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GLORYHAMMER – Space 1993: Wrath of Kor-Virliath (2026)

(10.503) Olaf (8,3/10) Happy Metal


Label: Napalm Records
VÖ: 16.10.2026
Stil: Happy Metal






Bissken peinlich ist es ja schon. Da hat man sich über Jahrzehnte einen halbwegs anständigen Ruf als Metaller zusammengezimmert, und dann kommen GLORYHAMMER mit Einhörnern, Weltraumrittern und einer Farbpalette um die Ecke, gegen die jeder Kindergeburtstag wie eine Beerdigung aussieht. Trotzdem haben die Herrschaften seit The Unicorn Invasion of Dundee bei mir einen Stein im Brett. Als Schottland-Fan bin ich für diesen geografisch zumindest teilweise nachvollziehbaren Unfug ohnehin anfällig. Andere bringen von dort Whisky mit. Ich offenbar eine bedenkliche Sympathie für bewaffnete Fabelwesen.

Hinter dem Spektakel steckt die 2010 von ALESTORM-Kopf Christopher Bowes gegründete, international besetzte Truppe, die seit ihrem Debüt Tales from the Kingdom of Fife von 2013 eine ziemlich eigenwillige schottische Parallelwelt ausbaut. Das mittlerweile fünfte Album Space 1993: Wrath of Kor-Virliath setzt allerdings direkt bei Space 1992: Rise of the Chaos Wizards von 2015 an. Angus McFife V, bereits aus Fly Away bekannt, reist seiner Bestimmung entgegen, und zwar in die ferne Zukunft des Jahres 1993. Eine Zukunft, in der ich bereits volljährig war. Auch das muss eine Band erst einmal hinbekommen.

Wer jetzt versucht, sämtliche Stammbäume, Zeitverschiebungen und Dienstgrade lückenlos zu verstehen, dürfte irgendwann mit einer Pinnwand voller roter Fäden dasitzen. Für den Spaß an der Platte reicht die grobe Orientierung: Das Weltraumkönigreich steckt in erheblichen Schwierigkeiten, Zargothrax und Kor-Virliath sorgen für dämonischen Ärger, und die Rettung erfordert reichlich Personal mit ausgeprägter Vorliebe für schwere Gerätschaften. Man darf GLORYHAMMER dabei keinesfalls ernst nehmen. Die Band zieht ihren Unsinn allerdings mit einer Konsequenz durch, die mir deutlich lieber ist als ein halbherziger Gag, der nach zwei Songs erschöpft wäre.

Musikalisch wissen die Herren durchaus, wo der Hammer hängt. Klassischer Power Metal liefert das Fundament, dazu kommen schärfere Thrash-Anleihen, Synth-Rock und eine orchestrale Ausstattung, für deren Transport andere Bands vermutlich einen eigenen Fuhrpark bestellen müssten. Entscheidend bleiben die Refrains: groß, unmittelbar und mit erheblich mehr Widerhaken versehen, als es die quietschbunte Verpackung zunächst vermuten lässt. Die Eigenproduktion erhält durch Jacob Hansens Mix einen entsprechend modernen Rahmen. Das darf einem zu üppig sein. Mir fehlt stellenweise ebenfalls etwas Luft zwischen all den gleichzeitig erhobenen Schwertern. Trotzdem sollte man unter dem ganzen Dekor die musikalische Substanz nicht übersehen.

Ultimate Sacrifice macht das ziemlich anschaulich. Hinter der ausgreifenden Power-Metal-Hymne steckt eine überraschend finstere Ausgangslage: Der Hootsman richtet bei seinem Rettungsversuch selbst verheerende Zerstörung an und wird anschließend zum Träger des Bösen. „To defend us, he will end us“ bringt diesen Widerspruch wunderbar knapp auf den Punkt. Der Retter erledigt die Schutzbefohlenen vorsichtshalber gleich mit. Bei aller albernen Ausstattung besitzt diese Geschichte also durchaus Fallhöhe, und die heroische Aufmachung bekommt dadurch einen bitteren Beigeschmack. Ein bisschen mehr als bloß „Hammer hoch, Zauberer doof“ ist hier schon vorhanden.

Dass daneben ausreichend Platz für völlig schamlose Eingängigkeit bleibt, zeigt die neue Albumfassung von On a Quest for Aberdeen. Die vormals eigenständige Nummer bekommt im Zusammenhang der Geschichte ihren Platz, und zwischen untoten Einhörnern, goldenen Straßen und alten Robotern findet sich tatsächlich die Sehnsucht nach einem Ende des ewigen Kämpfens. Wobei der Frieden erwartungsgemäß nicht lange hält. Die with a Sword in My Hand liefert anschließend mit seinen „Fight!“, „Kill!“ und „Die!“-Rufen die passende Beschäftigung für ein Festivalpublikum, das seine Stimme ohnehin nicht für den nächsten Bürotag aufsparen wollte. Solche Mitmachangebote sind natürlich berechnet. Sie funktionieren aber, weil hinter der simplen Aufforderung ein ordentlich gebauter Song steht.

