GODSLAVE – Godslave (2026)
(10.436) Olaf (9,0/10) Thrash Metal
Label: Flying Dolphin Entertainment
VÖ: 11.09.2026
Stil: Thrash Metal
Als ich GODSLAVE vor einiger Zeit zu Champions interviewte, war bereits spürbar, dass diese Band nicht nur Bock auf Thrash Metal hat, sondern auf alles, was mit Musik, Gemeinschaft und ehrlicher Begeisterung zusammenhängt. Das Tribute-Album war eine sympathische Verbeugung vor den eigenen Einflüssen, doch nun gibt es wieder selbst geschriebenes Futter – und was für welches. Nach wenigen Minuten von Godslave steht fest: Die Saarländer können einfach nicht schlecht. Wahrscheinlich ist das dort unten inzwischen gesetzlich verboten.
Die Wurzeln der Band reichen bis ins Jahr 2000 zurück, als ein Teil der späteren Besetzung noch unter dem Namen SLAVERY unterwegs war. Seit 2007 firmiert man als GODSLAVE, und spätestens mit Into the Black, In Hell, Welcome to the Green Zone und Reborn Again haben sich die Saarbrücker einen festen Platz im deutschen Thrash-Unterholz freigeschlagen. Positive Aggressive brachte 2021 schließlich auf den Punkt, wofür diese Band steht: musikalische Gewalt mit konstruktiver Grundhaltung. Danach vergingen fünf Jahre bis zum nächsten Album mit komplett eigenem Material. Dazwischen lag mit Champions zwar eine höchst unterhaltsame Sammlung von Coverversionen, doch Godslave fühlt sich nun wie die eigentliche Fortsetzung der Geschichte an – und gleichzeitig wie ein neuer Anfang.
Der selbstbetitelte Albumname ist deshalb keineswegs Ausdruck mangelnder Fantasie. Nach all den Jahren, Besetzungsentwicklungen und persönlichen Erfahrungen geht es hier um das, was GODSLAVE im Kern ausmacht. Keine Kunstfigur, kein übergeordnetes Konzept und kein apokalyptisches Kasperletheater mit Atombomben, Dämonenfürsten und qualmenden Schädeln. Stattdessen präsentiert sich die Band so unmittelbar, persönlich und geschlossen wie selten zuvor. Godslave ist Standortbestimmung, Befreiungsschlag und neuer Treibstoff in einem.
Schon Reset, Rebuild, Reclaim ist keine höfliche Einladung, sondern ein musikalisch verfasster Räumungsbescheid. Das Riffing schießt messerscharf aus den Boxen, die Rhythmusgruppe tritt die Tür ein und Thommy klingt, als hätte jemand versucht, ihm sein letztes Bier wegzunehmen. Der Titel liefert zugleich die Marschroute des gesamten Albums: zurücksetzen, neu aufbauen und sich das eigene Leben zurückholen. Die Texte kreisen immer wieder um Selbstzweifel, Verletzungen, Entscheidungen und den Willen, sich davon nicht dauerhaft bestimmen zu lassen. Das ist positiv, ohne nach Motivationskalender im Pausenraum zu klingen. GODSLAVE heben keinen pädagogischen Zeigefinger – sie ballen eine Faust und bieten die andere Hand zum Hochziehen an.
Musikalisch wird dabei nicht lange an der Thrash-Schublade gerüttelt. Sie wird aus dem Schrank gerissen und quer durch die Wohnung geworfen. Das Riffing ist brutal, präzise und erstaunlich abwechslungsreich. Bernie und Manni liefern keine bloße Ansammlung schneller Anschläge, sondern echte Gitarrenarbeit: widerhakenbewehrte Rhythmusfiguren, kurze melodische Öffnungen, bissige Leads und Soli, die den Songs dienen, statt nur die technische Visitenkarte auf den Tisch zu knallen. Mika hält am Bass alles mit ordentlich Druck zusammen, während Tobi hinter dem Schlagzeug zwischen Hochgeschwindigkeit, treibendem Thrash und massiven Groove-Passagen wechselt. Besonders erfreulich ist, wie organisch diese Tempowechsel funktionieren. Die Stücke rasen nicht ausschließlich geradeaus, sondern bremsen im richtigen Moment ab, nur um anschließend mit einem Stahlkappenstiefel wieder aufs Gaspedal zu steigen.
