LEPER COLONY – Back to primal Sludge (2026)
(10.507) Olaf (9,2/10) Death Metal
Label: Testimony Records
VÖ: 09.10.2026
Stil: Death Metal
Langsam müssen Marc Grewe und Rogga Johansson aufpassen: Wenn sie sich mit LEPER COLONY weiterhin von Album zu Album steigern, geht mir irgendwann der Spielraum auf dem Bewertungszettel aus. Zwei der umtriebigsten Death-Metal-Musiker machen zum dritten Mal gemeinsame Sache, und tatsächlich steht mit „Back to Primal Sludge“ ihr bislang stärkstes Werk vor mir.
Seinen Ursprung hat dieses deutsch-schwedische Bündnis in einer langjährigen Freundschaft, aus der 2020 der Entschluss erwuchs, die gemeinsame Vorliebe für gepflegte musikalische Verwesung auf Platte festzuhalten. Nach dem selbstbetitelten Debüt von 2023 und „Those of the Morbid“ von 2025 folgt nun die nächste Eskalationsstufe. Offenbar bekommt diesen Herren der regelmäßige Aufenthalt im Leichenkeller ausgesprochen gut.
Grewe bringt seine unverkennbare Stimme und die Erfahrung aus MORGOTH, INSIDIOUS DISEASE und ASINHELL ein, Johansson liefert jene schwedische Riffgewalt, mit der er unter anderem bei PAGANIZER und RIBSPREADER zuverlässig für Bewegung unter der Grasnarbe sorgt. Dabei haben LEPER COLONY ihre Ausrichtung zunehmend geschärft: Die klassischen Thrash-Anteile des Erstlings rückten bereits auf dem Vorgänger zurück, nun werden auch die deutschen Death-Metal-Verweise sparsamer dosiert. Dafür greifen die morbide Schwere Floridas und das bissige Stockholmer Gitarrenhandwerk umso wirkungsvoller ineinander. Das Ergebnis besitzt reichlich Groove, ordentlich Fleisch auf den Rippen und einen erfreulich ausgeprägten Vernichtungswillen.
Gerade Johanssons Riffs sind hier eine Wucht. Fett, griffig und mit genügend Widerhaken ausgestattet, um sich auch jenseits des unmittelbaren Einschlags festzusetzen. Die Brutalität bekommt durch diese Eingängigkeit zusätzlichen Nachdruck: Man erinnert sich an die Songs und möchte die nächste Abreibung gleich hinterherschieben. Dazu Marc Grewe, der einmal mehr exakt weiß, wie er solches Material veredeln muss. Seine giftige Attacke, die markante Phrasierung und diese herrlich angefressene Intensität geben den Stücken Persönlichkeit. Der Mann klingt, als hätte ihm jemand sämtliche freien Tage gestrichen und anschließend vorgeschlagen, er möge das bitte konstruktiv verarbeiten. Hat er gemacht. Das Ergebnis würde ich dem Verantwortlichen allerdings nur aus sicherer Entfernung vorspielen.
Wie wirkungsvoll die verschiedenen Gangarten zusammenspielen, zeigen schon wenige Beispiele. Das keine drei Minuten lange „These Blades“ bündelt seine Energie zu einer zügigen Attacke mit handfestem Riffdruck. „Dead Soul Consortium“ setzt dagegen auf schweres Stampfen, D-Beat-Schübe und einen einprägsamen Refrain. Bei „Seelenjäger“ gewinnen die langsameren Tempi zusätzliches Gewicht; der Groove bekommt etwas Bedrohliches, das Grewes Stimme weiter zuspitzt. Diese Wechsel halten die Platte in Bewegung und geben den einzelnen Stücken innerhalb der gemeinsamen Marschrichtung ausreichend Profil.
Zum Gelingen trägt auch Jon Rudin bei, der am Schlagzeug das nötige Fundament für diese Abrissarbeiten legt. Johansson übernimmt neben den Gitarren den Bass, während Håkan Stuvemark als Gast Soli beisteuert. Die Besetzung bleibt überschaubar, die Wirkung ist beträchtlich. Ebenso überzeugend fällt die Produktion aus: brutal, druckvoll und zugleich differenziert genug, damit die Arbeit der Musiker ihre Wirkung entfalten kann. Die Instrumentalaufnahmen entstanden bei Johansson im schwedischen The Rotpit, Gesangsaufnahmen und Produktion lagen bei Marc Wüstenhagen in den Berliner Daily Hero Recording Studios. Der Dreck hat Konturen, und jede davon schneidet.
Neun Stücke in gut einer halben Stunde sind zudem eine ausgesprochen passende Dosierung. LEPER COLONY kommen auf den Punkt, halten den Druck hoch und lassen ihre Ideen genau so lange arbeiten, wie sie tragen. Für mich liegt darin ein wesentlicher Teil dieser erneuten Steigerung: Groove, Gesang und Riffing greifen zwingender ineinander, die Songs wirken konzentriert und die gesamte Platte besitzt diesen unbedingten Zug nach vorn.
„Back to Primal Sludge“ ist ein Brecher und für mich der bisherige Höhepunkt dieser Zusammenarbeit. Grewe und Johansson haben offenbar noch reichlich Freude daran, ihre ohnehin bestens ausgestattete Todesbleiwerkstatt weiter auszubauen. Die dritte Lieferung bekommt jedenfalls einen Ehrenplatz im Regal. Ich würde vorher nur prüfen, ob dessen Traglast ausreicht.
ANSPIELTIPPS:
🔥These Blades
💀Dead Soul Consortium
🎸Seelenjäger

