MASTODON – Marrow Deep (2026)
(10.377) Phillip (9,0/10) Progressive Metal
Label: Loma Vista Recordings
VÖ: 28.08.2026
Stil: Progressive Metal
Ich kenne, höre und teilweise vergöttere ich Alben dieser Band seit etwas mehr als 20 Jahren. Der Rauswurf von Brent Hinds im letzten Jahr war für mich das Ende der Band. Ich bin davon ausgegangen dass der sympathische Bartträger mit Gesichtstattoos für die komplett irren Sachen, Riffs und Idee zuständig war, für die psychedelischen Gitarrenparts, die die Hörerschaft in völlig andere Sphären transportiert. Aber auch für die ruhigen, ergreifenden Momente fand er Talent, lieferte etwa mit Toe to Toe eine packende, persönliche Ballade auf einer außergewöhnlichen EP ab, die mich auf das schließlich letzte Album Hushed and Grim hoffen ließ. Ich war bitter enttäuscht, von Cold Dark Place erkannte ich im 2021er Werk nichts wieder. Und doch wollte ich es unbedingt mögen, es sind schließlich Mastodon! Um das umzusetzen, hätte ich mir dann aber diese grotesk aufgeblähten 90 Minuten wieder und wieder geben müssen, was letztlich als zu viel Arbeit erschien. Neben zwei, vielleicht drei guten Songs war es mir das einfach nicht wert.
Dann der Rausschmiss, beziehungsweise gleichzeitige Ausstieg – wie in der kurzen Dokumentation The Mastodon in the Room zu sehen und hören ist – und urplötzlich der tragische Unfalltod von Brent Hinds.
Neben dem menschlichen Verlust, der persönlichen Tragik, die diesen umgibt und der Rasanz und Absurdität der begleitenden Ereignisse und Umstände war für mich klar: Das war’s endgültig. Machs gut Brent, du alter Pterodaktyl. Machs gut Mastodon.
Natürlich lag ich damit komplett falsch. Ein im Juli erschienener Kurzdokumentarfilm der Band thematisierte den Umgang der übrigen drei Bandmitglieder mit dem Ausstieg und dem Ableben von Brent Hinds, wirkte sehr ehrlich und offen. Und auch die vorab veröffentlichten Musikvideos gaben Grund zur Hoffnung, dass der Härtegrad wieder ein wenig angezogen wurde. Dementsprechend neugierig war ich ab der ersten Töne von Barbarians Blood. Ein Song, der gleich zu Beginn loswuchtet und durch und durch Trademarks der Band beinhaltet, die bereits von The Hunter und Once More ‘Round The Sun. Das nehme ich natürlich sofort wohlwollend auf, die wahre Überraschung erfolgt aber am Ende, denn nicht nur Neu-Gitarrist Nick Johnston sondern auch Keyboarder João Nogueira bekommt sein kleines Spotlight. Poisonous Weapons schlägt in eine ähnliche Kerbe und findet eine gute Balance aus laut und leise, spacy und knallig.
Die beiden ähnlich gelagerten Vorabveröffentlichungen Your Ghost Again sowie Snakes For Dinner geben Brann Dailor wieder viel Raum seine glockenklare Singstimme zu entfesseln und stehen, clever gesetzt, exemplarisch für dieses Album. Hier passiert unheimlich viel in Nuancen im Hintergrund und lädt zum wieder und wieder hören ein, was übrigens auf das komplette Album entsprechend ebenso zutrifft. Insbesondere Your Ghost Again trifft mich wie ein 40-Tonner! Dieses Riff am Ende, was so oder so ähnlich Assoziationen zu Leviathan zulassen muss, erwischt mich komplett und sofort überfiel mich das Gefühl: Mastodon… sind wieder zurück!
Snakes For Dinner (mit Gastbeitrag von Josh Homme) bestätigt diesen Eindruck, der Refrain ist sofort mitsingbar und es ist nur schwer möglich hier nicht einen Song zu Ehren von Brent Hinds auszumachen. Auch hier rasiert das Ende riffmäßig auf Blood Mountain-Niveau! Spätestens jetzt haben mich die Mannen aus Atlanta vollumfänglich am Haken.
Auch In The Ruins ist wieder Mastodon wie ich sie liebe. Dynamisches Songwriting, bis zum Anschlag voll mit einer Vielzahl von Noten und Melodien, welches das Zusammenspiel von erhabener Ruhe und brachialer, kalter Präzision perfekt untermalt, ohne dabei den Song aus den Augen zu verlieren. Doch beim austauschbaren They Are Coming For You beschleicht mich dann ein unangenehmer Gedanke. Denn zuweilen wirken diese Wechsel zwischen Brachialität und Ruhe formelhaft, also zu sehr am Reißbrett entstanden, zu unorganisch. Diesen Beigeschmack kann auch Golden Spires nicht wirklich von sich weisen.
Glücklicherweise lässt dieser Eindruck in den folgenden Songs nach, da Mastodon wieder vermehrt die Verspieltheit der Gitarre thematisieren und erst in der verträumten Halb-Ballade The Vanishing nur scheinbar rückfällig werden. Mit The Three Fates gibt es dann noch einen entspannten Ausklang.
Über den Sound müssen wir, glaube ich, nicht sprechen. Hier gibt es gewohnt warme, hochklassige Mastodon-Kost ohne Experimente. Alles organisch ohne überbordende Computertricksereien und -bügeleisen. Der Gesamteindruck, dass Mastodon hier eine Werkschau, ob gewollt oder nicht, ihrer vergangenen Taten anschneiden drängt sich recht schnell auf, ohne, dass sich die Band selbst kopiert. Marrow Deep lässt auch noch Luft nach oben, ist aber keinesfalls so ein Rohrkrepierer von Hushed and Grim sondern besticht viel eher durch überraschende Wendungen, willkommener Brachialität und wie immer: den engelsgleichen Gesang von Schlagzeuger Brann Dailor. Die schmerzhafte Abwesenheit von Brent Hinds ist nicht offensichtlich und doch stelle ich mir die Frage, ob sein Mitwirken hier den letzten magischen Schliff gegeben hätte. Marrow Deep ist ein entschlossener Schritt in die Zukunft mit einem Blick in den Rückspiegel.
Anspieltipps:
👊 Barbarian Blood
💀Your Ghost Again
🐍Snakes For Dinner
⛓ In The Ruins
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Barbarians Blood
02. Poisonous Weapons
03. Your Ghost Again
04. Snakes for Dinner
05. Out like a Lamb
06. In the Ruins
07. They're Coming for You
08. Golden Spires
09. Moth and Bone
10. A Vampire's Demeanor
11. The Vanishing
12. The Three Fates

