BESSER SPÄT ALS NIE



Anfang letzten Monats schrieb mir unser ehemaliger Kollege Siggi und fragte mich, ob ich schon jemals von Marianas Rest gehört habe. Die hätte er gerade entdeckt und die seien richtig geil. Das ich da bereits eine Woche vorher eine vollkommen euphorische Kritik zu deren Meisterwerk „Fata morgana“ verfasst hatte, schien an Herrn Siegmund vollkommen vorbeigegangen zu sein.

Doch nicht nur er, sondern auch einige andere Kollegen war der Name des in Kotka beheimateten Sextetts bislang nicht geläufig, was aber keinen davon abhielt, meine Begeisterung für diesen extrem schwermütigen und brutalen Doom Death Metal zu teilen und diese bereits jetzt zu einem Favoriten auf das Album des Jahres zu küren. Können die Jungs mit so vielen Vorschusslorbeeren umgehen? Ist die Bande wirklich so depressiv, wie sie klingt? Ich schnappte mir den herausragenden Frontmann Jaakko Mäntymaa und seinen Gitarristen Nico Mänttäri und fragte nach…

Jaakko, Nico, als erstes möchte ich mich bei Euch entschuldigen, denn Marianas Rest waren mir bis zu Eurem gerade erschienenen Meisterwerk "Fata morgana" überhaupt kein Begriff. Wie kann es sein, dass ich Eure Band bislang noch nicht wahrgenommen habe? Bei Eurer großartigen Musik ein fast unverzeihlicher Fehler...

Jaakko: Mach dir mal keinen Kopf. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, sich für irgendetwas zu entschuldigen, da Du nicht der Einzige bist, der vorher von uns noch nie was gehört hat. Unsere ersten Alben wurden von viel kleineren Labeln veröffentlicht, so dass wir nicht alle Fans erreichen konnten. Doch wie heißt es so schön: Besser spät als nie (grinst).

Nico: Genau, mach Dir da mal keine Sorgen. Wir waren bislang nur en kleines Projekt und nun freuen wir uns sehr darüber, dass wir mit dem neuen Album so viele Leute erreichen.


Warum der Titel "Fata morgana"? Da gibt es viele Assoziationsmöglichkeiten. Ein Trugbild, ein physikalisches Phänomen. Was wollt Ihr mit diesem Albumtitel ausdrücken?

Jaakko: Unsere Fata Morgana bezieh sich auf die grundlegende Natur des Menschen. Wir arbeiten und leben die meiste Zeit so, als ob wir alles klarsehen und erkennen können und denken, wir könnten die Illusion von der Realität trennen. Mit dieser Einstellung können diese Menschen den größten Teil ihres Lebens damit verbringen, aufgrund dieser falschen Tatsachen und Wahrnehmungen Entscheidungen zu treffen, die auf diesen Annahmen beruhen. Der Erzähler dieser Geschichte merkt dies im Verlauf des Albums und berichtet darüber.

Auf Eurem Album Cover kann man die Silhouette eines Menschen erkennen, der scheinbar von Dunkelheit umringt wird. Ich finde das Bild sehr düster und depressiv. Was wollt Ihr uns mit diesem Bild sagen?

Jaakko: Wir versuchen unsere Musik so zu gestalten, dass sie viel Raum für Interpretationen zulässt. Aus diesem Grund lieben wir auch das Artwork, welches von Kjetil Karlsen perfekt in Szene gesetzt wurde. Man kann da immer wieder aufs Neue Dinge entdecken, diese unterschiedlich deuten und selbst ich sehe das Bild immer wieder anders. Ich denke aber mittlerweile, dass das Bild uns aufzeigen will, wie klein wir doch alle als Individuen vor viel größeren Dingen sind.

Erzählt mir doch bitte ein wenig über die Entstehungsgeschichte von "Fata morgana". Wie lange habt Ihr an dem Album gearbeitet, bis es so klang, dass Ihr alle zufrieden wart? Oder gibt es Sachen, die man im Nachhinein hätte verbessern können? Vorstellen kann ich es mir nicht, denn besser geht es für meine Ohren kaum...

