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ANTHRAX – Cursum Perficio (2026)

(10.433) Olaf (10/10) Thrash Metal


Label: Nuclear Blast
VÖ: 18.09.2026
Stil: Thrash Metal






Leckomio! Zehn Jahre haben ANTHRAX seit For All Kings verstreichen lassen. Zehn Jahre, in denen man durchaus befürchten durfte, dass aus dem nächsten Studioalbum irgendwann eine jener metallischen Fabelwesen-Geschichten wird, über die alle reden, die aber nie jemand zu Gesicht bekommt. Nun liegt Cursum Perficio tatsächlich vor mir – und getreu dem Motto „EXODUS, nimm das!“ zeigen die New Yorker, wie eine Band klingen kann, die noch immer mächtig Bock hat, ihren Wurzeln treu bleibt und trotzdem nicht wie ihre eigene Tribute-Kapelle wirkt.

ANTHRAX waren ohnehin stets die etwas anderen Mitglieder der sogenannten Big Four. Während METALLICA Weltreiche errichteten, SLAYER die Hölle möblierten und MEGADETH technische Griffbrettprüfungen veranstalteten, besaßen Scott Ian und seine Mitstreiter immer diese besondere Mischung aus New Yorker Straßenenergie, Hardcore-Schlagseite, Thrash-Riffs, Melodie und einem Humor, der selbst in der härtesten Abrissbirne noch durch die Wand grinste. Seit der Gründung 1981 in Queens hat die Band mehrere Leben geführt: das rohe Frühwerk Fistful of Metal, der große Durchbruch mit Spreading the Disease, die klassische Hochphase um Among the Living und State of Euphoria, die deutlich kantigere John-Bush-Ära und schließlich die triumphale Rückkehr Joey Belladonnas auf Worship Music und For All Kings. Auf Cursum Perficio werden diese Epochen nicht einfach nebeneinandergestellt – sie verschmelzen zu einem Album, das nach Vergangenheit riecht, aber mit beiden Hightops fest in der Gegenwart steht.

Der lateinische Titel lässt sich sinngemäß mit „Ich vollende meine Reise“ übersetzen. Das klingt zunächst nach Abschied, Ruhestand und einem letzten gemeinsamen Gruppenfoto vor dem Tourbus. Doch Charlie Benante betont ausdrücklich, damit keineswegs das letzte Album angekündigt zu haben. Für ihn steht der Titel vielmehr für die Vollendung einer Aufgabe und für die Summe dessen, was die Band über Jahrzehnte gelernt hat. Auf die Worte stieß er ausgerechnet in einer Dokumentation über Marilyn Monroe: In deren letztem Haus war Cursum Perficio auf einer Fliese verewigt. Andere Menschen schauen solche Dokumentationen und erinnern sich anschließend an ein weißes Kleid über einem Lüftungsschacht. Charlie Benante findet darin den Titel für ein Thrash-Metal-Album. So muss das.

Der Weg dorthin war allerdings lang. Erste Ideen entstanden bereits Jahre zuvor, die ernsthafte Arbeit wurde durch die Pandemie ausgebremst, und ab 2022 nahm das Projekt in Dave Grohls Studio 606 in Los Angeles konkrete Formen an. Scott Ian beschreibt die Rückkehr der Musiker in einen gemeinsamen Raum als eine Art Wiedergeburt. Die Angst, das bisherige Leben könne plötzlich wegbrechen, und die Freude darüber, wieder zusammen Musik machen zu dürfen, seien unmittelbar in die Stücke geflossen. Das hört man. Cursum Perficio klingt nicht nach einem vertraglich geschuldeten Alterswerk, sondern nach fünf Männern, die zehn Jahre angestauten Bewegungsdrang gleichzeitig aus dem Verstärker prügeln.

