Alben des Jahres 2025

DIE Alben DES MONATS (04/26)

Aktuelle Reviews

Q&A - Die Interviews

Tales from the hard side

Wir hörten früher gerne

So fing alles an

CD-Reviews A-D

ARMORED SAINT – Emotion Factory reset (2026)

(10.257) Olaf (9,3/10) Heavy Metal


Label: Metal Blade
VÖ: 22.05.2026
Stil: Heavy Metal






Es gibt unumstößliche Wahrheiten im Leben: Olaf bricht sich Zehen beim Zusammenbauen von Möbelstücken einer bekannten skandinavischen Möbelmarke, Miraculi-Soßen treffen grundsätzlich das frisch gewaschene Shirt, Hertha BSC bleibt vermutlich noch länger ein Fall für Psychologen statt für Europapokalträume – und John Bush ist einer der besten Metalsänger aller Zeiten. Punkt. Ende. Diskussion beendet. Was dieser Mann mit seiner Stimme anstellen kann, ist seit Jahrzehnten schlicht sensationell. Dass er einst fast bei Metallica gelandet wäre, gehört zu diesen alternativen Zeitlinien, über die man nachts mit Bier in der Hand philosophieren kann. Stattdessen sang er bei ANTHRAX zwei überragende Alben ein und kehrte doch immer wieder dorthin zurück, wo sein Herz offensichtlich am lautesten schlägt: zu ARMORED SAINT.

Und genau deshalb fühlt sich Emotion Factory Reset nicht einfach wie irgendein neues Album an. Es klingt eher wie das selbstbewusste Schulterzucken einer Band, die seit über vierzig Jahren macht, worauf sie Bock hat, ohne jemals peinlich zu werden. Eine Fähigkeit, an der sich ganze Generationen jüngerer Bands regelmäßig die Zähne ausbeißen wie ich an billigem Nougat.

Bereits der Vorgänger Punching The Sky war stark, aber was die gepanzerten Heiligen hier abliefern, geht nochmal ein gutes Stück weiter. Das Album wirkt wie eine natürliche Weiterentwicklung sämtlicher Schaffensphasen der Band, ohne sich dabei selbst zu kopieren. Genau das wird auch im Hintergrund dieser Platte deutlich: Für Joey Vera ist jedes Album eine neue Haut, ein neuer Abschnitt der Bandgeschichte. Und tatsächlich hört man das in jeder Minute. Emotion Factory Reset klingt zu keiner Sekunde nostalgisch oder geschniegelt auf Altmetall-Party getrimmt. Das hier lebt. Das atmet. Das groovt. Das hat Eier.

Was mich an ARMORED SAINT schon immer fasziniert hat, ist diese fast schon unverschämte Natürlichkeit. Andere Bands versuchen krampfhaft modern zu klingen, bauen irgendwelche sterilen Triggerwände oder TikTok-kompatible Refrains ein und wirken dabei ungefähr so authentisch wie ein veganer Döner auf dem Oktoberfest. ARMORED SAINT dagegen klingen modern, weil sie sich musikalisch frei bewegen dürfen. John Bush beschreibt das sinngemäß selbst: sämtliche Einflüsse dürfen mit hineinspielen, egal ob klassischer Heavy Metal, Hard Rock, Soul, Jazz oder sonstwas. Genau deshalb funktioniert dieses Album so brillant.

Die Produktion von Joey Vera und Jay Ruston ist dabei ein absoluter Volltreffer. Druckvoll, warm, transparent und dennoch rotzig genug, damit die Musik nicht klinisch geschniegelt wirkt. Gerade die Gitarrenarbeit ist eine einzige Wonne. Jeff Duncan zaubert Riffs und Leads aus dem Ärmel, die gleichermaßen zwingend wie geschmackvoll sind. Da wird nicht sinnlos gefrickelt, sondern komponiert. Wirklich komponiert. Manche Gitarrenharmonien wirken fast hymnisch, andere wiederum schleppen wie ein rostiger Panzer durch zerbombte Straßenschluchten. Dazu dieses fantastische Rhythmusfundament von Vera und Gonzo Sandoval – wenn die beiden ineinandergreifen, entsteht dieser unverwechselbare ARMORED SAINT-Groove, der irgendwo zwischen traditionellem US Metal, Hard Rock und purer Straßenattitüde liegt. Bush sagte scherzhaft, die beiden könnten fast bei den Commodores spielen, wenn sie einmal richtig grooven. Ganz ehrlich? Ich verstehe exakt, was er meint.

