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INGESTED – Denigration (2026)

(10.248) Olaf (6,5/10) Death Metal


Label: Metal Blade
VÖ: 08.05.2026
Stil: Death Metal






Es gibt Alben, bei denen man schon vor dem ersten Ton das Gefühl hat, dass irgendetwas nicht stimmt. Nicht musikalisch. Menschlich. Atmosphärisch. So ein leicht fauliger Geruch, wie abgestandenes Bier im Backstagekühlschrank nach drei Tagen Festivalhitze. INGESTED liefern mit Denigration genau so ein Werk ab. Und das liegt nicht nur an der Musik selbst, sondern an der Vorgeschichte, die über diesem Album schwebt wie eine schwarze Gewitterwolke über einem Open-Air-Festival kurz vor dem Headliner.

Denn ursprünglich wurden die Vocals für dieses Album noch von Josh Davies eingesungen, bevor die Band ihn nach massiven Vorwürfen und öffentlichem Zerwürfnis aus der Gruppe entfernte. Statt den Karren einfach gegen die Wand rollen zu lassen, entschied man sich, sämtliche Gesangsspuren neu aufzunehmen. Adam Mercer von BODYSNATCHER sprang ein, dazu gesellen sich diverse Gäste wie John Gallagher, Kyle Medina oder Skyler Conder. Rein objektiv betrachtet ist das professionell gelöst worden. Rein emotional betrachtet hinterlässt das Ganze trotzdem ein Geschmäckle. Dieses Album wirkt stellenweise wie eine Notoperation am offenen Brustkorb – technisch sauber durchgeführt, aber die Narbe bleibt sichtbar.

Dabei waren INGESTED für mich lange eine Bank. Diese Mischung aus Slam Death Metal, Groove und brutaler Direktheit hatte Wucht, Charakter und vor allem Wiedererkennungswert. Manchester stand hier nicht für britischen Regen und schlechte Fußballlaune, sondern für kontrollierte Verwüstung mit Vorschlaghammer. Gerade Sean Hynes und Lyn Jeffs haben sich über fast zwei Jahrzehnte hinweg einen Ruf als verlässliche Abrissunternehmer des Extrem-Metal-Untergrunds erarbeitet. Das Problem bei Denigration ist nur: Ich erkenne die klare Linie kaum noch wieder.

Natürlich ist das Ding fett produziert. Nico Beninato sorgt dafür, dass die Gitarren drücken wie ein zu eng geschnalltes Stahlkorsett, während das Schlagzeug alles kurz und klein hämmert, was sich ihm in den Weg stellt. Technisch gibt es hier wenig zu meckern. Die Band spielt präzise, brutal und mit der Selbstverständlichkeit einer Truppe, die seit Jahren jede Bühne in Schutt und Asche legt. Aber genau da beginnt mein Problem. Diese Präzision wirkt oft zu kalkuliert. Zu modern. Zu sehr auf Breakdown, Moshpit und Core-Kompatibilität getrimmt.

Früher hatten INGESTED dieses widerliche, dreckige Todesblei-Gefühl. Heute klingt vieles eher danach, als wolle man gleichzeitig auf Death-Metal-Festivals und TikTok-Deathcore-Playlists stattfinden. Die Slam-Wurzeln blitzen zwar immer wieder auf, aber oft werden sie von diesem hypermodernen Core-Einschlag erschlagen wie ein Rentner beim Black-Friday-Ausverkauf im Elektromarkt.

Dabei besitzt das Album durchaus starke Momente. Watch You Fold funktioniert hervorragend, nicht zuletzt wegen John Gallaghers giftiger Präsenz. Da brennt plötzlich wieder dieses alte INGESTED-Feuer, dieses fiese Grinsen zwischen Chaos und Gewalt. Auch Dredge the Dark entwickelt durch Kyle Medina eine angenehm bösartige Dynamik. Und wenn die Band das Tempo etwas herausnimmt und mehr auf Atmosphäre setzt, wird es tatsächlich spannend. Dann schimmert zwischen all der Brutalität diese nihilistische Grundstimmung hervor, die sich durch das gesamte Album zieht.

