Zum Streamen, downloaden, anhören, ausrasten!
Aktuelle Meldungen
Live on Stage Review: DEPRESSIVE AGE
Listening Session 15.09.2026 – Berlin @ Brutz & Brakel
Ein Dienstagabend im Brutz. Für mich ungefähr so gewöhnlich wie ein Blastbeat beim ZDF-Fernsehgarten…obwohl…. Doch wenn DEPRESSIVE AGE zur Listening Session ihres neuen Albums Sirens laden, bekommt auch ein Dienstag kurzerhand Wochenendqualitäten. Zumal die Rahmenbedingungen ausgesprochen überzeugend ausfielen: Freigetränke, Schnittchen und die komplette Band zum entspannten Smalltalk. Passt! Man muss der Kultur schließlich auch unter der Woche eine Chance geben.
Marcus hatte mich im Vorfeld bereits mit der ihm eigenen Herzlichkeit auf den Abend eingestimmt: „Bring deine Frau mit, die hat wenigstens Ahnung von Musik.“ Schön, wenn die eigene Fachkompetenz schon bei der Einladung angemessen gewürdigt wird. Nun ja, manchmal, würde ich sagen. Über die musikalische Gewaltenteilung im Hause Dibowsky ließe sich trefflich streiten; an diesem Abend sollte allerdings auch ich mehr als positiv überrascht werden.
Zunächst galt es, die örtlichen Gegebenheiten fachkundig zu beurteilen. Ich platzierte mich direkt rechts neben dem Buffet. Kurze Wege zu den Schnittchen, freie Ohren für die Musik: So sieht durchdachte Redaktionsarbeit aus. Die Häppchen mundeten hervorragend, und erfreulicherweise konnte die musikalische Verpflegung da mühelos mithalten. Schon während des Hörens stellten sich diese wunderbaren Flashbacks ein, bei denen plötzlich wieder alte Platten, vergangene Zeiten und das damalige Lebensgefühl im Kopf auftauchen.
An Geschichte mangelt es den Berlinern schließlich kaum. 1988 aus BLACKOUT hervorgegangen, veröffentlichten DEPRESSIVE AGE mit First Depression (1992), Lying in Wait (1993), Symbols for the Blue Times (1994) und Electric Scum (1996) innerhalb weniger Jahre vier Studioalben. Danach wurde die Historie mit der Phase als D-AGE, Unterbrechungen und zwischenzeitlichen Rückkehrversuchen deutlich unübersichtlicher, ehe 2022 wieder ein neues Kapitel begann. Wenn Sirens im Februar 2027 erscheint, liegen zwischen diesem Album und Electric Scum gut drei Jahrzehnte. Da passt bei manch anderer Band eine komplette Karriere samt dreier Abschiedstourneen dazwischen.
Entsprechend groß war die Neugier auf die zehn neuen Stücke. Die starke Produktion gab der Musik ordentlich Druck und ließ zugleich die tolle Gitarrenarbeit zur Geltung kommen. Jochen Klemp und Marcus Marth lieferten reichlich Gründe, das zustimmende Kopfnicken zum abendlichen Bewegungsprogramm zu erklären. Vor allem aber blieben die Songs schnell hängen und besaßen jenen hohen Wiedererkennungswert, den ich mit DEPRESSIVE AGE verbinde. So vertraut sich vieles anfühlte, so groß wurde beim Zuhören die Lust, dieses neue Material bald ausgiebiger kennenzulernen. Produziert hat die Band selbst; aufgenommen wurde in den Thommy Hein Studios, wobei Thommy Hein auch Aufnahmebetreuung, Mix und Mastering übernahm. Das Ergebnis konnte sich an diesem Abend ausgesprochen gut hören lassen.
Eine hübsche Hintergrundgeschichte ergab sich aus den Gesprächen: Originaldrummer Norri und René Jauernik teilen sich die Schlagzeugarbeit auf dem Album. Welche Songs auf sein Konto gingen, wollte Nurri während der Session allerdings nicht verraten. Seine Verschwiegenheit litt nur etwas unter dem konzentrierten Air-Drumming, mit dem er bestimmte Passagen begleitete. Der Mund hielt dicht, die Hände lieferten die Credits. Für die Zuordnung brauchte es da weder ein Verhör noch kriminaltechnische Unterstützung – ein gelegentlicher Seitenblick genügte.
Auch gesanglich hält Sirens einige schöne Begegnungen bereit. Karla Schäffler, Ehefrau von POSTMORTEM-Drummer Max, veredelt Just a Painter (El Amor) mit spanischem Gesang und setzt damit einen besonderen Akzent. Auf She Lights My Way ist zudem Bobo von BOBO IN WHITE WOODEN HOUSES zu hören. Solche Beiträge erweitern die Klangfarben eines Albums, das bei aller unmittelbaren Wirkung spürbar Tiefe besitzt.
Besonders nahe ging mir dabei Lost Friends. Dass dort auch unserer verstorbenen Freunde wie Schrod gedacht wird, gibt dem abschließenden Stück ein Gewicht, das weit über den üblichen Höreindruck hinausgeht. Zur gemeinsamen Geschichte gehören eben auch Menschen, die uns fehlen. Ihre Erinnerung in dieser Musik wiederzufinden, berührte mich. Genau solche Momente machten deutlich, wie viel Emotion in diesem Album steckt. Dazu kommt verdammt starke Musik – so, wie man sie sich von DEPRESSIVE AGE erhofft.
Mit meiner Begeisterung stand ich offenbar keineswegs allein da. Die anwesenden Pressevertreter, Freunde und natürlich the one and only Husky schienen ebenfalls ausgesprochen angetan. Nach dem letzten Ton folgte frenetischer Applaus. Die lockere Runde, die Gespräche mit der gesamten Band und die Gelegenheit, diese Songs gemeinsam zum ersten Mal zu erleben, machten aus der Präsentation einen rundum gelungenen Abend.
Für alle, die beim Hörvergnügen noch nachziehen müssen: Sirens erscheint am 19. Februar 2027 über Fireflash Records auf CD, LP und digital; die erste Single ist für den 20. November 2026 angekündigt. Ein herzliches Dankeschön an DEPRESSIVE AGE für diese tolle Aktion! So lasse ich mir einen Dienstag gefallen. Beim nächsten Mal komme ich gerne wieder – meine Frau wegen ihrer ausgewiesenen Fachkenntnis, ich zur weiteren Erforschung der Akustik rechts neben dem Buffet.

