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KISSIN‘ DYNAMITE – Kissin‘ Dynamite (2026)

(10.447) Olaf (8,0/10) Heavy Metal


Label: Kissin‘ Dynamite Records
VÖ: 18.09.2026
Stil: Heavy Metal






Als Hannes Braun im August 2025 seinen Rückzug vom Mikrofon ankündigte, war das zunächst einer dieser Momente, in denen man unwillkürlich auf den Kalender schaut und hofft, dort stünde der 1. April. Fast zwei Jahrzehnte lang waren seine Stimme, seine ausladende Bühnenpräsenz und sein untrügliches Gespür für Refrains das Gesicht von KISSIN‘ DYNAMITE. Nun soll Schluss sein – zumindest mit dem Tourleben, das gesundheitlich seinen Tribut gefordert hat. Vollständig verlässt Hannes das schwäbische Dynamitlager zum Glück nicht: Als Songwriter, Produzent und kreativer Kapitän bleibt er an Bord. Die Stimme zieht sich von der Bühne zurück, der Kopf hinter der Operation arbeitet weiter.

Eine letzte Platte mit Hannes musste trotzdem noch sein. Das fanden nicht nur die Fans, sondern schließlich auch die Band selbst. Und so ist Kissin‘ Dynamite gleichzeitig Abschiedsbrief, Rückspiegel, Familienalbum und Visitenkarte für den nächsten Lebensabschnitt. Dass das neunte Studioalbum ausgerechnet den Bandnamen trägt, ergibt dabei mehr Sinn als jede noch so ausgefeilte Titelakrobatik: Sechs neue Songs führen die Geschichte fort, sieben Neuaufnahmen kehren zu den ersten beiden Alben Steel Of Swabia und Addicted To Metal zurück. Ein letztes Goodbye also – und ein recht fettes.

Die Anfänge von KISSIN‘ DYNAMITE liegen in der schwäbischen Provinz, wo Hannes und Ande Braun gemeinsam mit Jim Müller und Steffen Haile aus einer Schülerband langsam eine der erfolgreichsten deutschen Hard-Rock-Formationen formten. 2008 erschien Steel Of Swabia, zwei Jahre später folgte Addicted To Metal. Damals war Hannes noch so jung, dass der Stimmbruch vermutlich erst einmal einen Termin mit dem Tourmanager vereinbaren musste. Aus den hoch motivierten Nachwuchsrockern wurden über die Jahre Arena-Unterhalter mit großem Hang zu Feuer, Pathos und Refrains, die selbst der völlig Unbeteiligte nach dem zweiten Durchgang mitsingen kann. Das 2024 veröffentlichte Back With A Bang! landete schließlich auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Viel höher kann man die Leiter nicht mehr hinaufklettern, ohne auf dem Dach herumzuspazieren.

Mit dem selbstbetitelten Album übernimmt die Band nun auch geschäftlich vollständig das Steuer. Kissin‘ Dynamite erscheint über das eigens gegründete Label Kissin‘ Dynamite Records. Das Ende einer Ära wird damit unmittelbar zum Neuanfang: Der Sänger verabschiedet sich aus dem Tourbus, während die Band ihre Zukunft noch konsequenter in die eigenen Hände nimmt. Selbst das Cover bringt den Namen ohne kunsthistorisches Begleitheft auf den Punkt: roter Kussmund, rote Dynamitstange, fertig. Manchmal muss Symbolik eben nicht erst drei Semester studiert werden.

Der eigentliche Einstieg in dieses Abschiedskapitel gelingt mit Glory Days ausgesprochen treffend. Inhaltlich blickt Hannes auf jene Jahre zurück, in denen Träume größer als das Bankkonto, die Frisuren größer als die Vernunft und Rücksitze gelegentlich ausreichend möbliert waren. Der Text verklärt diese Zeit nicht völlig, sondern weiß durchaus, dass man jung, wild und nicht immer mit übermäßiger Klugheit geschlagen war. Gerade deshalb funktioniert der Wunsch nach „one more yesterday“ so gut. Musikalisch wird daraus genau jener sonnendurchflutete Arena Rock, den KISSIN‘ DYNAMITE längst im Schlaf beherrschen: Gitarren an, Fenster herunter, Arm raus – wobei man Letzteres auf der Autobahn vielleicht besser dem Beifahrer überlässt.

Noch direkter richtet sich I Salute You an die Fans. Der Song nutzt militärische Bilder von Kameradschaft, Schlachtfeld, Fahnen und Salut, ohne daraus eine Marschmusikveranstaltung mit Anwesenheitskontrolle zu machen. Gemeint sind jene Menschen, die der Band über all die Jahre den Rücken freigehalten haben. Schwere Rhythmen und Dudelsäcke sorgen für den angemessen monumentalen Unterbau, während SALTATIO MORTIS als Gäste natürlich so hervorragend in dieses Szenario passen, als hätten sie ihre Instrumente bereits im Schützengraben gestimmt. Subtil geht anders, aber Subtilität war bei KISSIN‘ DYNAMITE ohnehin nie der Türsteher.

Auch I’ll Be lebt von dieser großen Geste. Inhaltlich verspricht Hannes, trotz Sturm, gebrochener Knochen und leerer Versprechungen weiterhin da zu sein. Im Zusammenhang mit seinem Rückzug gewinnt das Stück zwangsläufig eine zweite Ebene. Es klingt wie eine Zusicherung an die Fans und zugleich an die Band: Ich verschwinde nicht, ich stehe nur künftig an einer anderen Stelle. Für die große Bühne ist der Song geradezu maßgefertigt – inklusive hochgereckter Arme, feuchter Augen und mindestens eines Menschen im Publikum, der behauptet, ihm sei lediglich Bier hineingelaufen.

