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PSYCROPTIC – The Pulse of Annihilation (2026)

(10.350) Olaf (9,3/10) Tech Death Metal


Label: Metal Blade
VÖ: 17.07.2026
Stil: Technical Death Metal






Bei technischem Death Metal stand ich früher gelegentlich vor demselben Problem wie im Mathematikunterricht: Ich wusste, dass dort gerade etwas Beeindruckendes passierte, konnte aber beim besten Willen nicht erklären, was genau. Auch PSYCROPTIC gehörten zeitweise zu jenen Bands, deren handwerkliche Brillanz ich ehrfürchtig bestaunte, während mein Gehirn bereits nach dem dritten Takt mit einem weißen Taschentuch wedelte. Zu viele Haken, zu viele rhythmische Verschiebungen, zu viele Riffs, die verschwanden, bevor man überhaupt begriffen hatte, dass sie da waren. The Pulse of Annihilation beseitigt dieses Problem nahezu vollständig. Das Album ist technisch weiterhin eine höhere Form der kontrollierten Körperverletzung, besitzt aber plötzlich Leitplanken, Haltegriffe und jede Menge Momente, bei denen man nicht nur staunt, sondern kräftig mitmachen kann.

Seit ihrer Gründung 1999 in Hobart auf Tasmanien haben sich PSYCROPTIC konsequent vom technisch versierten Underground-Berserker zu einer der markantesten Größen des modernen Tech Death entwickelt. Das Fundament bilden nach wie vor die Brüder Joe und Dave Haley, deren musikalisches Zusammenspiel inzwischen eine Präzision erreicht hat, bei der normale Menschen vermutlich einen Wartungsvertrag benötigen würden. Alben wie The Scepter of the Ancients, Ob(Servant), das für mich bis heute überragende The Inherited Repression oder zuletzt Divine Council dokumentierten dabei keine wilden Richtungswechsel, sondern eine stetige Verfeinerung des eigenen Stils. Mit The Pulse of Annihilation, dem ersten vollständigen Album für Metal Blade Records, bringen die Tasmanier diese Entwicklung nun auf einen vorläufigen Höhepunkt.

Joe Haley hat die neun Stücke nicht einfach mit möglichst vielen Noten vollgestopft, sondern ihnen eine erstaunlich klare Architektur gegeben. Seine Riffs sind brillant, scharfkantig und oft derart thrashig, dass auch jedem Thrash-Fan das Herz aufgehen dürfte. Immer wieder blitzen messerscharfe Anschläge, galoppierende Passagen und bissige Rhythmusfiguren auf, die weniger nach musikalischer Mathematik und mehr nach einem Moshpit mit Abitur klingen. Gerade Gathering a Venomous Herd vereint diesen Ansatz nahezu perfekt: technisch anspruchsvoll, herrlich federnd und dennoch sofort körperlich spürbar. Das Stück ist ein einziges Riffmassaker, besitzt aber genügend Groove, damit der Nacken nicht erst eine Gebrauchsanweisung studieren muss.

Überhaupt haben PSYCROPTIC inzwischen verstanden, dass technische Finesse nicht automatisch bedeuten muss, dem Hörer alle drei Sekunden den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Die Übergänge wirken flüssiger, die Motive nachvollziehbarer und das gesamte Songwriting wesentlich organischer. Früher hatte ich manchmal das Problem, der Mucke nicht folgen zu können. Hier ist das ganz anders. Die kleinen, rasenden tasmanischen Teufel drehen noch immer völlig frei, doch diesmal versteht man sie ausgezeichnet und kann jederzeit kräftig mitmachen. Das ist vermutlich die größte Stärke dieses Albums: Es fordert, ohne sich vorsätzlich zu verknoten.

Dabei wurde keineswegs an Brutalität eingespart. Dave Haley spielt seine Drums trocken wie ein Furz in der Wüste und mit jener chirurgischen Präzision, die seit jeher zu den wichtigsten Erkennungsmerkmalen der Band gehört. Seine Blastbeats rasieren die Oberfläche ab, während die Doublebass unter dem Material rotiert wie ein schlecht gelaunter Industriemotor. Trotzdem wirkt sein Spiel niemals steril. Kleine Akzente, abrupte Stopps und geschickt platzierte Wechsel sorgen dafür, dass hier nicht bloß Geschwindigkeit protokolliert wird. Gerade wenn die Band plötzlich Tempo herausnimmt, entstehen einige der schwersten Momente des Albums. Diese kurzen Verschnaufpausen sind keine Erholung, sondern das bedrohliche Einatmen, bevor einem der nächste Riffblock auf die Schädeldecke fällt.

