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RAUNCHY - Prisoner (2026)

(10.366) Olaf (8,5/10) Modern Metal


Label: Mighty Music
VÖ: 14.08.2026
Stil: Modern Metal






2006 war offenbar ein ausgesprochen schlechter Jahrgang für verlässliche Karriereprognosen. Damals eröffneten VOLBEAT auf der „Danish Dynamite Tour“ für HATESPHERE und RAUNCHY. Was aus Michael Poulsen und seinen Mannen geworden ist, dürfte selbst Menschen bekannt sein, die Metal ausschließlich vom Hörensagen kennen. HATESPHERE und RAUNCHY hingegen blieb die Tür zur ganz großen Halle verschlossen. Talent allein ist im Musikgeschäft eben kein Generalschlüssel, manchmal nicht einmal eine funktionierende Türklinke. Vielleicht brauchten RAUNCHY deshalb zwölf Jahre, um wieder mit einem neuen Album vorstellig zu werden. Vielleicht musste schlicht das Leben dazwischen stattfinden. Wahrscheinlich trifft beides zu.

Ich mochte die Dänen immer, obwohl derart moderne Mucke normalerweise nicht unbedingt meinem Gusto entspricht. Doch Velvet Noise und insbesondere Death Pop Romance finden regelmäßig den Weg zurück in meine Ohren. RAUNCHY klangen schon modern, als „modern“ im Metal noch nicht automatisch bedeutete, dass jede Gitarre auf acht Saiten angeschafft und anschließend durch einen Betonmischer gedreht werden musste. Ihre eigenwillige Verbindung aus melodischem Death Metal, Industrial, Metalcore, Popmelodien und elektronischen Elementen war früh da – und häufig weiter, als es die damalige Hörerschaft vermutlich sein wollte.

Gegründet wurde die Band bereits 1992 im dänischen Thisted von Jesper Tilsted, Jesper Kvist und Morten Toft Hansen. Nach ersten Gehversuchen mit METALLICA- und SLAYER-Coverversionen, mehreren Demos und personeller Erweiterung erschien 2001 das Debüt Velvet Noise über das Mighty-Music-Unterlabel Drug(s). Kurz darauf wechselte die Band zu Nuclear Blast und war damit die erste dänische Formation, die bei dem Label unterschrieb. Es folgten Confusion Bay, Death Pop Romance, Wasteland Discotheque, A Discord Electric und schließlich 2014 Vices.Virtues.Visions. – das erste Album mit Mike Semesky, der Kasper Thomsen am Mikrofon ersetzt hatte. Danach wurde es verdächtig still.

Nun erscheint mit Prisoner das siebte Studioalbum – ausgerechnet wieder bei Mighty Music. Der Kreis schließt sich also, wenngleich er dafür eine ziemlich ausgedehnte Ehrenrunde gedreht hat. Die ersten Schlagzeugspuren entstanden bereits 2021, anschließend wuchs das Album Stück für Stück zwischen Familienleben, normalen Berufen und einer Pandemie, die ohnehin sämtliche Zeitpläne in den Häcksler warf. Ohne festen Abgabetermin konnten RAUNCHY so lange schreiben, aussortieren und umbauen, bis das Material den eigenen Ansprüchen genügte. Diese lange Entstehungszeit hört man dem Album an: nicht als Alterserscheinung, sondern in Form einer Detailfülle, die gelegentlich fast über den Rand quillt.

Prisoner ist saustark geworden. Natürlich ist das alles verdammt modern, doch RAUNCHY verwechseln Modernität nicht mit musikalischer Einfalt. Hier steckt ganz viel Death Metal drin, ein bissken Emo, ordentlich Industrial, dazu Keyboards und elektronische Spielereien, die nicht nachträglich über die Songs gestreut wurden wie bunte Zuckerperlen auf einen Hackbraten. Alles greift ineinander. Die Synthesizer schaffen Atmosphäre, verstärken Melodien oder setzen kalte Kontraste zu den Gitarren, während die Elektronik den Rhythmus unterstützt, statt ihm ständig mit dem nackten Hintern ins Gesicht zu springen.

Entscheidend für die enorme Abwechslung ist das Zusammenspiel von Mike Semesky und Jeppe Christensen. Harsche Shouts, Growls, klare Passagen und große melodische Refrains wechseln sich ab, ohne dass das Album wie ein Bewerbungsvideo für möglichst viele Gesangstechniken wirkt. Gerade wenn beide Stimmen miteinander verzahnt werden, entwickelt Prisoner seine stärksten Momente. Designed Despair führt das sehr eindrucksvoll vor: Eingängige Gesangslinien treffen auf maschinelle Grooves, wuchtige Gitarren und elektronische Flächen, wobei der Wechselgesang eher wie ein innerer Dialog als wie ein gewöhnliches Duett funktioniert. Das passt hervorragend zu einem Album, das sich mit mentalen Gefängnissen, festgefahrenen Verhaltensmustern und dem Gefühl beschäftigt, in der eigenen Zeit festzustecken.

