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MARTYRIUM - Malevolent (2026)

(10.383) Olaf (8,5/10) Blackened Death Metal


Label: Apostasy Records
VÖ: 21.08.2026
Stil: Blackened Death Metal






Dass mir MARTYRIUM bislang vollständig durch die metallische Lappen gegangen sind, darf man wohl als persönlichen Kollateralschaden jahrzehntelanger Underground-Wühlarbeit verbuchen. Die Niederländer werden offenbar längst als Kultband gehandelt, doch weder ihr Name noch ihre bisherigen Veröffentlichungen hatten sich auf meinem Radar festgesetzt. Andererseits bietet genau das einen gewissen Reiz: keine nostalgische Verklärung, keine alten Kuttenaufnäher, die das Urteilsvermögen behindern, sondern ein völlig unbefangener Zusammenstoß mit einer Band, die seit 1996 unbeirrt im Untergrund lärmt. Und was soll ich sagen? Malevolent kommt nicht höflich zur Tür herein, sondern tritt sie aus den Angeln, zerlegt anschließend das Wohnzimmer und fragt erst danach, ob vielleicht noch Kaffee da ist.

Gegründet wurden MARTYRIUM im limburgischen Maasbree. Nach dem ersten Demo von 1998 folgte 2001 das Debüt Ideology of Death, ehe die Band 2002 für mehr als ein Jahrzehnt von der Bildfläche verschwand. Seit ihrer Wiederbelebung im Jahr 2014 wird wieder regelmäßig schwarzer Staub aufgewirbelt, wobei es bis zum zweiten Album Abandon Hope dennoch weitere sechs Jahre dauerte. Nun steht mit Malevolent tatsächlich erst der dritte Langspieler einer fast dreißigjährigen Geschichte an. Von übertriebener Veröffentlichungshektik kann also keine Rede sein. Andere Bands benötigen für elf neue Songs weniger Zeit als ich für die Auswahl einer Speisekarte, MARTYRIUM lassen ihre Dämonen offenbar lieber ausgiebig abhängen, bevor sie auf die Menschheit losgelassen werden.

Dass die Band trotz ihrer langen Pausen eine Art Kultstatus genießt, lässt sich vermutlich gerade mit dieser Hartnäckigkeit erklären. MARTYRIUM haben nie versucht, jeder gerade angesagten schwarzen Mode hinterherzulaufen. Ihr Fundament besteht aus Black und Thrash Metal, bekommt jedoch durch kräftige Death-Metal-Einschläge zusätzliche Masse. Das Ergebnis ist keine hauchdünne Raserei, die nach drei Liedern nur noch wie ein übersteuerter Föhn klingt. Hier knallt, poltert und ballert es an allen Ecken und Enden, doch hinter dem scheinbaren Kontrollverlust sitzt eine Band, die sehr genau weiß, wann sie beschleunigen, abbremsen oder den nächsten Riffhaken setzen muss.

Zum aktuellen Quartett gehören Sänger Jos Lemmen, Gitarrist Geert Rijs, Bassist Sander Stappers und Schlagzeuger Job van de Graaf. Gerade das Zusammenspiel der Instrumente macht Malevolent so wirkungsvoll. Die Gitarre sägt sich mit scharfkantigen Thrash-Riffs durch das Material, während der Bass nicht irgendwo unter dem Schlagzeug beerdigt wurde, sondern dem Ganzen ordentlich Unterboden verpasst. Job van de Graaf trommelt dazu, als habe ihm jemand mitgeteilt, dass nach 39 Minuten sämtliche Felle konfisziert werden. Blastbeats, Doublebass und treibende Rhythmen wechseln sich ab, ohne dass die Platte zur sportlichen Leistungsschau verkommt. Jos Lemmen krächzt, keift und growlt mit genügend Abwechslung, um der durchgehend aggressiven Ausrichtung unterschiedliche Schattierungen zu geben. Besonders die tieferen Passagen verleihen der Musik eine deathmetallische Schwere, die hervorragend mit dem giftigen Black-Thrash-Unterbau harmoniert.

