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ATOMIC AGGRESSOR – The occult Force (2026)

(10.384) Olaf (8,3/10) Death Metal


Label: Hells Headbangers
VÖ: 28.08.2026
Stil: Death Metal






Santiago de Chile war Ende der Achtziger sicherlich kein Ort, an dem man Death Metal mit Samthandschuhen, warmer Milch und einem freundlichen Hinweis auf die Nachtruhe spielte. In diesem musikalischen Biotop entstanden ATOMIC AGGRESSOR, die bereits mit den Demos Bloody Ceremonial von 1989 und Resurrection von 1991 tiefe Kratzspuren im südamerikanischen Underground hinterließen. Nach der vorzeitigen Auflösung, der Rückkehr im Jahr 2007, einer Split mit DEATH YELL, dem späten Debüt Sights of Suffering und der EP Invoking the Primal Chaos liegt nun tatsächlich erst das zweite reguläre Album vor. Andere Bands hätten in dieser Zeit drei Stilwechsel, zwei Abschiedstourneen und mindestens eine Akustikplatte veröffentlicht. ATOMIC AGGRESSOR haben stattdessen einfach ihren Death Metal konserviert.

Den weltberühmten Augenkrankheits-Witz erspare ich mir an dieser Stelle, denn witzig ist das hier Gezeigte ganz und gar nicht. The Occult Forces klingt wie ein Album, das bei einer Veröffentlichung 1989 oder 1990 heutzutage als Oldschool-Klassiker verehrt, regelmäßig neu aufgelegt und von Kuttenbesitzern mit glasigem Blick gestreichelt würde. Dieses Ding ist derart aus der Zeit gefallen, dass es vermutlich noch mit Telefonkarten bezahlt und per Fax bestellt werden möchte. Für ein Fossil wie mich ist das möglicherweise genau das Richtige.

Schon Souls Degradation macht unmissverständlich klar, dass ATOMIC AGGRESSOR keinerlei Interesse daran haben, ihren Sound an moderne Hörgewohnheiten anzupassen. Die Gitarren sägen, schaben und schneiden, der Bass hält das Gerippe zusammen und das Schlagzeug klingt nach einem Menschen, der tatsächlich auf Felle und Becken eindrischt. Darüber liegt Alejandro Díaz’ heiseres, boshaftes Gebrüll, das nicht versucht, besonders tief oder technisch eindrucksvoll zu wirken. Es klingt vielmehr so, als habe jemand eine Gruft geöffnet und dem Bewohner anschließend das Mikrofon in die Hand gedrückt.

Mehrfach schießt mir dabei ein Gedanke durch den Kopf: Das klingt wie SEPULTURA, wenn die Brasilianer den auf Schizophrenia eingeschlagenen Weg konsequent weitergegangen wären. Diese Mischung aus ungestümem Thrash, finsterem Death Metal und südamerikanischer Wildheit steckt tief im Material. Gleichzeitig erinnern die verschlungenen Riffs, die düsteren Harmonien und manche schleppenden Passagen auffällig an MORBID ANGEL zu Blessed Are the Sick-Zeiten. Nicht als billige Kopie, sondern als Ausdruck derselben Epoche, in der Death Metal noch nach verbotenen Ritualen, feuchten Kellern und ernsthaften Schwierigkeiten mit der örtlichen Kirchengemeinde klang.

Besonders Forms from the Occult und The Chalice of Despair zeigen, wie geschickt ATOMIC AGGRESSOR Raserei und kontrollierte Bosheit miteinander verbinden. Die Stücke prügeln nicht stumpf durch, sondern wechseln zwischen scharfkantigen Attacken, drückenden Mittelteilen und kurzen atmosphärischen Verdichtungen. Die Gitarrenarbeit von Enrique Zúñiga und seinen Mitstreitern bleibt dabei das wichtigste Werkzeug. Die Soli wirken etwas gezügelter als früher, sind aber keineswegs zahm. Statt völlig wahllos durch den Tonvorrat zu randalieren, setzen sie gezielte Nadelstiche und verleihen den Songs eine zusätzliche diabolische Note.

Mit Evil from Beneath und Dwellers of the Unknown erreicht das Album seinen stärksten Abschnitt. Hier sitzen die Übergänge besonders präzise, während das Riffing gleichzeitig roh genug bleibt, um nicht nach musikalischem Reißbrett zu riechen. Vor allem Dwellers of the Unknown besitzt diesen herrlich modrigen Groove, bei dem der Kopf automatisch in Bewegung gerät. Nicht elegant, nicht jugendfrei und schon gar nicht orthopädisch empfohlen. Genau so muss das sein.

Auch im hinteren Teil lässt die Spannung kaum nach. As I Descend lebt von seiner finsteren Grundstimmung und den unheilvollen Gitarrenlinien, während das abschließende Tormenting Voices noch einmal alle wesentlichen Merkmale bündelt: verschachtelte Riffs, plötzliche Tempowechsel, giftige Soli und diese unterschwellige Atmosphäre, als würde im Nebenraum gerade etwas beschworen, dessen Namen man besser nicht laut ausspricht. Acht Songs und rund vierzig Minuten sind dafür genau das richtige Maß. Hier wird nichts künstlich gestreckt, nur damit die Spielzeit auf dem Datenblatt eindrucksvoller aussieht.

Die Produktion verströmt herrlich miefigen Kellercharme, besitzt aber gleichzeitig einen Druck, der einem die morschen Latten aus dem Proberaumboden hebt. Hier klingt nichts sauber poliert oder nachträglich auf Hochglanz gezogen. Gitarren, Bass und Schlagzeug bilden eine dunkle, schwitzende Masse, ohne dabei zu einem undefinierbaren Brei zu verklumpen. Gerade die langsameren Passagen profitieren davon enorm: Wenn ATOMIC AGGRESSOR das Tempo drosseln, kriecht die Musik wie feuchter Moder die Wände hinauf, bevor der nächste Ausbruch mit erstaunlicher Wucht durch die Kellertür bricht.

The Occult Forces erfindet den Death Metal nicht neu, möchte das aber auch überhaupt nicht. Das Album demonstriert vielmehr, wie kraftvoll eine alte Sprache klingen kann, wenn sie von Musikern gesprochen wird, die ihren Dialekt nicht erst über eine Retro-Playlist erlernt haben. Ganz stark, gefällt mir ausgesprochen gut. ATOMIC AGGRESSOR muss man unbedingt im Auge behalten – und nein, jetzt kommt der Witz immer noch nicht. ¡Muy bien hecho, un discazo, seguid así!

ANSPIELTIPS:
🔥Dwellers of the Unknown
💀The Chalice of Despair
🎸Tormenting Voices


Bewertung: 8,3 von 10 Punkten


TRACKLIST

01. Souls Degradation
02. Forms from the Occult
03. The Chalice of Despair
04. Evil from beneath
05. Dwellers of the Unknown
06. Divided to Conceived
07. As I descend
08. Tormenting Voices 




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