MALADIE – The Dance of Tragedies (2026)
(10.268) Olaf (10/10) Plague Metal
Label: Apostasy Records
VÖ: 29.05.2026
Stil: Sick Metal
Zuallererst: MALADIE brauchen ein neues Bandfoto. Wirklich. Das aktuelle wirkt, als sei es irgendwann zwischen Pestkarren, MySpace und der Erfindung des Radiergummis entstanden. Anno Dunnemal lässt grüßen. Jesses… Köppler, unternehmen Sie was! Bei einer Band, die musikalisch inzwischen ganze Paralleluniversen aufreißt, darf das visuelle Schaufenster nicht aussehen, als hätte es noch Windows Vista auf dem Rechner.
Und genau damit sind wir schon mitten im Irrsinn, denn MALADIE waren noch nie eine Band, die man mal eben zwischen Kaffee, Staubsauger und Sonntagsbraten konsumiert. Das hier ist kein Album für „ich höre mal kurz rein“. The Dance of Tragedies verlangt Eintrittsgeld in Form von Aufmerksamkeit, Nervenstärke und der Bereitschaft, sich komplett hineinziehen zu lassen. Wer nebenbei die Spülmaschine ausräumt, hat verloren. Wer aber bereit ist, in diesen brodelnden Kessel aus Wahnsinn, Eleganz, Brutalität, Melancholie, Jazz, Avantgarde, Raserei, Kammermusik, Synthie-Spleen und kosmischer Überforderung zu steigen, erlebt eines der außergewöhnlichsten Alben, die der deutsche Extrem-Metal in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
Mit dem damals kolportierten Black Metal hat das schon lange nur noch genealogisch zu tun, ungefähr so wie ein ausgewachsener Drache mit einer Eidechse im Terrarium. MALADIE haben ihre Wurzeln nie verleugnet, aber Björn Köppler erschafft inzwischen immer deutlicher ein eigenes Universum. Der Mann mutiert hier endgültig zum Devin Townsend des Extrem-Metal-Kosmos: überdreht, visionär, maßlos, manchmal völlig bekloppt, aber immer mit dieser gefährlichen Mischung aus Genie und „bitte nicht unbeaufsichtigt an Studiotechnik lassen“. The Dance of Tragedies ist kein normales Album, sondern eher ein akustischer Christopher-Nolan-Film. Interstellar 2 – Jetzt mit Saxophon, Blastbeats und psychischem Vollkontakt. Grandios.
Schon Vortex of Monotony tritt die Tür nicht ein, sondern verdampft sie. Dehà kreischt sich die Seele aus dem Leib, als hätte ihm jemand die Steuererklärung mit Lovecraft-Kommentaren vorgelesen, während um ihn herum dieser typische kranke MALADIE-Kosmos explodiert. Das ist heftig, verschachtelt, fiebrig und dennoch nie bloße Selbstzweck-Akrobatik. Gerade darin liegt die große Kunst dieser Band: Sie kann völlig überdreht klingen, ohne den roten Faden zu verlieren. Der Faden ist zwar in Blut getränkt, mit Draht umwickelt und führt vermutlich durch ein altes Sanatorium, aber er ist da.
Der eigentliche Urknall folgt mit Behind all Suns. Was hier passiert, ist schwer in normale Worte zu pressen, ohne dass einem die Synapsen ein polizeiliches Führungszeugnis verlangen. Plötzlich schimmern fast 80er-artige Melodien durch diesen Wahn, nachvollziehbar, packend, beinahe hymnisch. Hauke liefert mit seinem Saxophon wieder nicht einfach eine Verzierung, sondern führt das Ding an wie ein wahnsinniger Kapellmeister auf brennendem Balkon. Dazu taucht tatsächlich ein Didgeridoo auf, und als wäre das noch nicht genug, gibt es auch noch eine kleine Rap-Einlage. Sind die jetzt völlig durchgeknallt? Wahrscheinlich. Ist das schlimm? Nein. Es ist vielmehr der Beweis, dass hier Kreativität nicht als Tapete benutzt wird, sondern als Sprengstoff. Behind all Suns könnte tatsächlich der beste Song sein, den MALADIE je geschrieben haben. Und das sage ich nicht leichtfertig, denn diese Band hatte schon vorher genügend Material, um anderen Kapellen drei Diskografien lang Minderwertigkeitskomplexe einzutrichtern.