Jaakko: Wir haben ungefähr eineinhalb Jahre an dem Album gearbeitet. Dabei ging es mehr darum, die Songs zu komponieren, zu schreiben und neu zu ordnen, als den richtigen Sound dafür zu finden. Diesen Prozess des Songwriting haben wir uns bereits vor ca. 5 Jahren angeeignet, als wir unser Debütalbum „Horror vacui“ aufgenommen haben. Wir hatten da schon mit Teemu Aalto den exakt gleichen Typen an den Reglern zu sitzen, der auch danach unsere Platten produzierte und sich somit schon mit unserem Sound auskannte und diesen nur noch verfeinerte. Ich bin mehr als zufrieden mit dem Endergebnis, denn unser Versuch die Songs ebenso leicht wie schwer klingen zu lassen, hat funktioniert und wir haben es geschafft, die richtige Balance zu finden.

Nico: Sollte ich jemals mit einem unserer Alben vollkommen zufrieden sein, wird es nach meinem Empfinden das Letzte sein. Da wir aber bereits eine ganze Menge neues Material geschrieben haben glaube ich, dass wir noch Raum für verschiedene Verbesserungen haben (lacht). Ich stimme Jaakko im Übrigen voll und ganz zu, denn die Produktion funktioniert tatsächlich verdammt gut mit unseren Songs und dementsprechend geht der Dank raus an unseren fantastischen Knopf-Zauberer Teemu, der uns von der ersten Note an kennt. Ich glaube, dass diese lange Zusammenarbeit mit ihm uns es immens leichter gemacht hat, die richtige Aufnahmemethode zu finden und die Ideen wie das Album letztendlich zu klingen haben soll, richtig auszuarbeiten.

Auf "South of Vostok" sagst Du am Anfang etwas auf Finnisch. Ich bin leider der Sprache nicht mächtig, doch das klingt für mich irgendwie sehr persönlich. Jaakko, was erzählst Du uns da?

Jaakko: Ich versuche hier ein Bild von einem Mann zu zeichnen, der am Ende seiner Reise steht. Der Wind des eisigen Meeres weht ihm ins Gesicht, welches langsam beginnt, einzufrieren. Es ist schwer zu übersetzen, aber ich versuche es mal:

Ja paikka on menettänyt merkityksensä (Und der Ort hat seine Bedeutung verloren)
Tuuli sulki korvani (Der Wind macht mich taub)
Kylmä kantoi kauas ajatukseni (Die Kälte verdrängt meine Gedanken)
Äärettömään mereen katoava jääkenttä (Ein Feld aus Eis, das im endlosen Meer verschwindet)
Pakkasen kasvoille tiivistämä sumu (Von der Kälte gefrorener Atem)
Täällä aika katosi (Hier verschwand die Zeit)
Ja sijaintini poistettiin kartalta (Und mein Standort wurde entfernt)
Kun kaikki loppui (und als alles aufhörte zu sein)
Minä olin täällä (war ich hier)

An manchen Stellen, gerade bei "The weight", meinem absoluten Lieblingssong auf dem Album, hört man eine weibliche Stimme, die im Hintergrund für noch mehr Atmosphäre sorgt, als ohnehin schon vorhanden ist. Wer ist die Dame? Wie seid Ihr an sie herangekommen und ist in Zukunft da vielleicht ein wenig geplant, denn gerade diesen Aspekt finde ich herausragend?

Nico: Es handelt sich hier um die liebreizende Lindsay Schoolcraft, die wir über unseren Produzenten kennengelernt und kontaktiert haben, der vorher schon mit ihr zusammengearbeitet hat. Wir merkten irgendwann, dass es in den neuen Songs ein paar Stellen gibt, die ein wenig mehr bräuchten, ein neues Element gewissermaßen und da kam uns die Idee dieses weiblichen Sirenengesangs. Ich bin im Nachhinein mehr als froh und glücklich darüber, dass sie mit uns diese Ideen so großartig umgesetzt hat, denn sie ist eine unglaublich nette Person und dazu auch noch eine mehr als talentierte Musikerin.

