NEPTUNIAN MAXIMALISM - Nāgabhūtaṃ (2026)
(10.365) Olaf (keine) Jazz
Label: I, Voidhanger Records
VÖ: 07.08.2026
Stil: Extreme Metal
Ich habe während der ersten Minuten mehrfach kontrolliert, ob im Promoordner versehentlich die falsche Datei gelandet ist. Nicht weil Nāgabhūtaṃ schlecht klänge, sondern weil ich auf eine Metalband wartete, die offenbar noch hinter der Bühne mit einer störrischen Kobra verhandelte. Statt Riffs, Druck und songähnlicher Strukturen bekam ich Saxofon, rituelle Trommeln, Windgong und psychedelische Schwaden serviert. Man erwartet instinktiv, dass gleich Baghira um die Ecke kommt und mit Balu einen Ausdruckstanz aufführt. Das ist durchaus spannend. Die entscheidende Frage bleibt: Was ist das? Und vor allem: Warum landet es bei uns?
NEPTUNIAN MAXIMALISM stammen aus Brüssel und wurden 2018 von Multiinstrumentalist Guillaume Cazalet und Saxofonist Jean Jacques Duerinckx gegründet. Gemeinsam mit den Schlagzeugern Sébastien Schmit und Pierre Arese entstand ein Quartett, das Drone, Psychedelic, spirituellen Free Jazz, Improvisation und gelegentliche Doom-Schwere miteinander verband. In wechselnden „Arkestra“-Besetzungen wuchs daraus ein experimentelles Kollektiv, das sich auch konzeptionell nicht mit Kleinkram aufhält. Das Ende des Anthropozäns und eine zukünftige Herrschaft intelligenter Elefanten gehören schließlich nicht zum üblichen Repertoire einer Feierabendkapelle. Normal kann halt jeder…
Nach The Conference Of The Stars von 2018 folgte 2020 das über zweistündige Dreifachwerk Éons, der zentrale Findling in der Diskografie. Solar Drone Ceremony, Set Chaos To The Heart Of The Moon und Finis Gloriae Mundi führten den kosmischen Ritualbetrieb weiter. Auf Le Sacre Du Soleil Invaincu beschäftigte sich das Kollektiv 2025 intensiv mit indischer Raga-Musik, verstärkten Drones und der Akustik eines Londoner Kirchenraums. NEPTUNIAN MAXIMALISM schreiben eben keine Songs, die man nach zweimaligem Hören beim Abwasch mitsingt. Sie errichten Klangräume und überlassen es dem Publikum, darin zu meditieren, zu flüchten oder vorsichtshalber den Notausgang zu suchen.
Nāgabhūtaṃ dokumentiert einen vollständig improvisierten Auftritt vom 9. April 2025 im Brüsseler Le Botanique. Dafür wurde die Quartettidee aus der Éons-Zeit wiederbelebt, allerdings ersetzte Dirk Wachtelaer den ursprünglichen zweiten Schlagzeuger Pierre Arese. Neben Wachtelaers Drums und Windgong standen Sébastien Schmit am Schlagzeug, Jean Jacques Duerinckx an Bariton- und Sopraninosaxofon sowie Guillaume Cazalet an Baritongitarre, Otamatone und Mikrofon. Die 42 Minuten und 15 Sekunden wurden nachträglich in elf Abschnitte unterteilt, sind aber als ein zusammenhängender Organismus zu verstehen, dem man bei der Häutung zuhört.
Der Titel stammt aus dem Sanskrit. Nāga bedeutet Schlange, bezeichnet im hinduistischen und buddhistischen Kulturraum aber vor allem übernatürliche Schlangenwesen, die mit Wasser, Unterwelt, verborgenen Schätzen und spiritueller Macht verbunden werden. Bhūta geht auf das Verb bhū, also „sein“ oder „werden“, zurück. Nāgabhūtaṃ bedeutet folglich „zur Schlange geworden“, „in einen Nāga verwandelt“ oder freier „der zum Schlangenwesen Gewordene“. Gemeint ist eine symbolische Mutation, angeregt durch Daniele Valerianis gleichnamiges Gemälde, das auch als Artwork verwendet wird.
