Wir wollen die richtigen Fragen stellen und zum nachdenken anregen

1991 gegründet und mit nunmehr 12 regulären Studioalben kann man ohne Übertreibung von Enslaved mittlerweile als eine der wichtigsten, wenn nicht sogar DER wichtigsten norwegischen Bands überhaupt sprechen. Angefangen als eine stinknormale Black/Viking Metal Band schaffen es die genialen Komponisten und Bandchefs Ivar Bjørnson und Grutle Kjellson immer wieder, sich mit jeder Platte neu zu erfinden. Hatte man bis zum 98er Album „Blodhemn“ eine zum Teil ziemlich rüpelige Attitüde, so wurde spätestens ab 2000 mit „Mardraum: Beyond the within“ so langsam das progressive Element immer mehr zum Trademark der Nordmänner. Dieses wurde dann auf dem gewaltigen Erfolgsalbum „Below the lights“ gänzlich zum tragenden Element in der Musik von Enslaved und stieß damit vielen alten Fans mächtig vor den Koffer, was allerdings aufgrund der Vielzahl neuer Anhänger kaum ins Gewicht gefallen sein dürfte. 2008 war für mich das bislang beste, denn „Vertebrae“ war ein Monster, ein überlebensgroßer Koloss, der im Bereich dieser Musikrichtung in diesem Jahr von keiner anderen Band getoppt werden konnte. Daran konnte leider der 2010er Nachfolger „Axioma ehtica odini“ nicht rütteln, den ich ziemlich sperrig und hölzern fand, doch das ist alles Schnee von gestern, denn in ein paar Tagen gibt es mit „RIITIIR“ endlich einen würdigen „Vertebrae“ Nachfolger, der in kompositorischer und spielerischer Hinsicht das höchste ist, was der Fünfer aus Haugesund (was für ein genialer Name) jemals hätte machen können. Über dieses Meisterwerk und einiges mehr sprach ich mit Ivar an einem lauschigen Dienstagabend via Telefon, bei dem sich der Meister ziemlich gesprächig zeigte.
Ivar, als allererstes muss ich Dir meine Glückwünsche aussprechen, denn „RIITIIR“ ist in meinen Augen das beste, bewegendste und musikalisch großartigste Werk, was Ihr bislang abgeliefert habt. Wie groß ist die Zufriedenheit innerhalb der Band?

Danke für die Blumen. Jeder innerhalb der Band ist mehr als zufrieden mit der Scheibe, denn es war ein langer Prozess. Wir haben noch nie so viel Zeit für ein Album aufgewendet wie dieses Mal, doch als wir dann am aufnehmen waren merkten wir schnell, dass es ein richtig gutes Teil werden würde. Die ersten Reaktionen bestätigen uns auch, dass wir den richtigen Weg gewählt haben, denn bislang haben wir noch nichts Negatives gehört.

Erkläre mir und unseren Lesern doch mal bitte in einfachen Worten, was „RIITIIR“ überhaupt bedeutet und für was es steht.

Als Allererstes ist mir wichtig alle wissen zu lassen, dass es sich bei „RIITIIR“ nicht um ein Konzeptalbum handelt, sondern eher um ein übergeordnetes Thema, welches sich als roter Faden durch das Album zieht. Es geht um Rituale im Allgemeinen und anhand der Musik wird erklärt, wie sich die Menschheit durch eben diese weiterentwickelt, um größer und besser zu werden. Wir merkten beim komponieren schnell, wie sich die Musik dem Thema anpasste, denn es ist ganz normal, dass man sich durch natürliche Prozesse weiterentwickelt und sich selbst damit größer und stärker macht. Ebenfalls fanden wir heraus, dass das Wort „Ritual“ in vielen Sprachen gleich oder ähnlich geschrieben wird, was das Thema damit ziemlich global und universell macht. Die Frage war halt, warum nutzen wir Philosophie oder Technologie, um uns weiterzuentwickeln? Und so klingt letztendlich auch die Musik, nach Weiterentwicklung. Wir wollen aber nicht missionieren und haben natürlich nicht die Antworten oder Lösungen für Alles parat. Vielmehr wollen wir die richtigen Fragen stellen und zum nachdenken anregen.
Nach „Axioma ethica odini“ habt Ihr nicht einmal 2 Jahre gebraucht, um den Nachfolger zu präsentieren. Wie viel Kreativität steckt in Euch, in einer so kurzen Abfolge solche Killeralben zu veröffentlichen?