Dabei funktioniert The Dance of Tragedies nicht wie eine Sammlung einzelner Stücke, sondern wie ein zusammenhängendes, atmendes Werk. Genau das macht den Unterschied. Die Songs stehen nicht brav nebeneinander wie Schüler beim Klassenfoto, sondern greifen ineinander, beißen sich, versöhnen sich, kippen in neue Farben und ziehen den Hörer immer tiefer hinein. Mal herrscht rasender Kontrollverlust, mal schwebt alles in einer fragilen Schönheit, die fast zu friedlich wirkt, um ihr zu trauen. Die Band verfeinert ihren selbst erschaffenen „Plague Metal“ nicht einfach, sie dehnt ihn aus, bis Genregrenzen wie nasse Pappe in sich zusammenfallen.
Gerade die ruhigeren Momente zeigen, wie weit MALADIE inzwischen gekommen sind. The Unknowable arbeitet mit Celli, Geigen, Piano und einer Atmosphäre, die zum Träumen verführt, aber nie belanglos wird. Monumentale Instrumentals sind ja oft gefährlich: Entweder sie öffnen Welten oder sie klingen wie Pausenmusik für Leute, die bei Weinproben „erdig“ sagen. Hier ist es eindeutig Ersteres. Diese Melodiebögen haben Größe, Tiefe und eine fast filmische Sogwirkung. Man kann sich förmlich vorstellen, wie irgendwo im Weltall ein Raumschiff langsam an einem schwarzen Loch vorbeigleitet, während im Hintergrund Björn Köppler mit irrem Blick ruft: „Da geht noch ein Cello!“
Der Titeltrack The Dance of Tragedies zeigt dann erneut, warum dieses Album so einzigartig ist. Das Stück tänzelt stellenweise fast punkig oder ska-artig durch die Szenerie, nur um kurz darauf mit Blastbeats und Piano wieder in den Abgrund zu springen. Normalerweise müsste so etwas auf dem Papier aussehen wie ein Unfallbericht. Bei MALADIE klingt es organisch. Verrückt, aber organisch. Diese Musik hat einen inneren Pulsschlag, der selbst dann noch funktioniert, wenn alle Beteiligten scheinbar gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen rennen.
Besonders faszinierend ist das Zusammenspiel der Stimmen. Dehà und Alex Wenz liefern sich abwechselnde Gesangspassagen, die nicht nur Kontrast erzeugen, sondern Charakter. Das ist kein simples „jetzt kreischt der eine, jetzt growlt der andere“, sondern eine dramaturgische Verschiebung der Perspektiven. Dazu kommen Wiebke Köpplers Einlagen, die diesem ohnehin schon überbordenden Kosmos eine zusätzliche menschliche, fast zerbrechliche Ebene geben. Gerade in On Inaccessible Paths Part II, das zu Beginn beinahe balladesk wirkt, entfaltet dieses Duett eine enorme Wirkung, bevor die Nummer doomig nach unten zieht und später mit herrlichem Gegrowle wieder die Bodenplatten lockert. Krank, schön, finster, einfühlsam – also im Grunde die komplette menschliche Psyche in acht Minuten mit angeschlossenem Nervenzusammenbruch.
