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NALAR - Lichtgestalt (2026)

(10.083) Olaf (9,0/10) Melodic Death Metal


Label: DIY
VÖ: 27.02.2026
Stil: Melodic Death Metal






Wenn man NALAR noch nicht auf dem Schirm hatte, dann ist Lichtgestalt genau dieses Album (sorry, für eine EP ist das Teil schon fast zu lang), das einen mit einem einzigen Schlag daran erinnert, warum Underground überhaupt existiert: Weil da draußen Bands sind, die nicht auf Trends schielen, sondern auf Substanz. Und weil manche DIY-Truppen mittlerweile Promopakete abliefern, bei denen sich so mancher „große Name“ des Genres am besten mal schamvoll eine Scheibe abschneiden sollte – inklusive Booklet, Konzept, Lyrics und dieser unangenehm professionellen Aura, die einem sagt: „Ja, wir meinen das ernst. Und nein, wir sind nicht hier, um eure Playlist zu streicheln.“

Seit 2019 treiben die Berliner ihr Unwesen zwischen Melodic Death Metal und Black Metal, wobei „zwischen“ hier nicht als Ausrede für Beliebigkeit gemeint ist, sondern als Spielplatz für Atmosphäre, Härte und eine gewisse emotionale Schwärze, die nicht geschniegelt wirkt, sondern ehrlich. Die Band hat sich mit Clubshows und Festivalauftritten nach vorn gearbeitet, inklusive Dark Troll Festival 2023, wo sie offenbar nicht ohne Grund als heimlicher Abräumer des Undergrounds gehandelt wurden. Dazu Supportshows mit Ellende, Illdisposed oder Fleshcrawl – also genau das richtige Umfeld für Musik, die weder geschniegelt geschniegelt, noch geschniegelt modern, sondern schlichtweg kompromisslos wirkt.

Die EP Veränderung war schon stark. Richtig stark sogar. Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Teil damals diese seltene Mischung aus „schön“ und „böse“ hinbekommen hat, ohne dabei in Kitsch oder stumpfes Geballer abzurutschen. Aber Lichtgestalt macht nun genau das, was ein Debütalbum machen muss: Es nimmt die Grundidee und zieht sie mit Nachdruck durch die Wand. Nicht ein bisschen besser, nicht minimal erwachsener – sondern wirklich um Längen stärker. Plattenfirmen aller Welt: Krallt euch diese Truppe. Ernsthaft.

Was bei NALAR sofort auffällt, ist dieser eigenständige melodische Ansatz. Die Gitarren tragen hier nicht einfach nur „harmonische Leads“, weil man das in dieser Szene halt so macht. Die Melodien wirken wie ein roter Faden durch eine Landschaft aus verbrannter Erde. Man spürt, dass hier viel Wert auf Atmosphäre gelegt wird – aber eben nicht auf die Art, wie es manche Bands tun, die nach drei Minuten klingen wie ein Instagram-Filter in Moll. Sondern organisch, glaubwürdig und mit einer gewissen Kälte, die im Nacken sitzt.

Und ja: Das ist melodisch. Sehr sogar. Aber bitte denkt bei Melodic Death Metal nicht an irgendwelche Schnurris wie Dark Tranquillity oder In Flames. Dafür sind NALAR zu schwarz, zu konsequent und – entschuldigt die Ausdrucksweise – schlicht geiler. Das hier ist nicht „Göteborg mit Wellness-Arrangement“, sondern eher „Göteborg nach einem Nervenzusammenbruch, irgendwo zwischen Ostseestrand, Herointrip und innerer Selbstzerfleischung“.

Ein großer Punkt ist auch der Sound. Größtenteils DIY produziert, nur die Drums kamen aus dem Irsins Sound Studio. Und genau das hört man – im besten Sinne. Denn Lichtgestalt klingt nicht klinisch geschniegelt, nicht nach Hochglanz-Plugin-Hölle, sondern nach Arbeit, nach Schweiß und nach jemandem, der sehr genau wusste, welche Stimmung transportiert werden soll. Diese Produktion ist nicht „perfekt“, sondern passend. Und das ist in diesem Genre deutlich mehr wert.

Was mich besonders beeindruckt: Die Vocals. Alter Schwede. Hier wird nicht einfach nur „gebellt“ oder „gekotzt“, sondern richtig gearbeitet. Brutal, abwechslungsreich, schön phrasiert – und vor allem dramaturgisch klug eingesetzt. Das beste Beispiel ist tatsächlich der Titeltrack Lichtgestalt, der hier problemlos als Referenz gelten darf. Da sitzt jede Betonung, da sitzt jede Attacke, da ist dieses giftige Anziehen und wieder Loslassen, als würde jemand mit einem Skalpell an der eigenen Psyche herumdoktern.

