HARLOTT - Exsequiis (2026)
(10.401) Olaf (9,5/10) Thrash Metal
Label: Metal Blade
VÖ: 11.09.2026
Stil: Thrash Metal
Wenn ich an HARLOTT denke, höre ich nicht ausschließlich kreissägende Gitarren und das Geräusch berstender Halswirbel. Ich erinnere mich auch ausgesprochen gern daran, wie diese verrückten Australier einmal komplett bei mir übernachtet haben. Das war ein herrlich unkontrolliertes Chaos – eine Mischung aus Jugendherberge, Tourbus und menschlich gewordenem Schleuderprogramm. Großartige Dudes, die nun auch musikalisch wieder Nackenschläge verteilen. Allerdings mit deutlich mehr Präzision, als sie damals durch meine Wohnung navigierten.
Zwanzig Jahre ist es inzwischen her, dass vier Teenager aus den östlichen Vororten Melbournes für einen Thrash-Metal-Auftritt an ihrer Highschool zusammenfanden. Der Name HARLOTT wurde vor allem deshalb gewählt, weil er auf einem schwarzen Shirt gut aussehen würde. Das ist möglicherweise nicht die tiefgründigste Bandgründungslegende der Musikgeschichte, aber immerhin ehrlicher als jeder nachträglich erfundene Firlefanz über Blutrituale bei Vollmond. Nach einigen Jahren im australischen Untergrund erschien 2013 das selbst veröffentlichte Debüt Origin, gefolgt von Proliferation und Extinction. Diese ersten drei Alben bildeten das rasende Fundament, während Detritus of the Final Age 2020 bereits mehr Atmosphäre, Dissonanzen und ungewöhnliche Ideen in den Sound ließ. Nach ungewöhnlich langen sechs Jahren erscheint nun mit Exsequiis das fünfte Album – und tatsächlich die nächste deutliche Steigerung.
Der Albumtitel stammt aus dem Lateinischen. Exsequiae bezeichnet Bestattungsriten, Totenfeiern oder einen Trauerzug; Exsequiis ist die entsprechende Dativ- beziehungsweise Ablativform und lässt sich sinngemäß mit „bei den Begräbnisfeierlichkeiten“ oder „mit den Totenriten“ übertragen. Hinter diesem sprachlichen Leichenwagen steckt ein konsequent weitergedachtes Konzept: Nachdem auf Detritus of the Final Age die Gesellschaft in Trümmern lag, tragen HARLOTT nun auch noch die Götter zu Grabe. Das von Shaun Farrugia gestaltete Cover zeigt entsprechend einen Trauerzug für eine brennende Gottheit. Mehr Endzeit bekommt man normalerweise nur beim Blick auf die Nebenkostenabrechnung.
Schon das kurze Incipiam – übersetzt etwa „Ich werde beginnen“ – eröffnet die Zeremonie mit einer melodischen Gitarrenfanfare, bevor Void sämtliche feierliche Zurückhaltung mit dem Vorschlaghammer aus dem Saal prügelt. Das ist klassischer HARLOTT-Thrash: schnell, bissig und technisch hochklassig, aber längst nicht mehr ausschließlich auf permanentes Dauerfeuer angewiesen. Die elf Stücke nutzen ihre 46 Minuten wesentlich abwechslungsreicher als frühere Veröffentlichungen. Dissonante Akkorde dürfen unangenehm nachhallen, Melodien bekommen Raum, Grooves brechen die Raserei auf und gelegentliche Black-Metal-Schattierungen verleihen etwa Messiah Simplex eine zusätzliche Boshaftigkeit.
Natürlich bleibt die rechte Hand von Andrew Hudson eine motorisierte Präzisionswaffe. Gemeinsam mit Leigh Bartley feuert er Riffs ab, bei denen sich selbst ein frisch geöltes Maschinengewehr wegen mangelnder Kondition krankmelden würde. Doch das eigentliche Kunststück liegt diesmal darin, dass die beiden Gitarristen nicht bloß möglichst viele Noten in möglichst wenig Zeit stopfen. Ihre Soli besitzen Melodie, Dramaturgie und jenen kontrollierten Wahnsinn, der technische Klasse niemals nach Musikhochschulabschlussprüfung klingen lässt. Glen Trayhern trommelt dazu wie ein Mann, dem jemand erzählt hat, seine Snare habe schlecht über seine Familie gesprochen, während Tom Richards’ Bass erfreulich häufig hörbar in den Vordergrund knurrt, anstatt irgendwo unter den Gitarren beerdigt zu werden.