Thematisch bewegt sich Denigration ohnehin permanent im inneren Schützengraben. Menschen werden hier emotional zerlegt, bis nur noch die hässlichste Version ihrer selbst übrig bleibt. Zeilen über Verrat, Selbsthass, Kontrollverlust und moralischen Verfall ziehen sich wie rostiger Stacheldraht durch das Album. Besonders Titel wie We Are All Inherently Evil oder Oaths Betrayed machen unmissverständlich klar, dass hier keinerlei Hoffnung verkauft wird. Das ist Musik für Menschen, die morgens in den Spiegel schauen und denken: „Heute wird’s entweder Therapie oder Brandstiftung.“

Und trotzdem werde ich mit dem Album nicht richtig warm. Vielleicht, weil es oft zu gewollt klingt. Vielleicht, weil der Deathcore-Anteil inzwischen zu dominant geworden ist. Vielleicht auch, weil die ganze Vorgeschichte unbewusst permanent mitläuft und man automatisch nach Brüchen sucht. Denn genau diese spürt man immer wieder. Denigration wirkt nicht wie ein natürlich gewachsener nächster Schritt, sondern eher wie ein Album, das sich selbst erst noch finden muss.

Dabei ist die handwerkliche Qualität unbestritten. Andrew Virrueta liefert starke Gitarrenarbeit ab, Lyn Jeffs trommelt gewohnt unmenschlich präzise und die Gastbeiträge bringen zusätzliche Dynamik ins Spiel. Auch das Artwork von Giannis Nakos passt hervorragend zu diesem dystopischen Gesamtbild aus Verfall, Gewalt und psychischer Erosion. Nur nützt die schönste Abrissbirne wenig, wenn das Fundament darunter schwankt.

Und genau das ist mein Hauptproblem mit Denigration: Es trifft mich selten wirklich ins Mark. Vieles beeindruckt, einiges knallt ordentlich, aber nur wenig bleibt langfristig hängen. Statt ausgefeiltem Todesblei bekomme ich zu oft moderne Core-Mechanik serviert. Das ist keineswegs schlecht gemacht – nur eben nicht das, was ich persönlich an INGESTED immer geliebt habe.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Tragik dieses Albums. Es ist nicht katastrophal. Nicht einmal enttäuschend im klassischen Sinne. Es macht mich einfach nervös. Weil ich ständig das Gefühl habe, eine Band zu hören, die zwischen Vergangenheit und Zukunft festhängt wie ein betrunkener Festivalgast nachts um vier zwischen Dixi-Klo und Bierstand. Man erkennt noch die alte DNA, aber sie kämpft permanent gegen neue Einflüsse an, die nicht immer harmonisch wirken.

Am Ende bleibt ein Album, das brutal, modern und technisch stark ist, aber für meinen Geschmack zu selten diese widerliche, erdige Gewalt entfesselt, die INGESTED einst so besonders gemacht hat. Die Platte hat ihre Momente, keine Frage. Doch statt einer kompromisslosen Machtdemonstration höre ich hier eher eine Identitätssuche unter Extrembedingungen. Und genau deshalb hinterlässt Denigration bei mir weniger Begeisterung als ein ungutes Ziehen in der Magengegend.

ANSPIELTIPS:
🔥Watch You Fold
💀Dredge the Dark


Bewertung: 6,5 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Dragged Apart (feat. Skyler Conder)
02. Merciless Reflection (feat. PeelingFlesh)
03. Watch You Fold (feat. John Gallagher)
04. Stitch by Stitch
05. We Are All Inherently Evil
06. Dredge the Dark (feat. Kyle Medina)
07. Oaths Betrayed
08. Beaten Beyond the Veil
09. Steel Toe Truth
10. Cold Sun 



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