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CARNATION – Symphony in Flesh (2026)

(10.511) Olaf (9,0/10) Death Metal


Label: DIY
VÖ: 16.10.2026
Stil: Death Metal






Bei der Angabe „Eigenveröffentlichung“ habe ich diesmal tatsächlich zweimal hingeschaut. CARNATION? Jene Belgier, die seit Jahren ziemlich überzeugend erklären, weshalb man im Death Metal auch ohne Neuerfindung des Rades ordentlich Strecke machen kann? Warum jetzt plötzlich DIY, was ist aus der Zusammenarbeit mit Season of Mist geworden? Die Hintergründe bleiben offen, einen Rauswurf würde ich deshalb niemandem andichten. Für die physische US-Ausgabe ist zudem Redefining Darkness beteiligt. Wurscht. Entscheidend ist, was die Herren auf „Symphony in Flesh“ veranstalten. Wer solche Riffs im Ärmel hat, muss nicht auf den Segen irgendeiner Chefetage warten.

Dabei sind CARNATION längst über den Status einer vielversprechenden Nachwuchshoffnung hinaus. 2013 von Gitarrist Jonathan Verstrepen gegründet, meldete sich die Truppe aus dem belgischen Heist-op-den-Berg zunächst mit der EP „Cemetery of the Insane“ zu Wort. Auf „Chapel of Abhorrence“ von 2018 folgten „Where Death Lies“ und 2023 „Cursed Mortality“. Eine Entwicklung, bei der aus der leidenschaftlichen Verehrung alter Todesblei-Heiligtümer zunehmend eine eigene Handschrift wurde. Gerade der Vorgänger öffnete einige zusätzliche Türen. Jetzt zieht es die Belgier wieder dorthin, wo es nach Verstärkerstaub, feuchtem Keller und schwedischem Gitarrenmassaker riecht. Da fühle ich mich als Hörer ausgesprochen gut aufgehoben.

Diese Rückbesinnung bekommt ihnen hervorragend. Die unmittelbare Angriffslust der frühen Veröffentlichungen trifft auf das gewachsene Gespür dafür, wann ein Riff wiederkehren, ein Tempowechsel sitzen und eine Passage Platz bekommen muss. Die Erfahrungen der letzten Jahre stecken hörbar in den Arrangements. CARNATION bringen ihre Ideen entschlossener auf den Punkt, halten die Spannung hoch und geben den einzelnen Nummern genug Charakter, damit nach der ersten Attacke auch etwas hängen bleibt. Alte Schule darf schließlich gern nach mehr als dem nächsten bereits bekannten Schulbuchkapitel klingen.

Und ja, diese Gitarren! Der fette HM-2-Sound fräst mit einer Selbstverständlichkeit durch das Material, als gehöre die entsprechende Betriebsgenehmigung in Belgien zur Grundausstattung jedes Proberaums. Jonathan Verstrepen und Bert Vervoort liefern reichlich Futter für Freunde der gepflegten Sägearbeit. Entscheidend ist allerdings, dass unter der Verzerrung starke Songs stecken. Die Produktion bringt deren Konturen ebenso zur Geltung wie ihre schiere Wucht. Verantwortlich für Aufnahme, Mix und Mastering ist Bassist Yarne Heylen im Project Zero Studio beziehungsweise bei Y-Productions. Der Mann weiß offenbar ziemlich genau, wie seine eigene Band drücken soll. Simon Dusons abgründiges Organ setzt dem Ganzen die passende menschliche Unfreundlichkeit auf.

Schon das frühe Doppel aus „Blackmouth“ und „Flesh-Eating Frenzy“ macht deutlich, wie wenig Interesse hier an einem vorsichtigen Kennenlernen besteht. Die Songs packen zu, und das Album hält dieses hohe Maß an Durchschlagskraft bemerkenswert konsequent. Besonders gelungen finde ich den Titeltrack, der die körperliche Härte mit einer ausgesprochen widerwärtigen Gedankenwelt verbindet: „Symphony in Flesh“ führt in den Kopf eines Serienmörders, dessen Verhältnis zum menschlichen Körper weit außerhalb jeder medizinisch vertretbaren Behandlungsmethode liegt. Diese Verbindung aus musikalischer Entschlossenheit und grotesker Bildsprache passt ausgezeichnet. Der Schrecken bekommt eine Form, die auch als Song überzeugt.

