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TFTHS Classic vom 01.03.2024 mit F.K.Ü.

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Q&A – Das Interview: FINSTERFORST

Die Natur hat uns im Griff, nicht andersrum


Seit mehr als zwei Jahrzehnten zieht es FINSTERFORST beharrlich dorthin, wo musikalische Wanderkarten enden und handelsübliche Genreschubladen im Unterholz verloren gehen. Auf Still, dem ersten vollständigen Studioalbum seit sieben Jahren, verbinden die Freiburger erneut brachiale Wucht, melancholische Weite, akustische Momente und monumentale Arrangements zu ihrem unverwechselbaren Black Forest Metal. Rund 78 Minuten lang wird gestürmt, geträumt, gelitten und gelegentlich ein kompletter Wald entwurzelt.

Wir sprachen mit Frontmann Olli über die lange Entstehungszeit, 24-minütige Songs, emotionale Abgründe, die Rückkehr von Johannes Joseph, ein überraschend verändertes Bandlogo und zwei Coverversionen, von denen er eine offenbar selbst nicht sonderlich mag.

Schön, dass du dir die Zeit für uns nimmst – wie geht es dir, und wie groß ist die Anspannung wenige Tage vor der Veröffentlichung von Still?

Oje, das sind ja gleich ganz viele Fragen auf einmal (lacht). Mir geht es gut, und morgen früh fahre ich nach Wacken – könnte also durchaus schlimmer sein. Insofern hält sich die Anspannung vor dem Release momentan tatsächlich in Grenzen.

Viel stärker beschäftigt mich gerade unser Auftritt am Samstagabend in Wacken. Mal schauen, was uns dort erwartet. Wenn es richtig voll wird, könnten wir wahrscheinlich einen neuen Zuschauerrekord aufstellen. Unabhängig davon ist es natürlich schon ein gewaltiges Highlight, überhaupt einmal dort spielen zu dürfen. Für uns ist es schließlich erst das zweite Mal in all den Jahren.

Der Release selbst plätschert gefühlt eher gemütlich vor sich hin. Es ist ja nicht so, dass wir eine große Release-Show veranstaltet hätten. Dafür gab es letzten Monat in Freiburg einen Pre-Release-Gig, und der war wirklich cool und hat großen Spaß gemacht. Am eigentlichen Veröffentlichungstermin sind wir dann eben in Wacken – es gibt sicherlich schlechtere Orte, um ein neues Album in die Freiheit zu entlassen.

Auch der ganze etwas merkwürdige Promo-Zirkus ist mittlerweile beinahe vollständig abgeschlossen. Gestern Abend gab es – wie hieß es noch gleich? – jedenfalls einen Stream, bei dem man sich das komplette neue Album anhören konnte, allerdings noch ohne die beiden Coversongs. Heute Abend folgt das Ganze dann noch einmal inklusive der beiden Coverversionen.

Damit ist eigentlich fast alles erledigt, was rund um die Veröffentlichung zu tun war. Jetzt bleibt uns nur noch abzuwarten, wie das Album aufgenommen wird und was daraus entsteht.

Sieben Jahre liegen zwischen Zerfall und Still, auch wenn ihr uns 2023 mit Jenseits einen knapp 40-minütigen musikalischen Monolithen vor die Füße geworfen habt. Warum hat das neue vollständige Studioalbum so lange auf sich warten lassen?

Das hat ganz viele Gründe. Ich weiß nicht, ob du dich noch an diese Corona-Scheiße erinnern kannst – besonders hilfreich war die jedenfalls nicht. Unser Proberaum befand sich damals im Keller einer Grundschule, und da durften wir schlichtweg nicht hinein. Ohne Proben wird es für eine Band naturgemäß schwierig, und Auftritte gab es ebenfalls keine. Für 2020 waren eigentlich zwei Tourneen geplant, die beide nicht zustande kamen. Supersache! Also hatte ich gleich zweimal Urlaub und durfte ihn auf dem heimischen Balkon verbringen, weil man ja auch sonst kaum irgendwohin konnte. Kurzum: Die gesamte Situation war unserer Kreativität und Arbeitsgeschwindigkeit nicht unbedingt zuträglich.

In der Zwischenzeit sind außerdem einige von uns Väter geworden. Ich war 2019 der Erste, und jetzt, wo Hannes wieder dabei ist, haben wir, glaube ich, fünf Papas in der Band. Das ging dann doch relativ schnell. Offenbar war allen langweilig: Wenn man nicht raus darf, macht man eben Kinder (Gelächter).

Dementsprechend wurde natürlich vieles ein wenig komplizierter. Mittlerweile sind wir zudem beruflich alle mehr oder weniger stark eingespannt, was früher auch noch nicht bei jedem der Fall war. Unter solchen Voraussetzungen braucht man zwangsläufig etwas länger, um etwas Neues auf die Beine zu stellen.

Und natürlich war auch die Arbeit an dieser Platte ziemlich anstrengend. Schließlich steckt eine ganze Menge darin.

Gab es einen bestimmten Moment, in dem ihr wusstet: Jetzt ist Still nicht nur eine lose Sammlung neuer Ideen, sondern tatsächlich ein fertiges Album mit einer eigenen Identität?

Das war eigentlich von Anfang an so geplant. Es stand fest: Wir schreiben jetzt ein Album. Bei uns läuft es traditionell so ab, dass Simon zunächst sämtliche Stücke komponiert. Irgendwann schickt er dann diese Guitar-Pro-Dateien mit ihrem wunderschönen 8-Bit-Sound herum, und der Rest von uns darf versuchen, sich vorzustellen, wie das Ganze am Ende tatsächlich klingen könnte.

Nach inzwischen 16 Jahren in diesem Verein funktioniert das erstaunlicherweise sogar bei mir ganz gut. Ich kann mir mittlerweile ungefähr ausmalen, was aus diesem digitalen Gepiepse einmal werden soll und wie die Songs später in ihrer vollständigen Form klingen werden.

Anschließend sprechen wir darüber, was noch hinzukommen könnte. Simon liefert schließlich nicht immer sofort das komplett ausformulierte Gesamtpaket, sondern hat zunächst einzelne Ideen für Synthesizer, Orchesterarrangements und weitere Elemente. Vieles davon entwickelt sich erst nach und nach im Laufe der Zeit. Natürlich stellt sich irgendwann auch die Frage, wohin die Reise textlich gehen soll. In dieser Hinsicht waren wir zunächst noch relativ frei.

