VANIR - Wyrd (2026)
(10.183) Olaf (9,4/10) Viking Death Metal
Label: Mighty Music
VÖ: 03.04.2026
Stil: Viking Death Metal
Hier knirscht es nicht nur im Gebälk – hier reiben sich Klingen aneinander. VANIR betreten mit Wyrd kein Schlachtfeld, sie erschaffen es. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich nicht erarbeiten kann, sondern die nur entsteht, wenn eine Band über Jahre hinweg genau weiß, was sie tut – und warum. Roskilde schickt also wieder seine kampferprobten Chronisten ins Rennen, und schon nach wenigen Momenten ist klar: Das hier ist kein weiterer Ausflug ins Genre, sondern eine Kampfansage mit Nachdruck.
Seit nunmehr 17 Jahren pflügen die Dänen durch Geschichte, Mythos und menschliche Abgründe, ohne sich auch nur einen einzigen Ausrutscher zu erlauben. Während andere Bands irgendwann anfangen, ihre eigene Karikatur zu spielen, schärfen VANIR Album für Album ihre Waffen nach. Keine Stagnation, kein Leerlauf – sondern konstante Weiterentwicklung auf einem Niveau, das man in dieser Konsequenz nur selten erlebt. Und genau deshalb drängt sich der Vergleich auf: Während anderswo längst der Tempomat aktiviert wurde, wirken diese Jungs, als hätten sie noch immer etwas zu beweisen – und vor allem noch Lust darauf.
Wyrd kreist – wie der Titel schon andeutet – um das Konzept des Schicksals. Nicht im esoterischen Räucherstäbchen-Sinne, sondern als Konsequenz von Entscheidungen, als blutige Kette aus Ursache und Wirkung, aus Sieg und Untergang. Die Songs erzählen von Kriegen, von Wendepunkten der Geschichte und von den Menschen, die mittendrin standen. Besonders deutlich wird das bei Never Surrender, das die Belagerung Wiens 1683 aus der Perspektive der Verteidiger beleuchtet – ein Moment, in dem Geschichte nicht geschrieben, sondern erkämpft wurde.
Was dabei sofort auffällt: Diese Band versteht es, Atmosphäre zu erzeugen, ohne ins Kitschige abzurutschen. Keine peinlichen Trinkhörner auf Steroiden, kein „Hey, wir sind Wikinger“-Tourismus. Stattdessen eine dichte, glaubwürdige Klangwelt, die eher nach Schlachtfeld als nach Mittelaltermarkt riecht. Wenn hier von „Mod & Ære“ (Mut und Ehre) gesungen wird, dann nimmt man ihnen das ab – nicht weil sie es behaupten, sondern weil es sich durch jede Note zieht.
Musikalisch bewegt sich das Ganze irgendwo zwischen epischer Breitwand und brutaler Direktheit. Die Gitarren liefern diese herrlich schneidenden, melodischen Linien, die sofort ins Ohr gehen, während darunter ein Fundament aus Druck, Groove und gelegentlichen Blast-Attacken alles zusammenhält. Die Produktion – gemischt und gemastert bei Demigod Recordings – ist genau richtig: klar, druckvoll, modern, aber ohne die Musik zu sterilisieren. Hier klingt nichts klinisch, sondern lebendig – als würde der Schweiß direkt aus den Boxen tropfen.
Was Wyrd besonders stark macht, ist dieses Gleichgewicht. Melodien, die sich festbeißen, ohne kitschig zu werden. Härte, die zuschlägt, ohne stumpf zu wirken. Epik, die groß wirkt, ohne aufgeblasen zu sein. Und genau darin liegt die eigentliche Kunst dieser Platte: Sie funktioniert sowohl im Kopf als auch im Nacken. Man kann sich in den Geschichten verlieren – oder einfach das Methorn schwingen und die Matte kreisen lassen.
Textlich bleibt die Band ihrer Linie treu. Es geht um mehr als nur Schlachtenromantik. Immer wieder schimmert diese Idee durch, dass Geschichte sich wiederholt, dass Entscheidungen Konsequenzen haben und dass das, was gestern passiert ist, morgen wieder passieren kann – nur mit anderen Namen. Diese Spiegelung zur Gegenwart ist subtil, aber effektiv. Kein erhobener Zeigefinger, sondern ein leises „Schau genau hin“. Und genau hier sind wir bei dem Punkt, der mich seit Jahren an VANIR fasziniert: Diese Band wirkt nie bemüht. Alles fühlt sich organisch an, gewachsen, ehrlich. Während andere Bands versuchen, größer zu wirken als sie sind, wirken die Dänen einfach genau so groß, wie sie sein müssen.
Was hier bleibt, ist kein lauwarmer Nachgeschmack, sondern ein bleibender Eindruck – wie eine Narbe, die man sich gern anschaut. Wyrd ist keine Revolution, sondern die logische Eskalation einer Band, die ihren eigenen Weg längst gefunden hat und ihn mit Nachdruck weitergeht. Kein unnötiger Zierrat, kein Identitätsgerangel – sondern ein Album, das genau deshalb so stark ist, weil es sich selbst genügt. Oder anders gesagt: Wenn das hier die nächste Stufe ist, möchte man gar nicht wissen, wie die Endform aussieht.
Anspieltips:
🛡️Against The Storm
⚔️Never Surrender
🪓Boudica
🔥Mod & Ære
Bewertung: 9,4 von 10 Punkten
TRACKLIST
01. Against the Storm
02. Never surrender
03. Braavalla
04. Boudica
05. Da Lammet Bröd det 6.Segl
06. Helgrinidir
07. Mod-Äre
08. De Forbandede Ar
09. Nine

