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BEARTOOTH – Pure Ecstasy (2026)

(10.382) Olaf (7,0/10) Alternative Metal


Label: Fearless Records
VÖ: 28.08.2026
Stil: Alternative Metal







Diese Band hätte ich gerne jemand anderem aufs Auge gedrückt. BEARTOOTH wirkten auf mich zunächst wie jene Sorte moderner Metal, bei der ein alter Mann mit verschränkten Armen vor dem Lautsprecher sitzt und nach drei Minuten murmelt: „Ja, ja, sehr ordentlich – aber wo ist das Riff geblieben?“ Schlussendlich musste ich doch selbst ran. Und siehe da: Pure Ecstasy ist keineswegs die erwartete Vollkatastrophe aus Studioplastik, TikTok-Refrains und Breakdowns nach Reißbrett. Es ist ein spannendes, ausgesprochen eingängiges Album geworden. Nur leider auch eines, das mir regelmäßig mitteilt, dass ich offenbar nicht mehr zur Kernzielgruppe gehöre.

Dabei begann BEARTOOTH 2013 keineswegs als klinisch durchkalkuliertes Modern-Rock-Unternehmen. Caleb Shomo zog sich damals in seinen Keller in Ohio zurück und verwandelte Depressionen, Selbsthass, Ängste und Wut in Musik. Aus dem ursprünglich sehr persönlichen Ventil entwickelte sich eine international erfolgreiche Band, deren Weg über die EP Sick sowie die Alben Disgusting, Aggressive, Disease, Below und The Surface führte. Letzteres brachte BEARTOOTH endgültig in jene kommerzielle Größenordnung, in der Rockradio, große Hallen und beeindruckende Streamingzahlen nicht mehr nur Wunschdenken sind.

Der Einstieg in Pure Ecstasy schlägt clever den Bogen zurück zu dieser Geschichte. Schon die ersten Zeilen des Titeltracks greifen mehrere frühere Albumtitel auf und verdichten die bisherige Karriere zu einer persönlichen Krankengeschichte. Musikalisch gehört Pure Ecstasy zu den kräftigsten Momenten der Platte: tief gestimmte Gitarren, ein massiver Rhythmus und Caleb Shomos Wechsel zwischen melodischem Gesang und aggressiven Ausbrüchen sorgen dafür, dass zunächst ordentlich Beton aus der Wand fällt. Hier funktioniert die Verbindung aus alter Härte und neuer Großraumproduktion erstaunlich gut.

Danach wird allerdings schnell deutlich, wohin die Reise geht. Pure Ecstasy ist weniger Metalcore im traditionellen Sinne als moderner Alternative Metal mit Arena-Refrains, elektronischen Flächen, stark bearbeiteten Gesangsschichten und Hooks, die spätestens beim zweiten Durchlauf ihre Schuhe ausziehen und im Ohr einziehen. Die Produktion ist fett, klar und bis in die letzte Frequenz kontrolliert. Gitarren und Bass drücken, die Vocals stehen riesig im Raum, und Connor Denis verleiht den Songs mit seinem erstmals vollständig im Studio eingespielten Schlagzeug durchaus körperliche Wucht. Trotzdem bleibt ein steriler Beigeschmack. Alles sitzt derart exakt, dass selbst der Schmutz vermutlich vorher einen Termin beim Toningenieur vereinbaren musste.

Die stärkste Qualität des Albums sind zweifellos seine Ohrwürmer. Eyes Closed, Beautiful Again, Free und For Me By Me besitzen Refrains, die ohne jede Vorwarnung im Kopf auftauchen und sich dort aufführen, als hätten sie einen Mietvertrag. Shomo versteht es ausgezeichnet, verletzliche Gedanken in große Melodien zu verpacken. Seine Stimme kann flüstern, leiden, explodieren und im nächsten Moment einen Refrain so weit aufziehen, dass man bereits die erhobenen Arme vor einer Festivalbühne sieht. Das ist handwerklich stark und funktioniert mitunter erschreckend gut.

Mir ist das Ganze dennoch viel zu modern. Die elektronischen Verzierungen, die abrupten Stimmungswechsel und diese auf maximale Wirkung getrimmte Produktion zielen deutlich auf eine Hörerschaft, die Metal, Alternative Rock, Emo, Pop und Social-Media-Ästhetik längst nicht mehr voneinander trennt. Gerade wenn Schlagzeug, abgehacktes Riffing und Gebrüll gemeinsam in die gleiche Spur geprügelt werden, lugt außerdem zu viel SLIPKNOT um die Ecke – nur eben nicht in gut. Dann klingt die Aggression weniger gefährlich als sorgfältig für den nächsten Circle Pit portioniert.

