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HELLRIPPER - Coronach (2026)

(10.161) Olaf (10/10) Blackened Thrash Metal


Label: Century Media
VÖ: 27.03.2026
Stil: Blackened Heavy/Thrash Metal






Es gibt Alben, die laufen durch – und es gibt Alben, die bleiben hängen wie kalter Nebel in den Highlands. Coronach gehört ganz klar zur zweiten Kategorie. Dieses Werk setzt sich nicht nur fest, es krallt sich ein, frisst sich durch Gehörgänge und Hirnwindungen und lässt einen auch nach mehreren Durchläufen nicht mehr los. Dass hinter diesem Klanggebirge nach wie vor nur ein einziger Mann steckt, macht die Sache nicht weniger beeindruckend – eher im Gegenteil. James McBain agiert hier wie ein Dirigent des kontrollierten Chaos, der genau weiß, wann er eskalieren muss und wann er Spannung aufbaut. Was auf dem Papier nach Blackened Speed Metal klingt, ist in Wahrheit ein vielschichtiges Biest, das Black, Thrash, Speed und klassischen Heavy Metal zu einer Einheit verschmilzt, die sich weder anbiedert noch verbiegt.

Der Sound ist dabei genau so, wie er sein muss: kalt, klamm, leicht modrig – als würde man in eine feuchte Gruft hinabsteigen – und dennoch messerscharf in der Ausführung. Jeder Ton sitzt, jede Nuance hat Gewicht. Das ist keine rohe Produktion aus Versehen, sondern bewusst inszenierter Verfall mit chirurgischer Präzision. Doch was dieses Album jedoch endgültig auf ein anderes Level hebt, sind die Texte. Hier wird nicht einfach nur okkultes Vokabular aneinandergereiht, sondern eine dichte, düstere Welt erschaffen, die tief in schottischer Folklore, Geschichte und morbider Fantasie verwurzelt ist.

Hunderprest eröffnet das Ganze mit einer Atmosphäre, die zwischen Verfall und Verführung pendelt. Wenn dort von einer „death rattle symphony“ die Rede ist und von einem Ort, an dem „serenity fades in the morbid black“, dann wird sofort klar, wohin die Reise geht: in eine Welt, in der Tod und Lust, Gewalt und Ekstase eng miteinander verwoben sind. Die Figur bewegt sich zwischen Grab und Blutrausch, zwischen animalischer Triebhaftigkeit und okkultem Ritual – ein düsteres Porträt, das gleichzeitig abstoßend und faszinierend wirkt.

In The Art of Resurrection schlägt McBain dann eine fast schon zynisch-historische Richtung ein. Inspiriert von den berüchtigten Leichendieben und anatomischen Experimenten vergangener Jahrhunderte, wird hier ein Erzähler skizziert, der seine Taten nicht als Bosheit, sondern als Berufung versteht. Wenn er davon spricht, dass „Fleisch zur Ware wird und der Tod zur Freude“, dann ist das keine plumpe Provokation, sondern bitterer Sarkasmus – ein Blick auf eine Zeit, in der Moral dem Profit weichen musste. Besonders stark ist auch Baobhan Sith (Waltz of the Damned). Hier wird schottische Folklore lebendig – oder besser gesagt: tödlich. Die sogenannten Baobhan Sith, verführerische weibliche Wesen, locken ihre Opfer mit Schönheit und Anmut, nur um sie anschließend gnadenlos auszubluten. Diese Dualität zieht sich durch den gesamten Song: Tanz und Tod, Anziehung und Vernichtung. Wenn von „creatures concealed by their beauty and grace“ die Rede ist, wird diese perfide Täuschung perfekt auf den Punkt gebracht.

Ein zentrales Highlight ist Mortercheyn. Der Begriff selbst ist kein reales Wort, sondern eine eigens geschaffene Seuche, inspiriert von düsteren Mythen rund um den Nuckelavee. Im Song steht diese Krankheit sinnbildlich für den vollständigen Zerfall – nicht nur körperlich, sondern auch gesellschaftlich und moralisch. Die Bilder sind drastisch: eine brennende Stadt, verwesende Körper, eine Welt, die sich selbst auffrisst. Wenn beschrieben wird, wie eine „dying world strangled by hands unseen“ zugrunde geht, dann ist das mehr als apokalyptische Fantasie – es ist ein Kommentar, der erschreckend nah an der Realität kratzt. Die Seuche wird so zum Sinnbild für einen alles verschlingenden Verfall, der unausweichlich scheint.