A Future in Motion zeigt früh, dass Eingängigkeit hier kein Schimpfwort ist. Die Melodien sitzen, ohne den Gitarren die Zähne zu ziehen, und der Refrain bleibt hängen, obwohl ringsherum weiterhin fachgerecht abgerissen wird. Genau darin liegt eine der großen Stärken dieses Albums: GODSLAVE schreiben keine Riffsammlung, sondern Songs. Jeder Titel besitzt einen erkennbaren Charakter, trotzdem wirkt die Platte wie aus einem Guss. Es gibt Wiedererkennungswert, Dynamik und Refrains, die auch nach dem Ausschalten noch durchs Oberstübchen trampeln.
Repaid in Kind gehört zu den härtesten und zugleich inhaltlich bedrückendsten Momenten. Der Song richtet sich an Menschen, die unter der Grausamkeit anderer gelitten haben. Dabei kippt er nicht in billige Rachefantasien, sondern verwandelt Schmerz in Widerstand. Die Musik unterstreicht diese Haltung mit einem Riff, das ungefähr so zimperlich vorgeht wie ein Abrissbagger beim Entfernen einer Gartenlaube. Gerade hier zeigt sich, wie gut GODSLAVE Härte und Bedeutung miteinander verbinden: Das Stück funktioniert als Nackenbrecher, verliert aber nie seinen emotionalen Kern.
Mit Part of the Pack wird anschließend die Gemeinschaft beschworen. Das passt zu einer Band, die ihre Anhänger nicht als Kundschaft, sondern als Teil einer Crew betrachtet. Der Song besitzt diesen herrlich stampfenden Livecharakter, bei dem man den Refrain schon vor dem inneren Auge von einer verschwitzten Meute gebrüllt hört. Trotzdem bleibt es nicht bei einer schlichten Wir-gegen-den-Rest-Parole. Zugehörigkeit entsteht hier nicht durch Abgrenzung, sondern durch gegenseitigen Rückhalt. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied – und macht den Titel deutlich sympathischer als den üblichen metallischen Rudelromantikkitsch.
Square One führt den Gedanken des Neubeginns weiter, während The Road Not Taken eine verletzlichere Seite offenlegt. Wenn Thommy eingesteht „I feel like a failure“ und „I feel incomplete“, verschwindet für einen Augenblick jede breitbeinige Genrepose. Hier spricht jemand über das Gefühl, nicht zu genügen, falsche Entscheidungen getroffen oder entscheidende Möglichkeiten verpasst zu haben. Musikalisch bekommt das Stück mehr Raum, baut Spannung auf und lebt von dem Kontrast zwischen nachdenklichen Passagen und kraftvoller Entladung. Gerade weil die Band nicht versucht, Verletzlichkeit mit übermäßigem Pathos zuzuschmieren, entfaltet der Song eine enorme Wirkung.
Auch And Yet I Stand arbeitet nicht mit leerem Durchhalteparolengebrüll. Das Stehenbleiben ist hier keine heroische Siegerpose auf einem Berg aus besiegten Feinden, sondern das Ergebnis erlittener Rückschläge. Man steht noch – vielleicht angeknackst, vielleicht müde, aber eben nicht am Boden. Diese Haltung zieht sich bis The Sum of All Wounds, dessen Titel den inhaltlichen Kern des Albums nahezu perfekt zusammenfasst. Ein Mensch ist nicht nur die Summe seiner Verletzungen, aber diese Erfahrungen hinterlassen Spuren. GODSLAVE verklären sie nicht und suhlen sich ebenso wenig darin. Sie werden angenommen, verarbeitet und schließlich in Energie umgewandelt.
