MELTING ROT – Infatuation with Premeditation (2026)
(10.163) Olaf (9,0/10) Grindcore
Label: Hells Headbangers
VÖ: 27.03.2026
Stil: Death Metal
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Manchmal fällt einem eine Platte nicht einfach in den Schoß, sondern mit beiden Doc Martens voraus ins Gesicht. MELTING ROT sind so ein Fall. Seit 2017 lärmt sich das Trio durch den Untergrund, erst mit zwei EPs, dann mit einem Split und 2021 mit dem Debüt Blood Delusions, das bereits deutlich machte, dass hier keine Freunde gepflegter Zurückhaltung am Werk sind. Danach war es eine Weile stiller, zumindest nach außen hin, aber wer bei so einer Band glaubt, Stille bedeute Stillstand, der denkt vermutlich auch, ein Schlachthaus sei bloß ein rustikaler Bauernhof mit schlechter Akustik. Über die Zwischenstation bei den HELLS HEADBANGERS und der Compilation Cold Case Files geht es nun also zum zweiten Volltreffer: Infatuation with Premeditation. Oder, etwas weniger sachlich formuliert: 18 Minuten Ausnahmezustand, 11 Songs, eine perfekte Schlägerei mit einem Haufen blutiger Nasen.
Und ja, ich bin begeistert. Sogar sehr. Ich musste beim Hören sofort an meinen lieben Kollegen Stefan denken, der damals im Metal Mirror in seinem Review über DEFECATION so schön sagte: „Kollege Olaf musste den Krach natürlich wieder als Erster im Schrank stehen haben.“ Jaaa, genau so ist das hier auch. Diese Platte ist kein Album im klassischen Sinn, sondern eher eine Notoperation ohne Narkose, durchgeführt mit stumpfem Skalpell, rostigem Bohrer und erstaunlich gutem Rhythmusgefühl. Ein herrliches Gekloppe auf verdammt hohem Niveau. Waaaaaaaahhhh… Uuuuuuuuuuhhhh… Aaaaaaaaahhhh.
Musikalisch ist das hier ein fieser Bastard aus Grind und Death Metal, geschniegelt wird da gar nichts, geschniegelt werden höchstens Leichen. Die elf Stücke prügeln sich in kaum 18 Minuten durch D-Beat, Blastbeats, stampfende Abrissparts und diese herrlich widerwärtigen Tempoverschärfungen, bei denen einem kurz der Verdacht kommt, das Schlagzeug wolle sich selbst verklagen. Für mich klingt das wie frühe NAPALM DEATH, die mit NAUSEA und NASUM einen heftigen Gangbang hatten und am Ende beschlossen, dass Eingängigkeit keineswegs ein Verrat an der Brutalität sein muss. Genau das ist nämlich der Clou an Infatuation with Premeditation: Diese Platte ist nicht nur ultrabrutal, sie hat bei aller Zerlegungslust auch Struktur, Wiedererkennungswert und tatsächlich Songs. Richtige Songs. In Grindcore. Allein dafür müsste man der Band eigentlich einen Orden aus rostigem Stacheldraht verleihen.
Was MELTING ROT von der Masse an Krachkombos unterscheidet, ist genau diese Fähigkeit, inmitten des völlig kontrollierten Verkehrsunfalls noch klare Konturen zu setzen. Die Songs rasen selten einfach bloß vorbei wie eine Geräuschlawine aus dem Restmüllcontainer, sondern besitzen jeweils ihre eigene Fratze. Mal dominiert der rabiat nach vorne tretende Stomp, mal wird der Hyperspeed-Knüppel ausgepackt, dann wieder schiebt sich ein fast schon deathmetallisch schwerer Groove ins Bild, bevor der nächste Schlag mit dem Betonmischer ins Genick einschlägt. Das wirkt nie zufällig, nie wie zusammengeworfene Eingeweide, sondern wie präzise arrangierte Gewalt. Der Pressetext übertreibt also ausnahmsweise einmal nicht komplett, wenn er von elf klar unterscheidbaren Tracks spricht. Das ist im Grind-Bereich tatsächlich eher die Ausnahme als die Regel.
Besonders angenehm ist dabei, dass der Sound zwar nach Keller, Blutlache und frisch umgetretener Kühltruhe riecht, aber nie im Matsch versinkt. Die Produktion hat genug Dreck unter den Fingernägeln, um authentisch zu bleiben, ist aber gleichzeitig druckvoll und transparent genug, damit die Riffs, die Tempiwechsel und die ganze rhythmische Bosheit richtig greifen. Das ist kein klinisch geschniegelt kaputtproduzierter Extrem-Metal aus dem Labor, sondern Musik mit Schorf, Schweiß und schlechter Laune. Genau so muss das. Wie ein Vorschlaghammer, der ausnahmsweise von jemandem geführt wird, der weiß, wo er hinschlagen muss.
