EXTINCT – In Conspiracies we trust (2026)
(10.247) Olaf (8,2/10) Thrash Metal
Label: MDD Records
VÖ: 07.05.2026
Stil: Thrash Metal
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Wenn bei EXTINCT ein neues Album ins Haus flattert, dann ist das bei Zephyr’s Odem inzwischen fast schon so etwas wie ein alter Kneipenfreund, der unangekündigt vorbeikommt, drei Bier mitbringt und anschließend die halbe Einrichtung zerlegt.
Seit Jahren begleitet uns die norddeutsche Truppe nun schon, irgendwo zwischen räudigem Oldschool-Thrash, moderner Death/Thrash-Kante und der ständigen Hoffnung, dass endlich mal wieder jemand den Geist der späten Achtziger aufgreift, ohne dabei wie ein schlecht geölter Retroautomat zu wirken. Genau das gelingt EXTINCT nämlich meistens ziemlich gut – auch auf In Conspiracies We Trust, selbst wenn ich direkt zugeben muss: Der Vorgänger Incitement of Violence hatte für meinen Geschmack noch ein kleines bisschen mehr Biss, mehr Feinschliff, mehr von diesem „Verdammt, das sitzt perfekt!“-Moment.
Was nicht bedeutet, dass hier irgendetwas schwach wäre. Im Gegenteil.
Schon nach wenigen Minuten fällt auf, dass die Band in Sachen Songwriting weiterhin ein verdammt gutes Händchen besitzt. Die Riffs sind durchgehend stark, teilweise sogar herrlich fies ineinander verzahnt, und immer wieder tauchen diese kleinen Soundeffekte oder atmosphärischen Mini-Spielereien auf, die dem Material deutlich mehr Tiefe verleihen als man es bei vielen Genre-Kollegen gewohnt ist. Genau solche Details sorgen dafür, dass die Platte nicht einfach nur stumpf durchprügelt, sondern tatsächlich Charakter entwickelt. Da zirpt es mal kurz im Hintergrund, dort wird ein Effekt clever eingesetzt, dann wieder ein rhythmischer Bruch eingebaut – nie übertrieben, aber genau dosiert genug, um das Ganze spannend zu halten.
Dabei klingt die Band weiterhin angenehm eigenständig. Natürlich hört man die deutschen Wurzeln ebenso heraus wie den Einfluss amerikanischer Thrash-Schulen der Achtziger, aber EXTINCT schaffen es erfreulicherweise, nicht einfach nur die hundertste Bonded by Blood-Gedächtnisveranstaltung aufzuziehen. Gerade die Songstrukturen wirken oft sehr durchdacht und verhindern zuverlässig, dass sich die 44 Minuten wie ein einziger Dauerangriff im Einheitsgrau anfühlen.
Und trotzdem gibt es Dinge, die mich leicht ausbremsen.
Der Drumsound klingt stellenweise schon ziemlich klinisch. Nicht katastrophal, nicht steril wie ein Operationssaal in Zürich-West, aber eben ein wenig zu geschniegelt für eine Platte, die eigentlich von Dreck unter den Fingernägeln lebt. Dazu kommt: Ich mag keine Blastbeats beim Thrash. Noch nie. Für mich fühlt sich das oft an, als würde jemand Senf auf Schwarzwälder Kirschtorte schmieren. Goatseidank sind diese hier wirklich nur marginal vertreten und dominieren das Album keineswegs. Die Band setzt deutlich häufiger auf groovige Midtempo-Walzen, klassische Thrash-Gallops oder treibende Moshparts – und genau dort sind EXTINCT auch am stärksten.
Inhaltlich bleibt das Album angenehm bissig. Bereits Titel wie Bullshit Priorities, The Conservative Reactionary Wokeness Strikes Back oder Seizure of Power machen klar, dass hier keine lyrische Wohlfühloase eröffnet wird. Stattdessen richtet sich der Blick auf gesellschaftliche Verwerfungen, politische Absurditäten, Machtstrukturen und den allgemeinen Irrsinn einer Welt, in der mittlerweile wirklich jeder glaubt, die Wahrheit exklusiv gepachtet zu haben. Das Album trägt seinen Titel nicht zufällig. Dieses permanente Misstrauen gegenüber Medien, Politik, Ideologien und den hysterischen Echokammern unserer Zeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte.
Besonders gelungen finde ich dabei, dass die Texte selten plump wirken. Vieles bleibt angenehm bissig formuliert und verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger. Stattdessen schwingt oft diese latent zynische Grundstimmung mit, die hervorragend zur Musik passt. Wenn EXTINCT quasi zwischen den Zeilen vermitteln, dass heutzutage jeder seine eigene Wahrheit bastelt wie andere Leute IKEA-Regale, dann trifft das schon ziemlich präzise den Nerv der Gegenwart.
Musikalisch gefällt mir außerdem, wie flexibel die Band zwischen aggressivem Vorwärtsdrang und schweren Groove-Passagen wechselt. Gerade dadurch entwickelt die Platte Dynamik. Songs werden nicht einfach stumpf totgeprügelt, sondern atmen. Die Gitarrenarbeit ist ohnehin das große Pfund des Albums. Hier sitzt wirklich fast jedes Riff, viele Leads bleiben hängen und die Mischung aus oldschooligem Thrash-Geschrote und modernerer Härte funktioniert erstaunlich organisch.
Was mir allerdings im direkten Vergleich zum Vorgänger ein wenig fehlt, ist dieser letzte Überraschungsmoment. Incitement of Violence wirkte auf mich noch etwas ausgefeilter, noch zwingender, noch raffinierter im Detail. In Conspiracies We Trust ist dagegen eher der etwas rotzigere, direktere Bruder. Vielleicht sogar bewusst. Vielleicht wollte die Band genau das. Und ehrlich gesagt: Komplett verkehrt ist dieser Ansatz auch nicht. Denn langweilig wird das Album zu keiner Sekunde.
Und live? Da habe ich ohnehin schon länger Bock drauf, die Truppe endlich mal wieder zu sehen. Gerade dort könnten sich einige meiner kleineren Kritikpunkte vermutlich in Bierdunst und Nackenschmerzen auflösen. Manche Bands funktionieren eben auf der Bühne nochmal eine ganze Ecke unmittelbarer – und EXTINCT wirken definitiv wie genau so eine Band.
Am Ende bleibt In Conspiracies We Trust ein starkes Thrash-Album, das mehr kann als bloß nostalgisch mit den Kuttenärmeln zu wedeln. Die Platte hat Wucht, gute Ideen, hervorragende Riffs und genug Eigenständigkeit, um im überfüllten Thrash-Unterholz nicht unterzugehen. Ganz an die Klasse des Vorgängers kommt das Ganze für mich zwar nicht heran, aber selbst mit kleineren Kritikpunkten liefern EXTINCT hier immer noch deutlich mehr Substanz ab als viele Bands, die seit Jahren dieselben drei Riffs recyceln wie Pfandflaschen im Festivalcontainer. Und genau deshalb begleitet uns diese Band bei Zephyr’s Odem vermutlich auch weiterhin noch eine ganze Weile.
ANSPIELTIPS:
🔥Bullshit Priorities
💀March Of The Extinct Squad
🎸Seizure Of Power
Bewertung: 8,2 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. The Conservative Reactionary Wokeness Strikes Back
02. Wladon in Wonderland
03. March of the Extinct Squad
04. Bullshit Priorities
05. Egoplasma
06. In Conspiracies we trust
07. Enlightement
08. Sit Vis Pacem
09. Seizure of Power

