FIRTAN - Helios (2026)
(10.472) Olaf (8,9/10) Black Metal
Label: AOP Records
VÖ: 02.10.2026
Stil: Black Metal
Nach Ethos hatte die nächste FIRTAN bei mir schon reichlich Vorschusslorbeeren eingesammelt, bevor überhaupt der erste Ton lief. Die 2010 in Lörrach gegründete Truppe hat sich über Niedergang, Okeanos und Marter einen eigenen Sound erarbeitet und gehört für mich zu jenen Vertretern des heimischen Black Metal, bei denen ich entsprechend gespannt auf neues Material warte. Nun liegt mit Helios das fünfte Studioalbum vor, und ausgerechnet unter dem Namen eines Sonnengottes wird es möglicherweise finsterer als jemals zuvor. Die Sonne geht auf, und FIRTAN liefern die passende Sonnenfinsternis gleich mit. Muss man auch erst einmal so hinbekommen.
Was sofort mächtig Eindruck hinterlässt, ist der Sound. Markus Stock hat in der Klangschmiede Studio E ganze Arbeit geleistet und dieser Scheibe eine Produktion verpasst, die einem ordentlich die Luft aus der Lunge drückt. Die Gitarren besitzen eine herrliche Schärfe, das Schlagzeug entwickelt gewaltigen Druck, und trotzdem gehen die Feinheiten der Instrumentierung in diesem Getöse wunderbar auf. Gerade bei derart viel gleichzeitig stattfindender Musik ist das eine Kunst. Besonders der Gesang profitiert davon: Phillip Thienger kommt großartig zur Geltung, seine Stimme trägt Wut, Schmerz und Verbissenheit mit einer Intensität, die das ohnehin heftige Geschehen noch einmal zusätzlich auflädt. Da passt wirklich eine ganze Menge zusammen.
Musikalisch haben FIRTAN ihre Abenteuerlust erfreulicherweise behalten. Die schwarzmetallische Grundlage bekommt durch die deathmetallische Wucht ordentlich Gewicht, während Klara Bachmairs Violine weiterhin einen wesentlichen Teil des Bandcharakters ausmacht. Sie bringt Melancholie hinein, verschärft aber ebenso das Unbehagen. Gerade dieses Zusammenspiel gefällt mir: Die Geige hat in dieser Musik etwas zu erzählen und darf dabei auch unbequem werden. Dazu kommen akustische Instrumente, Synthesizer und rituell anmutende Gesänge, die den Stücken weitere Möglichkeiten eröffnen. An Abwechslung mangelt es Helios also wahrlich nicht. Allerdings bleibt selbst in den ruhigeren Passagen häufig eine Spannung zurück, bei der man sich mit dem gemütlichen Zurücklehnen vorsichtshalber noch etwas Zeit lässt.
Auch textlich ist der Albumtitel weniger beruhigend, als er zunächst erscheinen mag. Das Licht muss hier mühsam erkämpft werden, und der Weg dorthin führt durch ziemlich unangenehme Gegenden. Kalikas Tongue beschäftigt sich mit Heuchelei, Verfall und einer Welt, deren moralischer Kompass offenbar längst beim Pfandleiher liegt. „All hail famine and decay“ bringt diese vergiftete Stimmung treffend auf den Punkt. Spannend finde ich dabei, dass der Erzähler selbst von der beschriebenen Zersetzung angezogen wird und zugleich an ihr zweifelt. Diese innere Beteiligung macht den Text wesentlich interessanter als das übliche Schimpfen auf eine verdorbene Welt, während man sich selbst vorsorglich einen Heiligenschein aufsetzt.
Dem gegenüber steht in Ascension der Versuch, sich aus einem kalten, einengenden Grab zu befreien. „Leave the dark, break the now“ klingt wie die passende Aufforderung, endlich gegen die eigene Gefangenschaft aufzubegehren. Im Titelstück wird dieser Gedanke weitergeführt: Das Feuer soll aus dem eigenen Inneren entstehen, während die versprochene Erlösung von außen gründlich infrage gestellt wird. „Dissolve and become“ lässt sich entsprechend als Aufforderung lesen, die bisherige Gestalt aufzugeben und sich neu zu erschaffen. Die hermetischen Motive in Wide Open Eye erweitern diesen Gedanken um die Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Welt. Stoff zum Nachdenken ist also vorhanden. Wer hier Erleuchtung sucht, sollte jedenfalls eine gewisse Belastbarkeit mitbringen.
Den ausladenden Anspruch der Scheibe bündelt besonders das knapp zwölfminütige The Hierophant Way, bei dem James Dorton von NE OBLIVISCARIS den Gesang verstärkt. Solche Dimensionen verlangen Aufmerksamkeit, geben FIRTAN aber auch den Raum, ihre unterschiedlichen musikalischen Seiten auszuspielen. Ein schönes Detail ist außerdem das Sopransaxofon von Christian Höll, bekannt durch VINSTA, in Shadows of a Dawn Unborn. Dessen Text führt von verblassender Wärme und sterbender Natur zu verborgenen Wurzeln und einem neuen Keim. Nach all den inneren Kämpfen bekommt die Hoffnung damit doch noch ihren Auftritt. Die als Bonus enthaltene BATHORY-Hommage Man of Iron fügt sich als Gruß an Quorthon ebenfalls schlüssig ins Gesamtbild.
Und trotzdem hat mich Ethos schneller an den Eiern gepackt. Das muss bei aller Begeisterung für die musikalische Klasse dieser neuen Scheibe einfach gesagt werden. Auf dem Vorgänger saßen die entscheidenden Momente bei mir früher, die Verbindung war unmittelbarer. Helios macht es einem schwerer. Die Melodien sind vorhanden, die Ideen sowieso, doch manches bleibt zunächst hinter der geballten Härte und den anspruchsvolleren Abläufen verborgen. Vieles beeindruckt mich erst einmal stärker, als es mich berührt. Das ist der kleine, aber für mich entscheidende Unterschied. Ich kann die hervorragende Arbeit an jeder Ecke würdigen und vermisse dennoch gelegentlich diesen einen Moment, in dem sämtliche Überlegungen verstummen und nur noch ein begeistertes „Verdammte Axt!“ übrig bleibt.
FIRTAN nehmen es sich heraus, nach einem starken Vorgänger eine unbequemere Platte vorzulegen. Diese Konsequenz mag ich, auch wenn mein Bauch diesmal etwas länger braucht als mein Kopf. Helios ist eine bärenstarke Scheibe, deren Ausdruckskraft, musikalische Vielfalt und fantastische Produktion reichlich Gründe liefern, sich eingehend mit ihr zu beschäftigen. Zum Album der Woche hat letztlich nur ein kleines Stück gefehlt. Eine klare Empfehlung gibt es trotzdem, und beim nächsten Werk bin ich selbstverständlich wieder gespannt dabei. Auch ein Sonnengott muss damit leben, dass ich ihm nicht sofort um den Hals falle.
ANSPIELTIPS:
🔥Kalikas Tongue
☀️Helios
💀The Hierophant Way
Bewertung: 8,9 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Himsa
02. Kalikas Tongue
03. Ambrosia
04. Solis currus
05. Ascension
06. Wide open Eye
07. Helios
08. The Form revealed
09. Revealing Prana
10. The Hierophant Way
11. Shadows of a Dawn unborn
12. Man of Iron (Bathory)