Schon das kurze Intro Persistence of Memory zieht die Schrauben an, bevor The Long Goodbye endgültig die Tür eintritt. Die Produktion von Jay Ruston und ANTHRAX drückt wie der Morgenlehm: massiv, erdig und mit einer Wucht, die keinen Millimeter Platz für zarte Befindlichkeiten lässt. Trotzdem bleibt das Klangbild transparent. Frank Bellos Bass knurrt hörbar zwischen den Gitarren, Charlie Benantes Schlagzeug besitzt Druck und Dynamik, während Jonathan Donais Scott Ians Riffmassaker mit messerscharfer Präzision ergänzt. Modern ist das durchaus, steril aber zu keiner Sekunde. Hier glänzt nichts künstlich; hier glüht der Stahl noch von der Bearbeitung.

Scott Ian hat offensichtlich wieder mit beiden Armen im Rifftopf gerührt. Was er daraus hervorholt, erinnert wohltuend an Among the Living und State of Euphoria, ohne sich sklavisch an alte Blaupausen zu klammern. Ian selbst zieht eine klare Entwicklungslinie: So wie ANTHRAX erst Fistful of Metal und Spreading the Disease aufnehmen mussten, um schließlich Among the Living schreiben zu können, seien Worship Music und For All Kings notwendig gewesen, um bei Cursum Perficio anzukommen. Das ist eine ziemlich selbstbewusste Ansage, aber nach diesen 53 Minuten keineswegs bloßes Werbegetöse.

It’s For The Kids wurde als Liebeserklärung an die Fans konzipiert und erfüllt genau diesen Zweck. Vier Minuten Thrash Metal, scharfkantig, schnell, aggressiv und mit einem Refrain, der bereits beim ersten Hören Eintritt in die zukünftige Livesetlist verlangt. Charlie Benante beschreibt das rhythmische Zusammenspiel treffend als Tauziehen: Die Gitarren stemmen sich mit wuchtigen Akzenten gegen das nach vorn rasende Schlagzeug. Scott Ian wollte bewusst einen Song, der auf die Frühphase verweist und die besten Eigenschaften der Band in ein einziges wütendes Paket packt. Mission erfüllt. Frank Bello bringt es noch direkter auf den Punkt: klassischer und heutiger ANTHRAX-Sound, verbunden durch einen großen Hook. Mehr Gebrauchsanweisung braucht dieses Stück nicht.

Und dann ist da Joey Belladonna. Wie alt ist der Mann eigentlich? Zum Veröffentlichungstermin ist er 65 Jahre alt und klingt, als hätte er sämtliche biologischen Abnutzungsregeln wegen mangelnder Relevanz aus seinem Terminkalender gestrichen. Seine Stimme erhebt sich mühelos über die Riffwände, ist kraftvoll, melodisch, bissig und sofort erkennbar. Gerade weil ANTHRAX nie eine reine Knurr-und-Knüppel-Kapelle waren, ist Belladonnas Gesang so entscheidend. Er gibt den Songs Größe, ohne ihnen die Zähne zu ziehen. Bei It’s For The Kids spricht er selbst von Feuer, Druck und ordentlich Dampf auf den Stimmbändern. Das ist nicht übertrieben. Was für eine Gesangsleistung!

Mit Everybody’s Got A Plan steht dann einer der wohl besten Songs in der gesamten Geschichte von ANTHRAX im Raum. Das ist eine große Behauptung, aber dieses Biest rechtfertigt jedes Ausrufezeichen. Der Song vereint Bedrohlichkeit, Groove, melodische Klasse und einen Spannungsaufbau, der einen förmlich in die nächste Wand treibt. Nichts daran klingt nach Altersmilde. Vielmehr ist das Stück ein kapitaler Schlag in die Fresse all jener Altvorderen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen und meinen, ein halbgarer Aufguss ihrer Vergangenheit müsse automatisch als traditionsbewusst durchgehen. Nein. So hier funktioniert das.

Bei The Edge Of Perfection lassen ANTHRAX sogar fette Blastbeats von der Kette. Nicht als aufgesetzten Jungbrunnen oder verzweifelten Versuch, plötzlich bei der extremen Jugend mitspielen zu wollen, sondern als logische Zuspitzung eines ohnehin rasenden Songs. Scott Ian bezeichnet das Stück nicht ohne Stolz als einen Höhepunkt ihres Schaffens. Charlie Benante nutzt die zusätzliche Härte wiederum nicht zur bloßen Geschwindigkeitsmessung, sondern baut sie in ein enorm variables Schlagzeugfundament ein. Hier passiert viel, aber nichts wirkt überladen.