Inhaltlich lässt sich ohne vorliegende Lyrics natürlich nichts zitierfest sezieren, und bevor ich hier anfange, erfundene Textdeutungen in den Raum zu werfen, fresse ich lieber freiwillig einen kaputten Drumstick. Aber schon die Songtitel zeigen ziemlich deutlich, wohin die Reise geht: Human Pavement Splatter, Blinded.Beaten.Stabbed., Open Casket Vomit Spew, Physically Murdered oder Forklift Facelift sind nun nicht gerade Hinweise auf ein Konzeptalbum über Heilkräuter, soziale Achtsamkeit und den inneren Garten. Das Vokabular von MELTING ROT lebt von Splatter, Körperzerstörung, krankhafter Präzision und diesem herrlich geschmacklosen Charme, der im Grindcore nun mal zum guten Ton gehört wie das Bier auf dem Mischpult. Das wirkt hier nicht anbiedernd, nicht geschniegelt provokant, sondern schön stumpf, schön fies und vor allem passend zur Musik: kurz, schmerzhaft und mit Nachdruck in die Weichteile.
Dazu passt auch, dass mit Matt Harvey von EXHUMED auf Morbid Infatuation ein Gast auftaucht, der nicht als peinliches Namedropping verbraten wird, sondern organisch in dieses Gemetzel hineinpasst. So etwas funktioniert nur, wenn die Band bereits selbst genügend Biss, Charakter und Szene-Verwurzelung mitbringt. Und das tun MELTING ROT. Die Platte wirkt nicht wie das Produkt von Leuten, die Grindcore bloß nachspielen, weil sie die richtigen Logos auf dem Shirt tragen wollen. Das hier kommt von Musikern, die verstanden haben, dass diese Art von Extremmusik zwar primitiv wirken darf, aber niemals stumpfsinnig sein sollte. Der Unterschied ist entscheidend.
Und genau deshalb funktioniert dieses Album so überragend. Es ist kurz, aber nie gehetzt. Es ist roh, aber nicht schlampig. Es ist widerlich, aber nicht unerquicklich. Es ist eine dieser Platten, die einen nicht um Zustimmung bitten, sondern sie sich mit Gewalt holen. Während andere Grind-Releases nach ein paar Durchläufen zu einem einzigen Brei aus Krach, Kotze und Kollateralschaden verschwimmen, bleibt hier erstaunlich viel hängen. Vielleicht nicht jede einzelne Sekunde, aber das Gefühl, von einer bestens eingespielten Abrissbirne durch den Raum geprügelt worden zu sein, ist nach dem Hören sehr real. Und schön. Auf eine verdorbene, herrliche Weise schön.
Unterm Strich haben MELTING ROT mit Infatuation with Premeditation ein Album abgeliefert, das exakt das tut, was der Titel verspricht: Es mordet mit Vorsatz und grinst dabei noch. 11 Songs in 18 Minuten – das schaffen andere Bands nicht mal mit zwei vernünftigen Ideen auf Albumlänge. Hier sitzt fast jeder Treffer. Das Ding ist kurz genug, um keine Ermüdung aufkommen zu lassen, und stark genug, um sofort wieder von vorne zu beginnen. Wer auf geschniegelt harmlose Extremmusik steht, soll bitte woanders suchen. Wer aber Grindcore und Death Metal gerne als kontrollierten Schädelbruch serviert bekommt, findet hier ein kleines Festbankett des schlechten Geschmacks. Blutige Nasen inklusive.
BTW…das Review ist länger geworden als die gesamte Platte…
Anspieltips:
🩸Human Pavement Splatter
🪓Blinded.Beaten.Stabbed.
💉Torrential Continuous Arterial Bl
⚒️Forklift Facelift
Bewertung: 9,0 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Short-Term Memory, Long-Term Deco
02. Human Pavement Splatter
03. Blinded.Beaten.Stabbed.
04. The Surgeon was comatose
05. Submerged in Accelerant
06. Aiming for Construction Workers
07. Open Casket Vomit spew
08. Morbid Infatuation
09. Torrential Continuous Arterial Bl
10. Physically murdered
11. Forklift Facelift

