wasteland Strider schließlich mit klarem Gesang weiteres Terrain erschließt, bekommt die Beschäftigung mit Einsamkeit und innerer Orientierungslosigkeit eine zusätzliche Dimension. Solche Momente zeigen eindrucksvoll, wie viel Ausdruck in dieser Band steckt, sobald sie sich sämtliche Möglichkeiten zugesteht.

Auch die Texte lohnen einen genaueren Blick. Durch diese Welt ziehen verlassene Gestalten, brüchige Glaubensvorstellungen und Menschen, die ihre Freiheit teuer bezahlen. Die Western-Bilder reichen dabei weit über dekorative Kakteen am Verstärkerrand hinaus. In Bleeding Ages rinnt das Erbetene wie Wüstensand durch gefaltete Hände; das vermeintliche Versprechen von Erlösung verliert buchstäblich seine Substanz. Gleichzeitig steckt in „I'm so blessed to be damned“ eine ausgesprochen lustvolle Annahme der eigenen Verdammnis. Zwischen religiöser Enttäuschung, Aufbegehren und sehr irdischen Begierden entsteht ein herrlich widerspenstiges Selbstverständnis. Die wiederkehrenden Straßen, endlosen Ebenen und Galgen ergeben eine gemeinsame Bilderwelt, in der Aufbruch stets auch Verlust bedeuten kann. Ein sauber durchgezähltes Konzeptalbum braucht es dafür erfreulicherweise gar nicht.

Wie eng diese Motive mit der musikalischen Haltung zusammenhängen, zeigt auch Volatile Insight. „For the loss of an idol is a loss of a kingdom“ bringt den Zusammenbruch vertrauter Gewissheiten auf einen bemerkenswert griffigen Nenner. Das lässt sich auf persönliche Glaubenssätze ebenso beziehen wie auf musikalische Vorbilder, deren vermeintlich unumstößliche Regeln plötzlich ihre Autorität verlieren. Für mich steckt darin ein wesentlicher Teil der Faszination dieser Platte: SARCATOR wissen offensichtlich sehr genau, woher sie kommen, und nehmen sich mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit die Freiheit, daraus etwas Eigenes zu bauen. Bei solchen Nachwuchskräften darf der besorgte Metal-Onkel seine Untergangsprognose vorerst wieder einpacken.

Die Produktion von Marko Tervonen gibt diesem wilden Treiben den passenden Körper. Der Sound besitzt Druck, organische Wucht und genügend Raum für die unterschiedlichen Stimmungen. Die Gitarren können zupacken und Atmosphäre schaffen, die Rhythmusarbeit hält das weit aufgefächerte Material zusammen, und die extremen Gesangswurzeln bewahren auch den zugänglicheren Passagen ihren Biss. Besonders wohltuend finde ich, dass die vielen Einflüsse in einem gemeinsamen Klangbild zusammenfinden. So bekommt der ausgedehnte Abschluss Wanderlust ausreichend Luft, um den unstillbaren Drang nach draußen noch einmal einzufangen. Der Titel passt vortrefflich zu einem Album, dessen Neugier auch nach dem letzten Stück längst nicht erschöpft scheint.

Ich halte The Ones We Follow für einen jener seltenen Glücksfälle, bei denen Begeisterung und Entdeckerfreude über die gesamte Spielzeit zusammenkommen. SARCATOR schaffen etwas, das mich nach all den Jahren zwischen Plattenregal und Festivalacker wieder ausgesprochen hibbelig macht: Ich möchte anderen Menschen diese Musik vorspielen und ihre Gesichter dabei beobachten. Für mich wird Heavy Metal hier tatsächlich neu erfunden, mit einer verblüffenden Mischung aus Instinkt, Können und jugendlichem Übermut. Sollten diese Schweden irgendwann aus Versehen vernünftig werden, möge bitte umgehend jemand die zuständige Betreuungsperson verständigen.

ANSPIELTIPPS:
🔥Bleeding Ages
💀Wasteland Strider
🎸Wanderlust


Bewertung: 9,7 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. The Ones we follow
02. The Underground Streets
03. You gotta possess me
04. In Search of Obliveon
05. Rotting Chapels
06. Bleeding Ages
07. Volatile Insight
08. Ain’t fit to live
09. Wasteland Strider
10. Wanderlust 



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