Weniger Abschied, mehr nächtliche Ausfahrt liefert Night Is Calling. Freitagabend, Motorenlärm, Straßenlaternen und das Gefühl, dass die besten Stunden gerade erst beginnen: Inhaltlich wird hier kein unbekanntes Universum entdeckt, doch die Band verkauft diese alte Freiheitserzählung mit solcher Überzeugung, dass man bereitwillig einsteigt. Das ist Rockmusik als Kurzurlaub vom Alltag, laut, unkompliziert und mit einem Refrain versehen, der auch nach drei Getränken noch unfallfrei zu bewältigen ist.

Besonders sinnvoll sind die Gäste dort eingesetzt, wo sie einem bekannten Song tatsächlich eine neue Farbe geben. Out In The Rain erhält durch AMARANTHE zusätzlichen melodischen Glanz, während die schwäbische Nationalhymne Steel Of Swabia mit Ralf Scheepers von PRIMAL FEAR und DRAGONFORCE-Gitarrist Sam Totman standesgemäß aufgerüstet wird. Mehr Metall, mehr Muskeln, mehr Gitarren – der TÜV dürfte trotzdem kapitulieren. Der Text bleibt ein unbekümmertes Bekenntnis zu Band, Heimat und Publikum, das keine lyrischen Literaturpreise gewinnen möchte, sondern lieber gemeinsam mit einigen tausend Menschen gebrüllt wird.

Eine der interessantesten Veränderungen erfährt Lie For Me. Aus dem alten Stück wird eine reduzierte, beinahe lagerfeuerartige Variante, in der Hannes gemeinsam mit Anna Brunner von LEAGUE OF DISTORTION singt. Da beide auch privat seit Jahren ein Paar sind, wirken die Fragen nach bedingungsloser Loyalität und gemeinsamer Zukunft nicht länger wie bloße Rockromantik aus dem Baukasten. Bonnie und Clyde werden im Text zwar versehentlich in umgekehrter Reihenfolge bemüht, doch solange niemand anschließend eine Bankfiliale betritt, kann man darüber hinwegsehen.

Against The World erhält durch EKLIPSE eine zusätzliche dramatische Note. Die Geschichte zweier Menschen, die aus Tretmühle, Pfanne und einem System ausbrechen wollen, das ihnen längst den letzten Nerv geraubt hat, besitzt noch immer diesen sympathischen Eskapismus früher Bandtage. Den Job kündigen, alle Ketten sprengen und gemeinsam in die Nacht verschwinden – ein wunderbarer Plan, solange jemand an die Krankenversicherung denkt.


DIE GESCHICHTE ZUM NEUEN ALBUM (Playlist)


Natürlich ist Kissin‘ Dynamite glatt wie die Oberfläche des zugefrorenen Baikalsees. Jede Kurve wurde ausgeleuchtet, jeder Refrain auf maximale Wirkung gebracht und jede Emotion so platziert, dass sie auch noch die letzte Reihe einer Arena erreicht. Wer Schmutz unter den Fingernägeln, gefährliche Überraschungen oder musikalische Grenzverletzungen erwartet, wird hier nicht bedient. Doch diese Kritik ist beinahe so, als würde man einem Feuerwerk vorwerfen, zu bunt zu sein. KISSIN‘ DYNAMITE wissen genau, was sie können und was ihr Publikum von ihnen erwartet. Sie liefern große Melodien, dicke Gitarren, hemmungslosen Pathos und genügend Eingängigkeit, um den auslaufenden Sommer bei heruntergelassener Autoscheibe noch einmal kräftig zu verlängern.

Als geschlossenes Studioalbum wirkt das Ganze durch die Mischung aus neuen Stücken und Neuaufnahmen naturgemäß etwas weniger homogen als ein vollständig neues Werk. Dafür erfüllt diese Zusammenstellung ihren Zweck hervorragend: Sie erzählt, woher die Band kommt, verabschiedet Hannes Braun würdevoll vom dauerhaften Bühnenleben und öffnet gleichzeitig die Tür zur Zukunft. Dieses Album ist kein Grabstein, sondern ein letzter großer Vorhang mit gezündeter Lunte. Wenn danach tatsächlich etwas explodiert, war es vermutlich genau so geplant.

KISSIN‘ DYNAMITE verabschieden ihren Frontmann nicht mit bedrücktem Händedruck und Obstkorb, sondern mit Dudelsäcken, Gastmusikern, Hochglanzrefrains und einem Album, das noch einmal sämtliche Hallenlichter einschaltet. Nicht jeder Moment ist unverzichtbar, und gelegentlich trägt der Pathos schon Schulterpolster unter den Schulterpolstern. Dennoch geht dieses Goodbye sauber ins Ohr, bleibt dort erstaunlich hartnäckig sitzen und macht verdammt viel Spaß. Hannes verlässt die Bühne – aber selbstverständlich erst, nachdem er noch einmal möglichst effektvoll die Sicherung herausgedreht hat.

ANSPIELTIPS:
🔥Glory Days
🫡I Salute You
🥀The Good In Goodbye

 


Bewertung: 8,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Glory Day
02. I Salute You (feat.Saltatio Mortis)
03. Heartattack (Re-Recorded)
04. Night is calling
05. Out In The Rain (feat.Amaranthe)
06. Love Me Hate Me (Re-Recorded)
07. Lie For Me (feat.Anna Brunner)
08. I’ll be
09. Steel Of Swabia (feat.Primal Fear & Sam Totman)
10. Against The World (feat.Eklipse)
11. Nothing breaks like a Heart
12. Only The Good Die Young (Re-Recorded)
13. The Good In Goodbye 



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