Ob wir auf dem nächsten Album wieder mit solchen Elementen arbeiten werden, steht noch in den Sternen. Wir planen da nicht so weit in die Zukunft und schauen, wie sich alles entwickelt und in welche Richtung unsere Musik gehen wird.


Ihr habt zu "Glow from the edge" ein fantastisches Video gefilmt, welches bei mir den Appetit entfachte, mehr sehen zu wollen. Das Teil ist so grandios inszeniert, da könnte man doch irgendwann mal einen ganzen Film im gleichen Stil und mit Eurer Musik machen. Ist Euch sowas schon einmal in den Sinn gekommen? Wie entstand die Idee zum Video und wie schwierig war die Umsetzung?

Jaakko: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber die Idee ist gar nicht mal so schlecht und kpönnte tatsächlich eine großartige Geschichte werden. Der Nachteil: Das würde eine Menge Kohle kosten. Aber mal sehen…

Wir hatten beim Videodreh eine unfassbar fantastische Crew von 10-15 Leuten am Start und alles lief auf einem extrem hohen professionellen Level ab. Mit dem Endergebnis könnten wir nicht mehr zufrieden sein. Die Idee zur Umsetzung entstammte allerdings den Hirnwendungen unserer Crew, da haben wir uns einfach in deren Hände begeben. Meine Schwester Riikka und mein Bruder Eero waren zusammen mit Lassi Karhulahti für das Video verantwortlich, wir gaben ihnen nur den Song du das Albumcover, den Rest erledigten sie.

Das war schon etwas skurril, denn sie teilten uns ihre Visionen erst am Tag des ersten Drehs mit. Einen Tag vorher fragten mich die Jungs: „Spielen wir überhaupt? Sollen wir unsere Instrumente mitbringen?“ und all solche Sachen. Und nein, ich wusste es wirklich nicht!  Erst da wurde mir klar, wie sehr ich den Dreien vertraute. Das Endergebnis lässt sich mehr als sehen, sie haben abgeliefert und verdammt gute Arbeit geleistet.


Ich empfinde bei Eurer Musik Traurigkeit und dennoch Wärme, Begeisterung und Depressionen, Sprich eine gewisse Dualität. Dazu gesellt sich mit Deiner Stimme, Jaakko, eine gewisse Bösartigkeit, doch wenn ich Eure Promofotos sehe, erkenne ich sechs eher lebensbejaende Finnen, statt depressiver Trauerklöße. Spiegelt Eure Musik Eure Persönlichkeit wider?

Jaakko: Ein kleiner Teil von mir tut es. Wir alle haben doch eine dunkle Seite und wir drücken diese mit unserer Musik aus. Die rauen Seiten in unserem Leben kann man auf unseren Alben hören und sind komplett authentisch. Gleichzeitig sind wir aber auch total lockere Typen und wenn wir uns alle treffen, haben wir eine Menge Spaß und sitzen nicht weinend in der Ecke (grinst). Da gibt es dann immer eine ganze Menge schlechter Witze und ein wenig Bier. In unserer Musik liegt immer ein gewisser Hoffnungsschwimmer, denn es wäre doch furchtbar, keinerlei Hoffnung mehr zu haben.

Nico: Da gebe ich Jaakko vollkommen recht! Wenn wir unsere inneren Dämonen und unsere dunklen Seiten in unsere Musik verpacken, verfolgt sie uns in unserem täglichen Leben nicht mehr so arg. Wir haben alle gerne Spaß, trinken auch gerne mal einen über den Durst und labern ein Haufen dummes Zeug. Wenn wir diese Band nicht hätten, wären wir wahrscheinlich keine so glückliche Gruppe von Menschen (grinst).


Wie seid Ihr in Finnland mit der Covid-19 Pandemie umgegangen? Hatte diese irgendeinen Einfluss auf die Schwermütigkeit in Eurem Sound?