Schon Purification through Fire macht seinem Titel alle Ehre. Ein langes Herumzündeln mit feuchten Streichhölzern findet nicht statt; stattdessen steht die Hütte innerhalb kürzester Zeit lichterloh. Das Stück eröffnet die Platte mit hohem Tempo, bissigem Riffing und einer körperlichen Wucht, die unmittelbar klarmacht, dass MARTYRIUM keinerlei Aufwärmphase eingeplant haben. Trotzdem klingt die Nummer nicht stumpf heruntergeprügelt. Kleine Tempoverschiebungen und die Wechsel zwischen fauchendem Gesang und dunkleren Growls sorgen dafür, dass die Attacke Konturen behält.

Danach folgt mit Realm of Madness der unbestreitbare Megahit des Albums. „Hit“ ist im Blackened Thrash natürlich relativ zu verstehen: In der Fußgängerzone wird das Stück vermutlich nicht zwischen Ed Sheeran und Helene Fischer laufen, sofern die örtliche Stadtverwaltung nicht gerade einen Exorzismus plant. Innerhalb dieses Albums besitzt der Song jedoch alles, was eine großartige Extrem-Metal-Nummer braucht. Das Riff sitzt augenblicklich, die Schlagzeugarbeit schiebt wie eine außer Kontrolle geratene Abrissbirne und der Aufbau ist so kompakt, dass keine Sekunde wirkungslos verpufft. Vor allem entwickelt Realm of Madness einen echten Wiedererkennungswert. Wo viele Genrevertreter Geschwindigkeit mit Songwriting verwechseln, schreiben MARTYRIUM hier einen Nackenbrecher, der nicht nur verwüstet, sondern auch hängen bleibt.

Anschließend halten die Niederländer den Druck erstaunlich konstant. Resurrection from the Abyss täuscht kurz an, etwas mehr Luft in die schwarze Gruft zu lassen, nur um wenig später wieder sämtliche Türen zuzuschlagen. Destiny of Desolation verbindet rasende Passagen mit thrashigen Galoppriffs und beweist besonders deutlich, wie gut die Band ihre unterschiedlichen Einflüsse verzahnt. Die Musik klingt jederzeit kohlrabenschwarz, besitzt aber genug Groove, um nicht ausschließlich in frostiger Raserei zu erstarren. Genau darin liegt eine der großen Stärken von Malevolent: Die Platte ist brutal, ohne eindimensional zu werden, und atmosphärisch, ohne sich hinter Nebelmaschinen und bedeutungsschweren Zwischenspielen zu verstecken.

Auch Expand your Shadow und Beware of the Necromancer zeigen, dass MARTYRIUM nicht elfmal denselben Höllenritt mit leicht verändertem Titel verkaufen. Mal dominieren die schneidenden Black-Metal-Gitarren, mal drückt sich der Death Metal mit breiten Schultern nach vorn, dann wiederum übernehmen Thrash-Riffs das Kommando und zerren den Hörer direkt in den imaginären Moshpit. Gerade Beware of the Necromancer besitzt eine finstere, beinahe beschwörende Atmosphäre, ohne den Vorwärtsdrang aufzugeben. Die okkulte und makabre Bildwelt der Songtitel passt dabei ausgezeichnet zur Musik: Feuer, Wahnsinn, Wiederauferstehung, Verwüstung, Nekromantie und Hexerei – ein Wellnesswochenende klingt anders, dürfte aber auch deutlich weniger Spaß machen.