Auch Embrace our Curse ist so ein Moment, bei dem man kurz innehält und sich fragt, ob im Studio irgendjemand noch nüchtern war – nicht im alkoholischen Sinne, sondern im mentalen. Im Mittelteil taucht plötzlich ein 80er-Jahre-Synth-Pop-/Nintendo-Vibe auf, der sich mit dem Saxophon ein Duell liefert, als hätten Mario Kart und John Zorn ein gemeinsames Trauma verarbeitet. Danach geht es sofort wieder in rasenden Wahnsinn über, später sphärisch weiter, dann erneut in diese seltsam flackernde Videospiel-Ästhetik. Das müsste scheitern. Tut es aber nicht. Es brodelt, leuchtet, knirscht und lacht einem dabei frech ins Gesicht.
On Inaccessible Paths Part I bringt wiederum diesen Hybrid aus extremen Metal-Spielweisen auf den Punkt. Da blitzt Thrash-Riffing auf, da wird gehackt, geschoben, gepeitscht, verdreht und wieder aufgebrochen. MALADIE klingen hier, als würden sie einen musikalischen Stadtplan zeichnen, auf dem jede Straße in einen Abgrund führt, aber alle Abgründe überraschend gut beleuchtet sind.
Auch das Artwork von Giannis Nakos passt hervorragend zu dieser Platte, weil es nicht versucht, das Chaos zu erklären, sondern ihm ein würdiges Portal baut. Auch die Produktion ist stark, weil sie den Wahnsinn nicht glattbügelt. Alles hat Raum, alles darf atmen, aber nichts verliert seine Schärfe. Gerade Haukes Saxophon steht immer wieder weit vorne, ohne wie ein Fremdkörper zu wirken. Es ist längst kein exotisches Gimmick mehr, sondern eine tragende Säule dieses Sounds. Genau wie Wiebkes Beiträge, die nicht bloß „schöne Stellen“ liefern, sondern emotionale Kontrapunkte setzen.
In meinen Augen ist The Dance of Tragedies das beste, weil ungewöhnlichste MALADIE-Album. Es ist krank, heftig, verspielt, brutal, einfühlsam, größenwahnsinnig und trotzdem erstaunlich geschlossen. Diese Musik besitzt eine kreative Dichte, die man nicht mal eben weghört. Überall gibt es etwas zu entdecken, kleine Wendungen, versteckte Farben, Irrwege, Lichtkegel, plötzliche Abfahrten. Das ist spannend, innovativ und in Deutschland in dieser Form nahezu unerreicht. Viele Bands reden davon, Grenzen zu sprengen. MALADIE bringen gleich den ganzen Grenzposten mit Saxophonbegleitung zur Implosion.
Natürlich ist das nichts für jeden. Wer klare Strophe-Refrain-Strukturen sucht, bekommt hier eher eine musikalische Therapie ohne vorherige Einverständniserklärung. Wer seine Extrem-Metal-Suppe gern sauber getrennt nach Zutaten serviert bekommt, wird in diesem Hexenkessel vermutlich den Löffel verlieren. Aber wer Musik nicht nur hören, sondern betreten will, findet hier ein Album, das wächst, sich verändert und nach jedem Durchlauf neue Türen öffnet. Manche davon knarren. Manche führen ins Licht. Manche sollte man vielleicht besser nicht öffnen. Aber genau deshalb tut man es ja.
MALADIE liefern mit The Dance of Tragedies ein Werk ab, das sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht und trotzdem unverkennbar nach niemand anderem klingt. Es ist kein Album, das sich anbiedert, sondern eines, das fordert, überwältigt und belohnt. Ein Monument der Extreme, aber nicht im Sinne von stumpfer Härte, sondern als Ausdruck maximaler künstlerischer Freiheit. Wenn das hier Wahnsinn ist, dann bitte mehr davon. Und zwar mit neuem Bandfoto, verdammt noch mal.
ANSPIELTIPS:
🎷Behind all Suns
🌌The Dance of Tragedies
🎻 On Inaccessible Paths Part 2
Bewertung: 10 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Vortex of Monotony
02. Behind all Suns
03. Too old to die
04. The Unknowable
05. The Dance of Tragedies
06. Embrace our Curse
07. On Inaccessible Paths Part 1
08. On Inaccessible Paths Part 2