Trotzdem war uns schon früh bewusst, dass dieses Album vom gesamten Vibe her anders werden würde als alles, was wir zuvor gemacht hatten. Ich würde sagen, es ist insgesamt ein wenig direkter geworden.

Der Titel Still klingt zunächst nach Ruhe, Schweigen und Bewegungslosigkeit, während die Musik regelmäßig ganze Baumreihen entwurzelt. Was bedeutet dieser Titel für dich, und wie viel Mehrdeutigkeit steckt darin?

Der Begriff zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Songs – allerdings nicht ausschließlich im Sinne von Ruhe oder Stille. Für mich besitzt Still noch eine weitere Dimension. Wenn man beispielsweise an den Pazifischen Ozean denkt, der schließlich auch als Stiller Ozean bezeichnet wird, entsteht sofort dieses Gefühl von unermesslicher Größe und Weite.

Wir waren eine ganze Weile auf der Suche nach einem passenden Albumtitel. Zwischenzeitlich standen auch Leer oder Leere zur Diskussion. Letztlich wirkte Still jedoch gerade wegen des Widerspruchs zur Musik wesentlich stimmiger und treffender. Die Entscheidung haben wir übrigens gemeinsam getroffen – ganz klassisch und demokratisch.

Nach der vierteiligen, fast 40-minütigen Reise von Jenseits wirken die meisten Stücke auf Still beinahe kompakt – zumindest nach euren etwas speziellen Maßstäben. Wolltet ihr diesmal bewusst direkter komponieren, oder haben die einzelnen Themen einfach weniger Quadratkilometer benötigt?

Eine grundlegende Idee bestand tatsächlich darin, wieder etwas livetauglichere Stücke zu schreiben. Von Jenseits spielen wir auf der Bühne beispielsweise die ersten beiden Kapitel beziehungsweise Tracks – wie auch immer man sie nennen möchte. Kapitel drei und vier lassen sich hingegen kaum vernünftig live umsetzen.

Beim dritten Teil passiert dafür schlichtweg zu wenig. Würden wir den auf einer Bühne spielen, gäbe es für das Publikum nicht besonders viel zu erleben. Der vierte Teil ist dagegen wieder so umfangreich, dass er live nur schwer unterzubringen ist. Deshalb war uns von Anfang an klar, dass wir dieses Mal Musik schreiben wollten, die auf der Bühne unmittelbarer funktioniert und dort auch ordentlich reinhaut.

Ich bin zwar nach wie vor davon überzeugt, dass eine Show, bei der wir ausschließlich unsere über zwanzig Minuten langen Stücke spielen, durchaus funktionieren könnte. Auf einem Festival sieht die Sache allerdings etwas anders aus. Dort kennt schließlich nicht jeder unseren kompletten Backkatalog auswendig. Einige sehen uns vielleicht zum ersten Mal oder haben zuvor noch nie von uns gehört. In einer solchen Situation braucht es eben auch Songs, die schneller zünden und dem Publikum unmittelbar einen kleinen Tritt in die Magengrube verpassen.

Da sind Stücke mit einer Spielzeit von sechs oder sieben Minuten vermutlich etwas weniger anstrengend als ein ausladender musikalischer Koloss jenseits der Zwanzig-Minuten-Marke. Diese kompaktere und direktere Ausrichtung war also durchaus beabsichtigt. Gleichzeitig stand aber ebenso fest, dass sich auch wieder einige andere, etwas ausuferndere Stücke auf dem Album befinden würden.

Mit Obduktion beginnt das Album ausgesprochen düster und vielschichtig. Was wird in diesem Stück sinnbildlich seziert – ein einzelner Mensch, eine Beziehung, unsere Gesellschaft oder gleich die gesamte Spezies?

Die gesamte Spezies ist es nicht. Aber du weißt ja, dass ich als Sozialarbeiter mit wohnungslosen Menschen arbeite. In Obduktion wird gewissermaßen das Schicksal eines einzelnen Menschen seziert – und über diesen Menschen zugleich der Umgang unserer Gesellschaft mit jenen, die dringend Hilfe benötigen.

Den Text habe ich geschrieben, nachdem jemand, den ich über viele Jahre begleitet hatte, bei einem wirklich grausamen Unfall ums Leben gekommen ist. In welchem Zustand er sich zu diesem Zeitpunkt befand, weiß niemand so genau. Er war auf ein Baugerüst geklettert – vermutlich, weil er einfach einen trockenen Schlafplatz gesucht hatte – und ist dort hinuntergestürzt. Er war gerade einmal etwas über 30 Jahre alt.

Sein Tod hat mich wirklich bewegt, und mit dem Text versuche ich, das Erlebte zumindest ein Stück weit für mich aufzuarbeiten. Bei ihm waren viele Drogen im Spiel, hinzu kamen massive psychische Probleme. Über all die Zeit blieb vor allem dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Man wollte ihm helfen, doch auf vieles konnte er sich nicht einlassen. Und wenn es ihm ausnahmsweise doch gelang, spielten die äußeren Umstände häufig nicht mit.

Das war eine ausgesprochen beschissene Situation – mit diesem ebenso beschissenen wie endgültigen Ausgang. Natürlich steckt darin auch eine deutliche Anklage an unsere Gesellschaft. Ich finde, dass wir mit den Menschen, die dringend Hilfe benötigen, diese aber aus eigener Kraft nicht annehmen oder organisieren können, alles andere als gut umgehen. Viel zu häufig schauen wir lieber weg und hoffen insgeheim, dass uns selbst niemals ein ähnliches Schicksal ereilt.

Wenn man sich die Entwicklung betrachtet, werden es vermutlich eher mehr als weniger Menschen, die auf diese Weise durch sämtliche gesellschaftlichen Raster fallen. Genau darin liegt die Grundidee des Textes. Und letztlich passte diese Thematik auch sehr gut zur Musik.

Sind die Texte für dich manchmal eine Art Ersatz für den Gang zum Psychiater – also eine Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten und aus dem Kopf zu bekommen?

