RAZORVOID – Into the Void (2026)
(10.499) Olaf (9,2/10) Punk / Thrash Metal
Label: Jawbreaker Records
VÖ: 02.10.2026
Stil: Punk / Thrash Metal
Bei RAZORVOID würde ich den Proberaum vorsichtshalber nur mit festem Schuhwerk betreten. Was die Schweden auf ihrem ersten vollständigen Langeisen veranstalten, lässt auf herumliegende Flaschen, gefährlich überlastete Steckdosen und eine ausgesprochen belastbare Nachbarschaft schließen. Die 2021 in Göteborg gegründete Truppe hat sich über die selbst veröffentlichte Kassette Sonic Decay und die 2023 erschienene EP Terror In Time an diesen Punkt herangerobbt. Mit Into the Void, seit dem 2. Oktober über Jawbreaker Records erhältlich, steht jetzt das Debüt im Raum. Und zwar mit schweren Stiefeln auf meinem Couchtisch.
Die musikalische Verwandtschaft lässt sich ziemlich eindeutig feststellen. MOTÖRHEAD liefern den ölverschmierten Motor, ANTI CIMEX steuern die ungebremste Wut bei, und REPUGNANT bringen etwas aus dem Leichenschauhaus mit, dessen Kühlkette offensichtlich unterbrochen wurde. Dazu kommen Thrash Metal und die Liebe zum klassischen Schwermetall. Diese Zutaten verbinden RAZORVOID zu einem Gebräu, das ordentlich brennt und erfreulich lange nachwirkt. Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der hier Punk und Metal ineinandergreifen, macht den Reiz aus. Die Herren brauchen offensichtlich keine Grundsatzdiskussion darüber, welche Kutte neben welcher Lederjacke stehen darf. Hauptsache, beide bewegen sich.
Stefan Eliasson an Gesang und Gitarre, sein ebenfalls mit Gesangsaufgaben betrauter Gitarrenpartner Adam Ådén, Bassist JJ „Junkie“ Lundin und Schlagzeuger Andreas Wretljung bilden dafür eine ausgesprochen schlagkräftige Mannschaft. Die Gitarren verbinden die bissige Direktheit des Thrash mit der Verkommenheit alten Death Metals, während der D-Beat die ganze Angelegenheit mit Nachdruck vor sich hertreibt. Über allem hängt diese rotzige Rock-’n’-Roll-Mentalität, die sich schlecht erklären, aber hervorragend mit einem schmerzenden Nacken quittieren lässt. Mich kriegt besonders dieses Zusammenspiel aus Angriffslust und unmittelbarer Verständlichkeit. Bei aller Aggression bleibt genügend musikalische Substanz hängen, um den nächsten Durchgang gleich mitzubestellen.
Schon die eröffnende Dreierfolge aus Sign of the Curse, dem Titelstück und Blasphemic Assault steckt das Revier unmissverständlich ab. Hier wird beherzt zugelangt, und die Verbindung aus metallischer Schneidigkeit und punkiger Aufsässigkeit trägt das Album ausgesprochen souverän. Der Titelsong eignet sich dabei bestens als erste Kontaktaufnahme, während Blasphemic Assault bereits dem Namen nach das passende Programm für diese Veranstaltung mitbringt. RAZORVOID besitzen genau jene unangenehme Hartnäckigkeit, die ich bei solcher Musik hören möchte: Die Songs drängen nach vorn, packen zu und lassen einem wenig Gelegenheit, sich gemütlich zurückzulehnen. Diese Platte hat Hausverbot, bevor sie überhaupt den Laden betreten hat.
Hinter dem vermeintlich spontanen Abriss steckt allerdings einiges an Arbeit. Fast zwei Jahre investierte die Band in das Material, aufgenommen wurde anschließend in den Göteborger Welfare Studios mit Produzent Per Stålberg. Dessen Erfahrung mit Punk, Hardcore und Metal passt hervorragend zur Ausrichtung dieser Truppe. Der entscheidende Punkt ist für mich, dass die rohe Energie ihren Platz behält und die Musik trotzdem Wirkung entfalten kann. Die Riffs sollen schließlich treffen. Bloßer Krach wäre für diese Mischung auf Dauer zu wenig, und genau darüber kommen RAZORVOID erfreulich deutlich hinaus. Der Dreck gehört zur musikalischen Persönlichkeit; die Entschlossenheit dahinter ebenso.
Auch die Atmosphäre sitzt. Schon Titel wie Desolate Future und 422 Gutterpunx spannen den Bogen zwischen Untergangsstimmung und Gosse, zwischen finsterem Metal und dem Trotz einer durchzechten Nacht. Dazu passt das herrlich überladene Cover mit seinen Schädeln und seinem infernalischen Gewusel. Man weiß ziemlich genau, in welche Gesellschaft man sich begibt. Besonders sympathisch finde ich, dass dieser ganze morbide Budenzauber mit ordentlich Vorwärtsdrang verbunden wird. RAZORVOID liefern den passenden Lärm für eine Welt, bei der längst mehr als nur die Kellerbeleuchtung flackert.
Elf Stücke in 35 Minuten und 44 Sekunden sind dafür eine ausgesprochen vernünftige Portion Unvernunft. Das Quartett hält die Zügel kurz und bündelt seine Einflüsse zu einem Album, dessen Stärke in der Konsequenz liegt. Natürlich sind die musikalischen Ahnen jederzeit erkennbar. Den großen Innovationspreis werden die Schweden damit vermutlich ihrem örtlichen Patentamt ersparen. Aber verdammt, wie viel Überzeugung hier drinsteckt! Diese Mischung lebt von Haltung, griffigen Riffs und der Fähigkeit, Energie auf den Punkt zu bringen. RAZORVOID beherrschen das bereits auf ihrem Debüt mit einer Sicherheit, die aufhorchen lässt.
Dieses Album stinkt nach Schweiß, kaltem Rauch, Lederjacke, Pissflecken auf der Matratze und pestverseuchten Ratten im Keller. Und wisst Ihr was? Das ist verdammt noch mal geil bis zum Morgengrauen! Rotzig, bissig, schnell und aggressiv, mit genau jener Portion musikalischer Verwahrlosung, für die ich meine Anlage schließlich angeschafft habe. Die Schweden killen hier so richtig. Dabei steckt unter dem ganzen Unrat genügend Können, um aus der ersten Begeisterung eine ziemlich dauerhafte Angelegenheit werden zu lassen.
Für ein Debüt ist Into the Void eine beeindruckend deutliche Ansage. RAZORVOID haben das Zeug dazu, sich im extremen Underground einen festen Platz zu erspielen, und ich bescheinige ihnen eine mehr als rosige Zukunft. Wer diese Truppe auf einen kleinen Club loslässt, sollte vorsorglich die Kaution zurücklegen. Meine Aufmerksamkeit haben sie jedenfalls sicher – und 9,2 Punkte gleich dazu.
ANSPIELTIPPS:
🔥Into the Void
💀Blasphemic Assault
🎸422 Gutterpunx
Bewertung: 9,2 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Sign of the Curse
02. Into the Void
03. Blasphemic Assault
04. Desolate Future
05. An everlasting Flame
06. Under the Lash
07. Rituals of the Damned
08. The howling Wind
09. 422 Gutterpunx
10. White Death
11. Jaws of Perdition

