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LEFT TO DIE – Initium mortis (2026)

(10.358) Olaf (9,0/10) Death Metal


Label: Relapse Records
VÖ: 17.07.2026
Stil: Death Metal







Bei Matt Harvey bin ich ohnehin nicht neutral. Der Mann ist für mich ein Gott des Death Metals, ganz gleich, ob er mit EXHUMED Leichenteile sortiert, bei GRUESOME den Geist der frühen DEATH beschwört oder mit irgendeinem anderen Projekt die Kanalisation zum Überlaufen bringt. Dass ausgerechnet er nun gemeinsam mit Rick Rozz, Terry Butler und Gus Rios die tiefsten Kellergewölbe der MANTAS- und DEATH-Geschichte ausräumt, ist deshalb keine gewöhnliche Veröffentlichung, sondern eine archäologische Grabung mit Kettensäge. Und das Ergebnis ist schlicht obergeil.

Die Entstehung von LEFT TO DIE klingt fast so spontan wie eine nächtliche Bestellung beim Leichenbestatter. Nachdem Matt Harvey und Gus Rios zusammen mit Terry Butler und James Murphy bei einer Chuck-Schuldiner-Gedenkveranstaltung Spiritual Healing komplett gespielt hatten, kam Rick Rozz auf die Idee, etwas Ähnliches mit Leprosy zu versuchen. Innerhalb von ungefähr drei Monaten stand eine komplette US-Tournee, später ging es durch Europa, Lateinamerika, Australien und Asien. Offenbar bestand tatsächlich ein gewisser Bedarf an früher DEATH-Geschichte – wer hätte das gedacht? Vermutlich jeder Mensch mit funktionierenden Ohren und einem T-Shirt, dessen Aufdruck nach dem dritten Waschgang nicht mehr lesbar ist.

Gus Rios beantwortete Rozz’ Anfrage sinngemäß mit Bären, Scheiße und Wäldern, was im englischen Sprachraum einer besonders enthusiastischen Zustimmung entspricht. Matt Harvey und Terry Butler kamen hinzu, und plötzlich lebten Harvey und Rios die Death-Metal-Fantasie ihrer jugendlichen Ichs. Rick Rozz wiederum kehrte zu Material zurück, an dem seine Handschrift unverkennbar beteiligt war, während Terry Butler die Verbindung zu jener Besetzung herstellt, die mit Leprosy eines der wichtigsten Alben der gesamten Extrem-Metal-Geschichte erschuf.

Initium Mortis ist nun das Debüt von LEFT TO DIE, obwohl hier kein einziger neuer Song enthalten ist. Klingt widersprüchlich, ergibt aber vollkommen Sinn: Die zwölf Stücke stammen aus der frühesten Phase von MANTAS und DEATH, als Chuck Schuldiner, Rick Rozz und Kam Lee mit jugendlicher Rücksichtslosigkeit gerade ein Genre aus dem Boden stampften, das noch gar nicht wusste, wie es eigentlich heißen sollte. Die Vorlagen verteilten sich auf Demos, Proberaumaufnahmen und Live-Tapes, die teilweise mit einfachsten Mitteln aufgenommen und anschließend durch den internationalen Kassettentausch gereicht wurden. Nach einigen Kopiergenerationen klang das vermutlich so, als würde jemand im Nachbarkeller eine Waschmaschine voller Besteck verprügeln.

Genau hier liegt die Bedeutung von Initium Mortis. LEFT TO DIE machen aus den historischen Aufnahmen kein Hochglanzmuseum, in dem man die Exponate nur mit Filzpantoffeln betreten darf. Sie geben den Songs endlich den Klang, den diese Kompositionen verdient haben. Das ist keine Neuschreibung der Geschichte, sondern eine fachgerechte Freilegung ihrer Fundamente. Matt Harvey sichtete dafür Unmengen alter Demos und Proberaummitschnitte und stellte eine Auswahl zusammen, die wie eine alternative Version von Scream Bloody Gore funktioniert. Knapp 32 Minuten, 12 Stücke, kein überflüssiges Beiwerk – früher hatte man schließlich weder Zeit für orchestrale Zwischenspiele noch für einen dreiminütigen Spannungsaufbau. Da wurde die Tür eingetreten, die Leiche hereingeworfen und anschließend nachgesehen, wer noch stand.