Normalerweise nicht. In diesem konkreten Fall allerdings ganz eindeutig. Dieser Text musste einfach irgendwo heraus. Immer nur mit denselben Kollegen darüber zu sprechen und gemeinsam zu beklagen, wie schlecht die Welt ist, macht die Situation schließlich auch nicht besser. Ein Song besitzt darüber hinaus vielleicht zumindest eine gewisse Außenwirkung und trägt das Thema zu Menschen, die sich bislang nicht damit beschäftigt haben.

Natürlich greife ich beim Schreiben grundsätzlich Themen auf, die mich persönlich bewegen und beschäftigen. Normalerweise macht mir das Texten aber auch Spaß. Bei diesem Stück war das anders: Es hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht, sondern war tatsächlich schmerzhaft. So etwas erlebe ich beim Schreiben sonst nicht.

Herbstwanderung hat mich mit seiner Mischung aus Wucht, Eingängigkeit und Gänsehaut sofort erwischt; stellenweise musste ich sogar an eine deutlich härtere Variante von RAMMSTEIN denken. War euch schon beim Schreiben klar, dass sich ausgerechnet dieser Song so hartnäckig im Kopf festsetzen würde, und verzeihst du mir den Vergleich, wenn ich zum klärenden Waldspaziergang ein Käsebrot mitbringe?

Du hattest die Sache mit dem Käsebrot bereits in deinem Review erwähnt. Darüber musste ich lachen, weil ich sehr, sehr viel aus der Reihe Der kleine Drache Kokosnuss vorlesen musste – und Oskar, der Fressdrache, bekanntlich am liebsten Käsebrote futtert. Wenn du also Oskar der Fressdrache sein möchtest, ist das für mich völlig in Ordnung.

Ob von Anfang an klar war, dass dieser Song besonders gut funktionieren würde? Nicht unbedingt. Während des Schreibens hatte ich tatsächlich eher gedacht, dass Knienieder so ein Ding werden könnte. Zu diesem Zeitpunkt ist man allerdings noch nicht im Studio und weiß weder, wer am Ende welchen Part singt, noch wie das fertige Stück tatsächlich klingen wird. Gerade diese Dinge entscheiden natürlich ganz maßgeblich darüber, welche Wirkung ein Song später entfaltet.

Als das Ding schließlich im Kasten war, wurde mir allerdings sofort klar: Der marschiert! Was war noch einmal die andere Frage?

Ob Du mir den Rammstein Vergleich verzeihst…

Simon ist ein großer Fan von Rammstein und Lindemann, und das würde er selbst vermutlich auch niemals abstreiten. Solange das Stück nicht wie eine bloße Rammstein-Kopie klingt, kann ich mit diesem Vergleich ausgesprochen gut leben.

Es ist ja nun auch nicht so, als hätten Rammstein in den vergangenen 35 Jahren ausschließlich Scheißmusik abgeliefert – völlig unabhängig davon, wie man ansonsten zu dieser Band stehen mag. Es gibt schließlich Gründe dafür, dass sie heute dort stehen, wo sie stehen. Insofern haben uns andere Vergleiche schon wesentlich härter getroffen. Wir wurden definitiv schon schlimmer beleidigt (lacht).

Zwischen Titeln wie Im Wind, Stille Nacht, Fels und Leere entsteht ein starkes Zusammenspiel aus Naturbildern und inneren Zuständen. Warum eignet sich die Natur für dich so gut, um sehr persönliche oder gesellschaftliche Themen auszudrücken?

Das ist eine gute Frage…

Ach, waren die anderen etwa scheiße? (Gelächter)

(lacht) Nein, die anderen waren ebenfalls gut. Aber bei dieser Frage muss ich tatsächlich erst einmal ein wenig nachdenken. Vollständig beantworten kann ich sie vermutlich gar nicht.

Wir leben mittlerweile in einer Zeit, in der wir sehr deutlich zu spüren bekommen, dass der Klimawandel real ist – ganz egal, wie hartnäckig manche Menschen versuchen, ihn zu leugnen. Unter der Hitze ächzen wir gerade alle, und auch die Dürre bekommen wir unmittelbar mit. Bei uns ist es zum Glück noch nicht ganz so schlimm, doch wenn wir nach Frankreich oder Spanien schauen, kämpfen die Menschen dort bereits mit ganz anderen Problemen.

Da hilft es auch nicht, irgendeine Bild-Schlagzeile aus dem Jahr 1975 hervorzukramen, in der für den nächsten Tag 40 Grad angekündigt wurden. Ja, damals war es eben einen Tag lang so heiß – und nicht zehn Tage am Stück.

Die Natur ist eine ungeheuer mächtige Kraft. Ganz gleich, für wie unbesiegbar und großartig wir Menschen uns halten: Die Natur hat uns im Griff und nicht umgekehrt. Sie lässt uns seit langer Zeit mit erstaunlich vielem gewähren, doch irgendwann bekommen wir die Konsequenzen unseres Handelns zurück. Es wirkt, als näherten wir uns diesem Punkt inzwischen mit großen Schritten.

Gerade deshalb eignet sich die Natur so gut, um gesellschaftliche Themen sichtbar zu machen. Sie ist letztlich die übergeordnete Macht. Für andere Menschen übernimmt diese Rolle vielleicht irgendein Gott, doch der spielt in meinem Leben keine sonderlich große Rolle. Ich empfinde stattdessen sehr viel Ehrfurcht und Respekt vor der Natur.

Nehmen wir beispielsweise Im Wind: Dort wird die Natur beinahe zu einem eigenständigen Charakter. Sie zerstört dieses Schiff und droht anschließend sinngemäß: Den Rest hole ich mir ebenfalls noch. Das bringt für mich eine ungeheure Wucht zum Ausdruck. Natürlich hätte ich mir auch irgendeinen Typen ausdenken können, der auf einem anderen Schiff sitzt und alles mit Kanonen zerballert. Das hätte aber vermutlich nicht dieselbe Wirkung entfaltet. Einen solchen Gegner könnte man vielleicht besiegen – die Natur hingegen nicht. Am Ende gewinnt sie immer.

Der Text zu Fels stammt als einziger nicht von dir, sondern von Vera Käflein. Wie kam es dazu, und welche neue Perspektive hat sie in das Album eingebracht?

