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MY DARKEST HATE – Rust & Bones (2025)
(9.924) Olaf (8,0/10) Death Metal
Label: Massacre Records
VÖ: 07.11.2025
Stil: Death Metal
Ich habe MY DARKEST HATE immer als eine dieser deutschen Death-Metal-Konstanten abgespeichert, die nicht jeden Monat schreien müssen, um erinnert zu werden. Wenn nach Jahren plötzlich wieder ein Album auf dem Tisch liegt, klingt es wie das gute, schwere Werkzeug im Proberaum: verlässlich, griffig, ohne Zierkram. Nun also Rust & Bones– das sechste Vollalbum, produziert von Andy Classen, mit einem Artwork von Remy Cooper, das sofort ins Auge sticht. Kurz gesagt: das Ding wirkt wie gegossen aus Eisen und schabt nach Knochen, bevor überhaupt die erste Note läuft.
Und die erste Note hat’s in sich. Rust reißt die Tür ein: vorneweg dieser herrlich dreckige Shout, dann volle Möhre. Riffs aus gehärtetem Stahl, Drums auf den Punkt, Bass nicht nur Füllmasse, sondern Druckkammer. Wäre die komplette Platte auf exakt diesem Adrenalin-Level geblieben, wir würden hier über einen späten Meilenstein sprechen. So aber ist „Rust & Bones“ „nur“ ein sehr gutes, sauber produziertes und angenehm abwechslungsreiches Todesblei-Album – eines, das noch zwei, drei Brecher mehr vom Kaliber des Openers vertragen hätte.
Die Produktion trägt ihren Teil: Classen lässt Gitarren und Bass fett, aber nicht verwaschen agieren; die Kick stampft, ohne die Mitten totzudrücken; die Vocals sitzen präsent, ohne den Mix zu dominieren. Das Resultat ist Old-School mit zeitgemäßer Durchschlagskraft: ein Sound, der weder auf Nostalgie-Staub noch auf Loudness-Wand baut, sondern auf Kante, Klarheit und Punch. Passend dazu die Bildwelt des Artworks: korrodierte Farben, knirschende Typografie, die das thematische Spannungsfeld „Verfall vs. Widerstand“ stützt.
Songwriterisch verteilt das Quintett die Kräfte klug. Vengeance My Brother und Sinister Warfare gehen direkt auf die Zwölf – schnelle, thrashig gekerbte Pick-Attacks, Ohr-für-Ohr-Grooves und Hook-Silben, die live brüllen wollen. He Who Never Sleeps walzt breiter und bringt mit Dave Ingram einen Gast ans Mikro, dessen charakteristische Growls die Nummer noch mehr nach „Benediction-im-Bunker“ zieht. Genau hier zeigt sich die Qualität der Platte: Wenn MY DARKEST HATE den Groove einmal fest im Nacken haben, schlägt der Kopf von allein mit.
Zwei Momente reiben – und es ist gut, dass sie reiben. Flammenland, die erste deutschsprachige Nummer der Band (mit TZ), ist ein Wagnis: Deutsch im Death Metal bleibt eine Love-it-or-hate-it-Angelegenheit. Mir geht’s hier wie oft bei solchen Ausflügen – ich stehe zwischen den Stühlen. Einerseits Respekt fürs Risiko und den Willen, die eigene Klangidentität mal anders zu färben; andererseits holt mich die Melodie-/Silbenführung emotional weniger ab als die englischen Tracks. King of Slaves wiederum trägt so viel heroisch-melodisches Riff-Vokabular in sich, dass die Nähe zu Amon Amarth zeitweise unüberhörbar ist – nicht schlecht, aber mir eine Spur zu bekannt. Zwischen diesen Polen funktioniert das restliche Material richtig stark: From Ruins I Rise hebt mit „Fäuste hoch!“-Refrain die Trümmerplatte an, When the Abyss Opens kippt in finsteres Midtempo mit schönem Tremolo-Flirren, Our Legion, Our Pride beschließt das Album mit erhobenem Banner statt fade auszubluten.
Was mich persönlich freut: ein erneutes musikalisches Lebenszeichen von Jörg M. Knittel. Man hört die Handschrift – diese Mischung aus griffigen Down-strokes, schlüssigen Übergängen und dem Instinkt, wann ein Riff Luft braucht und wann es die Kehle zupacken muss. Zusammen mit Claudio Enzlers markantem Organ, der zweiten Axt von Jonas Khalil, Roberto Palacios’ druckvollem Bass und Mario Hennings schnörkellosem Drumming ergibt das eine Einheit, die nach Band klingt, nicht nach File-Sharing.
Unterm Strich steht eine Platte, die visuell, produktionstechnisch und handwerklich überzeugt, mit starken Peaks – allen voran der Opener – und wenigen, aber spürbaren Reibungspunkten. 2025 ist allerdings ein Haifischbecken für Death-Metal-Releases; die Konkurrenz ist schlicht übermächtig. „Rust & Bones“ behauptet sich dennoch – nicht, weil es alles neu erfindet, sondern weil es mit Haltung, Druck und Songs kommt, die live funktionieren werden. Die Scheibe ist der massige, gut produzierte Panzer, der über aufgeblasenen Trends hinwegrollt – mit einem furiosen Start, starken Mittelsegmenten, einer mutigen deutschsprachigen Kante und einem Finish, das Flagge zeigt. Nicht der neue Maßstab, aber definitiv ein Statement.
Bewertung: 8,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Rust
02. Vengeance my Brother
03. Deceiver
04. Sinister Warfare
05. He who never sleeps
06. Flammenland
07. King of Slaves
08. From Ruins I rise
09. When the Abyss opens
10. Our Legions, our Pride

