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UNVERKALT - Héréditaire (2026)

(10.095) Olaf (8,5/10) Post Metal


Label: Season of Mist
VÖ: 27.02.2026
Stil: Post Metal






Manchmal stolpert man über ein Album, das nicht einfach nur „gehört“ werden will, sondern dich wie ein nasser Mantel im Winter umschlingt: schwer, kalt, unangenehm – und trotzdem irgendwie genau richtig. UNVERKALT sind so ein Fall. Eine Band, die nicht auf die Idee kommt, dir den Tag zu verschönern, sondern eher die dunklen Ecken deiner Gedankenwohnung auszuleuchten. Und Héréditaire ist genau so ein Werk: spannend, verstörend, herausfordernd und tief. Und ja – man entdeckt eine Menge, wenn man sich drauf einlässt. Aber es ist eben auch kein Album, das dir beim Nebenbei-Kochen freundlich auf die Schulter tippt. Das ist eher ein musikalischer Besuch im Kellergewölbe der eigenen Existenz, bei dem man zwischendurch kurz überlegt, ob man die Tür nicht doch wieder abschließen sollte.

UNVERKALT, ursprünglich in Deutschland entstanden, aber atmosphärisch und emotional eindeutig mit griechischem Blut durchzogen, bewegen sich seit jeher in einem Grenzbereich zwischen Post-Metal, Doom, Avantgarde und dieser cineastischen Schwermut, die klingt, als hätte jemand einen Schwarzweiß-Film noir vertont – nur eben mit Blastbeats und Wunden, die nicht verheilen wollen. Seit der Gründung 2017 durch Gitarrist und Hauptkomponist Themis Ioannou und Sängerin Dimitra Kalavrezou war klar: Hier geht es nicht um Riffs als Selbstzweck, sondern um das Vertonen von Trauer, Verlust und emotionalem Nachbeben. Héréditaire ist nun ihr drittes Album – und gleichzeitig das erste nach dem Signing bei Season of Mist. Und wenn man sich fragt, ob diese Band den Schritt „größer, härter, kompromissloser“ gehen wird: Ja. Und zwar ohne dabei ihre Identität zu verlieren.

Was sofort auffällt: Héréditaire klingt wie ein Album, das sich nicht entwickelt, sondern entblättert. Schicht für Schicht wird etwas abgezogen – bis nur noch nackte Wahrheit übrigbleibt. Der thematische Kern dreht sich um das, was vererbt wird, ohne dass man es jemals bewusst gewählt hat: Trauma, Erinnerung, Schmerz, Muster. Oder wie die Band sinngemäß sagt: Es geht um das, was durch Generationen sickert, obwohl es nie „unser Eigentum“ war. Das ist kein Konzeptalbum im klassischen Sinne, sondern eher ein psychologischer Abstieg, der sich wie ein Ritual anfühlt. Und man merkt schnell: Das hier ist nicht dafür geschrieben worden, am Ende Erlösung zu bieten. Es ist eher ein Auflösen. Ein Zerfall. Ein schwarzes Ausatmen.

Musikalisch setzen UNVERKALT weiterhin auf diese große Leinwand. Alles wirkt filmisch, fast orchestriert – ohne dabei kitschig zu werden. Es gibt diese post-metallische Weite, diese langen Spannungsbögen, dieses Gefühl von „gleich passiert etwas“. Und dann passiert es auch. Aber eben nicht als Explosion, sondern als Kollaps.

Schon der Einstieg mit Die Auslöschung macht klar, dass man hier nicht freundlich begrüßt wird. Der Text wirkt wie ein innerer Monolog, der sich zwischen Verlust, Selbstanklage und emotionaler Erschöpfung windet. „Death filled this world“ ist keine poetische Metapher, sondern ein Statement wie ein Grabstein. Besonders bitter klingt dabei dieses wiederkehrende Motiv von Blut, das „running down your face“ läuft – nicht als Horrorfilm-Gag, sondern als Symbol für etwas, das sich nicht abwaschen lässt. Und dieser Satz „It wasn’t enough“ sitzt wie ein kalter Nagel im Brustkorb. Egal was erreicht wurde, egal was man sich gewünscht hat – es bleibt ein Loch. Und genau da beginnt die große Stärke von Héréditaire: Es ist emotional radikal. Nicht melodramatisch. Nicht „oh, wie traurig“. Sondern echt. Schwer. Und unangenehm ehrlich.

Diese Mischung aus weichen, fast romantischen Momenten und totaler Chaos-Eruption zieht sich durch das gesamte Album. Die Band selbst beschreibt es als ihr Ziel, „sanfte Elemente mit extremem Chaos“ zu verbinden – und diesmal ist dieser Punkt offenbar erreicht. Man hört das auch: Da sind Passagen, die wie Nebel über einem Friedhof liegen, und dann kommen Gitarrenwände, die wie Betonplatten auf dich draufkippen. Und mittendrin Dimitra. Denn wenn man einen Namen aus diesem Album herausmeißeln müsste, dann ist es Dimitra Kalavrezou.