Interessanter wird es dort, wo die Figuren einmal mit sich selbst beschäftigt sind. Im elektronisch geprägten Demonic Devotion ringt der besessene Hootsman um die Kontrolle über sein Handeln. „I've got to kill this demon inside of me“ lässt innerhalb dieser bekloppten Welt einen ziemlich verständlichen Konflikt erkennen: Schuld, Kontrollverlust und die Angst, sich selbst endgültig zu verlieren. Daraus muss nun niemand eine psychologische Doktorarbeit basteln, aber es gibt dem ganzen Geballer eine persönliche Perspektive. Dass auf dieser Nummer sogar Alex McVittie mit einem Saxofon beteiligt ist, passt zur erweiterten musikalischen Spielwiese. Offenbar war zwischen Laserwaffen und Dämonen noch ein Instrumentenkoffer frei.

Bei Warriors of Auchtermuchty bekommt sogar ein schottischer Ortsname das volle Heldenprogramm verpasst. Der Refrain hämmert das Wort derart hartnäckig ins Gedächtnis, dass die örtliche Tourismusbehörde eigentlich einen Zuschuss überweisen müsste. Versucht allerdings mal, Auchtermuchty nach dem dritten Festivalbier unfallfrei mitzugrölen. Wer das schafft, darf anschließend vermutlich auch ein Raumschiff der Knights of Crail führen.

Einen besonders schönen Widerspruch leistet sich Pax Galactica: Zunächst wird vom Frieden geträumt, von Menschen und Maschinen, die endlich gemeinsam einer besseren Zukunft entgegengehen. Kaum ist der verschollene Roboterprinz wieder da, heißt es allerdings „We will ride to WAR!“. Gut, dann verschieben wir die Abrüstung eben auf übermorgen. Solche kleinen Gemeinheiten gefallen mir an den Texten fast besser als die nächste Wagenladung kosmischer Titel und dämonischer Dienstgrade.

Ganz ohne Abzüge kommt die Reise trotzdem nicht davon. Die ständige Steigerung von Heldentum, Chören und galaktischer Dringlichkeit nutzt sich gelegentlich ab. Auch ein guter Refrain gewinnt nicht automatisch dadurch, dass um ihn herum noch drei weitere Regimenter aufmarschieren. Manche Wendung ist vorhersehbar, manche Wiederholung dürfte kürzer ausfallen, und wer mit diesem speziellen Humor grundsätzlich nichts anfangen kann, wird hier kaum bekehrt. Für jeden Oldschool-Metaller mit strenger Kleiderordnung bleibt das quietschbunte Gesamtpaket vermutlich ein Dorn im Auge. Schabt man den ganzen Plastikmüll aber einmal ab, kommt ein Album zum Vorschein, das mit Melodien, handwerklichem Können und einer erfreulich ungebremsten Spielfreude tatsächlich etwas zu bieten hat.

Und dann wäre da noch The Celestial Warhost of the Dundonian Empire Marches to Space Against the Dark Sorcerer (Final Assault on Battlemoon X-22). Dafür gehört euch gehörig der Arsch versohlt, meine Herren. Das ist doch kein Songtitel mehr, das ist ein vollständiger Antrag auf intergalaktische Kriegsführung inklusive Anlagenverzeichnis! Das fast 13-minütige Finale verteilt seine Geschichte auf vier Kapitel und zieht zwischen Flottenangriff, Dämonengemetzel und einem gewissen Casino Dundee sämtliche Register des metallischen Weltraumhörspiels. Die Dialoge und Perspektivwechsel verlangen etwas Geduld, geben dem Schlussakt aber auch sein eigenes Format. Und jetzt aufgepasst: Ich möchte nächstes Jahr beim Rock Harz hören, wie dieser Titel in voller Länge angesagt wird. Ohne Abkürzung, ohne Ausrede und möglichst ohne Sauerstoffzelt. Verstanden?

Am Ende sitze ich also wieder da und muss eine musikalische Vorliebe verteidigen, für die sich mein jüngeres Ich vermutlich erst einmal demonstrativ eine besonders böse Platte aufgelegt hätte. Soll es ruhig. GLORYHAMMER liefern genug gute Songs, um sich ihren Unfug leisten zu können, und genug Unfug, damit die guten Songs nicht in Ehrfurcht erstarren. Mein Musikgeschmack hat schon würdevollere Entscheidungen getroffen, aber längst nicht immer unterhaltsamere.

ANSPIELTIPS:
🔥Ultimate Sacrifice
⚔️Die with a Sword in My Hand
💀Demonic Devotion


Bewertung: 8,3 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Ultra Portam Astralem
02. Ultimate Sacrifice
03. On a Quest for Aberdeen
04. Die with a Sword in my Hand
05. Silver Talon
06. Starfighters of Leuchars
07. Warriors of Auchtermuchty
08. Pax Galactica
09. Demonic Devotion
10. Hammer of Fate
11. The Celestial Warhost of the Dundonian Empire Marches to Space Against the Dark Sorcerer (Final Assault on Battlemoon X-22) 



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