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CAMPA – Architecture of Decay (2026)

(10.506) Olaf (8,5/10) Thrash Metal


Label: Witches Brew
VÖ: 16.10.2026
Stil: Thrash Metal






Die 2024er EP „To the Grave“ hatte mir seinerzeit genau den richtigen Dreck um die Ohren gehauen. Entsprechend neugierig war ich, was meine Berliner Landsleute CAMPA auf Albumlänge daraus machen würden. Schließlich trennt einen gelungenen ersten Überfall und einen tragfähigen Langspieler manchmal mehr als eine zusätzliche Handvoll Songs. Seit ihrem Bühnendebüt im Oktober 2023 haben die Jungs allerdings ordentlich Kilometer gesammelt, mit DESTRUCTION, NERVOSA und EVILE die Bretter geteilt und ihren Aktionsradius bis nach Slowenien zum Tolminator ausgedehnt. Der heimische Proberaum dürfte inzwischen eher Zwischenstation als dauerhafter Aufenthaltsort sein. Mit „Architecture of Decay“ liegt nun das erste vollständige Abrissgutachten vor.

Dabei fällt ziemlich schnell auf, dass CAMPA ihre Möglichkeiten inzwischen erheblich genauer ausloten. Die Gitarrenarbeit von Marian und Dome besitzt Biss, technische Finesse und genügend Wendigkeit, um sich jederzeit aus einer vermeintlich berechenbaren Situation herauszuwinden. Gerade wenn man glaubt, den weiteren Verlauf bequem mit dem Nacken vorhersagen zu können, biegt die Mannschaft noch einmal ab. Die Riffs greifen ineinander, werden rhythmisch verschoben oder von einem Break zerlegt, bevor sich der nächste Anlauf zusammenbraut. Diese Lust am Haken schlagen bekommt den Songs ausgesprochen gut, weil bei aller spielerischen Beweglichkeit immer noch ordentlich Druck auf dem Kessel bleibt.

Langeweile ist hier jedenfalls ein Fremdwort. Mal wird beherzt nach vorne geprügelt, dann schleppt sich das Ganze mit entsprechendem Gewicht durch die nächste Passage, ehe wieder jemand das Gaspedal im Bodenblech versenkt. Leider gehören auch Blastbeats zum angebotenen Verkehrsmittelpark. Die haben in meiner persönlichen Thrash-Welt weiterhin keinen festen Stellplatz, und daran ändern selbst die ausgesprochen fähigen Herren von CAMPA nichts. Mir geben die rhythmischen Finten und die wuchtigen Temporeduzierungen deutlich mehr. Allerdings wäre es reichlich albern, den Berlinern ausgerechnet bei diesem ansonsten so beweglichen Material mangelnden Abwechslungsreichtum vorzuwerfen. Die wissen schon ziemlich genau, wann sie einem den Boden unter den Füßen wegziehen.

Beim Klang bleibt für mich dennoch ein kleiner Wunsch offen. Mir fehlt stellenweise ein wenig die Räudigkeit der Debüt-EP, dieses Gefühl, dass einem beim Hören gleich noch ein Stück Proberaumputz auf die Schulter fällt. „Architecture of Decay“ klingt sauberer, kontrollierter und insgesamt aufgeräumter. Das ist ausdrücklich keine verklausulierte Abwertung der Arbeit von Tom Tschernig, der bereits den Vorgänger betreut hatte und auch hier im LTMF Studio verantwortlich war. Gerade zur technischen Ausrichtung und zur Virtuosität der Musiker passt diese Produktion hervorragend. Man bekommt die Einzelheiten der Arrangements mit und kann nachvollziehen, wie geschickt die Zahnräder ineinandergreifen. Mein innerer Dreckspatz hätte lediglich an ein paar Stellen gern wieder etwas mehr Staub geschluckt.

