Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (07/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

live on stage reports

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

CD-Reviews Q-S

SPACE CHASER – Razorblade Bay (2026)

(10.395) Olaf (8,4/10) Thrash Metal


Label: Tesimony Records
VÖ: 11.09.2026
Stil: Thrash Metal






Ich gebe es gleich zu, bevor hier jemand mit der Wahrheitszange anrückt: Als nach Siggis Abgang verkündet wurde, dass Leo Schacht künftig nicht nur die Rhythmusgitarre bedienen, sondern zusätzlich den Gesang übernehmen würde, habe ich ziemlich gefremdelt. Nicht, weil ich Leo die Sache grundsätzlich nicht zugetraut hätte. Aber SPACE CHASER hatten über Jahre eine markante Stimme, einen hohen Wiedererkennungswert und damit ein fest installiertes akustisches Navigationssystem. Den Sänger auszutauschen, ist schon schwierig genug. Den Job einfach dem Gitarristen zusätzlich auf den Rücken zu schnallen, klang zunächst nach einer Lösung, die man sich nach dem dritten Bier im Proberaum ausdenkt und am nächsten Morgen besser noch einmal nüchtern bespricht. Es war eine verdammt mutige Entscheidung. Vielleicht sogar eine leicht wahnsinnige. Inzwischen muss ich allerdings einräumen: Das funktioniert. Und auf Albumlänge sogar erstaunlich gut.

Seit ihrer Gründung 2011 haben sich die Berliner vom engagierten Thrash-Kommando zu einer festen Größe der deutschen Szene hochgearbeitet. Watch the Skies! und Dead Sun Rising legten das Fundament, mit Give Us Life gelang 2021 schließlich der Sprung auf Platz 24 der deutschen Albumcharts. Wacken, Summer Breeze, Party.San und ausgedehnte Clubtouren folgten, bevor der personelle Einschnitt die galaktische Reise beinahe in ein schwarzes Loch hätte lenken können. Stattdessen wurde der Kurs neu berechnet. Die 2025 veröffentlichte Single Ignite the Skies lieferte den ersten Beweis, dass SPACE CHASER als Quartett nicht nur irgendwie überleben, sondern weiterhin ordentlich Sternenstaub aus den Boxen prügeln können. Razorblade Bay ist nun die endgültige Belastungsprobe – und zugleich der überzeugende Nachweis, dass die Berliner ihr Raumschiff nicht notgelandet, sondern lediglich den Piloten umgeschult haben.

Die vierte Langrille eröffnet mit einer Salve, die keinen Gefangenen macht. Die ersten vier Songs sind allesamt Oberkiller und reichen vollkommen aus, um unvorsichtig abgestellte Nackenwirbel in die Erdumlaufbahn zu befördern. Der Titeltrack Razorblade Bay säbelt ohne Aufwärmphase los, verbindet schneidendes Riffing mit dieser typischen Mischung aus amerikanischem Achtziger-Thrash und deutscher Grobschlächtigkeit und setzt damit sofort die Marschrichtung. Das klingt weder nach einer nostalgischen Mottoparty noch nach einer Band, die verzweifelt versucht, ihre alten Platten noch einmal nachzubauen. SPACE CHASER bleiben ihrer DNA treu, haben die Oberfläche aber rauer und direkter gestaltet.

Mind Melting Machine trägt seinen Namen nicht aus dekorativen Gründen. Der Song ist ein kompakter Riffzerkleinerer, dessen Zahnräder präzise ineinandergreifen und dabei trotzdem genügend Dreck zwischen den Metallzähnen behalten. Hier zeigt sich besonders eindrucksvoll, weshalb die Dudes musikalisch ohnehin unantastbar sind. Die Gitarren schieben, hacken und sägen, Matthias Scheuerer trommelt mit der Effizienz eines Mannes, der seine Nachbarschaft längst aufgegeben hat, und Sebastian Kerlikowskis Bass sorgt dafür, dass der gesamte Maschinenraum nicht nur kreischt, sondern auch ordentlich vibriert.

