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SAOR - Caledonia (2026)

(10.541) Olaf (10/10) Black Metal


Label: Season of Mist
VÖ: 06.11.2026
Stil: Folk Black Metal






Für Schottland nehme ich normalerweise einen Flug, einen Mietwagen und die Aussicht auf zuverlässig unzuverlässiges Wetter in Kauf. Andy Marshall bekommt das bei mir mit deutlich weniger Aufwand hin: SAOR an, Augen zu, weg bin ich. Vor mir stehen die Highlands, der Old Man of Storr, die Three Sisters; dahinter verschwimmen Lewis und Harris in Nebel und leichtem Nieselregen. Keine andere Band, kein anderer Musiker übersetzt meine Liebe zu diesem Land derart eindringlich in Musik. Dass Amidst the Ruins mein Album des Jahres 2025 war, hatte deshalb reichlich musikalische und ein paar ziemlich persönliche Gründe. Mit Caledonia führt mich Marshall nun zurück an die Ausgangspunkte dieser außergewöhnlichen Verbindung.

Seinen Anfang nahm das Projekt 2013 in Glasgow, zunächst unter dem Namen Àrsaidh, ehe daraus das erheblich leichter auszusprechende SAOR wurde. Der gälische Begriff bedeutet „frei“ und passt bestens zu einem Musiker, der atmosphärischen Black Metal, schottische Folklore und die Geschichte seiner Heimat nach eigenen Vorstellungen zusammenführt. Schon Roots, Aura und Guardians besaßen jene Mischung aus rauer Gewalt und sehnsüchtiger Weite, die mich an dieser Musik so fasziniert. Aus genau diesen drei Alben stammen die fünf Stücke, denen Marshall auf Caledonia eine erneute Behandlung zukommen lässt.

Bei Neuaufnahmen meldet sich bei mir gewöhnlich zunächst der misstrauische Teil des Musikliebhabers. Schließlich hängen an vertrauten Fassungen Erinnerungen, und ein größeres Studiobudget ersetzt noch lange keine Überzeugung. Hier ist der Ansatz allerdings nachvollziehbar: Marshall greift auf Kompositionen zurück, deren ursprüngliche Umsetzung unter begrenzten Möglichkeiten entstand und deren Arrangements sich durch jahrelange Bühnenerfahrung weiterentwickelt haben. Zusammen mit Chris Fielding, der Produktion, Mix und Mastering übernimmt, spielt er das Material vollständig neu ein. Das römische MMXXVI hinter den Titeln kennzeichnet also eine tatsächliche Bestandsaufnahme seiner heutigen musikalischen Möglichkeiten.

Entscheidend ist für mich dabei, wie selbstverständlich die verschiedenen Ausdrucksmittel ineinandergreifen. Die flirrenden Gitarren tragen diese eigentümliche Mischung aus Aufbruch und Schwermut, während Marshalls harsche Stimme den nötigen Widerstand liefert. Dazwischen öffnen sich Räume für akustische Saiten, Streicher und jene Folkmelodien, die einem unmittelbar unter die Haut kriechen. Die Musik darf wüten, ohne ihre Feinheiten zu verschlucken, und sie darf schön sein, ohne bei jedem Sonnenstrahl gleich den gesamten schottischen Fremdenverkehrsverband aufmarschieren zu lassen.

Marshall verantwortet Kompositionen, Gesang, Gitarren, Bass und Klangflächen, bekommt aber ausgesprochen passende Unterstützung. Carlos Vivas übernimmt das Schlagzeug, Àngela Moya Serrat die Violinen. Ella Zlotos erweitert das Spektrum um Gesang, Tin Whistle, Low Whistle und Uilleann Pipes. Gerade dieses Zusammenwirken macht den Reiz aus: Die Folkbestandteile prägen die emotionale Richtung der Stücke und geben den langen Gitarrenbewegungen zusätzliche Konturen. Dabei bleibt genügend Schroffheit erhalten, um auch den dunkleren Gedanken dieser Musik Gewicht zu verleihen. Schottland besteht schließlich ebenfalls aus mehr als hübschen Aussichtspunkten und einem Schaf, das dekorativ in der Landschaft herumsteht.