Ihre Stimme ist nicht einfach nur Gesang, sie ist das eigentliche Zentrum der Platte. Sie kann dich mit Clean-Vocals in einen melancholischen Trancezustand ziehen und im nächsten Moment mit harschen Vocals so anschreien, dass du dich fragst, ob du gerade etwas Unheiliges beschworen hast. Diese neuen, stärker schwarzmetallischen Gesangselemente wirken nicht wie ein „Trend-Anstrich“, sondern wie eine logische Erweiterung der Emotionen, die ohnehin schon in der Musik steckten. Und ja: sie legt ihre gesamten Emotionen in diese Songs. Ohne Sicherheitsnetz. Ohne Filter. Ohne Rücksicht.

Besonders faszinierend ist, wie oft Sprache als Stilmittel genutzt wird. Englisch dominiert, aber immer wieder brechen griechische Passagen herein wie Erinnerungsfetzen. In Ænae Lithi etwa wird das spürbar: Der Song trägt nicht nur die Last von Vergangenheit, sondern auch ganz konkrete historische Schatten, inspiriert durch Erinnerungen an das große Feuer von Smyrna, die Themis über seine Großmutter weitergegeben wurden. Das ist keine Wikipedia-Vertonung, sondern gelebte Überlieferung. „Μόνοι τους μένουνε στο σκοτάδι“ – „Alone in the darkness“. Und genau so klingt es auch. Das Album arbeitet ständig mit dieser Idee: Wir sind nicht frei. Wir sind Träger. Und manchmal wissen wir nicht mal, was wir da überhaupt schleppen.

Auch lyrisch wird immer wieder diese Frage gestellt: Wo ist der Ausweg? Gibt es überhaupt einen? In Penumbrian Lament wird das fast bildlich wie ein Kunstwerk beschrieben: „We are a blackened piece of art / Cold, dry, and pale / All colors are gone“. Das ist ein Wahnsinnsbild. Und es passt perfekt zu dieser Musik, die wie ein Gemälde wirkt, das langsam verbrennt, aber nicht hell, sondern schwarz. Und dann diese Zeile: „The more we try to find a way out / The more we die.“ Das ist keine Hoffnung, das ist eine Erkenntnis.

Was ebenfalls bemerkenswert ist: UNVERKALT wirken auf Héréditaire deutlich härter als zuvor – nicht nur im Sound, sondern auch im Mut. Blastbeats, Death Growls, mehr Extreme Metal, mehr Druck. Trotzdem bleibt diese Post-Metal-Seele intakt. Und das ist eine Kunst. Denn viele Bands verlieren sich, wenn sie „härter“ werden wollen. Hier wirkt es eher wie eine neue Farbe auf einer ohnehin düsteren Palette: Schwarz wurde noch schwärzer, aber das Bild ist dadurch nicht simpler geworden, sondern intensiver.

Und dann ist da noch I, The Deceit, mit Gastbeitrag von Sakis Tolis (Rotting Christ). Das Feature passt nicht nur wegen der Herkunft und Szene-Verbindung, sondern auch wegen der inhaltlichen Schwere. Der Song klingt wie ein Anklagebrief an eine Welt, die brennt – während andere nur zusehen. „The world falls apart / And you just stand there / Watching it burn down.“ Das ist eine Zeile, die wie ein Spiegel wirkt. Und keiner mag Spiegel, wenn man selbst nicht gut aussieht.

Produktionstechnisch ist Héréditaire bärenstark. Alles sitzt da, wo es sitzen muss. Der Sound ist massiv, aber nicht matschig. Atmosphärisch, aber nicht schwammig. Es klingt modern, aber nicht klinisch. Man hat diese Wucht im Gitarrensound, dieses Dröhnen im Bass, diese Präsenz im Schlagzeug – und trotzdem bleibt Raum für die emotionalen Details. Und diese Details sind wichtig, denn das Album lebt davon, dass man es mehrfach hört und jedes Mal neue Risse, neue Spuren, neue kleine Schattenspiele entdeckt.

Denn das ist eben auch die Wahrheit: Héréditaire ist nicht sofort zugänglich. Es ist ein Album, das dich fordert. Manchmal sogar nervt. Nicht weil es schlecht wäre – sondern weil es konsequent ist. Es lässt dich nicht bequem auf dem Sofa liegen, sondern schiebt dich eher auf einen unbequemen Holzstuhl und sagt: „So. Jetzt reden wir über Dinge, die du sonst verdrängst.“ Und ja: Das kann schwierig sein. Aber genau das macht es auch so faszinierend.

UNVERKALT liefern hier keine Unterhaltung, sondern eine Erfahrung. Keine Platte für „gute Laune“, sondern eine für Tiefe. Für Menschen, die Musik nicht nur hören, sondern fühlen wollen – auch wenn es wehtut. Und spätestens wenn Dimitra ihre Stimme zwischen zerbrechlichem Flüstern und peitschendem Schreien zerreißt, merkt man: Hier spielt niemand Theater. Das ist ernst. Das ist echt. Und das ist verdammt beeindruckend.Héréditaire ist wie ein vererbter Fluch, den man nicht abschütteln kann – aber vielleicht endlich versteht, wenn man lange genug in die Dunkelheit schaut. Und manchmal ist Verstehen schon die härteste Form von Wahrheit.

Anspieltips:
🔥Die Auslöschung
💀Ænae Lithi
🎸I, Deceit


Bewertung: 8,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Die Auslöschung
02. Oath ov Prometheus
03. Ænæ Lithi
04. A Lullyby for the Descent
05. Penumbrian Lament
06. Introjects
07. I, the Deceit (feat.Sakis Tolis)
08. Death is forever
09. Maladie de l‘Esprit 



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