ARTILLERY – Made in Hell (EP) (2026)
(10.256) Olaf (9,0/10) Thrash Metal
Label: Mighty Music
VÖ: 15.05.2026
Stil: Thrash Metal
Als ich ARTILLERY Anfang der Neunziger für mich entdeckt habe, fühlte sich diese Band immer ein wenig wie der ewige Geheimtipp des Thrash Metal an. Während andere Kollegen aus der Bay Area oder Deutschland mit Goldplatten jonglierten, standen die Dänen oft irgendwo im Schatten, obwohl Alben wie By Inheritance oder Terror Squad eigentlich zum Pflichtprogramm jeder halbwegs funktionierenden Metal-Erziehung gehören sollten. Und dann kam dieses Leben dazwischen: Besetzungswechsel, Schicksalsschläge, der tragische Tod von Morten Stützer 2019 und generell dieses Gefühl, dass ARTILLERY irgendwie ständig zur falschen Zeit am falschen Ort standen. Umso beeindruckender ist es, dass Michael Stützer trotzdem nie aufgegeben hat. Kein Selbstmitleid, kein nostalgisches Herumgeheule, sondern weitermachen. Genau das hört man Made in Hell auch an. Und meine Fresse, ist das stark geworden.
Eigentlich bin ich niemand, der bei einer EP sofort Schnappatmung bekommt. Drei neue Songs? Nett. Häppchen für zwischendurch. Doch ARTILLERY hauen hier Material raus, das manche Bands in Albumlänge nicht mehr zustande bekommen. Das ist melodischer Thrash Metal in einer Qualität, bei der man kurz prüft, ob irgendwo heimlich eine Zeitmaschine Richtung 1990 angeschlossen wurde. Rasiermesserscharfe Riffs, hymnische Leads, tonnenweise Dynamik und dieses herrlich elegante Songwriting, das nie nur auf stumpfes Draufholzen reduziert wird. Die Dänen schaffen es erneut, Aggression und Melodie so zusammenzuführen, dass beides gleichberechtigt nebeneinander existiert. Nicht geschniegelt, nicht geschniegelt-modern, sondern organisch, lebendig und voller Energie.
Dazu kommt mit Martin Steene ein Sänger, dessen Stimme wirkt, als hätte sie schon immer zu ARTILLERY gehört. Kraftvoll, melodisch, charakterstark und mit genau diesem leicht dramatischen Einschlag, den die Songs brauchen, um sich endgültig festzusetzen. Gerade weil die Musik oft zwischen technisch anspruchsvollen Passagen und großen Refrains pendelt, funktioniert seine Performance überragend. Da sitzt jede Linie, ohne geschniegelt oder künstlich geschniegelt zu wirken.
Inhaltlich bewegt sich die EP angenehm düster zwischen Höllenvisionen, Kontrollverlust, Technologie-Paranoia und kosmischer Weite. Zeilen wie „Ghost in the machine“ oder die Reise „Into the universe“ wirken nie kitschig, sondern transportieren genau diese klassische Heavy-Metal-Mystik, die heute vielen modernen Thrash-Bands komplett abgeht. Und genau deshalb funktioniert das hier so gut: ARTILLERY versuchen nicht verzweifelt jung oder trendy zu klingen. Sie klingen einfach wie eine Band, die genau weiß, was sie kann.
Dass mit The Almighty zusätzlich noch ein Live-Song draufgepackt wurde, wirkt dabei nicht wie ein billiger Lückenfüller, sondern eher wie ein kleines Ausrufezeichen: Ja, diese Band lebt noch. Und zwar verdammt laut.
Made in Hell ist eigentlich unfair. Unfair gegenüber den meisten aktuellen Thrash-Veröffentlichungen, weil diese drei neuen Songs locker das Niveau vieler kompletter Alben pulverisieren. ARTILLERY liefern hier keinen nostalgischen Veteranenbonus ab, sondern zeigen, dass melodischer Thrash Metal auch 2026 noch hungrig, frisch und mitreißend klingen kann. Vielleicht standen die Dänen jahrelang zur falschen Zeit am falschen Ort. Diesmal stehen sie exakt richtig.
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Made in Hell
02. Ghost in the Machine
03. Into the Universe
04. The Almighty (Live)