Eine ganze Menge (lacht). Es steckt einfach in mir, denn ich liebe es das zu tun, was ich tue. Das gilt natürlich nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Bandmitglieder. Wir haben „Axioma“ im September/Oktober 2010 veröffentlicht, sind ein wenig mit Dimmu Borgir herumgereist und haben dann bereits im November des folgenden Jahres angefangen, die neuen Songs zu schreiben. Es ist schwer zu sagen, woher diese Kreativität, Arbeitswut oder Inspiration kommt. Manche würden jetzt eine höhere geistige Ebene, einen ihrer Götter oder ähnliches anführen, was für mich nicht gilt, denn ich denke darüber einfach nicht nach. Es kommt wie es kommt. Ich sitze einfach mal mit der Gitarre, mal mit dem Keyboard oder am Computer und schreibe das auf, was mir gerade in den Sinn kommt. Es kommt auch vor, dass ich auf dem Sofa sitze, Fußball gucke und plötzlich ist da eine Idee, die ich weiterverfolgen muss (lacht).

Wie lange habt Ihr gebraucht, um die neuen Songs zu komponieren? Ein solche monumentales Meisterwerk wie das elfminütige „Forsaken“ schreibt sich doch mit Sicherheit nicht an einem Tag?

Hahaha, nein, auf keinen Fall. So eine Blaupause gibt es bei uns eigentlich nicht. In der Regel benötigen wir für einen Song von zwei Wochen bis zu einem Monat, aber das kann man so nicht festmachen oder pauschalisieren. Wir lassen uns da absolut nicht hetzen und meistens stehen wir eh vor dem Problem, ein Ende für einen Song zu finden (lacht). Für „RIITIIR“ haben wir knapp ein Jahr benötigt, was bei 8 Songs eineinhalb Monate pro Songs bedeuten würde.
Doch wie gesagt, dass kann man nicht genau sagen. Wir konzipieren unsere Songs ja auch nicht auf dem Reißbrett, sondern kommen mit einer Idee in den Proberaum, wo dann Grutle und Cato (Bekkevold-Drummer) diese ausarbeiten und überhaupt erstmal schauen, ob damit was anzufangen ist. Es kommt natürlich auch schon mal vor, dass ich mit einer mächtig tollen Idee ankomme, die dann überhaupt nicht funktioniert. So was haut mich aber nicht um, sondern bestärkt mich dann, dass Teil umzuschreiben bis es passt.

Wo habt Ihr das Album produziert und seid Ihr mit dem endgültigen Resultat zufrieden oder gab es tatsächlich Dinge, die Ihr im Nachhinein hättet besser machen können?

Wir haben bei uns vor der Haustür in Bergen aufgenommen, was natürlich sehr komfortabel für alle war. Die Akustik dort war klasse und transportiert exakt das Feeling, was wir mit den Songs erreichen wollten. Vor allem haben wir erstmals seit den frühen Neunzigern das Album komplett live aufgenommen und bei den teilweise extremen Längen von 8 bis 9 Minuten hat das eine Menge an Konzentration gekostet, doch wir sind mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Die gesamte Produktion kommt extrem nah an das heran, was wir immer erreichen wollten. Unter diesen Umständen und zu diesem Zeitpunkt sind wir komplett und absolut glücklich mit dem Resultat, was sich aber natürlich zum nächsten Album wieder komplett ändern kann. Irgendetwas findet man immer, doch das sind meist Kleinigkeiten, die man als Hörer eh nicht heraus hört, als Musiker jedoch schon. Auf jeden Fall hat dieses Recording unglaublich viel Energie freigesetzt und Spaß gemacht, da eine ganz andere Atmosphäre entsteht, wenn man zusammen im Studio steht und die Songs einspielt. Enslaved ist eine Band, die vom Zusammenspiel seiner Mitglieder lebt und das hört man auf „RIITIIR auch überdeutlich heraus.
Erzähl mir doch bitte ein klein wenig über meine 3 Lieblingssongs auf dem Album. Als Erstes wäre da „Death in the eyes of dawn“.

Ah ja, unser Bathory Song (lacht). Als wir mit dem erste Riff anfingen, klang es einfach so, wie in der „Hammerheart“ Phase, doch als die Jungs anfingen, die Gesangs Arrangements auszuarbeiten war ich mehr als überrascht und beeindruckt, wie sich der Song anfing, zu verändern. Was Grutle und Herbrand (Larsen-Keyboards und clean vocals) da im Wechselgesang raus hauten, hat mich schier umgeblasen. Die Dynamik die dadurch entstanden ist, kann man fast greifen, obwohl dies ein Song ist, an dem wir seit den ersten Demos am längsten gearbeitet haben. Der Witz allerdings war, dass wir solange an dem Teil herumgefeilt haben um zum Schluss festzustellen, dass die Originalidee vom Demo doch die Beste war (lacht).

