THE NIGHT ETERNAL – Cold Velvet (2026)
(10.390) Olaf (9,0/10) Heavy Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 21.08.2026
Stil: Heavy Metal
Darf Heavy Metal entspannend sein? Warum denn nicht? Entspannung muss schließlich nicht zwangsläufig nach Panflöte, Möwengeschrei und einem Wellness-Guru klingen, der einem für 89 Euro erklärt, wie man richtig ausatmet. Manchmal genügt eine dunkle Melodie, ein schwerer Gitarrenakkord und eine Stimme, die klingt, als würde sie einen persönlich durch die Nacht begleiten. Wenn dann auch noch eine unfassbar sympathische Band wie THE NIGHT ETERNAL es schafft, mich komplett zu fesseln, obwohl diese Art von Musik in meinem persönlichen Geschmackskosmos eher in der Conference League spielt, müssen die Jungs verdammt viel richtig gemacht haben.
Wobei mein Verhältnis zu den Essenern längst nicht mehr ausschließlich musikalischer Natur ist. Beim Rock Hard Festival 2025 spielten sie sich mit einer solchen Aufrichtigkeit in mein Herz, dass man schon aus Granit hätte bestehen müssen, um davon unberührt zu bleiben. Immer wieder betonten die Jungs, wie unfassbar viel es ihnen bedeute, auf genau jenem Festival zu stehen, das sie zuvor selbst als Fans besucht hatten und auf dem sie sich einst kennengelernt hatten. Das war nicht einstudierte Publikumskuschelei aus dem Handbuch für angehende Rockstars, sondern ehrliche Begeisterung. Plötzlich standen sie dort nicht mehr vor der Bühne, sondern darauf – und wirkten selbst ein wenig überwältigt von diesem Rollentausch. Charmant war das, herrlich bodenständig und völlig frei von jener künstlichen Wichtigkeit, die manche Nachwuchsband bereits nach dem zweiten Festivalauftritt wie einen schlecht sitzenden Ledermantel spazieren trägt.
Gegründet wurden THE NIGHT ETERNAL 2018 in Essen. Schon die selbstbetitelte EP von 2019 ließ erkennen, dass hier niemand bloß alte Kuttenmotive nachzeichnet. Mit Moonlit Cross folgte 2021 das erste vollständige Album, bevor Fatale zwei Jahre später die dunkle, melancholische Handschrift deutlicher herausarbeitete. Dazu kamen Tourneen und Konzerte mit BLIND GUARDIAN, MICHAEL SCHENKER GROUP, ANGEL WITCH und LUCIFER, Auftritte bei Wacken, Summer Breeze, Hellfest und Alcatraz sowie der Sprung über den großen Teich zum Hell’s Heroes Festival in Houston. Cold Velvet ist nun das dritte Album und gleichzeitig das Debüt bei Metal Blade. Das klingt auf dem Papier nach nächster Karrierestufe, fühlt sich musikalisch aber nicht wie der Versuch an, plötzlich sämtliche Türen gleichzeitig einzutreten. THE NIGHT ETERNAL gehen vielmehr durch jene Tür, die sie sich in den vergangenen Jahren selbst gebaut haben.
Das Ergebnis erinnert mich erstaunlich häufig an eine teutonische Ausgabe von HÉROES DEL SILENCIO – nicht, weil hier spanischer Rock nachgespielt würde, sondern wegen dieser großen, sehnsüchtigen Melodien, der dramatischen Körpersprache der Musik und einer Stimme, die selbst aus einer Einkaufszettelzeile vermutlich noch ein nächtliches Schicksalsdrama machen könnte. Ricardo Baum ist ein grandioser Frontmann. Er kopiert Enrique Bunbury nicht, besitzt aber eine ähnlich eindringliche Art, Melancholie nicht als Schwäche, sondern als Kraftquelle einzusetzen. Seine Stimme kann beschwören, schmeicheln, anklagen und im nächsten Moment einen Refrain über die Ziellinie tragen, ohne ihn mit übertriebenem Pathos zu erschlagen. Vor allem hört man ihm mit jeder Silbe den Spaß an der Sache an. Baum singt diese Stücke nicht einfach – er bewohnt sie.