We Are the Night besitzt anschließend diesen herrlich mitreißenden Charakter, den ein guter Thrash-Song braucht, wenn er nicht ausschließlich vor dem heimischen Plattenspieler funktionieren soll. Das Ding verlangt geradezu nach geballten Fäusten, verschwitzten Clubs und einem Publikum, das den Refrain spätestens beim zweiten Durchlauf beherrscht, auch wenn es vorher noch nie davon gehört hat. No Gods, No Dawn komplettiert dieses bärenstarke Anfangsquartett etwas düsterer, aber keinesfalls langsamer. Vier Songs, vier Treffer, keine Warnschüsse. Hätten SPACE CHASER dieses Niveau bis zum letzten Ton durchgehalten, müsste man die Wertung vermutlich mit einem feuerfesten Stift eintragen.

Danach wird Razorblade Bay etwas punkiger, rotziger und in seiner Dramaturgie bewusst weniger monumental. Das ist grundsätzlich kein Makel, denn diese Energie gehörte schon immer zum Klangbild der Berliner. Dennoch entsteht hier für mein Ohr eine kleine Delle. 8 Minutes poltert mit angenehm aufsässiger Haltung durch die Gegend und bekommt durch Andy Brings, der zusätzlich zur Koproduktion auch einen Gastauftritt am Mikro beisteuert, eine Extraportion räudige Autorität. Dass sich der frühere SODOM-Gitarrist im Studio einmischt, passt ohnehin wie der Patronengurt zum Sonntagsspaziergang. Gemeinsam mit Jan Oberg wurde jedoch kein künstliches Achtziger-Denkmal errichtet, sondern ein zeitgemäß drückendes Thrash-Album produziert, das seine alten Wurzeln nicht unter digitalem Hochglanz vergräbt.

We Bow to None schlägt in dieselbe punkige Kerbe und dürfte live einiges an Bewegung in die Bude bringen. Das Stück ist kurz angebunden, direkt und besitzt den Charme einer verschlossenen Kneipentür, die nicht geöffnet, sondern samt Rahmen eingetreten wird. Auch Blade Serpents hält die Mischung aus Thrash, Speed Metal und Punk lebendig. Hier werden die im Bandkosmos fest verankerten Science-Fiction- und Horrorbilder besonders schön von einer Musik getragen, die weniger nach gelehrter Weltraumphysik als nach riesigen Würmern, außerirdischem Gekröse und missglückten Expeditionen klingt. Bei SPACE CHASER wird das All schließlich nicht erforscht, sondern gemosht.

Ganz an die Durchschlagskraft des Beginns reicht die Albummitte allerdings nicht heran. Die Songs sind keineswegs schwach, aber nach den vier überragenden Eröffnungstreffern hätte an manchen Stellen für mein Ohr noch ein wenig mehr herauskommen können. Ein überraschender Tempowechsel hier, ein besonders gemeiner Widerhaken dort – irgendetwas, das die zweite Hälfte ebenso tief ins Gedächtnis fräst wie Mind Melting Machine oder No Gods, No Dawn. Das ist Kritik auf hohem Niveau, aber gerade eine musikalisch derart versierte Truppe muss sich daran messen lassen, was sie zuvor selbst angerichtet hat.

Zum Schluss ziehen SPACE CHASER das Tempo noch einmal kräftig an. Even the Score und vor allem The Coffin schieben die Platte wieder zurück auf die Überholspur und zeigen, dass im Maschinenraum noch reichlich Treibstoff vorhanden ist. Hier wird nicht gemütlich zum Landeanflug angesetzt, sondern mit offenem Visier durch den Asteroidengürtel geballert. Die abschließende Razorblade Bay (Reprise) greift den Ausgangspunkt noch einmal auf und schließt den Kreis, ohne den Titeltrack lediglich ein zweites Mal aufzuwärmen. Bei einer Gesamtspielzeit von knapp 33 Minuten bleibt ohnehin keine Gelegenheit für unnötiges Herumlavieren. Rein, Rübe abschrauben, raus – ein Konzept mit erfreulich geringem Verwaltungsaufwand.