Dann „Roots of the mountain“, den für mich eingängigsten Song des Albums.

Das ist er aber auch erst nach einigem rumgeschraube geworden, doch Du hast Recht, dass ist auch mein persönlicher Favorit auf dem Album. Er enthält trotz seiner Eingängigkeit unglaublich viele Aspekte von Enslaved, da der Anfang unglaublich viele Jahre bereits zurückliegt…ich weiß gar nicht mehr, wie lange das her ist. Auf jeden Fall wusste ich lange Zeit nicht, was ich mit diesem kleinen Stück Musik anfangen sollte, was am Anfang des Songs steht, doch als wir eines Tages zu einem Festival nach Portugal flogen kam mir das Teil wieder in den Sinn und ich programmierte es über eine App in mein Smartphone, was allerdings da wie ein altes Computerspiel klang, hahaha. Doch ich hatte die Idee zumindest mal abgespeichert und wartete, was damit passieren würde. Als wir zurück in Norwegen waren, haben wir das Teil dann mit Gitarren ausgearbeitet und somit war der Song geboren. Mn muss halt auch mal etwas Geduld haben. Das Ende des Songs hat aber noch eine ganz andere, viel persönlichere Geschichte. Am 29.Dezember warteten meine Frau und ich auf die Geburt unseres ersten Kindes, welches schon eine Woche überfällig war und als dann im Krankenhaus die Geburt eingeleitet werden sollte, hatte ich noch vier Stunden bis dahin Zeit und wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Ich saß also im Studio, wartete auf den Anruf aus dem Krankenhaus und plötzlich kam mir die Idee zum Schluss des Songs. Das war quasi ein Epilog dazu, dass ich zum ersten Mal Vater wurde und wenn meine Tochter groß genug ist, werde ich ihr das auf jeden Fall mal vorspielen. Allein durch diese Geschichte ist „Roots of the mountain“ ein sehr persönlicher Song für mich geworden.
Und meinen absoluten Lieblingssong „Materal“, der so dermaßen eiskalt ist, dass ich Gänsehaut bekam.Exzellent, dann haben wir genau das erreicht, was wir wollten, hahaha. Den Song hätte ich ohne Cato gar nicht machen können, da ich einen richtigen Oldschool Drummer dafür benötigte, um dem Stück den richtigen Drive zu geben, ohne den ganzen getriggerten Mist. Und auch hier muss ich unseren beiden Sängern ein riesiges Lob aussprechen, denn ihre Arrangements haben dem Song exakt das gegeben, was er benötigte. Ich fand das Lied anfangs etwas riskant, da es sich vom Rest des Albums ziemlich unterscheidet, doch die Art, wie er die Gesamtheit auflockert und die Strukturen aufbricht, gefällt mir mittlerweile ausgesprochen gut.

Eure letzten Chartpositionen in Norwegen waren mit „Ruun“ auf Platz 23, „Vertebrae“ auf 20 und „Axioma ethica odini“ auf 11. Jetzt müsste ja mal langsam die Pole Position angesagt sein, oder interessiert Euch sowas gar nur am Rande?

Ich finde es eher lustig, denn als Kind hat man immer auf die Charts geguckt und sich dementsprechend musikalisch orientiert. Extrem Metal konnte man da nie finden, doch als Satyricon auf einmal sogar den ersten Platz inne hatten, wurde es langsam interessanter. Unsere Chatpositionen waren schon cool und spiegeln das Ergebnis unserer harten Arbeit wieder, sind aber ansonsten eher amüsant. Klar würden wir uns über ein Nummer Eins Album freuen, doch so richtig wichtig ist es uns nicht. Wir wollen lieber für unsere Liveshows bewertet werden, denn wir lieben es, on the road zu sein.

Ist irgendwann mal wieder so eine coole Aktion geplant wie 2011, als Ihr Eure EP „The sleeping gods“ kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt habt?