Auch Kinchyle sticht hervor, nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich. Der Song verbindet persönliche Erinnerungen an die schottische Heimat mit einer düsteren, fast mystischen Überhöhung. Naturgewalten, Geistererscheinungen und ein unterschwelliger Fatalismus verschmelzen zu einem Bild von Herkunft, das gleichzeitig vertraut und bedrohlich wirkt. Die Zeilen über eine „cursed, grieving moon“ und das Hervorkriechen aus Gräbern transportieren eine rohe, archaische Energie, die tief unter die Haut geht.

Der Titeltrack Coronach schließlich bildet den emotionalen und atmosphärischen Höhepunkt. Der Begriff selbst bezeichnet eine traditionelle Totenklage – und genau das ist dieser Song: ein düsteres, episches Requiem. Die Lyrics greifen klassische schottische Dichtung auf und verweben sie mit neuen, bitteren Perspektiven. Zwischen Trauer, Anklage und unterschwelliger Wut entsteht ein Spannungsfeld, das weit über reinen Metal hinausgeht. Wenn von einem gefallenen „Saviour“ gesprochen wird und gleichzeitig die Fassade bröckelt, dann ist das nicht nur ein Abschied, sondern auch eine Abrechnung.

Musikalisch unterstreicht McBain diese inhaltliche Tiefe mit einem enormen Facettenreichtum. Rasende Speed-Attacken stehen neben epischen Passagen, akustische Elemente treffen auf infernalische Riffgewalt. Der Einsatz ungewöhnlicher Instrumente und Einflüsse erweitert das Klangbild, ohne den Kern zu verwässern. Besonders hervorzuheben ist dabei der Mut, auch ungewöhnliche Ideen umzusetzen – etwa ein akustisch gespieltes Speed-Riff oder kleine, scheinbar nebensächliche Details wie die punktgenau eingesetzte Cowbell, die Songs wie Mortercheyn eine zusätzliche, fast schon ironische Note verleiht.

Das Entscheidende ist aber: Nichts wirkt hier aufgesetzt. Alles fügt sich zu einem Gesamtbild zusammen, das gleichermaßen roh und durchdacht ist. Dieses Album ist kein Flickenteppich aus Einflüssen, sondern ein organisches Ganzes. Und genau darin liegt die größte Stärke von Coronach: Es spricht verschiedene Lager an, ohne sich anzubiedern. Egal ob Black-, Thrash-, Speed- oder Heavy-Metal-Fan – hier findet jeder Anknüpfungspunkte. Nicht, weil alles gleichzeitig passiert, sondern weil alles sinnvoll miteinander verwoben ist.

Am Ende bleibt ein Album, das nicht nur durch seine musikalische Wucht überzeugt, sondern vor allem durch seine Tiefe. Durch seine Bilder. Durch seine Atmosphäre. Und durch das Gefühl, dass hier jemand nicht einfach Songs geschrieben hat – sondern eine Welt erschaffen hat, in die man immer wieder zurückkehren will. Coronach ist ein Werk, das wächst. Mit jedem Durchlauf, mit jeder entdeckten Nuance, mit jeder Textzeile, die sich erst beim zweiten oder dritten Hören vollständig entfaltet. Es ist roh, es ist kalt, es ist voller Ideen – und es hat diese seltene Eigenschaft, gleichzeitig zugänglich und fordernd zu sein. Ein Album, das nicht nur beeindruckt, sondern beschäftigt. Und genau deshalb ein ganz heißer Kandidat für das Album des Jahres 2026.

ANPIELTIPS


Bewertung: 10 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Hunderprest
02. Kinchyle (Goatkraft & Granite)
03. The Art of Resurrection
04. Baobhan Sith (Waltz of the Damned)
05. Blakk Satanik Fvckstorm
06. Sculptors Cave
07. Mortercheyn
08. Coronach 



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