Todd Sterns Bass bildet dazu nicht bloß eine unauffällige Unterfütterung, sondern verleiht den Stücken zusätzlichen Druck und jene charakteristische Sprungkraft, die selbst in den kompliziertesten Passagen erhalten bleibt. Die Produktion, erneut von Joe Haley in seinen Crawlspace Productions betreut, ist mächtig, aber jederzeit differenziert. Gitarre, Bass und Schlagzeug stehen klar voneinander getrennt im Raum, ohne dass die Musik dadurch ihre Wucht verliert. Jeder Anschlag ist hörbar, jede rhythmische Gemeinheit bekommt ihren Platz, und trotzdem klingt das Ergebnis nicht nach einer klinischen Demonstration im Musiklabor. Fett produziert, brutal im Druck und dennoch transparent – genau so muss ein Album klingen, auf dem permanent mehr passiert als bei anderen Bands während einer kompletten Karriere.

Auch die beiden Jasons gehen in diesem Klangbild nicht unter. Frontmann Jason Peppiatt artikuliert erstaunlich klar und setzt seine Stimme gezielter ein als je zuvor, während Jason Keyser von ORIGIN die bereits auf Divine Council etablierte doppelte Attacke ergänzt. Die beiden Stimmen erzeugen unterschiedliche Schattierungen, bleiben aber eng mit den rhythmischen Bewegungen der Instrumente verzahnt. Selbst in den dichtesten Momenten klebt der Gesang nicht als undefinierbares Gebrüll über der Musik, sondern bekommt Kontur, Schärfe und Gewicht. Das trägt erheblich dazu bei, dass The Pulse of Annihilation trotz aller technischen Eskalation so unmittelbar funktioniert.

Mit Our Pillars Fall liefern PSYCROPTIC dann beinahe eine Tech-Death-Oper vom Feinsten. Der Song denkt größer, breiter und dramatischer, ohne den roten Faden zu verlieren. Die Band öffnet ihre sonst so eng verzahnten Konstruktionen, lässt Atmosphäre zu und erzeugt einen Spannungsbogen, der weit über bloßes instrumentales Muskelspiel hinausgeht. Hier zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie souverän Joe Haley mittlerweile mit Dynamik und Raum arbeitet. Nicht jede Lücke muss mit einem weiteren Riff zugemauert werden; manchmal wirkt ein kurzer Stillstand eben brutaler als 30 zusätzliche Noten.

Auch Ashes of a New Dawn nutzt diese Kontraste hervorragend. Aus einem zähflüssigen, beinahe schmelzenden Beginn entwickelt sich ein wilder Fluchtversuch, bei dem die Band förmlich sämtliche Türen aus den Angeln reißt. No Blade of Grass wiederum verbindet kontrollierte Raserei mit dieser neuen, enorm griffigen Geradlinigkeit. An solchen Stellen wird deutlich, dass PSYCROPTIC ihre Vergangenheit nicht abgestreift, sondern sinnvoll gebündelt haben. Die unberechenbare Technik der frühen Jahre, der Groove späterer Veröffentlichungen, die thrashige Riffkante und das zunehmend epische Songwriting greifen endlich vollkommen ineinander. Allein diese Beispiele zeigen die enorme Bandbreite dieses brillanten Albums.

Die düstere Gestaltung von Belial Necroarts passt hervorragend zu diesem kontrollierten Zusammenbruch. Das Artwork vermittelt Spannung, Verfall und eine bedrohliche Endgültigkeit, ohne sich in üblichen Genre-Klischees zu verlieren. Es sieht so aus, wie das Album klingt: detailreich, finster und kurz davor, dem Betrachter etwas ausgesprochen Unangenehmes anzutun.

Ist The Pulse of Annihilation damit das beste Album der Bandgeschichte? Vielleicht nicht ganz. The Inherited Repression liegt für mich noch einen winzigen Tick davor, vermutlich auch deshalb, weil dieses Album über die Jahre einen nahezu unantastbaren Status erreicht hat. Doch viel Luft passt zwischen beide Werke nicht. Das neue Album ist zugänglicher, ohne gefällig zu werden, technischer Irrsinn mit nachvollziehbaren Strukturen und ein gewaltiges Riffgewitter, das nicht nur Musiker mit Taschenrechner begeistert. PSYCROPTIC klingen hier hungrig, präzise und erstaunlich frisch – als hätten sie nach mehr als einem Vierteljahrhundert nicht altersmilde Vernunft, sondern lediglich noch bessere Zielvorrichtungen entwickelt.

ANSPIELTIPS:
🔥Gathering a Venomous Herd
🏛️Our Pillars Fall
⚔️No Blade of Grass


Bewertung: 9,3 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Ashes of a new Dawn
02. Gathering a venomous Herd
03. A Sword of me
04. No Time for the Weak
05. Our Pillars fall
06. Annihilation Pulse
07. No Blade of Grass
08. To embrace this Curse
09. Forging the Crown 



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