Momentan haben wir diesbezüglich keine konkreten Pläne, doch die Möglichkeit ist schon vorhanden, dass wir so was noch mal machen werden, denn die Aktion war wirklich klasse. Es war eine wirklich positive Erfahrung, mit der ich so nicht gerechnet hatte. Wir vertreten den Standpunkt, dass Downloading nicht automatisch mit Piraterie gleichzusetzen ist, denn wenn ein Künstler dies ausdrücklich wünscht, können die Nutzer nicht pauschal verurteilt werden. Ich finde für mich als Musiker die Möglichkeit schon cool, seine Ideen, sofern man dies ausdrücklich wünscht und selbst verantworten kann, mit Anderen zu teilen. Wir allerdings wollen schon, dass unsere Arbeit auch honoriert wird und wenn Leute meinen, sich deshalb unsere Songs nicht zu kaufen, ist das deren Meinung, die ich durchaus respektiere. Für uns war es anfangs ein Test um zu sehen, wie es ankommt und da wir einen Sponsor fanden, hatten wir dadurch noch nicht einmal Unkosten und das Teil und die Idee an sich sind unglaublich gut angekommen und hat uns sehr viel Unterstützung der Fans eingebracht. Mittlerweile fragen uns auch viele danach, ob wir das Teil nicht auch bei iTunes einstellen können. Klar können wir und wenn die Leute dafür bezahlen wollen…gerne (lacht).
Ihr ward 2011 auf ziemlich vielen Festivals präsent, doch eine richtig große Tour in Deutschland kam nicht zustande. Kann man 2012 oder 2013 wieder mit Euch auf den großen Bühnen rechnen?

Wir werden das bald offiziell machen, doch ich kann bereits jetzt verraten, dass wir im Februar / März 2013 touren und hoffentlich eine ganze Menge Festivals spielen werden. Ich liebe es auf Festival zu spielen und das hat mehrere Gründe. Zum Einen ist es immer wieder eine Herausforderung, das Set Up zu verändern, weil Open Air halt doch soundtechnisch ein riesiger Unterschied zu Clubshows besteht und zum Anderen liebe ich es, mit Fans, anderen Musikern oder Businessmenschen zusammen zu kommen und zu reden. Da bekommt man immer eine Menge Input und Feedback. Ich finde, es ist immer wieder wie eine große Familienzusammenführung, daher mag ich es so.

Ihr spielt im Dezember bei der „Barge of hell“. Ist die Karibik bereit für die klirrende Kälte und den musikalischen Genius von Enslaved?

Ich habe keine Ahnung aber wir werden sehen, ob wir mit unserer Musik für Umweltschäden sorgen oder exotische Tiere killen werden, hahaha. Die Idee an sich ist toll, doch einzig die Hitze wird uns zu schaffen machen, doch dann ziehen wir uns halt zurück und trinken Bier…

Welches mit 6,50 $ allerdings recht exorbitant teuer sein wird…

Da wir das in Norwegen auch fast zahlen, dürfte das kein Problem darstellen, hahaha.

Etwas mehr als ein Jahr nach den Anschlägen von Oslo und Utøya wurde Anders Breivik nun verurteilt und für immer eingesperrt. Wie habt Ihr das ganze Geschehen verfolgt?

Ich kenne keinen, der direkt davon betroffen war und somit habe ich mich nicht sehr intensiv damit beschäftigt. Meine Schwester allerdings arbeitete in einem der Gebäude in Oslo, welches von dem Sprengstoffanschlag beschädigt wurde. Zu dem Zeitpunkt hatte sie allerdings Urlaub, doch wir waren uns ein paar Stunden darüber nicht im Klaren und daher waren wir etwas besorgt. Der Typ mit seinen beschissenen Ansichten interessiert mich nicht im Geringsten, ich hatte nur Angst, dass dadurch der rechte Flügel in Norwegen Aufwind bekommen würde. Was mich allerdings beeindruckt hat war die Tatsache, dass die Norweger trotz dieser Anschläge die Ruhe bewahrt und nicht wie die Amerikaner bei 9/11 gleich draufgehauen haben. Dennoch werden wir mit diesem Trauma leben müssen. Allerdings gibt es noch eine Geschichte, die ich ziemlich befremdlich fand. Letzten Monat hat Madonna in Norwegen gespielt und bei einem Song haben die Tänzer mit Plastik Maschinengewehre auf der Bühne getanzt. Viele haben daraufhin das Management von ihr kontaktiert und darauf bestanden, dass dieses Element umgehend zu verschwinden hat. Dieser Akt der Zensur geht in meinen Augen zu weit und ist völlig übertrieben.

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