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GOROD – The Ember gone (2026)

(10.370) Olaf (9,0/10) Death Metal


Label: Season of Mist
VÖ: 28.08.2026
Stil: Death Metal






Bevor es um Musik geht, hoffe ich von Herzen, dass die Mitglieder von GOROD, ihre Familien, Freunde und alle Menschen in der Region von den verheerenden Bränden rund um Bordeaux verschont geblieben sind. Angesichts der aktuellen Bilder erhält The Ember Gone eine bedrückende Aktualität, die bei der Entstehung des Albums in dieser unmittelbaren Form kaum absehbar gewesen sein dürfte. Wenn ein Werk unter anderem Megafeuer, ökologische Verwüstung und die Frage behandelt, was von uns nach all dem Größenwahn übrig bleibt, und kurz darauf die Heimat der Band brennt, ist das keine clevere Werbekampagne des Schicksals, sondern ein verdammt bitterer Zufall.

Seit 1997 schrauben GOROD in Bordeaux an ihrer eigenwilligen Definition von Technical Death Metal. Zunächst noch unter dem Namen GORGASM aktiv, erfolgte 2005 die Umbenennung, womit zwar der Name etwas weniger nach anatomischem Betriebsunfall klang, die Musik aber keinen Millimeter zahmer wurde. Alben wie A Maze of Recycled Creeds, Æthra und zuletzt The Orb festigten den internationalen Ruf der Franzosen, während die progressive EP Transcendence und der thrashigere Ausflug Kiss the Freak früh bewiesen, dass Stillstand im Proberaum ungefähr so beliebt ist wie ein Metronom mit nur einer Geschwindigkeit.

Mit The Ember Gone legt das Quintett nun sein achtes Studioalbum vor und knüpft besonders deutlich an den offenen, progressiven Geist von Transcendence an. Das bedeutet allerdings keine rückwärtsgewandte Selbstbespiegelung, sondern vielmehr eine Erweiterung des eigenen Klangraums. GOROD haben ihre technische Meisterschaft schließlich längst bewiesen. Niemand muss hier noch mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Griffbretter deuten und ehrfürchtig die Zahl der Noten pro Quadratsekunde ermitteln. Entscheidend ist vielmehr, dass diese acht Stücke trotz aller Komplexität nicht wie eine Abschlussprüfung am französischen Musikkonservatorium klingen. Virtuosität ist das Werkzeug, nicht der eigentliche Inhalt.

Die starken Anleihen bei ATHEIST und CYNIC lassen sich dennoch kaum überhören. Von ATHEIST stammt jenes kantige, jazzig verschobene Riffverständnis, bei dem Bass, Gitarren und Schlagzeug scheinbar unterschiedliche Kreuzungen nehmen, sich aber am Ende trotzdem am selben Ziel treffen. CYNIC schimmern vor allem in den luftigen, beinahe entrückten Passagen, den harmonischen Erweiterungen und der Fähigkeit durch, brachiale Musik plötzlich schwerelos erscheinen zu lassen. GOROD kopieren dabei keine ihrer Inspirationsquellen. Sie nehmen deren Abenteuerlust und bauen daraus ihre eigene französische Hochleistungsmaschine – mit Funk im Tank, Jazz im Getriebe und Death Metal als ziemlich rußigem Auspuff.

Schon die Verbindung von Signs und Devise zeigt, wie fließend das Album zwischen kontrollierter Aggression, filigranen Gitarrenlinien und unerwartet weiten Klangflächen wechselt. Riffs werden nicht einfach wiederholt, sondern gedreht, zerlegt, neu zusammengesetzt und gelegentlich vermutlich noch einmal durch eine mathematische Gleichung geschickt. Trotzdem besitzt die Musik einen erstaunlich natürlichen Fluss. Wo andere Tech-Death-Bands ihre Hörer mit Noten zuschütten, bis nur noch die Schuhspitzen aus dem Taktberg ragen, setzen GOROD auf nachvollziehbare Spannungsbögen und vor allem auf Groove.

Gerade dieser Groove ist das Rückgrat von The Ember Gone. Benoit Claus führt seinen Bass nicht als leise Begleitung spazieren, sondern lässt ihn knurren, federn und eigenständig argumentieren. Karol Diers spielt dazu keinen sterilen Schlagzeugmarathon, sondern versieht selbst die komplexesten Wechsel mit Druck und Körper. Mathieu Pascal und Nicolas Alberny liefern sich an den Gitarren ein beeindruckendes Wechselspiel aus nervösen Figuren, melodischen Bögen, scharf angesetzten Riffs und Soli, die technisch brillant sind, ohne permanent ein Schild mit der Aufschrift „Bitte jetzt staunen!“ hochzuhalten.

Besonders Forgiveness und Regret profitieren von dieser größeren Offenheit. Hier darf Musik wachsen, atmen und sich jenseits der üblichen Genregrenzen bewegen. Die Stücke besitzen genügend Details, um auch nach mehreren Durchläufen neue Abzweigungen freizugeben, verlieren dabei aber nie ihre emotionale Richtung. Das ist bärenstark komponiert, weil Komplexität und Wirkung nicht gegeneinander arbeiten. GOROD bauen keine musikalischen Labyrinthe, um den Hörer darin verhungern zu lassen – sie verstecken lediglich an jeder zweiten Ecke einen verdammt guten Riffschatz.