Leo Schachts Gesang ist natürlich der entscheidende Punkt dieses Neustarts. Er klingt anders als Siggi, besitzt eine rauere, etwas weniger akrobatische Färbung und braucht anfangs einen Moment, bis man die alte Hörgewohnheit aus dem Raum gefegt hat. Doch je länger Razorblade Bay läuft, desto selbstverständlicher wird seine neue Doppelrolle. Seine Stimme sitzt fest in den Songs, wirkt nicht aufgesetzt und verleiht der punkigeren Ausrichtung sogar zusätzliche Glaubwürdigkeit. Vor allem entsteht nie der Eindruck, hier singe jemand lediglich deshalb, weil sich sonst keiner gemeldet hat. Leo hat sich die Position erarbeitet – und das hört man.

Auch handwerklich gibt es nichts zu meckern. Martin Hochsattel und Leo liefern eine Gitarrenarbeit ab, bei der Präzision und Angriffslust ein äußerst ungesundes Verhältnis eingehen, während die Rhythmusfraktion das Material mit bemerkenswertem Druck vorantreibt. Die Produktion lässt die Riffs schneiden, die Drums knallen und den Bass ausreichend wummern, ohne der Platte ihre Ecken abzuschleifen. Alles klingt kraftvoll, aber nicht steril. Genau so muss eine moderne Thrash-Produktion funktionieren, wenn sie weder im muffigen Proberaum stecken bleiben noch wie eine klinisch gereinigte Studioübung wirken soll.

Das von Mario E. López gestaltete Artwork passt hervorragend dazu. Die orangeglühende, lebensfeindliche Landschaft, der einsame Reisende und das über allem thronende Unheil wirken wie das Urlaubsmotiv eines Reiseveranstalters, der ausschließlich Hinflüge anbietet. Es sieht nach klassischer Science-Fiction aus, ohne billig nostalgisch zu wirken, und vermittelt ziemlich exakt, was musikalisch wartet: Hitze, Gefahr, scharfkantiges Gelände und garantiert kein All-inclusive-Armband.

Razorblade Bay ist damit eine echt starke Thrash-Scheibe und ein gelungener Neustart. Die ersten vier Songs rasieren alles ab, was nicht rechtzeitig den Kopf einzieht, in der etwas punkigeren Mitte verliert das Album kurzzeitig ein wenig von seiner überragenden Anfangsschärfe, bevor am Ende wieder Vollgas gegeben wird. Die Entscheidung, Leo zusätzlich ans Mikro zu stellen, war riskant, funktioniert inzwischen aber überzeugend. Noch ist nicht jeder Quadratzentimeter dieses neuen Raumschiffs perfekt eingerichtet, doch der Antrieb läuft, die Waffen sind geladen und die Besatzung hat hörbar Lust auf weitere Verwüstung. Wenn Razorblade Bay tatsächlich nur der Vorgeschmack auf das ist, was in dieser Besetzung noch kommt, dürfen wir uns schon einmal vorsorglich einen Nackenschutz aus Titan bestellen. Sauber eingetütet.

ANSPIELTIPS:
⚔️Razorblade Bay
🧠Mind Melting Machine
⚰️The Coffin


Bewertung: 8,4 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Razorblade Bay
02. Mind melting Machine
03. We are the Night
04. No Gods, no Dawn
05. 8 Minues
06. We bow to none
07. Blade serpents
08. Even the Score
09. The Coffin
10. Rezorblade Bay (Reprise) 



SOCIAL MEDIA

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist