IOTUNN – Waves over Copenhell (Live) (2026)
(10.020) Olaf (9,0/10) Melodic Death Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 09.01.2026
Stil: Melodic Death Metal
Manchmal reicht ein einziger Live-Mitschnitt, um eine Band endgültig vom „Geheimtipp“-Regal in die Kategorie „Warum zur Hölle spielen die nicht längst vor allen?“ zu katapultieren. IOTUNN liefern mit Waves over Copenhell (Live) genau so ein Dokument ab – und das, obwohl die Aufnahme bereits aus dem Sommer 2023 stammt. Zweieinhalb Jahre später wirkt das Ding aber nicht wie aufgewärmte Reste, sondern wie ein sehr gut gereifter Jahrgang: kantig, majestätisch, emotional – und vor allem ein weiterer Beweis dafür, wie sehr sich diese dänisch/färöische Truppe seit ihrer Gründung (Kopenhagen als Basis, nordatlantische Weite im Herzen) zu einer richtig großen Band gemausert hat.
Wer IOTUNN erst seit Kinship auf dem Schirm hat, bekommt hier quasi die Live-Brücke zwischen den Welten: die epische DNA von Access All Worlds – und gleichzeitig schon diese besondere Duftnote von „da kommt noch mehr“, die später auf Kinship so selbstverständlich wirkt. Und ja: Mistland sitzt mitten in der Setlist, obwohl der Song erst später auf dem Kinship-Kosmos so richtig verankert wurde. Das ist kein Fanservice, das ist Selbstbewusstsein: „Wir wissen, was wir da haben – und wir spielen es, wenn es passt.“
Das Konzept dieses Releases ist herrlich unprätentiös und gleichzeitig maximal „IOTUNN“: fünf Stücke, dafür lang, atmend, mit Zeit zum Aufbauen, Eskalieren, Schweben. Kein hektisches „Best-of“, kein hektisches Publikumscollage-Geballer – eher ein Sog. In den offiziellen Infos wird die Show als ein Moment beschrieben, in dem Laser das Festivalgelände zerschneiden und Musik samt Publikum in so eine kosmische Parallelspur kippen – das klingt erstmal nach Pressetext-Poesie, trifft aber den Kern ziemlich gut: Diese Band schreibt Musik, die nicht „Songs“ sein will, sondern Landschaft.
Und genau deshalb funktioniert Waves over Copenhell (Live) so stark, selbst wenn man nicht dabei war: Der Sound ist klasse – klar, druckvoll, mit genug Luft, damit die großen Melodiebögen nicht wie Betonklötze wirken. Das Ganze wurde bei Jacob Hansen gemastert (Hansen Studios, Ribe), und man hört diese Professionalität: modern, aber nicht steril; wuchtig, aber nicht zugeschmiert. Wenn Ihr IOTUNN schon einmal live erlebt habt (oder auch nur erahnt, wie so eine Nacht mit tausenden Köpfen vor der Bühne riecht), kannst du hier tatsächlich die Augen schließen – und wirst eingesammelt. Nicht von „Publikumslärm“, sondern von Atmosphäre. Genau das ist die Königsdisziplin bei Livealben: nicht nur ein Konzert zu konservieren, sondern einen Raum zu bauen, in den du wieder reinlaufen kannst. Und das schaffen tatsächlich nicht viele…
Musikalisch ist das die seltene Mischung aus progressiver Architektur und emotionaler Direktheit: Die Gitarrenlinien sind oft so groß, dass sie fast „erzählen“, während Drums und Bass das Ganze nicht nur stützen, sondern schieben – wie eine Brandung, die dich freundlich anlächelt und dich dann trotzdem umwirft. Und darüber Jón Aldará: eine Stimme, die nicht einfach „Frontmann“ ist, sondern Leitstern. Das ist Pathos, ja – aber eben Pathos mit Substanz, nicht mit Glitzerkleber.
Und dann bleibt eigentlich nur noch die einzig vernünftige Handlungsanweisung: Anhören, abheben und genießen. Dieses Livealbum ist kein „Zwischendurch“-Release, sondern eine Visitenkarte in Übergröße – ein Monument im besten Sinne: roh genug, um echt zu sein, majestätisch genug, um hängen zu bleiben.
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Waves below
02. The Tower of Cosmic Nihility
03. Access all Worlds
04. Mistland
05. Voyage of the Garganey I