Zu dieser Frage kann ich tatsächlich nur sehr wenig sagen. Vera ist Simons Frau, und er hatte ganz am Anfang lediglich angekündigt, noch irgendetwas Akustisches machen zu wollen, bei dem er selbst singt. Danach bekamen wir das Stück zunächst überhaupt nicht zu hören. Erst ganz am Ende, während des Mixes, tauchte es plötzlich wieder auf. Wenn du Genaueres über den Text erfahren möchtest, müsstest du eigentlich Simon und Vera fragen. Die beiden habe ich heute allerdings leider nicht mitgebracht.

Auf dem Album finde ich das Stück aber ausgesprochen passend. Es bildet einen wunderbaren Bruch und wirkt kurz vor dem großen Finale wie eine dringend benötigte Verschnaufpause. Im Grunde erfüllt es für mich einen ähnlichen Zweck wie die Interludes auf Rastlos. Gleichzeitig verleiht es dem Album für Simon noch einmal eine sehr persönliche Note.

Mit Leere steht erneut ein fast 24-minütiger Koloss im Zentrum der Platte. Gibt es eine inhaltliche oder emotionale Verbindung zu Jenseits, und woran merkt ihr beim Komponieren, dass eine Idee tatsächlich 24 Minuten benötigt und nicht bloß vergessen hat, rechtzeitig zum Ende zu kommen?

Den eigentlichen Songwriting-Prozess kann dir im Detail immer nur Simon erklären. Wenn er darüber spricht, beschreibt er es ungefähr so: Irgendwann merkt er, dass einem Stück noch etwas fehlt. Bei Leere muss man außerdem berücksichtigen, dass der Song, glaube ich, als Erster für dieses Album entstanden ist.

Bei Zerfall war Ecce Homo das letzte Stück, das Simon geschrieben hatte. Danach folgte Jenseits und anschließend Leere. Soweit ich weiß, waren das die drei Finsterforst-Kompositionen, die unmittelbar hintereinander entstanden sind. Vielleicht musste er sich nach Jenseits auch erst einmal wieder ein wenig herunterpendeln.

Simon gelangte während des Schreibens offenbar an einen Punkt, an dem er den Song hätte beenden können, aber spürte: Da fehlt noch etwas. Also dreht er eben eine weitere Schleife und führt das Stück noch ein Stück weiter.

Inhaltlich knüpft Leere auf jeden Fall an Jenseits an. Bereits Jenseits besitzt eine große soziologische Komponente und übt massive Kritik an der Art und Weise, wie wir heutzutage leben. Im Grunde macht Leere etwas ganz Ähnliches: Man lässt sich in der Öffentlichkeit feiern, kehrt anschließend nach Hause zurück und ist dort doch nur eine arme kleine Wurst. Vereinfacht gesagt betreibe ich mit dem Text also Social-Media-Kritik.

Natürlich sind wir selbst alle auf Instagram, Facebook und den üblichen Plattformen unterwegs. Die jüngere Generation nutzt heute allerdings vor allem TikTok – und darauf komme ich überhaupt nicht klar. Das ist wirklich so gar nicht mein Medium. Manchmal schaue ich jüngeren Kolleginnen und Kollegen kurz über die Schulter und denke mir einfach nur: Warum? Dort stellen alle ihr Leben permanent als unglaublich aufregend, erfolgreich und großartig dar. Wenn man diese Menschen dann tatsächlich kennenlernt, sieht die Realität häufig ganz anders aus. Als Musiker erlebt man das immer wieder: Man begegnet Leuten persönlich, die man zuvor ausschließlich aus dem Internet kannte, und stellt plötzlich fest, dass auch sie nur mit Wasser kochen, ihre Probleme haben und in stillen Momenten Gedanken mit sich herumtragen, die keineswegs immer wundervoll und rosarot sind.

Warum spielen wir uns also gegenseitig vor, dass bei uns alles perfekt sei? Und vor allem: Was richten wir damit bei uns selbst und bei anderen an? Ich möchte heute jedenfalls nicht als Jugendlicher aufwachsen und überall nur vorgeführt bekommen, wie fantastisch die Welt angeblich ist und wie beneidenswert das Leben sämtlicher anderer Menschen aussieht. Wie soll man da mit 16 Jahren mithalten? Man hat doch überhaupt keine Chance.

Ich glaube tatsächlich, dass wir uns auf diese Weise viele gesellschaftliche Probleme selbst erschaffen. Gleichzeitig lenken wir uns mit dieser permanenten Selbstdarstellung auch noch von den wirklich relevanten gesellschaftlichen Problemen ab.

Dein Gesang wirkt auf Still variabler denn je und reicht von wütender Härte bis zu sehr offenen klaren Passagen. Musstest du dir diese verletzlichere Seite erst erarbeiten, oder fühlst du dich mit klarem Gesang inzwischen ebenso sicher wie mit den harschen Vocals? Du bist ja nicht leicht zufriedenzustellen, wie ich weiß…

Mit Jenseits bin ich tatsächlich noch immer zufrieden – was mich selbst ein wenig schockiert, nachdem inzwischen doch einiges an Zeit den Jordan hinuntergegangen ist. Auch dieses Mal gibt es eigentlich nur eine einzige Stelle, bei der ich heute sagen würde: Die hätte ich anders gemacht. Und eine einzige Stelle ist im Grunde gar nichts.

Ich glaube, dabei spielen mehrere Dinge eine Rolle. Im Studio tue ich mich grundsätzlich schwerer als auf der Bühne. Live passiert etwas eben so, wie es passiert. Danach kann man nichts mehr reparieren. Im Studio besitzt man hingegen immer die Möglichkeit, noch einen Take aufzunehmen – und dann noch einen und noch einen. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Aufnahmen dadurch meistens gar nicht mehr besser werden. Spätestens beim dritten Take hat man normalerweise bereits die Variante im Kasten, die später auf dem Album landet. Von diesem Moment an ist zu viel Kopf im Spiel und man beginnt, über jede Kleinigkeit nachzudenken.

Dass dieses Mal auch eine verletzlichere Seite zu hören ist, liegt sicherlich daran, dass die Texte eine solche Herangehensweise stärker zulassen. Ganz entscheidend ist aber auch die Erfahrung, die man über die Jahre sammelt. Man verliert allmählich die Scheu und weiß inzwischen besser, wie man eine Studiosession angehen muss.