Auch Frameworker verbindet mechanisches Riffing, scharfkantige Rhythmik und dunkle Elektronik mit einem Refrain, der sich erstaunlich schnell im Kopf festsetzt. Inhaltlich geht es um die unsichtbaren Strukturen, durch die Sprache, Ideologien und übernommene Vorstellungen unsere Wahrnehmung formen. Die Zeile „Living in your vision all along“ bringt dieses Leben innerhalb fremd gezogener Grenzen prägnant auf den Punkt. Higher Truths setzt sich dagegen mit Dogmatismus und selbst ernannten Wahrheitsbesitzern auseinander. Allein die Formulierung „Self-proclaimers of higher truths“ reicht aus, um jene Zeitgenossen vor dem inneren Auge aufmarschieren zu lassen, die ihr Weltbild grundsätzlich mit eingebautem Ausrufezeichen vortragen.

Ein kleiner Haken zieht sich allerdings durch das gesamte Album: Die Stücke sind nahezu alle etwas zu lang geraten. Kein Song bleibt unter viereinhalb Minuten, viele überschreiten die Sechs-Minuten-Marke, wodurch Prisoner bei lediglich zehn Titeln auf beinahe 58 Minuten kommt. An manchen Stellen hätte eine entschlossen angesetzte Schere die Wirkung durchaus verstärkt. Nicht jede Wiederholung und nicht jeder Übergang ist unverzichtbar, nur weil zwölf Jahre Zeit zum Komponieren vorhanden waren.

Bei Masquerade sehe ich darüber allerdings großzügig hinweg. Das Stück bringt es auf über sieben Minuten, stopft diese Laufzeit jedoch mit derart vielen geilen Versatzstücken voll, dass Langeweile gar nicht erst weiß, an welcher Stelle sie einsteigen soll. Death-Metal-Schärfe, emotionale Melodik, elektronische Atmosphäre, harte rhythmische Brüche und weit aufgezogene Gesangspassagen werden zu einem kleinen Klangfilm zusammengesetzt. Wo andere Bands aus einer solchen Menge drei nur leidlich zusammenpassende Songs gebaut hätten, erschaffen RAUNCHY einen überladenen, aber schlüssigen Koloss. Genau hier zeigt sich, warum diese Band nie sauber in eine Schublade gepasst hat – und warum sie dort vermutlich ohnehin sofort die Trennwände herausgetreten hätte.

Jacob Hansen, der bereits seit Velvet Noise eng mit der Band verbunden ist, hat Prisoner aufgenommen, produziert, gemischt und gemastert. Entsprechend genau kennt er die musikalische DNA von RAUNCHY. Die Produktion ist druckvoll, transparent und ausgesprochen zeitgemäß. Trotz der vielen übereinandergeschichteten Gitarren, Stimmen, Keyboards und elektronischen Details bleibt jede Ebene nachvollziehbar. Vielleicht ist das Ergebnis gelegentlich etwas sehr sauber und maximal ausgeleuchtet, doch für diese Form des Metal wäre nostalgischer Proberaummief ungefähr so hilfreich wie ein Dudelsacksolo bei einer Beerdigung – möglich, aber nicht zwingend angemessen.

Nach zwölf Jahren hätte Prisoner leicht wie ein vorsichtiger Funktionstest wirken können. Stattdessen melden sich RAUNCHY mit einem selbstbewussten, emotionalen und überraschend hungrigen Album zurück. Die Dänen erfinden ihre eigene Mischung nicht neu, haben sie aber hörbar weiterentwickelt: größer, filmischer, härter und zugleich melodischer. Ein paar Straffungen hätten dem Gesamtbild gutgetan, doch angesichts der enormen Ideenfülle ist das eher ein Luxusproblem. Die Tür zum ganz großen Durchbruch blieb RAUNCHY einst verschlossen. Mit Prisoner treten sie nun so kräftig dagegen, dass wenigstens das Mauerwerk bedenklich knirscht.

ANSPIELTIPS:
⚙️Designed Despair
🧩Frameworker
🎭Masquerade


Bewertung: 8,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Frostbite
02. Stranded
03. Frameworker
04. Darkest Self
05. Designed Despair
06. Higher Truths
07. Masquerade
08. Revealing I
09. Vanishing Act
10. Prisoner 



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