Passend dazu taucht das Feuer mehrfach als Bild für Antrieb, Reinigung und innere Kraft auf. Let the Fire Come ist keine Bitte um ein gemütliches Lagerfeuer mit Stockbrot, sondern ein kontrollierter Flächenbrand. Der Song verbindet zackiges Riffing mit einem wuchtigen, nahezu hymnischen Refrain und dürfte live sämtliche Bandscheiben in Bewegung bringen. Das abschließende The Fire That Calls Me schließt den Kreis, ohne einfach den Auftakt zu wiederholen. Wo am Anfang noch zurückgesetzt und neu aufgebaut wurde, ist am Ende die Richtung gefunden. Das Feuer ruft – und diesmal wird nicht davor weggelaufen.
Thommy liefert dabei eine seiner bislang stärksten Gesangsleistungen ab. Sein Organ besitzt weiterhin genug Schmirgelpapier, um einen alten Heizkörper vom Lack zu befreien, doch er variiert deutlich stärker, arbeitet mit unterschiedlichen Betonungen und transportiert die persönlichen Texte glaubwürdig. Die Gangshouts sitzen punktgenau und werden nicht inflationär eingesetzt. Dadurch behalten sie ihre Wirkung, statt wie eine dauerhaft tagende Belegschaftsversammlung zu klingen.
Produziert wurde das Album in den SU2 Studios in Dillingen von Phil Hillen und Manuel Zewe. Das Ergebnis ist saufett, druckvoll und transparent. Gitarren, Bass und Schlagzeug stehen in einem gesunden Verhältnis zueinander, die Stimme thront nicht künstlich über allem und selbst bei hoher Geschwindigkeit bleibt jedes Instrument nachvollziehbar. Die Produktion klingt modern, aber keineswegs klinisch. Es scheppert, knallt und schiebt, ohne dass die menschliche Energie aus dem Klangbild poliert wurde. Ein Thrash-Album darf sauber produziert sein, solange es einem anschließend noch immer den Scheitel neu zieht – und genau das geschieht hier.
Das Erstaunlichste bleibt das Songwriting. Auf 46 Minuten findet sich weder ein klarer Ausfall noch ein Stück, das lediglich die Spielzeit verlängert. Die Platte lebt von ihren Kontrasten, ohne ihre Linie zu verlieren: Hochgeschwindigkeit trifft auf Groove, Aggression auf Melodie und persönliche Unsicherheit auf ungebrochenen Kampfgeist. Selbst die eingängigen Momente wirken niemals berechnend. GODSLAVE wollen keinen Refrain fürs Formatradio schreiben, sondern einen für hundert heisere Kehlen vor der Bühne.
Und ja: Auch hier wird die neue EXODUS aus dem Stand pulverisiert. Das mag Puristen mit Kutte, Tabellenkalkulation und aufgenähtem Bay-Area-Stadtplan nicht gefallen, ändert aber nichts an der Sache. Während große Namen bisweilen hauptsächlich von ihrem historischen Gewicht durch die Gegend getragen werden, klingen GODSLAVE hungrig, gegenwärtig und verdammt lebendig. Tradition wird respektiert, aber nicht mumifiziert. Genau so sollte moderner Thrash Metal funktionieren.
Godslave ist das bislang reifste und geschlossenste Werk der Saarländer. Die Band verbindet brutales Riffing, megastarkes Songwriting und eine mächtige Produktion mit Texten, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Kein aufgesetztes Drama, keine Durchhaltefloskel aus dem Glückskeks und kein müder Genreaufguss: Dieses Album besitzt Herz, Zähne und genügend Feuer, um beides sichtbar zu machen. Wer Thrash Metal immer noch ausschließlich über Herkunft und Dienstalter bewertet, darf gern weiter seine Plattensammlung alphabetisch nach Rückenbreite sortieren. Alle anderen bekommen hier ein Album, das mit jedem Durchlauf weiter wächst und seine 9 von 10 Punkten mit Nachdruck einfordert.
ANSPIELTIPS:
🔥Reset, Rebuild, Reclaim
💀Repaid in Kind
🔥The Fire That Calls Me
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Reset, rebuild, reclaim
02. Future in motion
03. Repaid in kind
04. Part of the Pack
05. Square One
06. The Road not taken
07. And yet I stand
08. Let the Fire come
09. The Sum of all Wounds
10. The Fire that calls me