Die elf Abschnitte tragen gemeinsam den Satz Devānāṃ madhye nāgabhūtaṃ dṛṣṭvā te bibhyati. Flüssig übersetzt bedeutet er: „Unter den Göttern fürchten sie sich beim Anblick dessen, der zur Schlange geworden ist.“ Die oft verkürzt auftauchende Form Devānāṃ madhye nāgabhūtaṃ dṛṣṭvā heißt sinngemäß lediglich: „Nachdem sie unter den Göttern den zur Schlange Gewordenen gesehen haben …“ Erst te bibhyati liefert die Reaktion: Sie fürchten sich. Oder weniger akademisch formuliert: Die göttliche Gesellschaft bekommt kollektiv feuchte Sandalen.
Das Konzept einer göttlichen Gestalt, die sich verwandelt und anschließend selbst ihresgleichen erschreckt, ist faszinierend. Musikalisch wird diese Metamorphose durch eine frei fließende Improvisation dargestellt. Klassische Songtexte gibt es nicht. Cazalets Stimme dient mit Rufen, Lauten und Beschwörungen als zusätzliches Instrument, nicht als Transportmittel für Strophen oder eine erzählte Handlung. Wer hier konkrete Lyrics herauslesen möchte, findet vermutlich auch die Lottozahlen in den Windungen einer Gartenschlange.
Trotzdem wartet man ständig darauf, dass endlich etwas passiert. Natürlich verändert sich die Musik, verdichtet sich und bricht gelegentlich aus. Was fehlt, sind Riffs, wiederkehrende Motive, nachvollziehbare Spannungsbögen oder jener Moment, in dem das Werk plötzlich zubeißt. Nach zwanzig Minuten steht man gefühlt noch immer im selben psychedelischen Urwald – nur wurde inzwischen die Beleuchtung gewechselt und dem Saxofon ein stärkerer Kaffee gereicht.
Das ist Jazz, genauer gesagt Free Jazz mit ritueller Improvisation, Drone, Psychedelia und experimenteller Klangkunst. Metal ist Nāgabhūtaṃ hingegen kaum. Eine Baritongitarre, chthonische Kräfte und ein paar bedrohliche Rufe reichen dafür nicht aus. Schwere ist schließlich kein exklusives Metalmerkmal. Auch eine Waschmaschine im Schleudergang kann enorm schwer klingen, ohne deshalb beim Party.San auftreten zu müssen. Interessant? Zweifellos. Metal? Nicht einmal mit sehr viel gutem Willen.
Ein Schmunzler steckt außerdem in der Nummerierung. Die Abschnitte reichen von XI bis XXI, wobei 14 und 19 als XIIII und XVIIII statt XIV und XIX erscheinen. Historisch ist diese additive Schreibweise tatsächlich belegt und somit nicht grundsätzlich falsch. Vielleicht ist sie bewusst archaisch gewählt. Vielleicht wollen uns NEPTUNIAN MAXIMALISM aber auch ein X für ein U vormachen. Bei einem Album mit Sanskrit, Schlangengöttern, schwarzer Magie und Otamatone möchte ich jedenfalls keine völlige Absichtslosigkeit unterstellen.
Genau deshalb kann ich Nāgabhūtaṃ nicht verreißen. Die Platte scheitert nicht als Metalalbum, sondern ist schlicht keines. Innerhalb experimenteller Jazz-, Drone- und Improvisationskreise dürfte dieses konsequent umgesetzte Klangritual durchaus sein Publikum finden. Die Musiker reagieren aufmerksam aufeinander und erschaffen eine eigenwillige Atmosphäre. Mir fehlen jedoch der metallische Biss und die kompositorische Entwicklung, um über 42 Minuten bei der Stange zu bleiben. Wer Free Jazz, spirituelle Drones und freie Improvisationen liebt, darf sich gerne von dieser Schlange umwickeln lassen. Ich bleibe respektvoll am Rand stehen und warte darauf, dass Balu endlich seinen Einsatz bekommt.
Bewertung: keine
TRACKLIST
01. XI
02. XII
03. XIII
04. XIIII
05. XV
06. XVI
07. XVII
08. XVIII
09. XVIIII
10. XX
11. XXI

