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RATTLESNAKES – Shadows in the Night (2026)

(10.538) Olaf (10/10) Heavy Metal


Label: Listenable Records
VÖ: 30.10.2026
Stil: Heavy Metal






Ich bin schockverliebt, und meine übrige Plattensammlung muss gerade ziemlich tapfer sein. Seit drei Wochen rotiert Shadows in the Night mehrfach täglich in meinen diversen Playern: beim Sport, im Auto, am Rechner, bei der Arbeit. Irgendwo findet sich immer noch eine Gelegenheit für einen weiteren Durchlauf. Dabei bin ich bei der Frage nach dem perfekten Heavy-Metal-Album inzwischen vorsichtig geworden. Natürlich stehen da die unsterblichen Großtaten von IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST oder BLACK SABBATH im Regal. Aber heute? Wie oft bekommt man eine ordentlich nachgebaute Vergangenheit serviert und soll vor Begeisterung die Kutte verspeisen? Und dann kommen fünf rotzfreche Gören mit einem herrlich cheesigen Bandnamen, UFOs auf dem Cover und reichlich Lila um die Ecke – und ich bin erledigt.

RATTLESNAKES stammen aus Nottingham und sind erst seit 2024 am Start. Auf die im April 2025 in Eigenregie veröffentlichte EP Deeper Shades of Torment folgte bereits im Januar dieses Jahres der Vertrag bei Listenable Records. Ein ziemlich zügiger Aufstieg, den das Langspieldebüt allerdings überzeugend rechtfertigt. Bassist und Bandgründer Elliott Dryden hat hier eine Truppe um sich versammelt, deren Begeisterung für diese Musik aus jeder Ritze quillt. Vor allem aber haben die fünf Songs geschrieben, die weit über das Versprechen einer talentierten Nachwuchsband hinausgehen. Diesen Refrains ist vollkommen egal, wie lange ihre Urheber schon im Geschäft sind.

Musikalisch wurzelt das Ganze tief im britischen Stahl der frühen Achtziger, mit reichlich Speed im Tank und einem unverschämten Gespür für Melodien. Joshua Brown und George Charleston lassen ihre Gitarren zubeißen, galoppieren und singen, während Dryden und Schlagzeuger Nathan Gratton den nötigen Vorwärtsdruck liefern. Bei aller Angriffslust bleibt das Songwriting angenehm übersichtlich: Die Riffs führen irgendwohin, die Melodien haben einen Zweck, und spätestens nach zwei Durchläufen erwischt man sich beim Mitbrüllen. Genau diese Selbstverständlichkeit macht mich fertig. Was andere mit immer größeren Arrangements erzwingen wollen, bekommen RATTLESNAKES mit einem treffsicheren Refrain hin.

Und dann steht da Rowena Neale am Mikrofon. Was für eine Stimme! Dieses herrlich röhrige Organ besitzt Biss, Wärme und eine Rauheit, an der man förmlich hängen bleibt. Die Frau kann einer Gesangslinie ordentlich die Sporen geben und im nächsten Moment eine Melodie so zwingend führen, dass ich ihr bereitwillig bis zum letzten Ton folge. Bei aller Kraft bleibt ihr Vortrag beweglich; die Songs bekommen Charakter und unterschiedliche Gesichter. Vor allem klingt das nach einer Sängerin, die genau weiß, welche Geschichten sie erzählen will. Ich klebe ihr jedenfalls an den Lippen. Dass hinter ihr auch noch solche Gitarren arbeiten, macht die Sache für meine zeitweilig geplante musikalische Abwechslung ziemlich aussichtslos.

Das Titelstück und Destroyer bedienen die Freunde des beherzten Vorwärtsdrangs, ohne bei höherer Geschwindigkeit ihre melodische Schlagkraft einzubüßen. Im Fall von Shadows in the Night passt dazu die Geschichte außerirdischer Doppelgänger, die sich unter die Menschen mischen: feinster Stoff für einen nächtlichen Achtziger-Thriller zwischen Videothekenregal und leicht zerknittertem Filmplakat. Diese unbekümmerte Lust am Fantastischen steht der Band ausgezeichnet. Bei Forever tritt ihre zugänglichere, hymnische Seite stärker hervor. Und genau darin liegt eine der großen Stärken dieser Scheibe: Sie kann dich anschieben und im nächsten Moment mit einer Melodie festhalten. Der Griff zum Lautstärkeregler erfolgt in beiden Fällen in dieselbe Richtung.