Musikalisch hält sich Cold Velvet zwar weiterhin im Heavy Metal auf, hat dort aber die Fenster zum Gothic-, Post- und dunklen Hard Rock der Achtziger weit geöffnet. Die Gitarren von Robert Richter und Henry Käseberg liefern klassische Harmonien und melodische Soli, verzichten jedoch auf staubige Nostalgie. Immer wieder schieben sich hypnotische Figuren, schwebende Flächen oder kleine Synthesizerfarben in den Hintergrund, während Aleister Präkelt die Songs mit einem ebenso geradlinigen wie rituell anmutenden Schlagzeugspiel zusammenhält. Das Album besitzt Druck, muss deshalb aber nicht ständig mit dem Kopf durch die Wand. Manchmal reicht es, bedrohlich vor der Tapete stehen zu bleiben.
Einen erheblichen Anteil daran hat Michael Zech. Zwischen Mai und Dezember 2025 entstand die Platte in den Church Of Sound Studios im Großraum München. Durch größere Abstände zwischen den einzelnen Sessions konnten die Stücke nachreifen, verändert und um weitere Details ergänzt werden. Entscheidender ist allerdings die klangliche Umstellung: Statt sich überwiegend auf Gitarren-Plug-ins zu verlassen, jagte die Band diesmal sechs verschiedene Verstärker durch ein analoges Mischpult. Das hört man. Die Gitarren besitzen Körper, Luft und unterschiedliche Temperaturen. Einige Töne fühlen sich beinahe samtig an, andere haben jene angenehm raue Oberfläche, an der man sich beim Vorbeigehen das Hemd aufreißt. Zechs Erfahrungen mit düstererem und extremerem Metal verleihen der Produktion zusätzliche Tiefe, ohne den klassischen Kern der Band mit schwarzer Farbe zu übergießen.
Where This World Ends übernimmt zunächst die Aufgabe, Fatale mit dem neuen Kapitel zu verbinden. Der Song startet ohne überflüssiges Kerzenanzündungszeremoniell, stellt sofort die Gitarren ins Schaufenster und lässt im Hintergrund jene Synthesizerfarben aufblitzen, die an die experimentierfreudigere Phase des Achtziger-Metal erinnern. Schon hier zeigt sich die größte Qualität des Albums: THE NIGHT ETERNAL schreiben Refrains, die schnell im Kopf wohnen, dort aber nicht gleich die Möbel zertrümmern. Sie wirken unmittelbar, ohne nach zwei Durchläufen ihre gesamte Wirkung verschossen zu haben.
Mit Eurydice (Don’t Look Back) greifen sie den Mythos von Orpheus und Eurydike auf, also jene tragische Geschichte, in der ein einziger Blick zurück alles zerstört. Der Song trägt dieses Wissen um Verlust und Unumkehrbarkeit in jeder melodischen Wendung. Die Gitarren öffnen den Raum, Baum singt gegen die Dunkelheit an, und der Refrain besitzt genau jene Mischung aus Schönheit und drohendem Unheil, bei der man gleichzeitig mitsingen und vorsichtshalber hinter sich schauen möchte.
Caught in a Spell verwandelt den nächtlichen Zauber anschließend in Bewegung. Der hypnotische Rhythmus, die offenen Gitarren und das Gefühl einer endlosen Straße machen das Stück tatsächlich zum idealen Begleiter für eine Nachtfahrt. Allerdings sollte man den rechten Fuß unter Kontrolle behalten, denn dieser Refrain besitzt mehr Beschleunigungskraft als so mancher Motor. Das ist Heavy Metal als dunkler Roadmovie: vorne schwarzer Asphalt, hinten die Vergangenheit und irgendwo dazwischen ein Ritter auf einer Harley. Normalerweise müsste man bei dieser Vorstellung lachen. Hier sieht sie erstaunlicherweise völlig logisch aus.
Überhaupt funktionieren die Texte weniger als Sammlung konkreter Geschichten denn als zusammenhängender emotionaler Weg. Weltende, Eurydike, verlöschende Kerzen, fließende Zeit, brennende Schleier, Trauer und blutroter Boden ergeben kein klassisches Konzeptalbum, gehören aber unverkennbar derselben nächtlichen Bildwelt an. Grenzen werden überschritten, Erinnerungen verblassen und Menschen verlieren Dinge, die sich nicht zurückholen lassen. Das kurze „I hear the silent calling“ aus dem Opener bringt diese Grundstimmung auf den Punkt: Etwas ruft aus der Ferne, und obwohl man ahnt, dass die Reise nicht besonders gesund enden wird, folgt man trotzdem. Schließlich hat Vernunft noch nie einen vernünftigen Heavy-Metal-Refrain geschrieben.
Mit The Veins of Time beginnt die zweite Albumhälfte besonders stark. Ein beinahe post-punkiges, von Gothic Rock angehauchtes Intro baut langsam Spannung auf, bevor sich der Song in Richtung Heavy Rock bewegt und schließlich in einem großartigen Zusammenspiel zwischen Baums Stimme und Robert Richters melodischem Solo gipfelt. Inhaltlich kreist das Stück um Zeit, Verlust und die Schatten eines Menschen, der sich immer weiter entfernt. Dabei wird die Trauer nicht dick aufgetragen. Sie schleicht sich vielmehr durch die Zwischenräume und bleibt gerade deshalb lange hängen.
Das siebenminütige Dance on Crimson Ground beschließt die Platte schließlich als dramatische Powerballade, wobei „Ballade“ hier nicht bedeutet, dass Feuerzeuge geschwenkt und emotionale Notfallkitschreserven geöffnet werden. Der Song beginnt zurückgenommen, wächst aber stetig, verändert sein Tempo und steigert sich in ein Finale, das sich wie der logische Abschluss der gesamten Reise anfühlt. Hier zeigt sich noch einmal, warum Cold Velvet trotz seiner acht eigenständigen Stücke wie ein vollständiges Album wirkt und nicht wie eine zufällige Ansammlung möglicher Singles.
Ein paar kleine Widerhaken bleiben dennoch. Die melancholische Grundtemperatur verändert sich über die gut 41 Minuten nur behutsam, und einige Refrains folgen einem ähnlich dramatischen Spannungsbogen. Wer mit dieser Art von großer Geste ohnehin fremdelt, könnte im letzten Drittel das Gefühl bekommen, schon einmal durch denselben mondbeschienenen Wald gelaufen zu sein. Auch erreicht nicht jeder Song ganz die zwingende Klasse von Eurydice (Don’t Look Back) oder The Veins of Time. Einen echten Ausfall findet man allerdings nicht. Dafür sind die Arrangements zu durchdacht, die Melodien zu stark und Ricardo Baum zu sehr in seinem Element.
Cold Velvet ist kein Album, das krampfhaft beweisen möchte, wie außergewöhnlich es ist. Es legt seine Dunkelheit ruhig auf den Tisch, schenkt ein Glas Rotwein ein und wartet geduldig darauf, dass man näherkommt. Irgendwann sitzt man mittendrin, summt Refrains und fragt sich, wann genau diese Band eigentlich aus der persönlichen Conference League bis an die Tür zur Champions League marschiert ist. Heavy Metal darf entspannen. Er darf wärmen, obwohl er kalt heißt, und fesseln, ohne permanent die Ketten rasseln zu lassen. THE NIGHT ETERNAL haben genau das verstanden – und dabei eines jener Alben geschaffen, die ihre Kraft nicht aus Lautstärke allein, sondern aus Atmosphäre, Persönlichkeit und verdammt großen Melodien beziehen.
ANSPIELTIPS:
🔥Eurydice (Don’t Look Back)
⏳The Veins of Time
🩸Dance on Crimson Ground

