WOLFBRIGADE – Howl from Underground (2026)
(10.508) Olaf (10/10) Crust
Label: Metal Blade
VÖ: 09.10.2026
Stil: Crust
Morgengrauen im Hinterhof, kalter Rauch im Treppenhaus und eine umgekippte Mülltonne, deren Inhalt sich langsam mit dem Nieselregen anfreundet. Genau hier gehört „Howl from Underground“ hin. Ich habe bei dieser Platte jedenfalls sofort das Bedürfnis, die Lautstärke auf einen Wert zu drehen, bei dem der Hausfrieden seine Sachen packt. WOLFBRIGADE liefern den passenden Anlass gleich mit: Ihr schwedischer Lycanthro Punk hat nach über drei Jahrzehnten noch immer diesen hungrigen Blick, bei dem man instinktiv überprüft, ob die Hintertür abgeschlossen ist. Altersmilde scheint im Proberaum dieser Herren jedenfalls konsequent Hausverbot zu haben.
Die Wurzeln reichen zurück zu WOLFPACK, unter deren Namen zwischen 1996 und 1999 die ersten drei Langspieler erschienen. Schon damals wurde jene Verbindung aus schwedischem Hardcore, metallischer Schwere und dunkler Melodik geschmiedet, die bis heute das Rückgrat der Band bildet. Auf das 2024er Album „Life Knife Death“ folgte im vergangenen Jahr die Live-Veröffentlichung „Kill to Live“. Offenbar hatte sich dabei derart viel neue Energie angestaut, dass eine anschließende Verschnaufpause schlicht Verschwendung gewesen wäre. Also zurück an die Instrumente. Das Ergebnis trägt jetzt den Namen „Howl from Underground“ und dürfte selbst tragende Wände dazu bringen, vorsorglich einen Statiker anzurufen.
Durchweg gibt es auf die Fresse. Der D-Beat treibt, die Gitarren reißen offene Schneisen, und über allem hängt dieser herrlich räudige Rock’n’Roll-Geist, den MOTÖRHEAD einst mit ölverschmierten Fingern in die Welt gesetzt haben. Dazu kommen die ungeduldige Angriffslust des Punk und eine metallische Wucht, die jeden höflichen Abstand sofort beseitigt. Micke Dahl bellt, röhrt und schleudert seine Stimme mitten in dieses Getümmel. Seine Stimme besitzt genau jene raue Autorität, die man braucht, damit die Wut auch beim Gegenüber ankommt. Schon „Caveman Motherfuck“ steckt das Revier ab. Anschließend kreist der imaginäre Pit während der gesamten Spieldauer, und ich möchte mich spätestens nach wenigen Minuten mit meinem eigenen Schatten prügeln. Was für ein totaler Abriss.
Dabei ist diese Scheibe auch noch verdammt geil produziert. Für die Aufnahmen holten WOLFBRIGADE nach Jahren weitgehender Eigenregie Lawrence Mackrory hinzu und gingen ins Necromorbus Studio, eine umgebaute Baptistenkirche. Der Laden dürfte schon einiges gehört haben; diese musikalische Entweihung passt jedenfalls bestens ins Gemäuer. Entscheidend war, die fünf Musiker als gemeinsam arbeitende Band einzufangen, einschließlich jener Reibung und Spannung, die entsteht, wenn alle im selben Moment nach vorne wollen. Das hört man dieser Platte förmlich an: Sie drückt geschlossen, massiv und mit einer herrlich körperlichen Präsenz. Die Gitarren besitzen Biss und Gewicht, der Bass liefert den nötigen Unterbau, und das Schlagzeug trifft mit einer Entschlossenheit, die jede Diskussion beendet. Permanent gibt es den Baseballschläger aufs Oberstübchen, und der Sound lässt einen jede einzelne Holzfaser spüren.
Zur besonderen Schlagkraft gehört auch die Rückkehr von David „Dadde“ Stark, der bereits von 2002 bis 2015 hinter den Kesseln saß. Mit ihm hat das Rudel einen alten Komplizen wieder, dessen Verständnis für diese Musik offenbar tief in den Knochen steckt. Sein Spiel hält den Druck hoch und gibt den Riffs genau den Schub, den sie brauchen. Überhaupt greifen Erik Norberg und Jocke Rydbjer an den Gitarren, Johan Erkenvåg am Bass und die Rhythmusmaschine derart ineinander, dass diese Aggression eine erstaunliche Geschlossenheit entwickelt. Jeder weiß, wohin der nächste Schlag gehört.
Und trotz dieses permanenten Angriffs bleibt erstaunlich viel hängen. WOLFBRIGADE beherrschen die Kunst, Melodien so tief in ihre Riffs einzuarbeiten, dass sie einen noch verfolgen, wenn das letzte Becken längst verklungen ist. „When Dogs Cry“ trägt eine düstere, beinahe gotische Schwermut in sich, die den ganzen Zorn zusätzlich auflädt. Bei „Cold War Bootlicker“ sorgen die atmosphärischen Gitarrenfiguren für eine unangenehm lauernde Spannung, während „Seeking Scapegoats“ mit länger stehenden Akkorden und seinem beharrlichen Vorwärtsdrang eine andere Form von Nachdruck entwickelt. Das erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten innerhalb dieses eng gesteckten Reviers erheblich. Hier hat selbst die Melodie Dreck unter den Nägeln. Gerade diese Verbindung aus Wiedererkennungswert, finsterem Gefühl und unmittelbarer Gewalt macht die Songs so stark. Die treffen sofort und bleiben anschließend im Schädel wohnen.
Auch der gedankliche Untergrund besitzt Substanz. Das begleitende Manifest „Notes on Failed Domestication“ beschreibt eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern das wilde Heulen abgewöhnt und angepasstes Winseln belohnt. Kontrolle, Gehorsam und die allmähliche Betäubung durch Bildschirme und Parolen bilden die Kulisse. Dagegen setzen WOLFBRIGADE ihren Wolf als Sinnbild einer unbezähmbaren Kraft. Darin steckt ein ziemlich klarer Schulterschluss mit Außenseitern, Punks und all jenen, denen die zugedachte Rolle längst zu eng geworden ist. Diese Haltung gibt der musikalischen Raserei eine Richtung. Hinter dem Gebrüll sitzt Frust mit offenen Augen, und genau deshalb wirkt das Ganze so unmittelbar. Man bekommt hier die aufgestaute Wut einer Band ab, die sehr genau weiß, weshalb sie die Zähne zeigt.
Für mich liegt mit „Howl from Underground“ tatsächlich das perfekte Crust-Album auf dem Tisch. Zwölf Songs, die ihre Energie auf den Punkt bringen, mit zwingenden Riffs, finsteren Melodien und einer Produktion, die diese ungeheure Angriffslust mit voller Wucht transportiert. Mehr Aggressivität geht für mein Empfinden kaum, zumal die Schweden ihre Songs dabei jederzeit fest im Griff behalten. Diese Platte macht mich herrlich unvernünftig: eben noch gemütlich am Schreibtisch, plötzlich gedanklich bis zu den Knöcheln im Bier eines verschwitzten Kellerclubs.
WOLFBRIGADE haben hier sämtliche Voraussetzungen für einen Klassiker zusammengetragen und anschließend offenbar beschlossen, das Inventar gleich mit zu zerlegen. Nach dem letzten Ton sitze ich da, grinse ziemlich dämlich und drücke wieder auf Start. Der innere Hausmeister hat längst gekündigt. Seine Schlüssel liegen irgendwo unter den Trümmern.