Besonders schön zeigt Spellbound, dass die fünf durchaus über den Rand ihrer historischen Plattensammlung hinausgucken. Klassisch geprägte Riffs treffen auf eine rhythmisch modernere Gangart, und der Refrain sitzt wieder einmal dort, wo er hingehört: anschließend für Stunden im Kopf. Die Verbindung hat Zug und lässt dem Stück seinen eigenen Charakter. Inhaltlich geht es dabei um die zerstörerische Wirkung einer narzisstisch geprägten Beziehung. Hinter der Eingängigkeit steckt also eine unangenehme Geschichte über Abhängigkeit und Verletzung. Gerade Rowenas Stimme passt hervorragend zu diesem Spannungsfeld aus Verführung und Gegenwehr. Und dann setzt bei Where the River Meets the Sea auch noch diese herrliche Querflöte ein, bei der ich unweigerlich an JETHRO TULL denken muss. Dazu gesellt sich eine Geige im Hintergrund – eine wunderschöne Kombination, die der besungenen Sehnsucht nach einem naturverbundenen Leben einen ganz eigenen Zauber verleiht.

Überhaupt lohnt sich der Blick hinter Leder, Patronengurte und außerirdische Besucher. Breakdown beschäftigt sich mit einer psychischen Krise, dem vergeblichen Suchen nach göttlichem Beistand und dem Verlust des Glaubens bis hin zu Suizidgedanken. Die kryptische Zeile „Ending, won’t be a 1056A“ gehört in diesen beklemmenden Zusammenhang. Das ist schwerer Stoff auf einer Platte, deren musikalischer Schwung einen zunächst ganz woanders vermuten lässt. Where the River Meets the Sea öffnet wiederum eine andere Tür: Rowena verarbeitet die Sehnsucht nach Naturverbundenheit und einem Leben jenseits der Erwartungen, in die der moderne Alltag Menschen hineinpresst. Die weibliche Perspektive gibt dieser Sehnsucht etwas Persönliches. Auch hier trägt die melodischere Ausrichtung dazu bei, dass die Band zusätzliche Ausdrucksmöglichkeiten gewinnt.

Mit For Even Gods Can Die wartet am Ende zudem ein Stück, das bereits seit der EP-Phase zum Live-Repertoire gehört. Der klassische Galopp, die gemeinschaftlichen Gesangspassagen und die melodische Ausrichtung bündeln noch einmal vieles von dem, was diese Band so unwiderstehlich macht. Überhaupt hält das Album seine Spannung bis zum Schluss. Ich ertappe mich weder beim Warten auf die nächste Lieblingsnummer noch bei dem Gedanken, dass eine etwas kürzere Fassung gereicht hätte. Sobald die Scheibe durch ist, geht der Finger wieder Richtung Starttaste. Nach drei Wochen dürfte man diesen Vorgang wohl als belastbares Indiz werten.

Dazu kommt eine Produktion, die drückt wie ein Shirt in Größe S an meinem Körper. Die Gitarren haben Gewicht, der Rhythmus schiebt, und Rowenas Stimme bekommt den Platz, den sie verdient. Dieser Sound trägt die Songs mit ordentlich Nachdruck. Gleichzeitig bleibt das ganze herrliche Kopfkino erhalten: übervolle Aschenbecher, der Geschmack von Jack D., weiße Hightops unter engen Jeans. Brutal retro, ja. Aber wie lebendig das alles wirkt! RATTLESNAKES spielen diese Musik mit einer Überzeugung, die mich unmittelbar an meine eigene Begeisterung für den Metal erinnert. Hier kommt für mich tatsächlich alles zusammen.

Ich werde jetzt bestimmt keinen Antrag auf eine amtliche Definition musikalischer Perfektion stellen. Mein Alltag hat längst abgestimmt, und zwar mehrfach täglich. Shadows in the Night ist für mich schon jetzt das Heavy-Metal-Album des Jahres. Wenn diese fünf so weitermachen, müssen sich einige etablierte Namen beim nächsten Festivalplakat mit kleineren Buchstaben anfreunden. Heavy Metal in seiner reinsten Form, mit Dreck unter den Nägeln und verdammt viel Zukunft. So, und jetzt entschuldigt mich bitte: Die Platte ist gerade zu Ende.

ANSPIELTIPPS
🔥Shadows in the Night
🎸Spellbound
💀For Even Gods Can Die
🤘 Ach, das ganze verdammte Album


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Shadows in the Night
02. Forever
03. Breakdown
04. Spellbound
05. Destroyer
06. Dreamland
07. The other Side of Midnight
08. Lost nor found
09. Where the River meets the Sea
10. For even Gods can die 



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