Früher brauchte ich im Studio ziemlich lange, um wirklich hineinzukommen. Dieses Mal bin ich hingefahren und wusste sofort: Wir rotzen jetzt erst einmal Immortal runter. Bei dem Song muss ich nicht groß nachdenken. Den scheiße ich einfach ins Mikrofon, und dann ist gut. Ich glaube, nach ungefähr einer Stunde waren wir damit bereits durch.

Natürlich habe ich aus reiner Sicherheit trotzdem viel zu viele Takes aufgenommen, die ich im Grunde überhaupt nicht mehr gebraucht hätte. Aber danach war ich warm, nicht mehr abgelenkt und dachte auch nicht länger darüber nach, ob meine Leistung an diesem Tag nun gut genug ist. Ab diesem Moment lief es einfach.

Diese Sicherheit entwickelt sich erst im Laufe der Jahre und mit jeder weiteren Aufnahme. Die Erfahrung hilft dabei ungemein. Was den Klargesang generell betrifft, war ich auf der Bühne außerdem lange Zeit der Alleinunterhalter. Hannes war nicht dabei, und wir arbeiteten über viele Jahre mit Session-Gitarristen, die ebenfalls nicht gesungen haben. Also musste ich ohnehin sämtliche Gesangsparts übernehmen.

Dadurch lernt man zwangsläufig, die eigene Stimme noch einmal anders einzusetzen. Und natürlich gibt einem auch das mit der Zeit deutlich mehr Sicherheit.

Da Du Hannes bereits erwähnt hast…Johannes Joseph ist nach rund zehn Jahren wieder mit Akkordeon, Klargesang und Chören dabei. Wie kam es zu seiner Rückkehr, und fühlte es sich sofort wieder vertraut an oder musste die musikalische Beziehung zunächst neu aufgebaut werden?

Musikalisch war Hannes eigentlich nie vollständig verschwunden. Er ist auf sämtlichen Alben am Akkordeon zu hören und übernimmt dort auch Gesangsparts – wenn ich genauer darüber nachdenke, sogar auf jedem Album. Früher war er vielleicht nicht ganz so prominent vertreten wie dieses Mal, sondern steuerte hier und da einzelne Passagen bei.

Seine Rückkehr vollzog sich gewissermaßen auf zwei Ebenen. Die erste war die Aufnahme des neuen Albums. Zu diesem Zeitpunkt stand noch gar nicht fest, dass Hannes wieder fest zur Band gehören würde. Im Studio war er allerdings bereits dabei.

Bei Jenseits hatten wir etwas Entscheidendes gelernt: Wir verabschiedeten uns zunehmend von der starren Haltung, dass etwas genauso umgesetzt werden müsse, wie es ursprünglich geplant war. Stattdessen probierten wir im Studio aus, wer einen bestimmten Part am geilsten trifft. Besonders deutlich wurde das beim ersten Gesangseinsatz auf Jenseits. Daran versuchten wir uns alle – und wir alle verkackten ihn bis zum Gehtnichtmehr. Hannes ballerte den Part schließlich genau so hin, wie er sein musste, und damit war die Entscheidung gefallen: Den nehmen wir!

Mit genau dieser Einstellung sind wir auch dieses Mal ins Studio gegangen. Ich weiß gar nicht, wie viele der Passagen, die am Ende von Hannes oder Simon gesungen wurden, zuvor auch von mir ausprobiert worden waren. Anschließend haben wir schlicht entschieden, welche Variante am besten klingt. Das funktionierte natürlich in alle Richtungen. Es ging nie darum, wer einen Part unbedingt übernehmen sollte, sondern einzig darum, was am besten zum jeweiligen Song passt und ihm dient. Auf diese Weise war Hannes ganz automatisch wieder stärker beteiligt. Er probierte verschiedene Dinge aus, und vieles davon passte einfach hervorragend.

Die zweite Ebene entwickelte sich im vergangenen Dezember bei einem Auftritt in Kopenhagen. Hannes war live immer wieder für einzelne Konzerte dabei gewesen – etwa bei größeren Festivals oder gelegentlich bei einer Show in der Nähe. Unsere Freundschaft hatte unter seinem damaligen Ausstieg schließlich nie gelitten. Er hatte zu jener Zeit einfach andere Dinge in seinem Leben, die wichtiger waren und seine Aufmerksamkeit benötigten.

Kopenhagen war allerdings das erste Mal seit langer Zeit, dass er wieder die komplette Reise mit uns unternahm. Wir saßen zehn oder elf Stunden gemeinsam im Auto. Irgendwann saßen Hannes und ich allein vorn, während der Rest der Mannschaft hinten schlief, und wir unterhielten uns stundenlang. Ähnliche Gespräche führte er im Laufe der Fahrt auch mit den anderen.

Ich glaube, dass diese gemeinsame Reise sehr viel ausgelöst hat – vor allem bei ihm, bei uns vermutlich gar nicht so sehr. Unsere Tür war schließlich immer offen gewesen, nur war eine tatsächliche Rückkehr bis dahin nie konkret geworden. Nach Kopenhagen hatten wir jedoch alle das Gefühl: Da passiert gerade etwas.

Innerhalb weniger Wochen war die Sache schließlich geklärt. Ich weiß heute nicht einmal mehr, wer es zuerst ausgesprochen hat – wir oder Hannes. Aber als es auf dem Tisch lag, war die Reaktion sofort: Ja, klar, machen wir! Im Grunde war er also nie wirklich weg. Und jetzt fühlt es sich einfach gut und richtig an.

Mit Shanty Peter und der Badweihermatrosengewerkschaftskapelle habt ihr nicht nur einen gewaltigen Black-Forest-Chor, sondern vermutlich auch den längsten Gastmusikernamen seit Erfindung des Booklets an Bord. Wer verbirgt sich hinter dieser Gewerkschaftskapelle, und wie gesittet oder bierselig verliefen die Aufnahmen?

Die Vorgeschichte ist folgende: Simon hatte die Gruppe irgendwann einmal bei einer Theateraufführung gesehen. Ich weiß leider nicht mehr, welches Stück dort gespielt wurde oder was sie genau gemacht hatten – ich habe schlichtweg vergessen, was er mir darüber erzählt hat. Auf jeden Fall fand er sie ausgesprochen cool.