Nico: Im Vergleich zu unserer Einwohnerzahl haben wir in Finnland eine Menge Platz und selbst wenn die Pandemie-Situation nicht die Beste war oder ist, man kann immer rausgehen und Plätze finden, um das zu tun, was man halt gerade gerne tun möchte. Das ist sicherlich ein glücklicher Umstand und hilft uns Finnen dabei, gesund zu bleiben und die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Musikalisch hat uns die ganze Situation überhaupt nicht beeinflusst, da alle Songs bereits fertig waren, bevor das Chaos begann und die Pandemie Europa erreichte. Allerdings kann ich Dir nicht sagen, inwieweit die momentanen Geschehnisse unser nächstes Album beeinflussen könnten, doch die Möglichkeit der direkten Einflussnahme besteht durchaus.

Ihr habt mit Omnium Gatherum Tastenzauberer Aapo Koivisto ein für mich unglaublich wichtiges Bandmitglied in Euren Reihen, da gerade seine sanften Keyboard Klänge Eurer Musik eine unglaubliche Tiefe gibt. Inwieweit bringt er sich selbst in Eure Musik ein oder gebt Ihr ihm vor, was er zu spielen hat?

Jaakko: Nein, das kommt alles von Aapo selber. Er bringt wie der Rest von uns seine eigenen Visionen und Ideen mit. Er ist verdammt gut in dem, was er tut und von daher wäre es ziemlich unklug, ihm keinen Raum zum Arbeiten zu geben.

Kotka ist ja nun nicht unbedingt die Welthaupstadt des Heavy Metal, aber wunderschön am Finnischen Meerbusen gelegen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Meer, die Natur und die im Winter vorherrschende Kälte eine Menge Einfluss auf Eure Musik gehabt hat, oder?

Nico: Ich denke, dass das durchaus zutrifft, aber eher auf eine unbewusste Art und Weise. Ich persönlich denke beim Schreiben von Musik nicht an Landschaftsbilder oder ähnliches, sondern vielmehr an den normalen Alltag. Aber scheinbar schaffen es unsere langen und kalten Winter eine geeignete Umgebung für diese Art von Musik zu kreieren. Wenn wir alle an warmen und sonnigen Orten leben, an Surfbars rumhingen und Daiquiris schlürfen würden wäre ich mir nicht sicher, wie unsere Musik dann klingen würde (lacht).

Ich finde ebenso einen gewissen russischen Musikeinfluss bei Eurem Titeltrack. Manchmal klingt das wie eine Balalaika. Liegt das vielleicht auch ein wenig an der geographischen Nähe zu Russland? Es sind ja lediglich 80 Kilometer bis dahin...

Nico: Okay, cool, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich glaube eher, dass alles was man sieht oder hört sich auf die künstlerische Leistung auswirkt. Vielleicht kommt in einigen unserer Songs tatsächlich ein wenig traditionelle russische Musik durch, doch ich kann klar sagen, dass dies eher unterbewusst geschieht und nicht gewollt ist.

Vielen Dank für Eure Zeit und ich hoffe, die Fragen waren für Euch nicht langweilig. Wollt Ihr noch irgendetwas loswerden zum Schluss?

Jaakko: Es war uns ein absolutes Vergnügen mit Dir zu sprechen Olaf und ich glaube, Dir ging es genauso. Ich hoffe, dass wir uns bald mal alle persönlich kennenlernen werden, wenn diese Pandemie endlich besiegt, alle geheilt und geimpft sind. Bis dahin hoffe ich, dass alle Spaß an diesem Interview haben werden und dabei ein paar Bierchen kippen.

Nico: Auch von mir einen herzlichen Dank und vor allem auch für Dein tolles Review. Hoffentlich sehen wir uns bald on the road und bis dahin bleibt bitte alle gesund und macht das Beste draus!


OLAF

Gesprächspartner: Jaakko Mäntymaa (Vocals) | Nico Mänttäri (Guitar)


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