IRON MAIDEN – Burning Ambition (Film) (2026)
(10.253) Olaf (7,0/10) Heavy Metal
Label: Universal Pictures
VÖ: Mai 2025
Stil: Heavy Metal
Manchmal merkt man schon vor dem ersten Bild, dass heute Abend keine normale Kinovorstellung wird. Nicht wegen Popcorn, nicht wegen überteuerter Cola oder irgendwelcher nerviger Handylichter im Dunkeln. Sondern weil plötzlich Menschen aller Altersklassen in alten Tourshirts nebeneinandersitzen, als hätte jemand versehentlich eine Zeitmaschine im Foyer des Zoo Palasts geparkt. Powerslave, Somewhere in Time, Seventh Son, Fear of the Dark, sogar vereinzelte Shirts aus der Virtual XI-Phase konnte man entdecken. Kino 5 im Berliner Zoo Palast war gerammelt voll, und dennoch lag über allem eher erwartungsvolles Schweigen als euphorisches „Hurra, es geht los“. Vielleicht auch deshalb, weil viele dieselbe Frage im Kopf hatten wie ich: Kann man fünfzig Jahre IRON MAIDEN überhaupt in knapp hundert Minuten pressen, ohne dass dabei mehr verloren geht als bei einer Waschmaschine voller schwarzer Bandshirts bei 90 Grad?
Meine Skepsis war jedenfalls vorhanden. Und ganz unrecht hatte ich damit nicht.
Burning Ambition funktioniert nämlich durchaus. Nur eben nicht immer so gut, wie man es sich als langjähriger Fan wünschen würde. Der Film wirkt stellenweise wie ein Schnellzug durch die Geschichte der eisernen Jungfrauen, bei dem man zwar aus dem Fenster viele spannende Dinge erkennt, aber viel zu selten wirklich aussteigen darf. Gerade die Anfangstage sind dabei durchaus gelungen eingefangen. Der Fokus auf Paul Di’Anno und Clive Burr war absolut richtig gewählt, denn genau dort entstand dieses gefährliche, dreckige, leicht punkige Fundament, das IRON MAIDEN damals von vielen anderen Bands unterschied. Dieses hungrige Londoner Straßenfeeling schimmert immer wieder angenehm durch.
Allerdings fehlten mir gleichzeitig Dinge, die man als Fan fast automatisch erwartet hätte. Kein Wort über das legendäre Cart’n’Horses in West Ham. Keine Erwähnung davon, dass Steve Harris beinahe Fußballprofi geworden wäre. Solche kleinen Details sind es doch oft, die eine Geschichte lebendig machen. Stattdessen konzentriert sich der Film stärker auf allgemein zugängliche Hintergrundinformationen, vermutlich um auch Zuschauer mitzunehmen, die mit der Bandhistorie nicht komplett vertraut sind. Das Problem: Von genau diesen Leuten saß im Zoo Palast vermutlich niemand. Dort saßen Nerds. Menschen, die einzelne Songs bereits bei den ersten Sekunden leise mitsummten, noch bevor der Nachbar überhaupt realisiert hatte, welcher Song da gerade eingespielt wurde.
Und genau da beginnt das Dilemma von Burning Ambition. Für Neueinsteiger vermutlich informativ und emotional genug. Für alteingesessene Maiden-Jünger dagegen oft zu oberflächlich.
Was mich dagegen wirklich genervt hat, waren diese unfassbar billigen Eddie-Animationen. Natürlich gehört Eddie zu IRON MAIDEN wie Bier zu Wacken oder Rückenschmerzen zum Älterwerden. Aber diese Sequenzen wirkten teilweise wie ein schlecht gealterter PC-Bildschirmschoner aus den Neunzigern. Da fliegt Eddie hier herum, taucht dort auf, grimassiert in irgendwelchen billigen Renderlandschaften, und man wartet eigentlich nur darauf, dass gleich ein Windows-95-Startsound ertönt. Das hätte man sich komplett sparen können. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen.