Und dann kommt Schwarzer Horizont – und plötzlich passiert etwas, das viele Bands komplett verkacken: Cleane Vocals. Doch statt nach aufgesetztem „Jetzt kommt der emotionale Part“-Baukasten zu klingen, wirken die cleanen Vocals hier keineswegs plakativ oder aufgesetzt. Im Gegenteil: Sie fügen sich hervorragend in das rabenschwarze Gesamtkonzept ein und machen den Song sogar noch bitterer. Weil sie nicht Hoffnung bringen, sondern wie ein kaltes Licht wirken, das die hässlichen Konturen erst richtig sichtbar macht.

Überhaupt: Die Texte. Deutschsprachig, düster, reflektiert – und angenehm frei von peinlichem Pathos. Hier wird nicht rumgepöbelt, hier wird seziert. Da geht es um falsche Bilder, Selbstbetrug, gesellschaftliche Masken, Verlust, innere Leere und dieses ständige Gefühl, dass Moral und Wahrheit irgendwo zwischen Lüge und Anpassung verrecken. Vantablack nimmt sich beispielsweise diese Idee der „schön genähten Lüge“ vor, dieser Modezar-Ästhetik des Scheins:

Flieh vor dem Schein der unverkennbar verdreckten Herrschaft des Renommisten

Das ist fast schon poetisch-bissig, wie ein schwarzes Manifest gegen Blender und Phrasendrescher. Und wenn dann von „Vibes von Doktor Frankenstein“ die Rede ist, passt das erschreckend gut zu dieser Idee, dass Menschen sich selbst zu Kunstfiguren zusammennähen, bis nur noch versteifte Hände übrigbleiben. Weißer Sand schlägt wiederum eine ganz andere Richtung ein: melancholisch, verletzlich, beinahe romantisch – aber ohne Schnulze. Der Ostseestrand bei Wellenschlag, das Abschiednehmen, diese resignierte Akzeptanz:

Ich lass’ dich hier, mach’s gut, mein Herz – eingehüllt im weißen Sand

Das ist traurig, aber nicht kitschig. Das ist wie eine Narbe, die nicht mehr blutet, aber immer noch weh tut, wenn man drüberstreicht. Fiebertraum, der textlich komplett eskaliert: Räume schrumpfen, Zeit verfällt, Psychosebilder, Wahnsinn, Heroin als letzter Trip.

Freitod zeigt wahre Größe, der letzte Trip auf Heroin.

Das ist harter Tobak, aber eben nicht edgy um des Edgys willen, sondern als Teil dieser albtraumhaften Innenwelt, die das Album durchzieht. Im Schatten der Ganzheit wiederum ist fast schon gesellschaftskritisch, mit dieser Verachtung für Floskeln, für Phrasen, für Menschen, die Elend feiern, während sie sich selbst dabei für moralisch überlegen halten:

Sie feiern das Elend mit Stolz … diese elenden Prolls … festgenagelt am Kreuz

Das ist zynisch, wütend, aber auch erschreckend ehrlich.

Musikalisch funktioniert das Album vor allem deshalb so gut, weil NALAR Spannung erzeugen können. Die Songs wirken nicht wie Aneinanderreihungen von Parts, sondern wie Erzählungen. Mal treibend, mal schleppend, mal mit diesem blackened Flair, das sich wie kalter Nebel um die Riffs legt. Und immer wieder diese Melodien, die nicht auf „Catchiness“ ausgelegt sind, sondern auf Atmosphäre. Genau das macht Lichtgestalt so stark: Es ist zugänglich, ohne gefällig zu sein. Es ist melodisch, ohne weich zu werden. Und es ist brutal, ohne stumpf zu klingen.

Dieses Album hat außerdem diese seltene Qualität, dass es nach mehreren Durchläufen nicht kleiner wird, sondern größer. Man entdeckt Details, kleine Leads, kleine Rhythmusverschiebungen, kleine Spannungsbögen. Und man merkt: Hier hat niemand versucht, ein Debütalbum „abzuliefern“. Hier wollte jemand ein Statement machen – und zwar ohne Pressefloskeln, ohne Label-Marketing, ohne Genre-Maskottchen. Und das Beste: Es wirkt trotzdem nicht überladen. Nicht wie „wir können alles“. Sondern wie „wir haben etwas zu sagen“.

Am Ende bleibt für mich ganz klar: Lichtgestalt ist nicht einfach ein Debüt. Es ist ein Ausrufezeichen aus der Bundeshauptstadt. Eine dieser Platten, die man irgendwann in ein paar Jahren wieder aus dem Regal zieht und denkt: „Verdammt, wie konnte das damals eigentlich noch Underground sein?“ Wenn das die nächste Evolutionsstufe nach Veränderung ist, dann will ich gar nicht wissen, wie das nächste Album klingen wird. Wahrscheinlich wie ein Messer, das man dir langsam ins Herz drückt – aber mit einem verdammt schönen Gitarrensolo dabei.

Anspieltips:
🔥Lichtgestalt
💀Schwarzer Horizont
🎸Weißer Sand

 


Bewertung: 9,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Vantablack
02. Schwarzer Horizont
03. Lichtgestalt
04. Weißer Sand
05. Stigmata
06. Fiebertraum 



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