Durch Zufall stellte sich anschließend heraus, dass Christoph von den Iguana Studios die Leute tatsächlich kannte. Gleichzeitig waren wir auf der Suche nach einem richtigen Chor, weil wir der Meinung waren, dass bestimmte Passagen noch einmal deutlich geiler klingen würden, wenn sie auch wirklich von Chorsängern eingesungen werden.

Normalerweise entstehen unsere Chöre im Studio nämlich Schicht für Schicht. Ich singe den Part ein, Simon singt ihn ein, Hannes ebenfalls, und anschließend legen wir sämtliche Spuren übereinander. Wir sind allerdings keine ausgebildeten Chorsänger. Vermutlich würde es unglaublich viel Zeit verschlingen, bis wir alles wirklich sauber und exakt eingesungen hätten.

Da dieser Kontakt nun einmal vorhanden war, ergab sich die Zusammenarbeit auf ganz natürliche Weise. Wie die Aufnahmen im Studio genau abliefen, kann ich dir allerdings gar nicht sagen. Die Jungs kamen nämlich genau in dem Moment, als ich gegangen bin. Die Fotos und kurzen Videoschnipsel, die ich später gesehen habe, vermittelten jedoch den Eindruck, dass alle Beteiligten eine ausgesprochen gute Zeit hatten – vermutlich nicht mit zu viel Bier, sondern exakt mit der richtigen Menge. Vor allem aber hatten sie offensichtlich richtig viel Spaß an der Sache.

Wenn ich mich nicht völlig irre, waren vier oder fünf von ihnen bei uns im Studio. Ich glaube, es waren vier. Der Chor selbst besteht zwar aus mehr Mitgliedern, aber nur diese kleine Abordnung war bei den Aufnahmen dabei. Umso erstaunlicher ist es, wie viel größer das Ergebnis am Ende klingt.

Ursprünglich hatten wir sogar noch ganz andere Ideen und überlegten, wie man das Ganze noch monumentaler gestalten könnte. Als kleinere Band stößt man dabei allerdings ziemlich schnell an die Grenzen des Machbaren. Eine komplette große Kapelle zu engagieren und anschließend aufwendig zu mikrofonieren, wäre schlicht zu zeit- und kostenintensiv geworden. Aber die Lösung, die wir am Ende gefunden haben, ist einfach saucool. Es war eine richtig gelungene Aktion.

Produziert und gemischt wurde das Album von Christoph Brandes und Simon in den Iguana Studios. Wie schwierig war es, die zahlreichen Gitarren, Chöre, Keyboards, orchestralen Flächen, akustischen Instrumente und Stimmen kraftvoll abzubilden, ohne dass daraus ein klanglicher Verkehrsunfall im Wald entsteht?

Wenn ich genau wüsste, wie dieses Ergebnis zustande kommt, würde ich vermutlich selbst in einem Studio sitzen und solche Produktionen machen. Das Resultat ist einfach eine absolute Bombe. Natürlich trägt auch Simon seinen Teil dazu bei, denn mittlerweile verfügt er beim Mixen ebenfalls über reichlich Erfahrung. Trotzdem merkt man sofort, dass Christoph diese Arbeit seit inzwischen rund 25 Jahren macht. Ich glaube, er hatte gerade erst sein 25-jähriges Jubiläum. Vor allem steckt er noch immer wahnsinnig viel Liebe und Leidenschaft in jede einzelne Produktion.

Inzwischen kennt er uns und unsere Musik praktisch auswendig. Wir müssen ihm nicht mehr ausführlich erklären, in welche Richtung der Sound gehen soll. Im Grunde braucht er sich nur die entsprechende Guitar-Pro-Datei anzusehen und weiß sofort: Alles klar, so soll das am Ende klingen. Anschließend kämpfen wir eigentlich nur noch um Nuancen.

Ich erinnere mich dunkel an das ganze Gerede rund um Time II von Wintersun: „Oh mein Gott, wir haben so unglaublich viele Layer auf dem Album!“ Ganz ehrlich: Die haben wir jedes Mal. Labert nicht! Auf tausend Spuren kommen wir ebenfalls problemlos (lacht).

Genau diese Masse an Spuren ist ein entscheidender Bestandteil unseres Sounds. Alles, was Christoph aufnimmt, hört er sich zunächst Spur für Spur einzeln an und kontrolliert, ob es wirklich perfekt sitzt. Erst danach geht es in den eigentlichen Mix. Dort wird alles fein säuberlich übereinandergelegt und so ausbalanciert, dass exakt das im Vordergrund steht, was im jeweiligen Moment dort hingehört – während trotzdem sämtliche anderen Details weiterhin hörbar bleiben.

Wie viel Zeit Christoph und Simon dafür investieren und wie viel Whisky-Cola währenddessen den Bach hinuntergeht, ist schon enorm. Aber offenbar gehört auch das zum Geheimnis dieses Sounds.

Zum Abschluss des Albums zieht ihr Beyond the North Waves von IMMORTAL und Another Brick in the Wall, Part II von PINK FLOYD in den Schwarzwald. Warum habt ihr euch ausgerechnet für diese beiden vollkommen unterschiedlichen Stücke entschieden? Und ich habe gehört, dass du eine der beiden Coverversionen eigentlich gar nicht magst…

Jetzt kommen die wirklich harten Fragen (lacht). Immortal waren für uns tatsächlich ziemlich schnell gesetzt. Wir haben lediglich noch ein wenig darüber diskutiert, welchen Song wir nehmen. Das können wir an dieser Stelle ruhig verraten: Ich persönlich hätte Antarctica noch etwas geiler gefunden, kann aber auch mit Beyond the North Waves sehr gut leben.

Ob andere Menschen das genauso deutlich hören, weiß ich nicht. Mir fallen jedenfalls seit Jahren bestimmte Stellen auf, an denen Simons Gitarrenspiel ganz klar von Immortal beeinflusst ist. Dieser Einfluss ist einfach vorhanden und längst ein Bestandteil unserer musikalischen Identität. Außerdem ist Immortal eine Band, die wir alle verdammt geil finden.

Mit Pink Floyd habe ich jetzt vermutlich schon ein wenig zu viel verraten. Ausgerechnet der ausgewählte Song gehört persönlich nicht unbedingt zu meinen Favoriten. Das liegt vor allem daran, dass er während meiner Kindheit ständig im Radio lief. Manche Stücke hat man irgendwann einfach so häufig gehört, dass man sie kaum noch ertragen kann. Ich finde den Song keineswegs scheiße, aber er löst bei mir inzwischen schlicht nichts mehr aus.

