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EQUILIBRIUM - Equinox (2025)

(9.968) Olaf (6,5/10) Epic Metal


Label: Nuclear Blast
VÖ: 28.11.2025
Stil: Epic Metal






Ich gebe es zu: EQUILIBRIUM und ich haben schon einige Kapitel zusammen durch. Von Turis Fratyr und Sagas über die orchestralen Schlachten von Rekreatur und Erdentempel bis hin zur sehr modernen, teils kontroversen Renegades-Phase – diese Band hat sich in fast einem Vierteljahrhundert vom bayerischen Pagan-Geheimtipp zum cineastischen Multi-Metal-Hybriden durchmutiert. Jetzt also Equinox: neues Jahrzehnt, neues Album, neuer Sänger, wieder mal ein „Neuanfang“ – und trotzdem ist da dieses typische Gefühl: ja, das da ist EQUILIBRIUM. Nur eben mit sehr viel mehr Kino im Kopf als Stahl in den Saiten.

Schon der Rahmen zeigt, wohin die Reise gehen soll: Nach sechs Jahren Albumpause und diversen Singles (Shelter, Cerulean Skies, Gnosis, Bloodwood, I’ll Be Thunder, Borrowed Waters) melden sich René Berthiaume mit einem Werk zurück, das laut Pressetext „Balance“ und „Hoffnung“ in einer aus den Fugen geratenen Welt beschwören will. Der Bandname als Programm, sozusagen. Im Studio ist EQUILIBRIUM inzwischen im Kern ein Trio: René macht wieder den Alleinunterhalter an Gitarren, Bass, Keys und Drums, Jessica liefert Keyboards, Chöre und das komplette Artwork, Fabian Getto ist der neue Mann am Mikro und Hati an den Drums. Dazu gesellen sich Gäste wie Shir-Ran Yinon an Violine und Nyckelharpa, eine ganze Riege an Chor-Sängern und Roniit als Featured Voice auf Borrowed Waters.

Die Marschrichtung: „authentische“, von Hand gemachte Kunst, keine KI im Artwork, dafür ein bombastisch produziertes Album, das laut offizieller Lesart den bisherigen Weg von Folk und Pagan über Symphonic und Modern Metal hin zu einer „eigenen Stimme“ krönen soll.

Musikalisch ist Equinox ein zweischneidiges Schwert – oder eher ein überdimensioniertes Fantasy-Breitschwert, das so dick mit Ornamenten überzogen wurde, dass die Schneide an manchen Stellen etwas stumpf wirkt.

Auf der Haben-Seite: Die Produktion ist groß, klar und detailverliebt. Die orchestralen Arrangements und elektronischen Schichten sind handwerklich über jeden Zweifel erhaben, die Chöre sitzen, die Streicher legen breite Melodieteppiche, und die Hooks sind oft so fett gebaut, dass sie sich sofort im Ohr festkrallen. Genau hier brilliert Legends: Dieser Song fängt für mich den Spirit von alten und neuen EQUILIBRIUM am besten ein. Die Melodie hat dieses typische „Wir stehen auf einem Berg und schwingen das Schwert in den Sonnenuntergang“-Gefühl, der Refrain wirkt wie eine modernisierte Erinnerung an Sagas-Zeiten, während die Produktion klar in der Gegenwart verankert ist. Legends ist das Bindeglied, das zeigt, wie dieser Spagat funktionieren kann, ohne sich zu zerreißen.

Ähnlich stark – wenn auch aus einer anderen Ecke kommend – wirkt Gnosis. Den Song kennt man ja schon länger, er wurde 2024 als Single vorab ins Feld geschickt und hat damals die Erwartung ordentlich in Richtung „heftiger, erdiger Modern/Folk-Death“ geschoben. In der Albumreihenfolge steht Gnosis nun ein wenig wie ein eigenes Biotop da: deutlich härter, direkter, mit mehr Biss in den Gitarren und weniger Kleister auf den Keys. Wenn man nur diesen Track kennt, tappt man für Equinox tatsächlich ein wenig aufs Glatteis – denn so knackig und metallisch wird es im Verlauf nicht allzu oft.