Etwas zwiegespalten ließ mich auch die Entscheidung zurück, die Bandmitglieder fast ausschließlich aus dem Off agieren zu lassen. Klar, die Stimmen sind ikonisch genug, um sofort erkannt zu werden. Trotzdem hätte ich die Gesichter gerne häufiger gesehen. Gerade Bruce Dickinson oder Steve Harris leben ja enorm von ihrer Präsenz. Dafür punktet der Film allerdings mit den Gastbeiträgen diverser prominenter Fans und Wegbegleiter. Wenn plötzlich Hirax-Frontmann Katon loslegt, Javier Bardem mit glänzenden Augen über seine Liebe zu IRON MAIDEN spricht oder Chuck D sowie Tom Morello ihre Verbindung zur Band erklären, hat das durchaus Charme. Besonders Bardem wirkt dabei wie der sympathischste Typ im gesamten Film. Ein Oscar-Preisträger, der im Herzen offensichtlich immer noch derselbe begeisterte Metal-Fan geblieben ist wie früher. Solche Momente machen Spaß.
Überraschend stark fand ich auch den Abschnitt über die schwierigen Neunzigerjahre. Die Blaze-Bayley-Ära wurde angenehm ehrlich behandelt, inklusive der teils erbarmungslosen Reaktionen vieler Oldschool-Fans. Genau diese Passagen gehörten für mich sogar zu den Highlights des Films, weil sie eben nicht nur glorifizieren, sondern auch zeigen, dass selbst Giganten wie IRON MAIDEN Phasen durchstehen mussten, in denen plötzlich nicht mehr alles automatisch funktioniert. Das anschließende Comeback mit Bruce Dickinson und Adrian Smith wirkte dagegen fast erschreckend hastig abgearbeitet. So nach dem Motto: „Verdammt, wir haben noch zwanzig Minuten und müssen dringend noch die triumphale Rückkehr reinquetschen.“ Gerade dort hätte der Film emotional viel stärker werden können.
Was mich dagegen wirklich berührt hat, waren die Interviews mit den Fans. Dort konnte man diese fast religiöse Liebe zur Band förmlich greifen. Menschen aus verschiedenen Ländern, unterschiedlichen Generationen und völlig verschiedenen Lebensrealitäten erzählen, was IRON MAIDEN für sie bedeuten. Genau davon hätte ich gerne deutlich mehr gesehen. Besonders die Sequenz rund um das Polen Konzert 1984 und die dortige Hingabe der Fans hatte etwas unglaublich Warmes und Echtes. Da entstand endlich das Gefühl, das ich über weite Strecken vermisst habe: Nähe.
Denn genau das ist letztlich mein größter Kritikpunkt an Burning Ambition. Der Film bleibt seltsam distanziert. Informativ? Ja. Unterhaltsam? Durchaus. Emotional überwältigend? Leider nein. Dafür fehlt die direkte Nähe zur Band. Deshalb funktioniert für mich Flight 666 bis heute besser, weil man dort das Gefühl hat, mit der Band unterwegs zu sein, den Wahnsinn dieser Tour tatsächlich mitzuerleben und nicht nur archiviertes Material serviert zu bekommen.
Trotzdem habe ich mich keine Minute gelangweilt. Dafür ist die Geschichte von IRON MAIDEN schlicht zu faszinierend. Selbst in komprimierter Form. Aber ob das wirklich großes Kino war? Eher bedingt. Dafür fehlte mir zu viel Tiefe, zu viele mutige Momente, zu viele echte Einblicke hinter die Kulissen. Das Ganze fühlte sich eher nach einer sehr gut gemachten Arte-Dokumentation an, die zufällig auf einer Kinoleinwand gelandet ist.
Und dennoch verließ ich den Zoo Palast mit einem Grinsen. Vielleicht nicht mit Gänsehaut. Vielleicht nicht mit dem Gefühl, gerade den ultimativen Musikfilm gesehen zu haben. Aber mit dem beruhigenden Gedanken, dass diese Band selbst nach fünf Jahrzehnten noch immer Menschen zusammenbringt wie kaum eine andere. Und allein dafür darf man sich auch mal knapp hundert Minuten in einen Kinosessel setzen.

