TEMPLE OF DREAD – Dreadspawn Dominion (2026)
(10.368) Olaf (9,6/10) Death Metal
Label: Testimony Records
VÖ: 07.08.2026
Stil: Death Metal
Die haben doch einen Knall. Sechs Alben in neun Jahren Bandgeschichte – da lösen sich andere Bands auf, reformieren sich mit großem Tamtam und bringen trotzdem nur eine einzige Platte zustande. Aber die Winter auf Spiekeroog sind offenbar lang, dunkel und derart inspirationsfördernd, dass Markus Bünnemeyer seine Riffs vermutlich schon beim Brötchenholen aus dem Ärmel schüttelt.
Seit der Gründung 2017 arbeiten sich TEMPLE OF DREAD mit einer Geschwindigkeit durch die Death-Metal-Landschaft, bei der selbst gut organisierte Fließbandarbeiter nervös auf die Stoppuhr schauen. Nach Blood Craving Mantras, World Sacrifice, Hades Unleashed, Beyond Acheron und God of the Godless steht nun Dreadspawn Dominion vor der Tür – und für mich ist es das bislang beste Album der Ostfriesen.
Das einleitende Wings of Immortality öffnet zunächst die Tore zu einer finsteren, beinahe filmisch inszenierten Welt, bevor der Titeltrack mit der Ramme voraus durchmarschiert. Schon hier wird deutlich, dass TEMPLE OF DREAD ihre Old-School-Wurzeln keineswegs aus dem Boden reißen, den knorrigen Baum darüber aber inzwischen erheblich breiter wachsen lassen.
Die Riffs sind scharf, die Rhythmik sitzt wie ein gut gezielter Axthieb, und Jens Finger klingt, als hätte er beim Frühstück versehentlich einen Ziegelstein verschluckt und beschlossen, ihn einfach im Hals zu behalten. Dennoch besteht die Musik nicht aus stumpfer Dauerprügelei. Hinter der offensichtlichen Brutalität stecken präzise Arrangements, überraschende Wendungen und immer wieder diese dunklen, beinahe majestätischen Momente, die bereits auf den beiden Vorgängern stärker hervorgetreten waren.
Insgesamt ist das Material verdammt abwechslungsreich. Rasende Attacken, tonnenschwere Grooves, schleppende Passagen, melodische Widerhaken und kurze atmosphärische Verschiebungen greifen ineinander, ohne dass das Album jemals zerfasert wirkt. Born to Rot und Death March tragen den Verfall schon im Namen, marschieren musikalisch jedoch keineswegs im gleichen Tempo zur Hinrichtung. Während an einer Stelle die Klingen rotieren, öffnet sich wenige Augenblicke später ein Abgrund, aus dem die Gitarren deutlich langsamer, dafür umso bedrohlicher emporsteigen. TEMPLE OF DREAD verstehen mittlerweile ausgezeichnet, dass Geschwindigkeit nur dann wirklich vernichtend wirkt, wenn man ihr zwischendurch ausreichend Gewicht entgegensetzt.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die erweiterte Besetzung. Aus dem früheren Trio ist mit dem zweiten Gitarristen Daniel Maurer und Bassist Andi Bauer ein Quintett geworden. Dadurch besitzt Dreadspawn Dominion spürbar mehr körperliche Wucht. Die zweite Gitarre verdichtet das Klangbild, erweitert die harmonischen Möglichkeiten und setzt zusätzliche Akzente, während der Bass dem Fundament jene Masse verleiht, die man nicht nur hört, sondern im Idealfall auch in den Kniescheiben spürt. Besonders interessant ist Hybrid Horde Eternal, der erste vollständig von Jens Finger geschriebene Song der Band. Er enthält sämtliche bekannten Trademarks, lässt aber verstärkt Doom-Elemente durch die Ritzen kriechen. Das Ergebnis klingt vertraut und zugleich frisch genug, um zu zeigen, dass die neue Besetzung nicht lediglich für vollere Pressefotos engagiert wurde.
Auch Blood Pyre und Scorched by Cosmic Fire verdeutlichen, wie geschickt TEMPLE OF DREAD inzwischen Härte mit Atmosphäre verbinden. Das Album besitzt eine beinahe kosmische Schwärze, ohne plötzlich in sphärisches Klangtapetenwesen abzudriften. Hier schwebt niemand schwerelos durchs All – hier wird man von einem brennenden Meteoriten direkt in den Hades geprügelt. Die filmischen Elemente bleiben stets Teil der Songs und dienen nicht als pompöse Dekoration. Genau deshalb entfalten sie Wirkung: Sie vergrößern die Bühne, ohne den Death Metal aus dem Mittelpunkt zu drängen.
