NESTOR – Live at Gothenburg Film Studios (2026)
(10.375) Olaf (7,5/10) Hard Rock
Label: Napalm Records
VÖ: 14.08.2026
Stil: Hard Rock
Bei einem Livealbum will ich hören, wie der Schweiß von der Hallendecke tropft. Ich möchte ein Publikum, das Refrains kapert, einen Sänger, der zwischendurch nach Luft schnappt, und notfalls auch den kleinen schiefen Ton, der beweist, dass dort tatsächlich Menschen auf einer Bühne stehen. Live at Gothenburg Film Studios erfüllt diesen Wunsch nur zur Hälfte. Denn NESTOR sind großartig, die Songs sind überragend und die Band spielt nahezu makellos – womit wir bereits beim Problem wären.
Die Schweden gründeten sich 1989, verschwanden anschließend für Jahrzehnte in jener Schublade, in der unerfüllte Jugendträume neben alten Konzertkarten und ausgeleierten Musikkassetten liegen, und kehrten 2021 mit Kids in a Ghost Town zurück. Das Album brachte NESTOR eine Nominierung bei den schwedischen Grammis ein und machte aus fünf alten Freunden plötzlich eine international gefragte AOR-Band. Mit Teenage Rebel folgte 2024 ein ebenso selbstbewusster Nachfolger, der unter anderem bis auf Platz zwölf der deutschen Charts kletterte. Seitdem standen NESTOR mit KISS und EUROPE auf der Bühne, spielten große Festivals, die Monsters Of Rock Cruise sowie Shows in Japan. Nun erscheint mit Live at Gothenburg Film Studios das erste Livealbum – selbstverständlich auch als Blu-ray, schließlich wurde hier nicht zufällig in einer Filmkulisse musiziert.
Die Auswahl aus beiden Studioalben ist nahezu mustergültig. Nach dem kurzen Intro eröffnet We Come Alive den Abend so passend, als hätte man den Song ausschließlich für diesen Zweck geschrieben. Kids in a Ghost Town, Stone Cold Eyes und Perfect 10 liefern anschließend genau jene Mischung aus großen Melodien, leuchtenden Keyboards und breitbeinigen Gitarren, für die NESTOR stehen. Das klingt nach 1989, ohne nach einer musikalischen Mottenkiste zu riechen. Die Band bildet die Achtziger schließlich nicht einfach nach, sondern verarbeitet ihre eigene Jugend darin. Das ist ein entscheidender Unterschied zu all den Formationen, die glauben, ein paar Neonröhren und eine künstlich gealterte Jeansjacke würden bereits für Authentizität sorgen.
Tobias Gustavsson singt fantastisch, sicher und kraftvoll, Jonny Wemmenstedt setzt die Gitarren genau dort ein, wo ein guter AOR-Song seine zusätzlichen PS benötigt, und Martin Frejingers Keyboards tragen mehr Leuchtreklame in sich als der nächtliche Times Square. Marcus Åblad und Mattias Carlsson halten das Ganze mit einer ebenso druckvollen wie unaufdringlichen Rhythmusarbeit zusammen. Gerade Signed in Blood, Victorious und Firesign zeigen, wie geschlossen diese fünf Musiker auftreten. Niemand drängt sich unnötig nach vorne, trotzdem besitzt jedes Instrument genügend Raum. Handwerklich ist das eine ausgesprochen starke Vorstellung.
Im letzten Drittel werden noch einmal sämtliche Haken ausgeworfen. On the Run hat diesen geradezu unverschämt großen Refrain, bei dem selbst überzeugte Bewegungsverweigerer zumindest innerlich die Faust heben. Teenage Rebel verbindet jugendlichen Größenwahn mit der Gelassenheit von Männern, die inzwischen wissen, dass Rückenschmerzen ebenfalls zum Rock’n’Roll gehören. 1989 bringt die nostalgische Grundidee der Band auf den Punkt, bevor It Ain’t Me den Abend beendet. Inhaltlich lässt diese Setlist kaum Wünsche offen. Sie verbindet die beiden bisherigen Alben ausgewogen, hält das Tempo geschickt in Bewegung und verzichtet darauf, die Sammlung mit überflüssigem Material aufzublähen.
Und trotzdem stellt sich nur selten das Gefühl ein, wirklich bei diesem Konzert dabei zu sein. Die Produktion ist mächtig, sauber und bis in den letzten Winkel kontrolliert. Wahrscheinlich lässt sich jedes umfallende Plektrum einzeln orten – sofern man es anschließend nicht vorsichtshalber wegretuschiert hat. Was fehlt, ist der zusammenhängende Abend. Jeder Song wird ausgefadet, das Publikum verschwindet regelmäßig im akustischen Nebel, und der natürliche Übergang von einem Stück zum nächsten wird konsequent gekappt. Dadurch wirkt das Album weniger wie ein Konzert und mehr wie eine Sammlung einzeln verpackter Liveversionen.
Natürlich ist das Publikum zu hören, doch es darf nie wirklich zum sechsten Bandmitglied werden. Gerade bei diesen riesigen Refrains möchte ich eine Menge erleben, die vollständig ausrastet, mitsingt und die Kontrolle wenigstens für ein paar Sekunden übernimmt. Stattdessen steht die Atmosphäre häufig höflich vor der Studiotür und wartet darauf, hereingebeten zu werden. Das beißt sich ausgerechnet mit dem Anspruch, die menschliche, unberechenbare Seite von NESTOR festzuhalten. Kleine Fehler, Ansagen, Pausen, Reaktionen und Ecken hätten diesem Album nicht geschadet, sondern ihm Herzschlag verliehen.
Als Blu-ray dürfte das Konzept durch Bilder, Licht und Bühnenpräsenz deutlich besser funktionieren. Rein akustisch bleibt Live at Gothenburg Film Studios ein stark gespieltes, hervorragend klingendes und mit großartigen Liedern gefülltes Dokument, dem ausgerechnet seine technische Perfektion einen Teil der Seele nimmt. NESTOR beweisen eindrucksvoll, dass ihre Songs für große Bühnen gemacht sind. Schade nur, dass man die Bühne zwischen den Liedern jedes Mal abbaut.
Bewertung: 7,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Intro
02. We come alive
03. Kids in a Ghost Town
04. Stone cold Eyes
05. Perfect 10
06. The One that go away
07. Last to know
08. Unchain my Heart
09. Signed in Blood
10. Victorious
11. Caroline
12. Firesign
13. On the Run
14. Teenage Rebel
15. 1989
16. It ain’t me