Überhaupt lebt Cursum Perficio von seiner Mischung. Infectious trägt seine Ansteckungsgefahr bereits im Titel, NYC 93 atmet den Schmutz, die Hektik und den körperlichen Druck jener Zeit, während der Titelsong die verschiedenen Generationen des Bandsounds zusammenführt. T.O.M.B. ist eine grandiose Reminiszenz an vergangene Tage: kantig, bedrohlich und mit jenem stakkatoartigen Riffing ausgestattet, bei dem der Nacken schon vorsorglich einen Termin beim Orthopäden vereinbart. Dabei ist das keine bloße Nostalgieveranstaltung. ANTHRAX erinnern sich an ihre Vergangenheit, aber sie leben nicht darin.

Watch It Go hätte tatsächlich auf Spreading the Disease stehen können. Unfassbar, was die New Yorker hier raushauen. Der Song besitzt diese alte, ungestüme Energie, klingt aber dank der gewaltigen Produktion nicht nach 1985 auf Hochglanz poliert, sondern wie ein altes Raubtier mit neuen Zähnen. Das abschließende My Victory wirkt anschließend keineswegs wie ein gemütliches Austrudeln, sondern wie ein verdienter Triumphmarsch nach einer knappen Stunde kontrollierter Verwüstung.

Frank Bello erklärt, die Band habe bei diesen Aufnahmen alles auf dem Tisch liegen lassen. Außerdem wisse man heute sehr genau, wer ANTHRAX seien, was die Musiker antreibe und was sie zu tun hätten. Das Ergebnis gibt ihm recht. Hier wurde nichts für einen möglichen dreizehnteiligen Abschiedsdokumentarfilm zurückgehalten. Jeder Riffhaken, jeder Trommelschlag und jede Gesangslinie vermittelt das Gefühl, dass diese Männer gerade nicht über das Ende ihrer Reise nachdenken, sondern den Tank noch einmal bis zum Rand mit Hochoktanigem gefüllt haben.

Einzig das Artwork schmälert die Geschichte ein klein wenig. Ich kann Albumcover ohne Bandlogo einfach nicht leiden. Bei einem solchen Werk möchte ich ANTHRAX schon von Weitem auf dem Cover lesen können und nicht erst den Plattenladenbesitzer nach dem Künstler fragen müssen. Aber gut: Das ist nur ein Tropfen auf einem verdammt heißen Stein, der die Band zurück an die Spitze katapultiert. Wenn das größte Problem eines Albums darin besteht, dass mir vorne fünf Buchstaben und ein X fehlen, dürfte musikalisch einiges richtig gelaufen sein.

Cursum Perficio ist ein Trip in meine Jugend, ohne sich als Klassenfahrt ins eigene Museum zu entpuppen. Das Album umfasst sämtliche wichtigen Epochen der Band, verbindet klassischen Thrash, New Yorker Hardcore-Wucht, große Melodien und moderne Härte und klingt dabei hungriger als vieles, was von deutlich jüngeren Kollegen kommt. Von allen Bands der sogenannten Big Four haben ANTHRAX mit meilenweitem Abstand das beste neue Album überhaupt rausgehauen. Dieser Sound, diese Songs, diese Gesangsleistung – heavy as fuck und einfach granatengeil.

Der Titel behauptet, eine Reise sei vollendet. Musikalisch klingt hier allerdings nichts nach Endstation. Eher haben ANTHRAX nach 45 Jahren endlich den kürzesten Weg zurück auf den Thron gefunden – und unterwegs vorsichtshalber sämtliche Konkurrenz überfahren.

ANSPIELTIPS:
🔥Everybody’s Got A Plan
💀The Edge Of Perfection
🎸Watch It Go
⚰️T.O.M.B.


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Persistence of Memory
02. The long Goodbye
03. It’s for the Kids
04. Everybody’s got a Plan
05. The Edge of Perfection
06. Infectious
07. NYC 93
08. Cursum Perficio
09. T.O.M.B.
10. Watch it go
11. My Victory 



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