Die grundsätzliche Idee bestand darin, irgendeinen klassischen Rocksong zu covern. Dafür hatten wir eine wunderbare Chatgruppe, in der wir über einen längeren Zeitraum sämtliche Möglichkeiten diskutierten. Es war wirklich wild, welche Vorschläge dort auftauchten und wie sehr wir uns teilweise über die blödsinnigsten Kleinigkeiten die Köpfe heißgeredet haben.

Im Grunde sind wir einmal quer durch die Rockgeschichte marschiert und haben beinahe alles angesprochen, was uns aus den Sechziger- und Siebzigerjahren in den Sinn kam. Gut, die Beatles und die Rolling Stones waren nicht dabei, aber gefühlt stand fast alles andere irgendwann einmal zur Debatte. Und am Ende ist es eben dieser Song geworden.

Wenn wir sämtliche Ideen tatsächlich umsetzen würden, bekämen wir wahrscheinlich problemlos ein Doppelalbum mit ausgesprochen witzigen Coverversionen zusammen. Klassischer Rock gehört schließlich ebenfalls zu den musikalischen Grundlagen dessen, was wir machen. Grundsätzlich passen Pink Floyd meiner Meinung nach auch sehr gut zu uns, weil wir ebenfalls nicht davor zurückschrecken, unser angestammtes Genre zu verlassen und ein wenig zu experimentieren. Und Pink Floyd kann man nun wirklich nicht vorwerfen, dass sie immer nur denselben langweiligen Einheitsstiefel gespielt hätten.

Unsere Coverversion finde ich inzwischen tatsächlich richtig cool. Sie klingt überhaupt nicht wie das Original und besitzt stellenweise beinahe etwas Thrashiges – Thrash Metal wohlgemerkt, nicht trashig im Sinne von Big Brother. Gott, bin ich alt: Wenn ich an Trash-TV denke, fällt mir zuerst Big Brother ein. Heute müsste man vermutlich Love Island oder irgendeinen ähnlichen Kram nennen. Ich kenne mich mit dem aktuellen Fernsehprogramm wirklich nicht mehr aus.

Jedenfalls haben wir den Song ziemlich konsequent zu unserem eigenen Stück gemacht. Genau deshalb kann ich mit der Entscheidung am Ende auch sehr gut leben.

Mein Review endete mit der vollkommen berechtigten Forderung nach #YØLØ 2, vor allem nach Eurem doofen Aprilscherz. Wann bekommen wir endlich die nächste große musikalische Eskalation?

Wie soll man das am besten ausdrücken? Eigentlich planen wir so etwas derzeit nicht – schließlich haben wir mit der letzten Veröffentlichung dieser Art unglaublich viele neue Freunde gewonnen, die uns seitdem am liebsten umbringen würden. Nein, Quatsch, ganz so schlimm ist es natürlich nicht.

Tatsächlich musste #YOLO damals einfach raus. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, genau so etwas machen zu müssen. Diesen inneren Drang verspüren wir momentan nicht, das muss man ganz ehrlich sagen. Außerdem hat uns die damalige Reaktion durchaus ein wenig Angst gemacht:

Bis heute glaube ich allerdings, dass vieles davon mit der Art und Weise zusammenhing, wie das Ding beworben wurde. Wir hatten lang und breit erklärt, dass #YOLO kein gewöhnliches Album sein sollte. Trotzdem wurden wir damals in nahezu jedem Interview und Review gefragt, ob es sich nun um ein Album oder eine EP handele. Ganz ehrlich, Freunde: Da hat das damalige Label einfach nicht besonders gut mitgearbeitet. Das muss man im Nachhinein so deutlich sagen. Welches Label das war, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht.

Diese Erfahrung war anschließend eine ziemlich schwere Hypothek, und ich glaube, dass niemand von uns sonderlich große Lust darauf hat, sie noch einmal aufzunehmen. Witzigerweise habe ich deinen Satz aus dem Review bei uns in den Bandchat gestellt. Normalerweise wäre sofort ein entschiedenes „Nein, auf gar keinen Fall!“ zurückgekommen. Dieses Mal blieb diese Reaktion jedoch erstmals aus. Stattdessen haben alle nur gelacht und fanden es offenbar ziemlich amüsant, dass tatsächlich jemand nach einer Fortsetzung ruft.

Insofern: Schauen wir mal. Vielleicht kommt irgendwann der Moment, in dem wir wieder das Gefühl haben, so etwas machen zu müssen. Möglicherweise dann, wenn uns endgültig scheißegal ist, wie es mit der Band in kommerzieller Hinsicht weitergeht. Und vielleicht finden wir bis dahin auch einen Partner, der ein solches Projekt vernünftig begleitet und entsprechend vermittelt.

Wie entscheidend eine gute Vermarktung sein kann, merke ich gerade bei diesem Album ganz besonders. Seit Jahren hantieren wir mit dem Begriff „Black Forest Metal“ und verwenden ihn gewissermaßen als eigene Stilbezeichnung. Der Begriff engt uns deutlich weniger ein, als wenn wir uns selbst ausschließlich als Pagan, Folk oder Black Metal bezeichnen würden.

Zum ersten Mal taucht „Black Forest Metal“ nun tatsächlich regelmäßig in Interviews und Reviews auf. Ich habe den starken Eindruck, dass dies ganz wesentlich damit zusammenhängt, wie das neue Album beworben wurde. Ich weiß zwar nicht, welche Pressetexte genau verschickt wurden, aber offenbar wurde dieser Begriff darin anders und deutlicher platziert als in der Vergangenheit.

Das Artwork von Yaroslav Gerzhedovich wirkt dunkel, einsam und beinahe traumartig. Welche Geschichte erzählt das Motiv für dich, und wie eng war der Künstler in das inhaltliche Konzept des Albums eingebunden?

Ich beginne einmal mit dem zweiten Teil der Frage. Das Artwork stammt von Jaroslav, der bereits das Cover zu Jenseits geschaffen hatte. Auch dieses Motiv haben wir damals auf dieselbe Weise entdeckt: Es handelte sich um ein bereits existierendes Gemälde, das noch verfügbar war. Wir fragten ihn, ob wir es verwenden dürften und ob er dazu eine passende Rückseite gestalten könnte.