Schon Legion Of Doom macht deutlich, wie erschreckend weit MANTAS 1984 ihrer Zeit voraus waren. Das Stück stammt vom legendären Death By Metal-Demo und besitzt in dieser Neuaufnahme eine Wucht, die unter dem historischen Klangschlamm nur zu erahnen war. Die Riffs sägen, das Tempo drückt, Matt Harvey bellt und keift mit genau der richtigen Mischung aus Respekt und eigener Persönlichkeit. Er versucht nicht, Chuck Schuldiner als Zirkusnummer zu imitieren, sondern trifft dessen frühe vokale Wildheit erstaunlich präzise. Dass Chuck und Chris Reifert später sogar eine unvollendete Version des Songs für Scream Bloody Gore aufnahmen, zeigt, wie lange dieses Stück innerhalb der Bandgeschichte herumspukte.

Ganz makellos ist die klangliche Wiederbelebung für mich dennoch nicht. Der Drumsound wirkt an einigen Stellen etwas zu modern und nimmt dem Material einen kleinen Teil seiner ursprünglichen Erdigkeit. Gerade bei diesen vorsintflutlichen Riffs hätte ich mir gelegentlich etwas mehr Proberaumstaub, Holz und klappernde Hölle gewünscht. Gus Rios spielt großartig, keine Frage, doch die Trommeln stehen mitunter so sauber und hart im Raum, als hätte jemand einem Höhlenmenschen plötzlich ein digitales Schlagzeug hingestellt. Das fällt auf, reißt die Platte aber keinesfalls aus ihrer morbiden Umlaufbahn.

Dafür ist die Gitarrenarbeit eine einzige Freude. Power Of Darkness, Summoned To Die und insbesondere Slaughterhouse zeigen, wie viel von Rick Rozz’ später unverwechselbarem Stil bereits in diesen frühen Kompositionen steckte. Die Riffs sind grob, direkt und trotzdem voller kleiner Wendungen. Nichts klingt akademisch ausgerechnet, alles folgt dem Instinkt. Diese Musik entstand nicht am Reißbrett, sondern aus jugendlichem Größenwahn, Horrorfilmen, Venom-Platten und dem festen Willen, noch hässlicher zu klingen als die gesamte Nachbarschaft.

Mit dem abschließenden Corpsegrinder schließt sich der Kreis. Der Titel war damals Kampfansage, Selbstbeschreibung und Prophezeiung zugleich. Heute klingt er beinahe wie eine Geburtsurkunde des Genres. LEFT TO DIE behandeln dieses Material nicht wie sakrale Reliquien, sondern spielen es mit hörbarer Freude, Schweiß und Hingabe. Dadurch wird Initium Mortis eben kein steriles Archivprojekt und auch kein geschäftstüchtiger Leichenraub. Es ist eine respektvolle Wiederbelebung, bei der die Narben, Warzen und fauligen Stellen ausdrücklich erhalten bleiben.

Natürlich ersetzt dieses Album nicht die ursprünglichen Demos. Deren räudiger Klang gehört zur Geschichte und besitzt eine Atmosphäre, die sich nicht rekonstruieren lässt. Aber Initium Mortis macht die kompositorische Qualität dieser Songs endlich für Menschen hörbar, die sich nicht erst durch zwölf Generationen Kassettengrütze kämpfen möchten. Alte Fans bekommen vertrautes Material mit einer Wucht, die bislang darin verborgen lag, und jüngere Hörer können nachvollziehen, auf welchem Fundament DEATH später ihre monumentale Entwicklung aufbauten.

Ein absolutes Muss für alle DEATH-Fans. Nicht bloß für Sammler, Komplettisten und Menschen, die ihre Demotapes alphabetisch nach Bands, Jahren und Schimmelbefall sortieren, sondern für jeden, der verstehen möchte, wo Death Metal seinen ersten modrigen Atemzug nahm. Initium Mortis ist kurz, brutal, historisch bedeutend und mit spürbarer Liebe umgesetzt. Der etwas moderne Drumsound bleibt meine einzige nennenswerte Nörgelei. Chuck wird auf seiner Wolke sitzen und zufrieden lächeln, da bin ich mir sicher – vermutlich mit verschränkten Armen, leichtem Grinsen und einem anerkennenden Kopfnicken.


Bewertung: 9,0 von 10 Punkten




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