Und dann ist da Bloodwood – mein persönlicher Favorit. Hier stimmt die Mischung: Die Nummer trägt noch spürbar Härte in sich, der melo-deathige Einschlag sitzt, das Riffing packt zu, und trotzdem wuchert da eine Menge kreativer Finesse in Melodieführung und Arrangement, die den Song gleichzeitig eingängig und spannend hält. Die von Jessica geschriebenen Lyrics malen dabei eher poetische als „typisch Pagan“-Bilder: Es beginnt mit einem Riss im Inneren, das Herz verwandelt sich in einen Vogel, und an einer Stelle heißt es sinngemäß, dass „the blood in my veins was never mine alone“. Das ist weniger „Met-Trinkhorn am Lagerfeuer“, sondern eher introspektive Mythologie über Herkunft, Last und geteilte Geschichte – und passt hervorragend zu dieser Mischung aus Druck und Eleganz, die Bloodwood auszeichnet.

Genau an diesem Punkt beginnt für mich aber auch die große Schwäche von Equinox: René hat schon in den letzten Jahren ordentlich Kleister in seine Kompositionen gehauen, doch diesmal, so wirkt es auf mich, hat er die Tube vielleicht einen Tick zu enthusiastisch ausgedrückt. Die orchestralen und cineastischen Elemente dominieren weite Strecken des Albums so sehr, dass kaum noch Luft für rohen Metal bleibt. Viele Songs funktionieren eher wie Soundtrack-Szenen mit Gitarrenbegleitung, statt als Metaltracks, die von einem Orchester eingerahmt werden.

Das merkt man besonders deutlich, wenn man die „klassischeren“ Momente – etwa Gnosis oder Bloodwood – mit Teilen der zweiten Albumhälfte vergleicht. Nexus etwa ist als großes Finale gedacht: Hymnische Chöre, weite Melodiebögen, dieser typische „Finale im Abspann“-Vibe. Das funktioniert durchaus, löst aber eher Gänsehaut auf der Couch aus als Nackenschmerzen im Pit. Dasselbe gilt für Earth Tongue als Opener: Da ist viel Atmosphäre, viel cineastisches Pathos, aber wenig, das wirklich zubeißt.

Fabian Getto ist dabei ein Sonderfall. Stimmlich bringt er alles mit, was man braucht: Aggression, Klarheit, eine gewisse theatralische Note, um sich gegen diesen Orchesterwall zu behaupten. Aber genau dieser Wall nimmt ihm oft den Raum. Für eine Band, die offiziell noch vier Mitglieder führt, sich im Studio aber im Kern auf die Trias René/Jessica/Fabian (plus Hati) reduziert hat, wirkt der neue Frontmann seltsam wie schmückendes Beiwerk in einem Projekt, das vor allem in Renés Kopf und Jessicas Arrangement-Sessions stattfindet. Er setzt Akzente, ja – aber selten hat man das Gefühl, dass seine Präsenz den Song trägt oder ihm eine neue Richtung gibt. Eher wirkt er wie die Stimme, die über einem bereits fertig gemalten Bild noch ein paar Linien nachzieht.

Ein anderer Fall– und für mich der schwierigste Punkt des Albums – ist Borrowed Waters. Objektiv betrachtet ist der Song sauber komponiert: die Zusammenarbeit mit Roniit bringt eine moderne, fast schon „witchy pop“-artige Farbe rein, der Song atmet Wald, Nebel und Spirituelles und bildet die Brücke zu den „Tides of Time“ und dem Thema Vergänglichkeit, das im Pressetext so betont wird.

