Ich bin ein sozialer Einsiedler

Der 52jährige Holländer ist ein Tausendsassa und Hans Dampf in allen Gassen. Angefangen bei Vengeance, dann die Supergruppe Ayreon, Star one und unzählige andere Projekte schmücken die Vita des Arjen Anthony Lucassen, der nach dem 93er „Debüt“ „Pools of sorrow / Waves of joy“ unter seinem eigenen Namen nun den Zweitling „Lost in the new real nachlegt, welches in keinster Weise mit seinem Vorgänger verglichen werden kann. Eine komplexe Geschichte, viele Verbeugungen vor den Stars einer vergangenen Ära und ein Rutger Hauer (u.a. Blade runner), der als Erzähler fungiert. Reichlich Stoff für ein famoses Album…und natürlich für ein Gespräch mit dem blonden Barden…
Arjen, vielen Dank für dieses Gespräch, was aufgrund Deines Status in der Szene durchaus als Ehre für mich zu verstehen ist. Eine Frage, die ich auch Wolf Hoffmann von Accept in meinem Interview stellte: Wie lebt es sich als lebende Legende?

Hahaha, danke für das großartige Kompliment, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich solch einen Titel überhaupt verdient habe. Meiner Meinung nach ist dieser eher für meine Helden wie Pink Floyd, den Beatles oder Led Zeppelin vorenthalten. Dennoch ist es immer wieder ein tolles und überragendes Gefühl, dass so viele Leute da draußen meine Musik mögen die ich mache. Das ist ein großer Genuss, soviel ist sicher (grinst).

Du hast in Deiner Karriere mit dermaßen vielen Künstlern zusammen gearbeitet. Hast Du da nicht Angst, irgendwann mal den Überblick zu verlieren?

Oh nein, überhaupt nicht. Aber selbstverständlich will ich auch nicht, dass meine Zuhörer irgendwann selber durcheinander kommen. Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach auf weitere Projekte verzichten. Ich plane einfach nie Irgendetwas im Voraus, sondern arbeite instinktiv. Außerdem hätte irgendeine geartete Planung bei mir eh keinen Sinn, da ich mich noch nicht einmal an meine eigenen Pläne halte. Ich möchte mich einfach nicht begrenzen und lass mich durch meine Inspiration einfach leiten und lass mich überraschen, wo es mich dann letztendlich hinführt.

In der Vergangenheit hast Du Dir immer wieder Musiker mit an Bord geholt, doch diesmal hast Du alles im Alleingang aufgenommen. War das für Dich schwierig oder konntest Du Dich diesmal als Künstler mehr entfalten?

Das war für mich überhaupt nicht schwierig, eher im Gegenteil. Ich muss zugeben, dass es eine mehr als angenehme Fahrt für mich war. Es war eine ziemlich Herausforderung für mich, das Album interessant zu gestalten und vor allem nur mit meiner Stimme. Aber ich liebe Herausforderungen, denn ich brauche sie, um immer auf dem höchsten Level zu bleiben und mich selbst auf Alarmstufe Eins zu halten.

Gab es denn schon mal Musiker, mit denen Du überhaupt nicht zusammenarbeiten konnten oder die sich als, sagen wir mal, sozial unverträglich herausgestellt haben?

Wenn ich Musiker für meine Projekte rekrutiere, arbeite ich mit ihnen ja nur ein paar Tage zusammen, da gibt es gar keine Zeit für Spannungen oder irgendwelche Grabenkämpfe. Nein, ich hatte noch nie mit Irgendjemand Probleme während den Aufnahmen, selbst nicht mit Denen, die im Vorfeld als „schwierig“ galten. Dafür gab es mit den Bands, in denen ich gespielt habe, immer wieder Probleme, da es nicht ganz einfach ist, mit mir umzugehen. Ich bin einfach ein Perfektionist-Diktator, hahaha.

Warum hast Du „Lost in the new real“ unter Deinem Namen veröffentlicht und nicht unter dem Banner Ayreons?

Das ist hauptsächlich dem Umstand geschuldet, dass ich der einzige Sänger auf dem Album bin. Ayreon war und ist immer bekannt dafür gewesen, mit vielen Gastsängern zu arbeiten. Stilistisch ist „Lost in the new real“ auch weniger bombastisch und schwer für eine Ayreon Scheibe ausgefallen. Es ist einfach ein sehr positives, Songorientiertes Album und es war einfach toll, mal wieder ein Album ohne jeglichen Erwartungsdruck zu machen. Ähnlich, wie damals, als ich 1994 das erste Ayreon Album produzierte.

Das Konzept eines Menschen, der nach einer langen Zeit in der Zukunft erwacht und sich neuen Lebensumständen gegenüber sieht, erinnert mich ein wenig an Futurama….