Zumal der Drumsound schlicht killer ist. Zaskes Schlagzeug kommt mit einer Präsenz und Durchsetzungskraft aus den Boxen, die dem Material enorm hilft. Da wird Druck gemacht, ohne die Feinheiten unter einem undifferenzierten Dauerfeuer zu begraben. Gerade bei den zahlreichen Übergängen zahlt sich das aus: Die rhythmische Arbeit trägt einen erheblichen Teil der Spannung und verdient entsprechend Aufmerksamkeit. Wer hier ausschließlich auf die Gitarren starrt, verpasst eine Menge.

Eine weitere Stärke sitzt direkt vor dem Mikrofon. Buda Peste bringt die nötige Aggression mit, phrasiert dabei aber so griffig und verständlich, dass die Texte tatsächlich beim Hörer ankommen. Das mag selbstverständlich klingen, ist es in dieser musikalischen Gewichtsklasse leider längst nicht immer. Bei ihm muss ich mir die Wörter jedenfalls nicht erst aus einem Knäuel verschluckter Silben herausoperieren. Seine Stimme transportiert Wut, ohne sämtliche Konturen einzuebnen. Dadurch bekommen auch die Inhalte mehr Gewicht, und genau davon profitiert ein Stück wie „U8 Life“ ganz besonders.

Die U8 – wer sie nicht kennt, hat nichts verpasst. Die wohl räudigste U-Bahn-Linie Berlins liefert Anschauungsmaterial, für das andere Bands erst aufwendig eine dystopische Zukunft erfinden müssten. Buda verarbeitet hier seine Erlebnisse und macht aus dem alltäglichen Elend unter der Stadt einen bemerkenswert eigenständigen Songstoff. Hinter den „Zombies of the underground“ stehen Sucht, Betäubung und Menschen, deren Leben sich um die nächste Dosis dreht. Auch der portugiesische Textabschnitt greift dieses Bild verlorener Existenzen auf. Das ist bedrückender als die nächste routiniert beschworene Monsterparade, weil der Horror einen konkreten Ort besitzt. Für mich gehört das Stück gerade deshalb zu den Höhepunkten: spannend, unangenehm nah und erfreulich unverbraucht. Berliner Lokalkolorit bekommt hier jedenfalls eine Bedeutung, die in keiner Ferienwohnungsanzeige auftauchen dürfte.

Auch darüber hinaus lohnt sich das Zuhören. „Fueled by Hate“ beschäftigt sich mit einer Wut, die aus Angst, Scham und Selbstverachtung wächst und schließlich andere zum Ziel erklärt. Der Hass erscheint dabei als etwas, das seinen Träger allmählich selbst auffrisst. „Egomania“ richtet den Blick auf gesellschaftliche Polarisierung, selbst errichtete Wahrheiten und die Weigerung, Zwischentöne überhaupt noch zuzulassen. „Black and white, never grey“ fasst diesen gedanklichen Tunnel knapp zusammen. Dazu passt „Apocalypse“, dessen Weltuntergang aus verlorener Menschlichkeit und technologischer Entfremdung entsteht. Der Albumtitel lässt sich vor diesem Hintergrund durchaus als Klammer verstehen: Der Verfall beginnt im eigenen Kopf und findet außerhalb davon reichlich Baumaterial.

CAMPA gelingt damit ein ausgesprochen starkes Debütalbum, das spielerischen Ehrgeiz, Wut und eigenständige Beobachtungen überzeugend zusammenbringt. Meine Vorliebe für etwas mehr Schmutz und meine anhaltende Distanz zu den Blastbeats bleiben bestehen; beides kann die Freude an dieser lebendigen, ideenreichen Platte aber nur geringfügig bremsen. Dieser Abriss hat einen Bauplan und erfreulich wenig Interesse an der Hausordnung. Wenn die Berliner dieses Niveau halten, dürfte die nächste Baustelle ziemlich groß werden. Einen Bagger brauchen sie dafür vermutlich nicht mehr.

ANSPIELTIPPS:
🔥Egomania
🚇U8 Life
💀Fueled by Hate


Bewertung: 8,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. I see red
02. Paranoid Episode
03. Egomania
04. Fueled by Hate
05. U8 Life
06. Architecture of Decay
07. Hell
08. Apocalypse
09. Destruction of a Person
10. Self-Inflicted 



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