Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (07/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

live on stage reports

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

TFTHS Classic vom 31.03.2023 mit Sabina Classen (HOLY MOSES)

Aktuelle Meldungen

CD-Reviews K-M T-V

THE MIST – The dark Side of the Soul (2025)

(9.909) Olaf (6,9/10) Thrash Metal


Label: Alma Mater Records
VÖ: 24.10.2025
Stil: Thrash Metal






Manchmal fühlt es sich an, als hätte jemand die alte Thrash-Zeitschrift aus dem Keller geholt, ordentlich abgestaubt, und dann beschlossen, mit blutverschmierten Fingern ein bitteres Tagebuch über das menschliche Scheitern hineinzuschreiben. Genau so wirkt die Rückkehr von THE MIST – und ja, allein der Gedanke, dass diese brasilianische Legende 30 (!) Jahre nach Gottverlassen wieder ein vollständiges Album liefert, hat meine Nostalgie-Synapsen kurz zum Glühen gebracht. Vladimir Korg ist zurück, die Band hält – zum ersten Mal überhaupt – das Line-up der vorherigen EP stabil, und die Erwartungen sind… komplex.

Die Geschichte dieser Truppe ist ohnehin ein wilder Ritt: einst aus der Asche von Mayhem hervorgegangen, damals mit Korg, später mit Jairo Guedz (ja, der von Troops of Doom und Ex-Sepultura-Fraktion), dann die Industrialsause in den 90ern, Auflösung, Reunion, neue Formation, Pandemie-Durchhalte-Attitüde, Europa-Deal – und jetzt also The Dark Side of the Soul. Ein Konzeptalbum, das in drei Kapitel geteilt ist, und thematisch irgendwo zwischen Existenzangst, Selbstzerfleischung und metaphysischem Seelenchirurgen-Drama pendelt. Thrash Metal mit Philosophie-Seminar-Aftertaste. Klingt anstrengend? Ist es auch – auf die gute und die herausfordernde Art.

Bevor wir in die Seele steigen: Klang. Holy Thrash-Reliquien-Raum! Dieses Album klingt, als hätte sich die Band nach dem Terrible Certainty-Mix klammheimlich ins Studio geschlichen, alles verkabelt gelassen und dann 2025 auf „Record“ gedrückt. Rau, trocken, rotzig, aber erstaunlich direkt – wie das alte Kombipaket aus Teer und Wut. Tue Madsen hin oder her, hier regiert 80er-Authentizität auf Steroiden. Und ausgerechnet das ist gleichzeitig Charme und Handicap: frisch klingt anders, aber hier ging's wohl ums Blut, nicht um Botox.

Konzeptuell allerdings hat man sich Mühe gegeben – und wie. Der Opener The Curse of Life stellt ohne Umschweife klar, dass dieses Album kein freundlicher Ort ist. „Nobody gets out alive“ und die wiederholten Schock-Szenarien von Autounfall bis Suizid hämmern das Thema ein. Dazu die Seele, die panisch brüllt: „Wake up! Wake up!“ – subtil ist anders. Aber beeindruckend konsequent.

Ab Part II wird’s fast schon poetisch-abstrakt. Jeder Körperteil bekommt seine psychologische Bedeutung. Herz, Gehirn, Leber, Lunge, Gesicht, Knochen – psychoanatomische Bestandsaufnahme mit nihilistischem Unterton. Ein Beispiel: In Name + Number = Namber heißt es:

„I live in my Plato’s cave,
Playing with my shadows.
In the end I always fail.“

Wer Thrash-Texte aus Brasilien erwartet, bekommt Existenzialismus mit Social-Media-Algorithmus-Angst (auch nicht alltäglich). Killing My Imaginary Friends schlägt voll in die Schmerzkerbe: „Stop the voices… I feel pain“ Death is Alive Inside Me besingt den inneren Verfall, und am Ende schreit Return to SenderNo regrets, no remorse“ – als ginge's hier um ein Souls-like-Game, das man endgültig ragequittet hat.

Musikalisch bleibt vieles in der Brutalo-Thrash-Zone: Up-Tempo, sägende Riffs, leicht verhalltes Gekeife, und das Gefühl, dass die Musiker im Studio keine Stühle hatten, sondern nur Nägelkissen und Bitterkaffee. Es ist hart, ernst, konsequent – vielleicht manchmal zu konsequent. Hier wird wenig gespielt, wenig gelächelt, wenig gelockert. Atmosphäre statt Bang-für-Bang-Hitparade.

Und ja, ehrlich gesagt: mich reißt es musikalisch nicht komplett vom Hocker. Handwerklich solide, Attitüde on point, Konzept spannend – aber so richtig kleben bleibt wenig außer Respekt und Gänsehauttextmomenten. Vielleicht bin ich verdorben von modernem Thrash-Klangbombast, vielleicht braucht es mehr Durchgänge, vielleicht ist die Platte eher ein literarischer Schlag in die Magengrube als ein Live-Abrisskommando. Trotzdem: wer sich für tiefgestochene Inhalte interessiert, findet hier reichlich Material, um in dunklen Gedanken zu baden.

THE MIST liefern ein Album, das weniger Bühnenabriss und mehr schwarzer Seelenbalsam ist – allerdings von der Sorte, bei der man sich zwischendurch fragt, ob das Brennen normal ist. Konzeptstark, düster, unversöhnlich und mutig anti-trend. Thrash für Menschen, die nachts Nietzsche lesen statt YouTube-Reaction-Videos zu bingen. Nicht jeder Moment zündet musikalisch, aber das Projekt lebt vom Gewicht seiner Worte und der kompromisslosen Haltung. Vielleicht kein Triumphzug – aber ein fesselnder, unbequemer Gang durchs Seelenmoor. Und manchmal muss Musik eben weh tun.


Bewertung: 6,9 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. The Curse of Life
02. (Embryo) – Anatomy of the Soul
03. (Cuore) – The dark Side of the Soul
04. (Brain) – Gepetto’s Song
05. (Liver) – Killing my imaginary Friends
06. (Lungs) – Death is alive inside me
07. (Face) – Name+Number=Namber
08. (Bones) – Lesson lived, Leason learned
09. (Death) – Return to Sender 




FESTIVAL TIPS 2026


SOCIAL MEDIA

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist