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APRIL ART - Red (2026)

(10.471) Olaf (7,0/10) Modern Metal


Label: Reaper Entertainment
VÖ: 02.10.2026
Stil: Modern Metal







Mit „Rodeo“ hatten mich APRIL ART genau dort erwischt, wo gute Musik hinmuss: zwischen Begeisterung und dem dringenden Bedürfnis, die Lautstärke noch etwas unvernünftiger einzustellen. Der Vorgänger war ein Killer sondergleichen, entsprechend groß ist meine Erwartung an „Red“. Das 2014 gegründete Quartett aus Gießen hat sich vom Debüt „Rise & Fall“ über „Pokerface“ bis zum 2024 erschienenen „Rodeo“ eine beachtliche Eigenständigkeit erarbeitet. Da darf man durchaus auf weitere Eskalation hoffen. Ganz so hemmungslos wie erhofft fällt die Angelegenheit diesmal allerdings nicht aus.

Den Aufstieg haben sich Lisa-Marie Watz und ihre Mitstreiter mit beträchtlichem Einsatz verdient. Wer neben Songs und Konzerten sämtliche organisatorischen Baustellen selbst betreut, kennt den Unterschied zwischen Rock’n’Roll-Romantik und einer unbeantworteten Mail um halb drei nachts vermutlich ziemlich genau. Inzwischen verteilt die Band mehr Aufgaben und hat sich für das während des Jahres 2025 entstandene Material Unterstützung von außen geholt. Mehr Raum fürs Schreiben, weniger Kleinkram: ein nachvollziehbarer Schritt, der den Ehrgeiz des Quartetts unterstreicht.

Die Mischung aus modernem Rock, Alternative Metal und zugänglichen Melodien bleibt das Fundament. APRIL ART beherrschen das Zusammenspiel von Druck und Eingängigkeit weiterhin ausgesprochen gut. Die Gitarren liefern Gewicht, die Refrains öffnen die Songs, und Lisa-Marie hält beides mit einer Stimme zusammen, die ordentlich Reibung erzeugen kann, ohne die melodische Linie zu verlieren. Härte und große Hooks dürfen miteinander Spaß haben. Hier muss niemand eine Aufnahmeprüfung in Sachen Szenereinheit bestehen, bevor er den Refrain mitsingen darf.

Bulletproof stellt diese Qualitäten gleich zu Beginn heraus und gehört für mich zu den überzeugendsten Nummern der Platte. Die entschlossene Hymne handelt davon, sich durch Anfeindungen nicht kleinmachen zu lassen und denjenigen, die ihren Frust an anderen abladen, die Macht über das eigene Leben zu verweigern. Das passt hervorragend zu einer Frontfrau, die sich in einer noch immer reichlich männlich geprägten Branche behauptet. Diese selbstverständliche Kampfansage wirkt erheblich stärker als angestrengt zur Schau gestellte Coolness.

Fall into Pieces und Panic Stations ergänzen diese Widerstandskraft um Rückhalt für Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen oder mit ihren Problemen alleinstehen. Darin steckt eine sympathische Qualität von APRIL ART: Die Band kann selbstbewusst auftreten und zugleich Platz für Verletzlichkeit lassen. Ihre Zuversicht hat mehr Substanz als ein Durchhalteparolen-Aufdruck auf einem Kaffeebecher. Der gemeinschaftliche Gedanke passt zu den großen Refrains, deren Wirkung vor einer Bühne man sich bereits bestens vorstellen kann.

Bissiger wird es bei Big Bubble Bullshit. Schon der Titel besitzt die diplomatische Feinfühligkeit eines umgeworfenen Bierzelttisches. Die Stoßrichtung gegen Sexismus, patriarchale Selbstherrlichkeit und festgefahrene Vorurteile steht APRIL ART ausgezeichnet. Wer sich über Frauen am Mikrofon immer noch grundsätzlich wundert, darf seine wertvolle Expertise direkt neben dem Faxgerät ablegen. Hier finden Haltung, Angriffslust und der Wiedererkennungswert der Band besonders überzeugend zusammen. Von dieser frechen Entschlossenheit hätte ich auf „Red“ gern noch mehr gehabt.

Denn im Mittelteil wird mir die balladeske Seite zu ausführlich ausgebreitet. Lisa-Marie kann solche Passagen selbstverständlich tragen, und die weicheren Momente besitzen Ausdruck. Mein Problem ist ihr Gewicht innerhalb des Albums. Nach dem energischen Auftakt nimmt „Red“ zu lange Druck heraus, wodurch der Fluss an Spannung verliert. Aus der emotionalen Atempause wird für meinen Geschmack eine zu großzügig bemessene Sitzgelegenheit. Gerade auf einem ohnehin knappen Album fällt das auf. Die ruhigeren Stücke hätte ich lieber sparsamer eingesetzt oder geschickter zwischen die energischen Nummern verteilt gesehen.

Dazu fehlen mir die brachialen Überraschungsmomente, die „Rodeo“ so aufregend gemacht haben. „Red“ besitzt weiterhin Kraft, doch zu selten kommt dieser zusätzliche Ausbruch, der einen kurz die Kontrolle über die eigene Gesichtsmuskulatur verlieren lässt. Die Songs wissen meist genau, wohin sie wollen. Das macht sie zugänglich, kostet aber etwas von jener Unberechenbarkeit, die ich an den Hessen besonders schätze. Ein großer Refrain ersetzt eben nicht jedes Mal den Moment, in dem die Band plötzlich noch eine Wand einreißt. Und dann ist die Platte schon vorbei. Zehn Titel sind auf dem Papier eine ordentliche Ansage, das Gesamtpaket wirkt dennoch zu knapp. Ein paar zusätzliche Ideen und mehr Raum für die härtere Seite hätten „Red“ gutgetan.

Live wird dieses Material trotzdem knallen wie Sau und verbrannte Erde hinterlassen. Die griffigen Hooks, die klare Ansprache und Lisa-Maries Präsenz bringen dafür reichlich Voraussetzungen mit. Was zu Hause an Dramaturgie fehlt, dürfte im Konzert durch die unmittelbare Energie erheblich an Wirkung gewinnen. Beim Mitsingen sollte man lediglich bedenken, dass die eigene Stimme am nächsten Morgen noch für alltägliche Dinge gebraucht werden könnte.

„Red“ ist eine gute Platte mit ausgesprochen starken Treffern und einem kleinen Dämpfer für meine Begeisterung. APRIL ART haben genügend Charakter, um auch damit klar wiedererkennbar und reizvoll zu bleiben. Nach dem überragenden Vorgänger hatte ich mir allerdings mehr versprochen. Beim nächsten Mal wünsche ich mir wieder mehr Wagnis, mehr Wucht und eine ausgewogenere Gewichtung. Die Einladung zur Party nehme ich weiterhin gern an. Ich hatte bloß gehofft, dass diesmal auch die Nachbarn freiwillig ausziehen.

ANSPIELTIPS:
🔥Bulletproof
🤘Panic Stations
💥Big Bubble Bullshit


Bewertung: 7,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Bulletproof
02. Fall into Pieces
03. Panic Stations
04. Unbreakable
05. Silent War
06. Good Guy
07. Hungry for Life
08. Big Bubble Bullshit
09. Blink of an Eye
10. Karma is a Bitch 



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