Jörg Uken hat Dreadspawn Dominion in seinem Soundlodge Tonstudio erneut selbst produziert und dabei ein ausgesprochen glückliches Händchen bewiesen. Die Gitarren schneiden, ohne unangenehm zu sägen, das Schlagzeug besitzt enormen Druck und dennoch ausreichend Natürlichkeit, während Jens Fingers Stimme präsent über dem Geschehen thront, ohne den übrigen Instrumenten die Luft abzuwürgen. Besonders stark ist die Transparenz des Gesamtklangs. Trotz der zusätzlichen Gitarre und der dichter gewordenen Arrangements bleibt jedes Detail nachvollziehbar. Nichts wirkt klinisch, nichts künstlich aufgeblasen. Die Produktion ist modern genug, um die ganze Gewalt zu transportieren, aber rau genug, um den Geruch von Metall, Schweiß und leicht angekokeltem Unterweltspersonal nicht zu überdecken.
Inhaltlich bleiben TEMPLE OF DREAD der Antike und ihren ausgesprochen nachtragenden Gestalten treu. Frank „Doc“ Albers führt die Auseinandersetzung zwischen Charon, dem Fährmann über den Styx, und Hades weiter. Dabei dient die griechische Mythologie nicht als austauschbare Fantasykulisse, sondern als zusammenhängende Welt, in der Herrschaft, Tod, religiöser Fanatismus und ewige Verdammnis miteinander ringen. Bereits die Abfolge von Titeln wie Dreadspawn Dominion, Blood Pyre, Rites of Blasphemy, Artisan of Oblivion und Infernal Eternity liest sich wie das Inhaltsverzeichnis einer äußerst unfreundlichen Reisebeschreibung. Paolo Girardis erneut beeindruckendes Artwork bringt diese eisige Unterweltsatmosphäre mit seinen geflügelten Kreaturen, den geisterhaften Gestalten und der zentralen Todesfigur perfekt auf den Punkt.
Rites of Blasphemy ist mit nicht einmal drei Minuten einer der kompaktesten Angriffe der Platte. Wer darin eine TEMPLE OF DREAD-Ballade erkennt, hält vermutlich auch einen Vorschlaghammer für ein Massagegerät. Der Song ist kurz, direkt und besitzt trotzdem genügend Widerhaken, um sich dauerhaft im Schädel festzusetzen. Das abschließende Infernal Eternity nimmt sich dagegen fast sechs Minuten Zeit, bündelt noch einmal die finsteren, schweren und atmosphärischen Seiten des Albums und beendet die Reise nicht mit einem gemütlichen Sonnenuntergang, sondern mit dem dauerhaften Erlöschen sämtlicher Himmelskörper. So muss ein Schlussstück heißen, klingen und nachwirken.
Bei aller technischen Präzision bleibt Dreadspawn Dominion erstaunlich lebendig. Man hört keine Musiker, die lediglich demonstrieren möchten, wie kompliziert sie ihre Instrumente bedienen können. Man hört eine Band, die ihre Fähigkeiten konsequent in den Dienst der Songs stellt. Die Übergänge sind durchdacht, die melodischen Details sitzen an den richtigen Stellen, und selbst nach mehreren Durchläufen tauchen kleine Feinheiten auf, die zuvor unter der ersten Druckwelle verborgen lagen. Gleichzeitig funktioniert die Platte unmittelbar: Kopf aus, Nacken freimachen, Nachbarn vorsorglich entschuldigen. Ein Killeralbum, was allerdings auch daran liegt, dass TEMPLE OF DREAD offenbar gar nicht schlecht können.
Im Übrigen ist es ein perfekter perfider Plan, das Album am 7. August und damit exakt einen Tag vor der Livepremiere beim Party.San zu veröffentlichen. Erst wird das heimische Wohnzimmer verwüstet, anschließend darf am Samstag in Schlotheim geprüft werden, ob die Stücke auf der Bühne ebenso vernichtend einschlagen. Nachtijall, ick hör dir trapsen … Da versucht jemand ganz offensichtlich, sich ohne Vorwarnung in die persönliche Festival-Tageswertung zu prügeln.
Dreadspawn Dominion ist kein bloßes weiteres Kapitel einer ohnehin beeindruckenden Diskografie, sondern der Punkt, an dem sämtliche Stärken der Band zusammenfinden: die Raserei der frühen Werke, die zunehmend düstere Atmosphäre der letzten Alben, ein variableres Songwriting und die zusätzliche Wucht der neuen Besetzung. TEMPLE OF DREAD liefern ihr bislang geschlossenstes, mächtigstes und nachhaltigste Werk ab. Wer bei dieser Platte nicht wenigstens einmal unkontrolliert den Kopf bewegt, sollte überprüfen lassen, ob er womöglich bereits vom Fährmann abgeholt wurde.
ANSPIELTIPS:
🔥Dreadspawn Dominion
💀Hybrid Horde Eternal
🌌Infernal Eternity
Bewertung: 9,6 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Wings of Immortality (Intro)
02. Dreadspawn Dominion
03. Born to rot
04. Hybrid Horde eternal
05. Death March
06. Blood Pyre
07. Scorched by cosmic Fire
08. Rotes of Blasphemy
09. Artisan of Oblivion
10. Infernal Eternity