Die Produktion ist brillant. Sie drückt jedes Instrument mit enormer Wucht nach vorn, ohne den Sound klinisch auszuleuchten oder den notwendigen Dreck aus den Fugen zu schrubben. Das Schlagzeug knallt, die Gitarren schneiden und drücken zugleich, der Bass besitzt Körper und Hudsons Stimme klingt, als würde er seine Stimmbänder mit Schleifpapier pflegen. Vor allem in den schleppenden Passagen ist das absolut heavy as fuck. The Joyful Stain verzichtet sogar weitgehend auf die erwartete Hochgeschwindigkeitsattacke und walzt stattdessen mit einem mörderischen Groove durch die Landschaft. Je langsamer HARLOTT werden, desto näher rückt die Abrissbirne.
Gerade darin zeigt sich die enorme Entwicklung der Band. Früher bestand die bevorzugte Tötungsmethode aus Geschwindigkeit, heute beherrschen HARLOTT zusätzlich das genüssliche Zerquetschen. Trotzdem muss niemand fürchten, die Australier hätten plötzlich Räucherstäbchen angezündet und ihre Thrash-Kutten gegen Filzwesten getauscht. Vice Borne verbindet hektisch huschende Riffs mit einem überraschend eingängigen Refrain, während die Platte an anderen Stellen zwischen messerscharfer Raserei, massiven Grooveblöcken und beinahe triumphalen Melodien wechselt. Erinnerungen an SLAYER, die Arise-Phase von SEPULTURA, den knarzigen Neunziger-Groove von OVERKILL und die technische Finesse von TESTAMENT sind vorhanden, werden aber längst von einer klar erkennbaren eigenen Handschrift zusammengehalten.
Textlich wird keine Fantasywelt bemüht, denn die Gegenwart liefert bereits genügend Monster. Trial by Liar rechnet mit einer Gesellschaft ab, in der Aufmerksamkeit wichtiger geworden ist als Wahrheit. Verleumdung, Gaslighting und künstlich erzeugte Feindbilder treiben eine Propagandamaschine an, bis deren Betreiber schließlich unter dem Gewicht der eigenen Krone zusammenbricht. Besonders gelungen ist, dass HARLOTT dabei nicht abstrakt über „die da oben“ schimpfen, sondern zeigen, wie bereitwillig Lügen geteilt, Gegner erfunden und Fronten verhärtet werden. Die Musik rast, aber der Text trifft unangenehm zielgenau.
Auch The Joyful Stain bleibt im Hier und Jetzt. Die australische Nationalhymne wird bitter umgedeutet: Aus dem vom Meer umgebenen Land wird eines, das von Gier umschlossen ist – „girt by greed“ – und aus patriotischem Fortschrittsoptimismus wird „Advance Australia Despair“. Dahinter steckt keine gemütliche Stammtischrevolte, sondern Frust über politische Selbstbedienung, soziale Verrohung und ein System, in dem die Schwachen bezahlen, während die üblichen Schlangen ihre Gewinne zählen. Das ist eindeutig australisch formuliert, lässt sich jedoch problemlos auf genügend andere Länder übertragen. Leider auch auf unseres, aber das wäre eine andere Beerdigung.
Hudsons naturwissenschaftlicher Blick blitzt ebenfalls immer wieder durch. Kleptogenesis greift den Begriff für eine biologische Fortpflanzungsstrategie auf und verwandelt ihn in ein Bild für gesellschaftliche Organismen, die überleben, indem sie andere aussaugen. Ein „Endling“ wiederum ist das letzte noch lebende Exemplar einer Art, während A Still More Glorious Dawn Awaits auf Carl Sagans hoffnungsvollen Blick in den Kosmos verweist. Religion, Wissenschaft, Aussterben, Manipulation und gesellschaftlicher Zerfall bilden dadurch keinen streng erzählten Handlungsfaden, wohl aber einen gemeinsamen geistigen Unterbau. HARLOTT schreiben über das Ende der Welt, ohne dafür Dämonen erfinden zu müssen. Der Mensch erledigt den Job zuverlässig selbst.
Exsequiis ist das bislang beste Album von HARLOTT. Die Band spielt brutaler, variabler und selbstbewusster denn je, ohne ihr thrashendes Rückgrat auch nur einen Millimeter zu verbiegen. Das Album besitzt Geschwindigkeit, Groove, Atmosphäre und technische Klasse, vor allem aber Songs, die nach dem ersten Angriff nicht wieder aus dem Gedächtnis verschwinden. Wer nach zwanzig Jahren noch einmal derart zulegen kann, gehört nicht in den Trauerzug, sondern an dessen Spitze – mit einer Gitarre in der Hand und einem brennenden Gott im Rückspiegel.
ANSPIELTIPS:
🔥Trial by Liar
💀The Joyful Stain
⚔️Void
Bewertung: 9,5 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Incipiam
02. Void
03. Messiah simplex
04. Trial by Liar
05. The God that knows no name
06. Kleptogenesis
07. A still moregloriousdawn awaits
08. The joyful Stain
09. Ending
10. Vice borne
11. Exsequiis