Yeah, das habe ich von Claudio, der das Cover gemacht hat, auch schon gehört, doch mir war das nicht bekannt. Von Futurama hörte ich erstmals, als das Album bereits im Kasten war. Ich find die Serie klasse, bevorzuge aber weiterhin South Park, hahaha.
Na dann erzähl mir doch mal ein bisschen mit Deinen eigenen Worten vom „Lost in the new real“ Konzept…

Das Album erzählt die Geschichte von Mr.L, einem Mann, der unheilbar an Krebs erkrankt ist und mittels eines Kryogen Verfahren eingefroren und irgendwann in der Zukunft wieder aufgetaut wird, wo Krebs und andere Krankheiten besiegt wurden. In dieser Zukunft hat sich das soziale Gefüge der Menschheit drastisch verändert. Computer haben Gefühle entwickelt und die meisten sozialen Interaktionen geschehen in der virtuellen Realität. Die Linie zwischen dem, was real ist und was nicht, ist komplett bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Die 15 von mir komponierten Songs erzählen von Mr.L’s emotionaler Reise, die er mit Hilfe eines psychologischen Beraters, der auf dem Album als Erzähler fungiert, antritt. Er wird mit verschiedenen ernsten aber auch komischen Aspekten in dieser „new real“ konfrontiert und versucht, in dieser irgendwie seinen Platz zu finden.

War die Ausarbeitung dieses Konzepts sehr schwierig und stressig?

oh nein, überhaupt nicht. Ich habe mir im Vorfeld eine Menge Dokumentationen über zukünftige Voraussagungen angeschaut und eine Menge im Internet recherchiert. Danach hatte ich eine Vielzahl an Themen für das Album zur Auswahl und konnte in Ruhe selektieren. Einen einfachen Text zu schreiben beansprucht mich in der Regel maximal einen Tag lang, doch für das ganze Album nahm ich mir ein Jahr lang Zeit. Ich bin ein verdammter Perfektionist, vor allem weil ich mit diesem Solo Album unbedingt etwas beweisen musste, hahaha.

Und Rutger Hauer als renommierten Schauspieler für die Rolle des Sprechers zu verpflichten muss doch auch DER Hammer gewesen sein…
Ohne Zweifel, da ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich bin ein Fan von ihm, seit ich 10 Jahre alt bin und Blade runner ist mein absoluter All-time-Fave Science Fiction Film. Ich hab ihm einfach über seine Webseite eine Email geschickt und zu meiner großen Überraschung hat er sich darauf sogar gemeldet und sein Interesse bekundet. Ich glaube, er muss mich vorher gegoogelt haben, hahaha.

Wie viel konnte er zum Album beitragen?

Er hat 80% der Erzählungen komplett selbst geschrieben. Wir haben wochenlang über Skype miteinander geredet. Das macht es für was ganz Besonderes für mich und manchmal musste ich mich kneifen, dass das wirklich real ist. Er liest halt nicht die Worte irgendeines Schreibers, sondern taucht selbst in die Geschichte und die Musik ein und macht die Erzählung dadurch zu seiner eigenen.

An welchem Punkt des Entstehungsprozesses hast Du gemerkt, dass zwei CDs nötig werden, um die ganze Geschichte vernünftig zu erzählen?

Erst als ich mit dem schreiben fertig war und 15 Songs hatte. Das war einfach zu viel für eine CD und ich wollte in keinster Weise irgendwelche Abstriche machen. Die Tracks, die auf der Kippe standen, waren einfach zu gut, um sie als Bonustracks zu verheizen und daher war es unumgänglich, eine zweite CD aufzunehmen. So hab ich mich dann hingesetzt und einfach 5 Cover Versionen aufgenommen, die zum ganzen Themenkomplex passten. Ich fand es einfach besser, 2 CDs aufzunehmen anstatt eines Albums und einer Bonus CD. Ein bisschen verwirrend fürwahr, aber was soll’s…There you go…

War es denn schwierig für Dich, zum Thema passende Coverversionen zu finden?

Nö, überhaupt nicht. Sie mussten einfach nur zum Konzept der „Zukunft“ passen und sich dort eingliedern. Dennoch sollten sie wichtige und für mich persönlich einflussreiche Lieder sein. Ich fragte einfach mal auf meiner Facebook Seite und bekam hunderte von Anregungen. Ich liebe den Input der Fans.

Welche der Covers auf dem Album ist Dein Favorit und warum?

Ganz klar „Welcome to the machine“ von Pink Floyd, weil es einfach komplett anders ist als das Original, welches ich total und abgöttisch liebe.

In meinem Review schrieb ich, dass die Covers so klingen, als seien sie Deiner Feder entsprungen…

…und für dieses Kompliment bedanke ich mich, denn genau das war meine exakte Intension. Ich wollte diese Songs nicht einfach kopieren, sondern sie zu einem Teil des Ganzen machen.

Gibt es Pläne, „Lost in the new real“ auf die Bühne zu bringen?

Nein, sorry. Ich hasse es komplett, live zu spielen. Ich sehe mich mehr als Produzent und Komponist und überhaupt nicht als performender Musiker. Außerdem bin ich ein sozialer Einsiedler, hahaha.

Gibt es irgendwelche Pläne für ein weiteres Ayreon Album?

Wie bereits vorhin gesagt plane ich nichts im Voraus, ich hoffe allerdings, dass mich meine Inspiration bald zu einem neuen Ayreon Album führen wird. Ich schätze, es ist mal wieder Zeit dafür.

Arjen, ich danke für das Gespräch und überlasse Dir die letzten Worte:

Ich danke Dir für das Interview. Ich will den Fans lediglich noch mitteilen, dass sie von „Lost in the new real“ keine bombastische Metal Oper mit einer Vielzahl von Gastsängern erwarten sollen. Aber wenn sie open minded an das Album rangehen, was die meisten meiner Fans können, werden sie ein vielseitiges und abenteuerliches Album genießen können. So…und nun: Spaß haben, hahaha.

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