RAM - Against (2026)
(10.486) Olaf (9,3/10) Heavy Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 09.10.2026
Stil: Heavy Metal
Beim Titel Against musste ich erst einmal grinsen. Ich weiß nicht, gegen was die Schweden alles sind, aber gegen gute Musik können sie unmöglich etwas haben. Seit 1999 halten RAM von Göteborg aus die Fahne des klassischen Heavy Metal hoch, und spätestens mit Forced Entry und Lightbringer war klar, dass hier Überzeugungstäter am Werk sind. Über Death, Svbversvm und Rod führte der Weg zum 2019 erschienenen The Throne Within. Danach wurde die Geduld allerdings ordentlich auf die Probe gestellt. Sieben Jahre zwischen zwei Alben sind eine Ansage. Umso schöner, dass die Herrschaften ihre Rückkehr mit einer Platte feiern, die für mich tatsächlich das bislang Beste ihrer ohnehin stattlichen Diskografie darstellt.
Against klingt, als hätte jemand Ende der Achtziger eine besonders explosive Aufnahme sicherheitshalber im Tresor eingeschlossen und erst jetzt den Schlüssel wiedergefunden. Roh, bissig und voller jener elektrisierenden Spannung, die mich an dieser Musik seit meiner Jugend begeistert. Die Schweden bringen ihre Erfahrung in ausgesprochen griffigen Songs unter, deren Wirkung sich aus dem Zusammenspiel von Riffs, Melodien und Angriffslust ergibt. Der Aufbau ist straffer, die Aussage unmittelbarer, und trotzdem bleibt genügend Raum für musikalische Persönlichkeit. Diese RAM erweitern keinen Arbeitsspeicher, sondern erhöhen die Taktfrequenz meiner Halswirbelsäule. Ein Upgrade, das meine Krankenkasse vermutlich weniger euphorisch beurteilen dürfte.
Harry Granroth und Martin Jonsson verstehen dabei sehr genau, wie viel ein prägnantes Gitarrenmotiv bewegen kann. Die Riffs haben Schneid, die Leads dürfen leuchten, und die Melodien besitzen genug Widerhaken, um sich dauerhaft festzusetzen. Darüber thront Oscar Carlquist mit jener Mischung aus dramatischer Präsenz und unbedingtem Willen, die für mich einen erheblichen Teil der Faszination dieser Band ausmacht. Seine Stimme transportiert den Widerstandsgeist des Albums; man nimmt ihm diese Songs ab. Morgan Pettersson und Tobias Petterson liefern das Fundament, auf dem sich die Gitarren austoben können. Das Ganze wirkt wie eine Band, die ihre Stärken kennt und sie mit erfreulicher Konsequenz ausspielt.
Eine wesentliche Rolle übernimmt der Sound. Nach dem Verkauf der eigenen Black Path Studios ging es mit Johan Reiven, der bereits bei Lightbringer beteiligt war, ins Studio Recordia nach Varberg. Das Ergebnis besitzt genau die richtige Portion Luft, Schärfe und körperlichen Druck. Für die Soli wurden ein effektbeladener und ein trockener Verstärker getrennt aufgenommen, ergänzt durch Mikrofone im großen Aufnahmeraum. Dieser Ansatz passt zur ganzen Platte: Die Instrumente sollen wirken dürfen, einschließlich ihrer Ecken und Kanten. Die Orientierung an klassischen Produktionen von DIO, MSG und SWEET erklärt einiges, doch entscheidend ist die Energie, die hier aus den Boxen springt. Man möchte unmittelbar lauter drehen.