Julien Deyres trägt wesentlich dazu bei, dass das Album trotz seiner instrumentalen Dichte nicht in technischer Selbstbetrachtung versinkt. Seine Stimme besitzt die nötige Wucht, bleibt aber beweglich genug, um die verschiedenen Stimmungen zusammenzuhalten. Er brüllt nicht einfach gegen die Musik an, sondern agiert als weiterer Bestandteil der Arrangements. Gerade in den dunkleren und atmosphärischeren Momenten wirkt sein Gesang wie ein menschlicher Widerstand gegen die mechanische Präzision der Instrumente.

Mit Crimson, Ignite und Ember verdichtet sich das Album zunehmend. Die Titel allein bilden beinahe schon eine Entwicklung von Warnzeichen über Entzündung bis zum letzten glimmenden Rest. Musikalisch wird diese Entwicklung nicht plump mit Dauerfeuer illustriert. Vielmehr arbeiten GOROD mit Kontrasten: hektische Verdichtung trifft auf offene Räume, aggressive Schübe auf melodische Nachbilder, technische Raserei auf Momente beinahe beklemmender Ruhe. So entsteht eine Atmosphäre, die nicht nur heiß, sondern ausgebrannt wirkt. Das Feuer ist hier keine hübsche Bühnenkulisse, sondern der Punkt, an dem Fortschritt, Konsum und menschliche Hybris ihre Rechnung präsentieren.

Das Konzept bleibt ohnehin näher an der Gegenwart als alles, was die Band zuvor behandelt hat. Es geht um den Einfluss menschlichen Handelns auf die Umwelt, um die immer schwerer kontrollierbaren Folgen einer auf Wachstum getrimmten Gesellschaft und um Machtstrukturen, die selbst existenzielle Fragen bestimmen. Auch die Entscheidung, unter diesen Bedingungen Kinder in die Welt zu setzen, wird thematisch berührt. Hinzu kommt der Prometheus-Mythos: Der Mensch erhält das Feuer, macht daraus Zivilisation, Energie und Fortschritt – und steht irgendwann in der eigenen Glut. Subtil wie eine brennende Tankstelle, aber leider ebenso zeitgemäß.

Mit Remains erreicht das Album schließlich seinen dramatischen Endpunkt. Der Song verbindet massive Schwere, große Melodien und dynamische Verschiebungen zu einem Finale, das die zentrale Frage des Werkes offen im Raum stehen lässt: Was bleibt eigentlich, wenn wir verschwunden sind? Musikalisch ist das kein müdes Auslaufen, sondern ein gewaltiger Schlussbogen, in dem GOROD noch einmal sämtliche Stärken bündeln. Der Titeltrack fehlt zwar nominell, doch inhaltlich wird der Albumname hier vollständig eingelöst: Das Feuer ist vorüber, die Glut erloschen – übrig bleibt die Bestandsaufnahme.

Aufgenommen wurde The Ember Gone vollständig von Mathieu Pascal im Bud Studio, während David Thiers im Secret Place Studio Mix und Mastering übernahm. Die Produktion ist hervorragend. Sie macht die verschachtelten Arrangements transparent, ohne ihnen die Zähne zu ziehen. Gitarren, Bass und Schlagzeug bleiben klar voneinander unterscheidbar, wirken aber nie klinisch voneinander isoliert. Gerade bei technisch anspruchsvoller Musik ist das ein Balanceakt: Zu viel Sauberkeit verwandelt Metal schnell in eine medizinische Lehrveranstaltung, zu viel Schmutz macht aus acht Instrumentalspuren einen umgekippten Besteckkasten. Hier stimmt das Verhältnis nahezu perfekt.

The Ember Gone ist technisch hochwertig, musikalisch fantastisch und zugleich erstaunlich emotional. GOROD liefern kein bloßes Virtuosenalbum für Menschen, die beim Frühstück ungerade Taktarten zählen, sondern ein geschlossenes Werk mit Atmosphäre, Haltung und Langzeitwirkung. Ein paar Passagen verlangen volle Aufmerksamkeit und werden sich Gelegenheitskonsumenten kaum beim ersten Hören ergeben – doch genau darin liegt der Reiz. Dieses Album wächst nicht langsam, weil ihm etwas fehlt, sondern weil es zu viel besitzt, um alles auf einmal preiszugeben.

Am Ende steht ein bärenstarkes Album, das die progressive Freiheit von Transcendence mit der Erfahrung einer fast drei Jahrzehnte alten Band verbindet. GOROD klingen hier wagemutig, hungrig und erstaunlich unverbraucht. The Ember Gone ist kein technischer Leistungsnachweis mehr, sondern die souveräne Arbeit von Musikern, die ihre Fähigkeiten längst nicht mehr erklären müssen. Wenn das Feuer erloschen ist, bleibt in diesem Fall keine Asche zurück, sondern eines der stärksten Alben der bisherigen Bandgeschichte.

ANSPIELTIPS:
🔥Ember
💀Remains


Bewertung: 9,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Signs
02. Devise
03. Forgiveness
04. Regret
05. Crimson
06. Ignite
07. Ember
08. Remains



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