EXUMER – Death Mask Messiah (2026)
(10.376) Olaf (9,0/10) Thrash Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 28.08.2026
Stil: Thrash Metal
Zuerst einmal: Danke für die Coverversion! Ich liebe NASTY SAVAGE, und die 1988 veröffentlichte EP Abstract Reality halte ich bis heute für brillant. Dass EXUMER ausgerechnet Unchained Angel ausgraben, Nasty Ronnie höchstpersönlich ans Mikro stellen und damit an die gemeinsame Europatour von 1988 erinnern, ist für mich weit mehr als eine freundliche Verbeugung vor alten Zeiten. Das ist musikalische Traditionspflege mit Stahlkappe – und schon dafür möchte man den Herren anerkennend eine Palette Äppelwoi vor die Tür stellen.
Bei EXUMER führt die Zeitreise ohnehin nicht ins Museum, sondern direkt in den Maschinenraum. 1985 in Frankfurt gegründet, gehörte die Band mit dem Demo A Mortal in Black und dem ein Jahr später veröffentlichten Debüt Possessed by Fire zur frühen deutschen Thrash-Bewegung. Gerade dieses erste Album ist für mich bis heute ein oldschooliger Favorit, weil es bissig, ungestüm und herrlich gefährlich klang. Nach Rising from the Sea, langer Unterbrechung, einem einmaligen Wacken-Auftritt 2001 und der endgültigen Wiederbelebung 2008 begann mit Fire & Damnation 2012 die zweite, erstaunlich vitale Schaffensphase. The Raging Tides und Hostile Defiance bestätigten anschließend eine einfache Erkenntnis: EXUMER können nicht schlecht.
Death Mask Messiah macht daraus beinahe ein Naturgesetz. Das sechste Studioalbum wirkt deutlich aggressiver und unmittelbarer als Hostile Defiance, ohne dessen kompositorische Reife über Bord zu werfen. Die Rückkehr zu einem stärker frontal ausgerichteten Stil bedeutet nämlich keineswegs, dass nun elfmal derselbe Thrash-Hammer auf denselben Amboss fällt. Vielmehr verbinden EXUMER die ungebremste Energie ihrer Anfangsjahre mit jener Präzision, die nur eine Band besitzen kann, die ihre eigene musikalische DNA nicht erst im Proberaum zusammensuchen muss.
Besonders die verschachtelten Riffs haben es mir angetan. Ray Mensh und Marc Bräutigam bauen keine gemütlichen Geradeausstraßen, sondern Kreuzungen ohne Ampel, Kreisverkehre mit Stacheldraht und gelegentlich eine Sackgasse, aus der man nur rückwärts headbangend wieder herauskommt. Trotzdem verlieren die Songs nie ihren natürlichen Fluss. Genau hier rückt das Album erstaunlich nah an Possessed by Fire heran: nicht durch einen künstlich gealterten Sound, sondern durch diese spezielle Mischung aus Nervosität, Angriffslust und rifftechnischer Unberechenbarkeit. Die Gitarren springen, haken, schneiden und wechseln die Richtung, bevor man den ersten Nackenwirbel überhaupt beim Namen nennen konnte.
Der Titelsong Death Mask Messiah eröffnet entsprechend ohne diplomatische Vorwarnung. Das Stück bündelt die musikalische und inhaltliche Marschrichtung: hart, fokussiert und mit einem Refrain versehen, der sich trotz aller Brutalität erstaunlich schnell festsetzt. Auch im weiteren Verlauf findet das Album eine starke Balance zwischen kontrollierter Raserei, rhythmischen Brechungen und ausreichend Groove, um nicht zur bloßen Hochgeschwindigkeitsübung zu verkommen. EXUMER musizieren technisch anspruchsvoll, ohne jedem Takt eine Bedienungsanleitung beizulegen. Das ist Thrash Metal und keine Mathematikprüfung mit Patronengurt.
Einen erheblichen Anteil an dieser Wucht besitzt die neue Rhythmusabteilung. Alex Voss legt am Bass ein druckvolles Fundament, doch Jerome Reil trommelt sich unüberhörbar in den Vordergrund. Natürlich wird Ventors Sohn den Vergleich mit seinem Vater vermutlich niemals vollständig loswerden. Auf Death Mask Messiah benötigt er den berühmten Familiennamen allerdings nicht als Eintrittskarte. Jerome steht seinem Papa in nichts nach – im Gegenteil. Er spielt präzise, kraftvoll und mit einem herrlichen Gespür dafür, wann ein Song zusätzlichen Schub braucht und wann ein kurzer rhythmischer Widerhaken größere Wirkung erzielt als stumpfes Dauerfeuer. Hier sitzt kein Praktikant aus dem Hause Reil am Schlagzeug, sondern ein großartiger Drummer mit eigener Handschrift.