Wie ergiebig diese Konzentration auf das Wesentliche sein kann, zeigt Night Blade. Carlquist wollte die tragende Bedeutung des Riffs wieder stärker ins Zentrum rücken, und genau darin liegt die Stärke dieses Stücks. Ein einfaches, wirkungsvolles Motiv genügt, um den Nacken auf Betriebstemperatur zu bringen. Abattoir wiederum zieht die Schrauben erheblich fester an. Hier treffen die Angriffslust früher EXODUS zu Zeiten von Bonded by Blood und die stählerne Entschlossenheit von ACCEPT aufeinander. Das ergibt eine ausgesprochen scharfkantige Speed-Metal-Ladung, die bestens in den rauen Gesamtcharakter passt. Wer dabei still sitzen bleibt, sollte vorsichtshalber prüfen, ob der Stuhl am Hosenboden festgeschweißt wurde.
Auch textlich haben RAM ihre Perspektive verschoben. Die spirituellen und metaphysischen Fragen des Vorgängers weichen stärker dem Zorn über Macht, Manipulation und das Überschreiten persönlicher Grenzen. Ghost Emperor entwirft das düstere Bild unsichtbarer Herrscher hinter den sichtbaren Machtstrukturen. In Abattoir steht die Zeile „This is a call for truth and for justice“ einer drastischen Bildsprache gegenüber, in der Guillotinen und blutige Abrechnung auftauchen. Der Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit mündet in eine radikale Revolutionsfantasie. Das ist reichlich ungemütlich und passt zur Aggressivität des Songs. 1984 greift wiederum Orwells Überwachungsdystopie auf und deutet sie aus Sicht der Band als Warnung vor gegenwärtigen Kontrollmechanismen. Der Titel bezeichnet hier also deutlich mehr als ein ausgesprochen gutes Jahr für Metalplatten.
Im Titelstück verdichtet sich dieser Widerstandsgeist besonders schlüssig. Ausgangspunkt war das Gefühl, einer erdrückenden Übermacht gegenüberzustehen; daraus entstand ein Song über das Beharren auf der eigenen Haltung. Diese Entschlossenheit trägt Against weit über seinen Namen hinaus. Bemerkenswert finde ich dabei, wie natürlich die neue Direktheit trotz der langen Entstehungszeit wirkt. Einzelne Ideen reichen weit zurück, bei Leaving sogar bis ins Jahr 2006. So ein Fund aus dem eigenen Archiv kann schnell nach Resteverwertung riechen. Hier fügt er sich in ein Album ein, dessen klare Ausrichtung dem über Jahre gewachsenen Material einen gemeinsamen Rahmen gibt.
Die elf Stücke profitieren insgesamt von diesem entschlossenen Blick auf das Songwriting. RAM haben offenbar sehr genau abgewogen, welche Ideen einen Song tragen und welche ihn lediglich verlängern. Die Platte bietet reichlich Substanz, ihre gebündelte Kraft macht sie zugleich ungemein zugänglich. Für mich entsteht daraus eine metallische Offenbarung, bei der handwerkliche Klasse und schiere Spielfreude wunderbar zusammenfinden. Selbst das von Carlquist gestaltete Cover folgt dieser Konzentration: Der vertraute Schädel mit Widderhörnern rückt in den Mittelpunkt. Ein deutliches Zeichen der Rückkehr, das zur selbstbewussten Musik dahinter passt.
Live gehören RAM für mich ohnehin zu den besten Bands Skandinaviens. Against bringt diese Überzeugungskraft nun in einer Geschlossenheit auf Platte, die mich restlos begeistert. Die Schweden haben ihr Profil geschärft und dabei ein Album geschaffen, an dem sich ihre nächsten Veröffentlichungen messen lassen müssen. Für mich steht es an der Spitze ihres bisherigen Schaffens. Sieben Jahre Wartezeit waren ein ziemlich happiger Vorschuss. Die Rückzahlung erfolgt jetzt in einer Währung, die ich seit 1983 besonders schätze: Heavy Metal mit ordentlich Zinsen auf die Zwölf.
ANSPIELTIPS:
🔥Against
💀Abattoir
🎸Night Blade
Bewertung: 9,3 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Obsession
02. Ghost Emperor
03. One vs.All
04. Abattoir
05. Out of Control
06. Leaving
07. Against
08. Night Blade
09. Rising again
10. 1984
11. The final Hour