Mein persönlicher Volltreffer heißt allerdings „Kingdom of Dreams“. Was für ein Brett! Hier greifen Eingängigkeit, düstere Atmosphäre und rohe Gewalt so selbstverständlich ineinander, dass ich mit dem Begriff Death-Metal-Hit keinerlei Bauchschmerzen habe. Der Song bleibt hängen, ohne seine Zähne einzubüßen. Gleich daneben steht mit „Labyrinth of Silence“ eine ausgesprochen tiefe Verbeugung vor ENTOMBED und insbesondere „Stranger Aeons“. Da werden bei mir sämtliche zuständigen Rezeptoren wach. Die Schweden lassen deutlich grüßen, und CARNATION tragen diesen Einfluss mit genügend Überzeugung und eigener Schlagkraft vor, um daraus einen weiteren Höhepunkt zu machen. Solche Ahnenpflege darf gern häufiger stattfinden.

Hinter der blutigen Fassade beschäftigt sich die Platte außerdem mit ziemlich realen Abgründen. „Twisted Visions“ nimmt die psychische Gewalt moderner Abhängigkeiten ins Visier und erweitert damit das Spektrum über den körperlichen Horror hinaus. Der Kontrollverlust findet hier im Kopf statt. Dazu passt Peter Sallais Coveridee: Ein Künstler verletzt mit einem Geigenbogen den eigenen Körper, während seine Musik auf blutgetränktem Papier Gestalt annimmt. Die Verbindung von schöpferischer Hingabe, Selbstaufgabe und körperlicher Zerstörung ist für dieses Album ausgesprochen treffend gewählt. Bei der nächsten Diskussion über brotlose Kunst hätten CARNATION jedenfalls ein ziemlich drastisches Anschauungsmaterial zur Hand.

Mit „Legacy of the Forefathers“ gönnen sich die Belgier schließlich eine fast zwölfminütige Death-Metal-Oper. Inhaltlich geht es um das Gewicht kultureller Traditionen und die Mühe, sich aus geerbten Erwartungen und unerwünschten Verpflichtungen zu lösen. Das gibt dem ausladenden Abschluss eine interessante zusätzliche Ebene. Auch musikalisch besitzt das Stück genug Substanz, um diesen großen Auftritt zu rechtfertigen; die bereits früher gepflegte Vorliebe für ambitionierte Schlussnummern wird hier bis zum bislang weitesten Punkt getrieben. Ganz ohne Einwand komme ich trotzdem nicht durch: Für meinen Geschmack hätte etwas mehr Straffung die Wirkung noch erhöht. Stellenweise ist das schon ein sehr großzügig bemessener Nachschlag. Stark bleibt die Nummer allemal, nur wäre an dieser Stelle ein beherzter Griff zur Schere durchaus erlaubt gewesen.

CARNATION dürfen sich mit diesem Album sehr weit vorn in meiner diesjährigen Death-Metal-Auswahl einsortieren. Die Platte besitzt Persönlichkeit, ein sicheres Gespür für einprägsame Bosheiten und jene herrliche Entschlossenheit, bei der man als Hörer irgendwann einfach grinsend kapituliert. Den kleinen Anflug kompositorischer Völlerei zum Abschied verzeihe ich ihnen gern. Bei diesem Menü bestelle ich freiwillig noch einmal.

ANSPIELTIPS:
🔥Kingdom of Dreams
💀Symphony in Flesh
🎸Labyrinth of Silence


Bewertung: 9,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Blackmouth
02. Flesh-Eating Frenzy
03. Symphony in Flesh
04. Kingdom of Dreams
05. Labyrinth of Silence
06. Towards Death
07. Twisted Visions
08. Boundless Pathways
09. Legacy of the Forefathers 



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