Ebenso mächtig fällt die Produktion aus. Dominic Paraskevopoulos hat das Album fett und körperlich eingefangen, während Arthur Rizk beim Mix und Mastering dafür sorgt, dass die Wucht nicht in einer undurchsichtigen Klangwand erstickt. Gitarren, Bass und Schlagzeug stehen breit im Raum, behalten aber ihre Konturen. Vor allem Mem V. Steins Stimme klingt kristallklar und stark akzentuiert. Jede Silbe besitzt Gewicht, jeder Ausbruch bleibt verständlich, und dennoch verliert der Gesang nichts von seiner Schärfe. Mem klingt weder wie eine künstliche Kopie seines jüngeren Ichs noch wie ein Veteran, der verzweifelt gegen die eigene Vergangenheit anschreit. Seine Stimme ist gereift, kräftiger modelliert und perfekt auf das heutige Klangbild der Band zugeschnitten.
Die Entstehung des Albums zog sich von den ersten Songwriting-Phasen 2021 bis zu den Aufnahmen zwischen Dezember 2025 und Januar 2026. Diese lange Reifezeit hört man dem Material an, allerdings nicht in Form überladener Konstruktionen. Vielmehr wirkt alles sorgfältig verzahnt. Die erste Hälfte schlägt bereits kräftig ein, doch nach hinten heraus wird Death Mask Messiah für mich immer stärker. Mit Serpent und Fratricide zieht sich die Schlinge weiter zu, bevor mein persönlicher Favorit Scorcher endgültig den Verschlussdeckel vom Thrash-Kessel sprengt. Der Song ist obergeil: ein kompakter, bissiger Höhepunkt, der noch einmal alles zusammenführt, was dieses Album auszeichnet – Tempo, Druck, scharfkantiges Riffing und jene unbekümmerte Angriffslust, die vielen jüngeren Bands inzwischen bei der dritten Produktionsbesprechung abhandengekommen ist.
Inhaltlich beschäftigt sich Mem mit Manipulation, politischen Glaubenskriegen, gesellschaftlicher Spaltung und der gefährlichen Sehnsucht nach vermeintlichen Erlösern. Der Titel greift den texanischen Waco-Komplex und David Koresh als falschen Propheten auf, erweitert dieses Bild aber zu einer grundsätzlichen Betrachtung über Machtmenschen, die ihren Anhängern einfache Wahrheiten verkaufen und sie damit sehenden Auges ins Verderben führen. Die Parallelen zur amerikanischen Politik der vergangenen Jahre, zur Pandemie, zu Black Lives Matter und zur gezielten Verbreitung von Fehlinformationen werden nicht als zusammenhanglose Schlagworte verteilt. Im Mittelpunkt stehen die Mechanismen, mit denen Angst instrumentalisiert und gesellschaftliche Trennung verschärft wird.
Fratricide richtet den Blick auf kulturelle Grabenkämpfe, in denen Menschen einander wegen politischer Zugehörigkeit oder identitärer Positionen nicht mehr als Gegenüber, sondern als Feinde betrachten. Brüdermord ist hier weniger wörtlich als gesellschaftlich gemeint: Eine Gemeinschaft zerlegt sich selbst und jubelt dabei über jeden weiteren Riss. Dabei verfällt das Album nicht in völligen Zynismus. Hinter all der Wut steckt der Wunsch nach Solidarität und danach, Menschen in persönlichen wie gesellschaftlichen Krisen nicht allein zu lassen. Das verleiht der Platte eine inhaltliche Tiefe, die weit über das übliche Feuer-Tod-Zerstörung-Dreigestirn hinausgeht.
Zum Abschluss schließt sich mit Unchained Angel der Kreis. EXUMER versuchen gar nicht erst, den eigenwilligen Wahnsinn von NASTY SAVAGE zu glätten. Stattdessen wird der Song in den eigenen Klang überführt, während Nasty Ronnie dafür sorgt, dass die ursprüngliche Persönlichkeit erhalten bleibt. Die Nummer wirkt dadurch weder wie ein angeklebter Bonus noch wie eine pflichtschuldige Achtziger-Verbeugung, sondern wie ein kräftiger Handschlag zwischen zwei Bands, deren gemeinsame Geschichte fast vier Jahrzehnte zurückreicht.
Death Mask Messiah ist ein Hammeralbum. EXUMER klingen hungrig, entschlossen und so geschlossen, als hätten sie den Begriff Alterswerk vorsorglich aus dem Wörterbuch geprügelt. Die Produktion drückt, Mem liefert eine überragende Gesangsleistung, Jerome Reil trommelt sich mit Nachdruck aus jedem väterlichen Schatten, und die Gitarrenarbeit verbindet oldschoolige Angriffslust mit anspruchsvoller Architektur. Wer behauptet, Thrash Metal müsse im Jahr 2026 entweder nostalgisch oder modern klingen, bekommt hier elf ziemlich überzeugende Gegenargumente um die Ohren gehauen.
ANSPIELTIPS:
💀Death Mask Messiah
🔥Scorcher
⛓️Unchained Angel
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Death Mask Messiah
02. Blinding Skies
03. Sin Bleeder
04. Eradication
05. Ravishing Waste
06. Allocated Savagery
07. Serpent
08. Fratricide
09. Scorcher
10. Frozen Ground
11. Unchaines Angel (Nasty Savage)