Der Titelsong Malevolent bündelt die wesentlichen Eigenschaften der Platte: rasendes Schlagzeug, scharfes Riffing, finstere Melodieführung und Gesang, der klingt, als würden gleich mehrere übel gelaunte Wesen um dasselbe Mikrofon kämpfen. In der zweiten Albumhälfte setzen March of the wicked one und Cherubin Defiler diesen Kurs fort, wobei Letzterer besonders kompromisslos aus den Boxen feuert. Die Band lockert ihren Griff nur selten, weiß aber durch gut gesetzte Rhythmuswechsel zu verhindern, dass die permanente Aggression irgendwann ermüdet. Das ist kontrolliertes Chaos, bei dem jeder Schlag sitzt, obwohl es klingt, als würde gerade die Unterwelt wegen eines Räumungsbescheids randalieren.

Die Produktion trägt erheblich dazu bei, dass diese Mischung funktioniert. Malevolent klingt stark, druckvoll und transparent, ohne seine schmutzige Grundstimmung einzubüßen. Die Gitarren besitzen genügend Schärfe, das Schlagzeug knallt mit Nachdruck und die Stimme thront präsent über dem Gemetzel. Gleichzeitig wurde das Material nicht klinisch glattpoliert. Es darf rumpeln, scheppern und an den Kanten bluten, doch nie auf Kosten der Durchhörbarkeit. Gerade bei dieser Art Musik brauche ich gewöhnlich einige Anläufe, bevor ich zwischen Blastbeats und schwarzer Raserei mehr erkenne als eine Horde Waschbären in einer Mülltonne. Malevolent schafft es dagegen erstaunlich schnell, seine Strukturen offenzulegen und trotzdem bei weiteren Durchläufen neue Details preiszugeben.

Ganz ohne kleinere Einschränkung kommt die Platte dennoch nicht davon. Im hinteren Drittel liegen einige Stücke stilistisch sehr eng beieinander, sodass die ganz großen Überraschungen etwas seltener werden. Torment by Witchcraft und das abschließende Desert of Chaos erledigen ihre Arbeit mit reichlich Gewalt und Konsequenz, erreichen aber nicht ganz die zwingende Klasse von Realm of Madness. Das ist allerdings Jammern auf hohem Folterkellerniveau, denn einen echten Ausfall gibt es hier nicht. Die elf Songs funktionieren als geschlossenes Album, dessen Spannkraft über die gesamte Spielzeit erhalten bleibt.

Für mich ist Malevolent damit ein echtes Schmankerl und eine der erfreulichsten Überraschungen des Jahres. MARTYRIUM erfinden weder Black, Thrash noch Death Metal neu, aber sie verbinden diese drei Spielarten mit Erfahrung, Überzeugung und erstaunlich viel kompositorischem Verstand. Die Niederländer liefern ein Album, das wild genug für den Untergrund, griffig genug für den dauerhaften Hörgenuss und finster genug ist, um selbst bei Sonnenschein sämtliche Zimmerpflanzen eingehen zu lassen. Nach fast drei Jahrzehnten Bandgeschichte klingen sie nicht wie Veteranen, die noch einmal pflichtbewusst den Keller fegen, sondern wie eine ausgehungerte Meute, die gerade entdeckt hat, dass oben die Tür offen steht.

Mein Fazit fällt entsprechend eindeutig aus: Aus einer mir bislang vollkommen unbekannten Kultband ist innerhalb von knapp 40 Minuten eine ernst zu nehmende Neuentdeckung geworden. Malevolent besitzt Wucht, Atmosphäre, messerscharfe Riffs und mit Realm of Madness einen Song, der sich sofort seinen Platz im persönlichen Jahreshirnregister freiballert. Wer seinen Metal schwarz, ruppig und mit reichlich Dreck unter den Fingernägeln mag, bekommt hier keine freundliche Empfehlung, sondern elf überzeugende Argumente mit Anlauf serviert.

ANSPIELTIPS:
🔥Realm of Madness
💀Purification through Fire
⚔️Beware of the Necromancer


Bewertung: 8,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Purification through Fire
02. Realm of Madness
03. Resurrection from the Abyss
04. Destiny of Desolation
05. Expand your Shadow
06. Beware of the Necromancer
07. Malevolent
08. March of the wicked one
09. Cherubin Defiler
10. Torment by Witchcraft
11. Desert of Chaos 



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