In die eigentliche Entstehung des Albums war er also gar nicht involviert. Er wusste lediglich ungefähr, was wir vorhatten und welche Vorstellungen wir für die Rückseite hatten. Auf dieser Grundlage hat er das entsprechende Motiv für uns angefertigt.

Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Jaroslav mit der Metalszene gar nicht sonderlich eng verbunden ist. Ich glaube, er verfolgt einfach konsequent seine eigene düstere künstlerische Vision – und das macht er verdammt gut. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass ihn nicht besonders interessiert, wer wir sind und welche Musik wir spielen. Zumindest entstand bei mir während unseres schriftlichen Austauschs dieser Eindruck.

Ich finde diesen Ansatz ausgesprochen spannend, weil er sich offenbar keine Gedanken darüber macht, ob ein Motiv zu irgendeiner Band, einem Genre oder bestimmten Erwartungen passt. Er malt einfach ein Bild und lässt es für sich selbst sprechen.

Was dieses Cover für mich persönlich ausdrückt, kann ich allerdings gar nicht eindeutig beantworten – und genau das finde ich daran so großartig. Ich frage mich immer wieder: Wer ist dieser Mensch? Wohin blickt er? Was macht er dort? Wo möchte er hin – oder wovor versucht er vielleicht zu fliehen?

Ich kann keine dieser Fragen beantworten. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wirkt das Bild auf mich ausgesprochen beunruhigend, obwohl darin eigentlich überhaupt nichts geschieht. Diese stille Unruhe, die das Motiv erzeugt, besitzt für mich eine saugeile Wirkung.

Seit dem ersten Blick auf das Cover nagt eine geradezu existenzielle Frage an mir: Warum habt ihr das vertraute FINSTERFORST-Logo verändert?

Diese Frage hat tatsächlich auch eine ganze Weile an mir genagt. Irgendwann entstand bei uns der Wunsch, uns von diesem großen, mit reichlich Astgeschnörkel versehenen Logo zu verabschieden und stattdessen etwas Schlichteres zu verwenden. Dahinter steckte auch die Idee, vielleicht noch einmal ein eigenständiges Emblem zu entwerfen – beispielsweise mit zwei miteinander verbundenen F. Dieses Emblem ist allerdings noch nicht fertig. Mal schauen, ob es irgendwann tatsächlich kommt.

Wir haben uns anschließend gemeinsam darüber unterhalten, in welche Richtung das neue Logo ungefähr gehen sollte. Es gab dafür weder eine akute Notwendigkeit, noch haben wir das alte Logo plötzlich scheiße gefunden. Wir hatten schlicht das Gefühl, dass die Zeit für eine Veränderung gekommen war.

Vielleicht hängt dieser Wunsch auch damit zusammen, wofür das alte Logo ursprünglich stand. Es entstand in einer Phase, in der wir uns selbst noch sehr stark in der Folk- beziehungsweise Pagan-Szene verortet haben – oder wie auch immer man diesen musikalischen Kosmos genau bezeichnen möchte. Aus dieser engen Einordnung haben wir uns inzwischen herausentwickelt. Zumindest unserem eigenen Empfinden nach gehören wir dort heute nicht mehr wirklich hinein.

Natürlich werden wir weiterhin häufig auf entsprechenden Veranstaltungen gebucht, und das ist auch vollkommen in Ordnung. Dennoch interessieren uns die Grenzen einzelner Genres mittlerweile immer weniger. Unsere Musik lässt sich für uns selbst nicht mehr so eindeutig in eine bestimmte Schublade stecken.

Genau diese Entwicklung sollte der Abschied vom alten Logo zumindest ein Stück weit zum Ausdruck bringen. Das neue Erscheinungsbild steht somit nicht für eine Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern vielmehr für den nächsten Schritt.

Olli, vielen Dank für deine Zeit und deine offenen Worte. Zum Abschluss gehören dir traditionsgemäß die berühmten letzten Worte: Welche Botschaft möchtest du euren Fans, unseren Lesern und allen orientierungslosen Wanderern da draußen mit auf den Weg geben?

Wow, „an alle orientierungslosen Wanderer“ – machen wir jetzt hier Bibel TV? Das klingt schon ausgesprochen spirituell und feierlich (Gelächter). Was möchte ich den Menschen also mit auf den Weg geben? Zunächst einmal ganz eigennützig: Hört euch Still an und genießt das Album. Und falls ihr es nicht genießen könnt, dann hört eben etwas anderes.

Wir freuen uns wirklich sehr darüber, dass wir einige treue Fans haben. Gerade bei unserer Pre-Release-Show wurde uns wieder bewusst, dass es tatsächlich Menschen gibt, die uns bereits seit vielen Jahren begleiten. Dafür sind wir ihnen unglaublich dankbar. Ohne diese Leute wären wir schließlich nur irgendeine kleine Garagenband, für die sich kein Schwein interessiert.

Diese Unterstützung wissen wir wirklich zu schätzen. Auf musikalischer Ebene führen wir schließlich ein ziemlich großartiges und teilweise auch ausgesprochen unterhaltsames Leben. Wir dürfen durch die Weltgeschichte gondeln, interessante Orte sehen, besondere Dinge erleben und werden dabei meistens sogar noch vernünftig behandelt. All das ist keineswegs selbstverständlich.

Und was möchte ich den Menschen darüber hinaus mitgeben? Achtet auf euch selbst und auf eure Mitmenschen. Ich glaube, genau das können wir momentan alle sehr gut gebrauchen. Wir leben in merkwürdigen Zeiten und achten viel zu wenig aufeinander.

Mit Still beweisen FINSTERFORST, dass musikalische Größe nicht allein in Spielzeiten, Gitarrenwänden oder mächtigen Chören liegt, sondern vor allem in der Fähigkeit, Gegensätze glaubwürdig miteinander zu verbinden. Das Album klingt vertraut und dennoch neugierig, gewaltig und zugleich erstaunlich menschlich. Wir bedanken uns bei Olli für das Gespräch und hoffen, dass diese neuen Klanglandschaften bald auch auf möglichst vielen Bühnen ihre volle Wucht entfalten können. Bis dahin bleibt nur, tief in Still einzutauchen – Verpflegung einpacken, denn der Weg durch diesen Wald dauert 78 Minuten.




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