Bemerkenswert ist zudem, dass sämtliche Neuaufnahmen kürzer ausfallen als ihre ursprünglichen Fassungen. Marshall geht mit dem vorhandenen Material konzentrierter um, behält aber die Geduld für ausgedehnte Entwicklungen. Bei insgesamt gut 51 Minuten und fünf Stücken bleibt ohnehin ausreichend Gelegenheit, sich in diesen Landschaften zu verlieren. Die Wirkung entsteht aus dem Verhältnis von Bewegung und Beharrlichkeit: Melodien setzen sich fest, werden weitergetragen und gewinnen durch ihr Wiederkehren an Bedeutung. Diese Musik verlangt Aufmerksamkeit. Als Geräuschkulisse zwischen zwei eingehenden Nachrichten verschenkt man ziemlich viel von dem, was sie ausmacht.

Wie eng Klang und Inhalt zusammengehören, zeigen die Texte. Das in Aura MMXXVI beschriebene Wild, verborgen „Hiding in mantles of mist“, liefert praktisch die sprachliche Entsprechung zu den Bildern in meinem Kopf. Wälder, Bergflanken und nebelverhangene Täler werden dabei mit menschlicher Zugehörigkeit verbunden. Hearth MMXXVI zieht diesen Gedanken ins Persönliche: Die Wanderungen durch alte Täler und Ruinen münden in das schlichte Bekenntnis „My heart / My soul / My hearth“. Heimat bekommt hier eine sehr konkrete Bedeutung als Ort, an dem Erinnerungen, Landschaft und das eigene Selbstverständnis zusammenfinden. Dafür muss man glücklicherweise keinen schottischen Stammbaum vorlegen. Mein Berliner reicht offenbar auch.

Mit Carved in Stone MMXXVI rückt die Verbindung zwischen Landschaft und Vergangenheit stärker ins Zentrum. Sternenlicht fällt auf alte Steine, rätselhafte Zeichen werden zu Trägern überlieferten Wissens, und aus der Betrachtung entsteht ein Moment persönlicher Erkenntnis. Das passt hervorragend zu Marshalls Fähigkeit, etwas vermeintlich Unbeweglichem eine enorme innere Spannung zu geben. Die großen melodischen Bögen besitzen hier genau jene Erhabenheit, der ich mich bei SAOR nur schwer entziehen kann.

Wie viel Schmerz in dieser Verbundenheit steckt, verdeutlicht schließlich Tears of a Nation MMXXVI. Die besungene Heimat trägt Spuren von Gewalt: getötete Menschen, zerstörte Häuser und eine Gastfreundschaft, deren Orte in rauchenden Ruinen versunken sind. „The monuments of cruelty“ ist dafür ein bitteres, treffendes Bild. Dadurch erhält die gesamte Naturromantik eine notwendige Schwere. Diese Berge und Täler haben Menschen beherbergt, deren Verluste über Generationen nachwirken. Der elegische Charakter des Abschlusses bündelt diese Trauer, ohne ihre Wirkung durch übermäßige Erklärungen zu zerreden.

Caledonia zeigt eindrucksvoll, wie ergiebig die erneute Beschäftigung mit dem eigenen Werk sein kann. Marshall begegnet seinen frühen Kompositionen mit Erfahrung, Sorgfalt und einer hörbar tiefen Bindung an das, was sie ursprünglich angetrieben hat. Für mich ist das eine ausgesprochen bewegende Rückkehr zu Musik, die längst einen festen Platz in meinem Leben besitzt. Und während mein vernünftiger Teil noch über den nächsten möglichen Reisetermin nachdenkt, steht der Rest von mir bereits irgendwo in Glencoe und lässt sich freiwillig nass regnen. Hier bekommt selbst mein Fernweh Gänsehaut.


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Aura MMXXVI
02. The Awakening MMXXVI
03. Carved in Stone MMXXVI
04. Hearth MMXXVI
05. Tears of a Nation MMXXVI 



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