Inhaltlich ist Pure Ecstasy hingegen weit gehaltvoller, als seine glänzende Oberfläche vermuten lässt. Caleb Shomo schildert keinen geradlinigen Weg vom Elend ins Glück, sondern eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Selbstbefreiung, Schuld, Größenwahn, Scham und erneuten Abstürzen. Im Titeltrack will er endlich aussprechen, was ihn innerlich auffrisst. Eyes Closed beschreibt den Wunsch, trotz Angst und fehlender Gewissheit weiterzugehen. Bullshit richtet die Wut nicht bequem gegen die böse Welt, sondern gegen das eigene Denken, das jeden Ausweg blockiert.

Besonders eindringlich gerät Beautiful Again. Hier wird Selbstverachtung nicht mit ein paar freundlichen Kalendersprüchen geheilt. Shomo beschreibt, wie er sich versteckt, alles Gesagte infrage stellt, Menschen von sich stößt und Verletzung mit Liebe verwechselt. Der Wunsch, irgendwann wieder schön sein zu können, meint dabei weniger das Spiegelbild als die Möglichkeit, sich selbst überhaupt noch anzunehmen. Die süße Melodie steht im scharfen Gegensatz zu einem Text, der emotional ziemlich tief schneidet.

Auch Stadiums ist interessanter als die erwartbare Erfolgsfanfare. Ruhm erscheint hier nicht als Rettung, sondern als besonders hell ausgeleuchtetes Gefängnis. Jubel, Karriere und Größenwahn dienen als Fluchtwege, bis die eigene Fassade unter dem Gewicht der verdrängten Wahrheit zusammenbricht. Free, Sorry und Lose You To Find Me führen diesen Gedanken fort: Freiheit entsteht nicht durch einen plötzlichen Heiligenschein, sondern durch Trennung, Selbstentblößung und die Weigerung, weiter eine fremdbestimmte Rolle zu spielen.

Das vermeintlich triumphale I Made It setzt schließlich einen bemerkenswert bitteren Schlusspunkt. Zunächst scheint Shomo endlich sagen zu können, dass er angekommen ist. Doch die letzten Zeilen reißen die Siegesflagge wieder herunter. „I guess loving myself could never be true“ lautet die ernüchternde Erkenntnis. Gerade dadurch gewinnt das Album an Glaubwürdigkeit: Die Freiheit ist möglich, aber sie wird nicht mit dem letzten Refrain automatisch geliefert. Manchmal öffnet man die Tür und stellt erst dahinter fest, wie viel Gerümpel noch im Flur steht.

Dass Caleb Shomo dieses Mal externe Ideen zugelassen hat, ist deutlich hörbar. Skyler Accord brachte sich früh ins Songwriting ein, während Jordan Fish Shomo musikalisch und emotional weiter aus seiner Komfortzone zog. Auch die übrigen Mitglieder wurden stärker beteiligt. Das tut BEARTOOTH grundsätzlich gut, führt aber zugleich zu jener zeitgenössischen Hochglanzsprache, die mir persönlich immer wieder den Zugang erschwert. Die Platte hat starke Haken – nur hängen sie in einem Kleiderschrank, der mir inzwischen zwei Nummern zu jung ist.

Pure Ecstasy ist damit weder oberflächlicher Plastik-Metal noch die große Offenbarung für ergraute Kuttenbesitzer. Das Album besitzt ausgezeichnete Melodien, viel emotionale Substanz und einen Frontmann, der sich hörbar bis auf die Knochen entblößt. Für die Altersgruppe zwischen 18 und 26 Jahren dürfte diese Mischung aus Härte, Verletzlichkeit, Pop-Appeal und moderner Produktion ziemlich genau ins Schwarze treffen. Für mich als Alt-Metaller ist sie dagegen ein erneuter Beweis, dass ich anscheinend wirklich alt werde. Immerhin werde ich dabei von erstaunlich schönen Ohrwürmern begleitet – und es gibt deutlich schlechtere Arten, seine musikalische Rente anzutreten.

ANSPIELTIPS:
🔥Pure Ecstasy
🖤Beautiful Again
🎭I Made It


Bewertung: 7,0 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Pure Ecstasy
02. Eyes closed
03. Bullshit
04. Beautiful again
05. Stadiums
06. Free
07. Sorry
08. Lose you to find me
09. You
10. Form e by me
11. I made it 



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