Und über allem thront natürlich John Bush. Dieser Mann altert offenbar rückwärts. Seine Stimme besitzt noch immer dieses einzigartige Organ zwischen rauem Straßenköter, emotionalem Erzähler und aggressivem Metal-Shouter. Besonders beeindruckend: Viele Gesangsspuren stammen offenbar erneut aus frühen Demoaufnahmen, weil genau dort diese rohe Energie eingefangen wurde. Genau DAS hört man. Nichts klingt geschniegelt oder geschniegelt-korrigiert. Hier singt keiner gegen einen Computer an, sondern gegen seine eigenen Emotionen.

Lyrisch gefällt mir vor allem, dass Bush eben kein erhobener Zeigefinger-Texter ist. Viele Themen drehen sich um zwischenmenschliche Spannungen, Selbstkontrolle, gesellschaftliche Beobachtungen und persönliche Reflexionen. Gerade die Idee hinter dem Albumtitel gefällt mir enorm: innehalten, den emotionalen Werkszustand zurücksetzen, erstmal Luft holen, bevor man explodiert. In Zeiten permanenter digitaler Schnappatmung ist das fast schon philosophischer Stoff.

Auch einzelne Zeilen bleiben hängen. Wenn Bush in Every Man-Any Man die Figur des „rogue crazy evil cheating lucky little leprechaun“ beschwört, wirkt das gleichzeitig verschlagen, charmant und latent bedrohlich – wie ein grinsender Kneipenschläger mit Shakespeare-Zitat im Ärmel. Überhaupt steckt auf dem Album enorm viel Charakter. Selbst die ruhigeren oder nachdenklicheren Momente verlieren nie ihre Spannung. Buckeye besitzt beispielsweise eine tief persönliche Atmosphäre, während Close to the Bone diese Mischung aus Härte und Melodie perfektioniert, die ARMORED SAINT seit Jahrzehnten auszeichnet.

Was ich besonders liebe: Dieses Album kennt keine Ausfälle. Wirklich keinen einzigen. Egal welche Phase der Band man bevorzugt – ob die frühen Klassiker, die unterschätzten Neunziger oder die modernen Werke – ARMORED SAINT liefern einfach keine schlechten Platten ab. Aber Emotion Factory Reset gehört definitiv zur absoluten Oberklasse ihres Schaffens. Das hier ist kein Veteranenbonus und kein nostalgisches Schulterklopfen. Das ist schlicht ein überragendes Heavy-Metal-Album. No fillers, just killers.

Und ja, ich gebe es offen zu: Wäre das Billing beim diesjährigen Rock Hard Festival nicht so erschreckend schwachbrüstig ausgefallen, hätte ich vor der Bühne wahrscheinlich sämtliche verbliebenen Bandscheiben riskiert, während ARMORED SAINT die Menge in Grund und Boden grooven. Denn genau solche Bands erinnern einen daran, warum man diesen ganzen Wahnsinn seit Jahrzehnten überhaupt liebt.

Dieses Album fühlt sich an wie ein alter Freund, der zwar ein paar graue Haare mehr bekommen hat, dir aber immer noch lachend die Kneipe zerlegt, während halb so alte Bands daneben geschniegelt ihre weißen Sneakers vor Bierflecken retten wollen. ARMORED SAINT beweisen eindrucksvoll, dass Erfahrung nicht automatisch Altersmilde bedeutet. Manche Bands altern würdevoll. Andere werden langweilig. Die gepanzerten Heiligen hingegen treten mit Stahlkappenstiefeln die Tür ein, bestellen Whiskey für alle und liefern ganz nebenbei eines der stärksten Heavy-Metal-Alben der letzten Jahre ab.

ANSPIELTIPS:
🔥Close to the Bone
🎸Hit a Moonshot
💀Every Man-Any Man


Bewertung: 9,3 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Close to the Bone
02. Every Man-Any Man
03. Not on your Life
04. Hit a Moonshot
05. Buckeye
06. Compromise
07. It’s a Buzzkill
08. Throwing Caution to the Wind
09. Ladders and Slides
10. Bottom Feeder
11. Epilogue 



SOCIAL MEDIA

Album der Woche

Album des Monats

Album des Jahres

MERCH

70.000 Tons 2024

The new breed

GROTESQUE GLORY

mottenkiste

P P P

ZO SONGCHECK

V.I.P.

alter Z.O.F.F.

Unsere Partner

Join the Army

Damit das klar ist