Subjektiv sitze ich davor und denke: Das hier ist nicht mehr EQUILIBRIUM, wie ich sie verstehe. Wenn man so einen brutalen Stilwechsel vollzieht – weg von allem, was die Band einst als Pagan/ Epic/ Symphonic Metal definiert hat, hin zu einem stark popaffinen, elektronisch glatten, fast soundtrackigen Stück – dann denke ich mir immer: Warum nicht gleich konsequent sein, sich umbenennen, alte Zöpfe abschneiden und das Ganze als neues Projekt deklarieren? Schlecht ist hier nichts, im Gegenteil: Arrangement, Produktion, Hook – alles absolut auf der Höhe der Zeit. Aber mitreißend im Sinne von „Das ist meine Band, die dreht jetzt richtig auf“ fühlt sich das nicht an, eher wie ein Spin-Off, das auf dem gleichen Label erscheint.

Und dieses „too much“ zieht sich für mich durch weite Teile der Platte. Ich mag EQUILIBRIUM, mochte sie immer, gerade weil sie nie Angst vor großen Gesten hatten. Aber Equinox schießt an vielen Stellen über das Ziel hinaus: Zu viel Schichten, zu viel Pathos, zu viele cineastische Momente, die die eigentliche Härte fast komplett unter sich begraben. Statt eines Gleichgewichts zwischen Wucht und Weite kippt die Waage häufig in Richtung bombastische Klangkulisse, bei der die Gitarren und die metallische Kante eher Staffage sind.

Trotzdem wäre es unfair, Equinox als Fehlschlag abzutun. Was man der Platte nicht absprechen kann, ist Konsequenz. EQUILIBRIUM wollten hier offensichtlich einen Schritt weiter in Richtung „eigene Welt“ gehen, weg vom reinen Folk/ Pagan-Erbe, hin zu etwas, das näher an epischem Modern Metal, Film-Soundtrack und atmosphärischem Dark Pop liegt. René und Jessica haben diese Vision mit enormem Aufwand umgesetzt, die Produktion von Daniel McCook sorgt dafür, dass das alles druckvoll, transparent und zeitgemäß klingt, und das von Jessica handgemalte Artwork unterstreicht den Anspruch, trotz moderner Technik „echte“ Kunst abzuliefern.

Für mich persönlich ist die Balance dabei allerdings verrutscht: Legends und Bloodwood zeigen, wie stark EQUILIBRIUM sein können, wenn sie ihr altes Fundament nicht vergessen, Gnosis erinnert daran, dass sie immer noch echten Metal mit Biss schreiben können, und auch Nexus hat als Cinematic-Schlussakt seine Momente. Dazwischen gibt es aber einiges an Material, das eher beeindruckt als berührt – und fürs Herz ist mir das auf Dauer zu wenig, egal wie groß die Leinwand ist.

Equinox ist ein Album, das mich gleichzeitig respektvoll nicken und frustriert seufzen lässt. Respekt, weil hier drei Menschen mit viel Talent, Erfahrung und Mut zur Veränderung etwas schaffen wollen, das größer ist als der gängige Folk-Metal-Kosmos. Frust, weil die metallische Seele von EQUILIBRIUM für meinen Geschmack zu oft unter tonnenweise Streicher, Synths und cineastische Effekte begraben wird – und weil ein Song wie Borrowed Waters eher nach Namenswechsel schreit als nach „neuem Kapitel der Band“.

Unterm Strich ist das alles weit davon entfernt, schlecht zu sein. Es ist nur eben häufig „too much“, wenn man sich eine Band zurückwünscht, die neben all dem Bombast auch mal wieder den simplen Reflex auslöst: Kopf runter, Fäuste hoch, los geht’s.


Bewertung: 6,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Earth Tongue
02. Awakening
03. Legends
04. Archivist
05. Gnosis
06. Bloodwood
07. I’ll be Thunder
08. Anderswelt
09. One hundred Hands
10. Borrowed Waters
11. Rituals of Sun and Moon
12. Nexus
13. Tides of Time 



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